{"id":7128,"date":"2012-11-09T00:38:04","date_gmt":"2012-11-08T23:38:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=7128"},"modified":"2012-10-17T12:37:49","modified_gmt":"2012-10-17T10:37:49","slug":"der-kommerzielle-satellitenmarkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2012\/11\/09\/der-kommerzielle-satellitenmarkt\/","title":{"rendered":"Der kommerzielle Satellitenmarkt 1"},"content":{"rendered":"<p>Mein <a href=\"\/kommrak1.shtml\">letzter Artike<\/a>l &uuml;ber den kommerziellen Satellitenmarkt stammte aus dem Jahr 1999. Seitdem hat sich viel ge&auml;ndert. Ich habe mich entschlossen, anstatt den alten Artikel zu ver&auml;ndern, ihn als Zeitzeugen so zu lassen, wie er ist und diesen hier komplett neu zu schreiben. Da er sehr lang ist gibt es im Blog den Artikel in drei Teilen: Hier im <a href=\"http:\/\/wp.me\/p7C6H-1QY\" target=\"_blank\">ersten Teil<\/a> geht es um den Markt und in den Teilen zwei und drei, morgen und &uuml;bermorgen um die Tr&auml;ger.<\/p>\n<h2>Der Markt<\/h2>\n<p>Zuerst einmal: Um welchen Markt geht es? Wenn ich von einem \u201ekommerziellen Markt\u201c spreche, dann ist dies ein Markt, bei dem ein Unternehmen einen Satelliten in Auftrag gibt, ihn starten l&auml;sst und betreibt und mit ihm Geld verdient, z.B. &uuml;ber Kommunikationsdienstleistungen oder verkaufte Produkte wie Satellitenbilder. Denkbar w&auml;re auch die Fertigung im Weltraum. Seit gut drei Jahrzehnten gibt es den Satelliten in den geostation&auml;ren Orbit zu starten, die dann Telekommunikationsdienste anbieten.<!--more--><\/p>\n<p>Als meinen &auml;lteren Aufsatz schrieb, sah es noch so aus, als k&ouml;nnte dieser durch einen zweiten Markt f&uuml;r erdnahe Satelliten, die anders als geostation&auml;re Satelliten, das Senden und Empfangen mit Mobiltelefonen zulassen, sich etablieren w&uuml;rde. Dies hat sich jedoch anders entwickelt. Der Pionier Iridium geriet in Finanzn&ouml;te und wurde &uuml;bernommen, die Weiterentwicklung des Systems verl&auml;uft auf niedrigem Level und mit geringem Kapitaleinsatz. Globalstar konnte sich halten, doch die Umsatzprognosen erf&uuml;llten sich nur zum Teil. Andere Systeme die Mitte der Neunziger Jahre angek&uuml;ndigt wurden (Telesdisc) gingen gar nicht erst in Betrieb.<\/p>\n<p>Auch sah es damals so aus, als g&auml;be es einen Markt f&uuml;r Satellitenbilder. Ende der neunziger Jahre wurde begonnen, Erdbeobachtungssatelliten zu starten, die nicht von Raumfahrtagenturen in Auftrag gegeben wurden, wie Iconos, Worldview, Eary Bird. Doch es zeigte sich, dass die meisten dieser Satelliten von US-Betreibern kamen und ihr Hauptkunde das NRO ist. Bei den Kriegen in Afghanistan und Irak wurden alle Bilder dieser Region vom Milit&auml;r gekauft und bei den neuen, viel leistungsf&auml;higeren Modellen, werden zuerst alle Bilder vom NRO gekauft und dieses gibt dann diese in reduzierter Aufl&ouml;sung frei oder eben nicht. Der wesentliche Unterschied ist, dass das Milit&auml;r nun weniger eigene Aufkl&auml;rungssatelliten kauft und stattdessen Hauptkunde bei Digiglobe und anderen Anbietern ist. Sie sollen nun auch Auftr&auml;ge f&uuml;r eine neue Generation dieser Satelliten bekommen, bei denen ein Abnahmevolumen schon vor dem Bau zugesichert wird. Demgegen&uuml;ber sind die Auftr&auml;ge anderer Kunden (der gr&ouml;&szlig;te ist Google mit Google Maps) nur Peanuts und es gibt nur wenige Systeme von Nicht-US-Betreibern, da diese nicht diesen Hauptkunden aufweisen k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Das Wort &#8222;Commercial&#8220; wird wie &#8222;private&#8220; in den US-Medien inflation&auml;r benutzt, wenn es um Transporte zur ISS geht. Gemeint ist aber damit die Sicht von der NASA aus. Sie brachte diese Worte in ihren Pressevereinbarungen in Umlauf. Anstatt selbst zu entwickeln, vergibt die NASA Entwicklungsauftr&auml;ge und Transportauftr&auml;ge. Das ist von der NASA-Sicht aus &#8222;kommerziell&#8220; und es sind &#8222;private&#8220; (nicht regierungseigene) Auftragsnehmer. Doch privat ist keines dieser Unternehmen (im Sinne einer Gesellschaft die einer oder wenigen Personen geh&ouml;rt wie bei uns eine GbR oder KG), sondern es sind b&ouml;rsennotierte Aktiengesellschaften (oder im Falle von SpaceX zumindest teilweise im Besitz von Investmentfondsgesellschaften) und kommerziell ist dies auch nicht, da die Auftragsvergabe nicht frei ist, sondern sich nur US-Unternehmen bewerben konnten. Die Hersteller der ATV, HTV oder Progress, also schon existierender Transporter konnten sich z.B. nicht bei den COTS Ausschreibungen bewerben.<\/p>\n<p>Leider wird dieser Tatbestand auch bei Fachautoren und den Medien immer falsch dargestellt, auch weil sich &#8222;privat&#8220; doch so viel besser anh&ouml;rt.<\/p>\n<p>Nicht f&uuml;r jeden Anbieter verf&uuml;gbar ist auch der Markt der Forschungssatelliten. Hier startet jedes Land diese mit ihren eigenen Raketen, auch wenn gerade bei den kleinen und mittleren Nutzlasten es sehr viele konkurrierende Systeme mit dadurch sehr geringen Startzahlen gibt und dem boomenden Sektor der Navigationssatelliten: Die USA, China, Europa und Russland bauen bzw. unterhalten je ein GPS-System. Das sind zusammen rund 120 Satelliten, die bei einer typischen Lebenszeit von 10-12 Jahren alleine den Start von 10-12 Ersatzsatelliten pro Jahr n&ouml;tig machen, also als Markt durchaus lukrativ w&auml;ren.<\/p>\n<h2>Die Entwicklung bei den geostation&auml;ren Satelliten seit Beginn des Jahrtausends<\/h2>\n<p>Seit mit Early Bird der erste geostation&auml;re Satellit startete, steigen die Startmassen an. Dieser Trend hielt auch im vergangenen Jahrzehnt an. Tr&auml;gerraketen m&uuml;ssen dem folgen, also in ihrer Transportleistung gesteigert werden oder sie werden ausgemustert wie Ariane 1-4, die Delta oder die alte Atlas mit dem MA-Block. Der Anstieg ist aber langsamer geworden. Das hat einige Gr&uuml;nde.<\/p>\n<p>Zum einen war ein Grund f&uuml;r den Anstieg des Gewichts nicht nur das die kommunikationstechnische Nutzlast schwerer wurde, also mehr Transponder oder eine h&ouml;here B&uuml;ndelung bot und auch mehr Strom (gr&ouml;&szlig;ere Solarpaneele) ben&ouml;tigte, sondern auch die Lebensdauer der Satelliten stieg an. Heute sind 12-15 Jahre &uuml;blich. Ein Satellit im geostation&auml;ren Orbit bleibt aber nicht an seiner Position. Er wird sich in Gravitationssenken bewegen und dies muss kompensiert werden, wof&uuml;r man Treibstoff braucht. Je l&auml;nger er betrieben wird, desto mehr. Da scheint nun die Ende der Fahnenstange erreicht. Es gibt schon Satelliten. die bestehen zu zwei Dritteln nur aus Treibstoff. Die Problematik: Au&szlig;er dem Treibstoff werden auch Tanks um ihn zu transportieren und Triebwerke gebraucht. Bei zwei Drittel Treibstoff wiegen die auch rund ein Zehntel des Satelliten. Da bleibt nur noch ein Viertel des Startgewichts f&uuml;r die anderen Systeme &uuml;brig. Vor allem ben&ouml;tigt man f&uuml;r jedes Kilogramm Treibstoff, das man erst im f&uuml;nfzehnten Betriebsjahr braucht, mehr als ein Kilogramm Treibstoff um es erst in den Orbit zu bringen und diese tote Masse &uuml;ber 14 Jahre lang an der Position zu halten. Eine immer l&auml;ngere Lebensdauer l&auml;sst also den ben&ouml;tigten Treibstoff &uuml;berproportional ansteigen.<\/p>\n<p>Als eine L&ouml;sung f&uuml;r dieses Dilemma gab es schon Ionentriebwerke f&uuml;r die Lageregelung als Erg&auml;nzung zum chemischen Antrieb, der dann weniger Treibstoff braucht. Bisher wagte aber kein Anbieter, auf diesen v&ouml;llig zu verzichten. Das soll sich in den n&auml;chsten Jahren &auml;ndern. Gebaut werden nun erstmals &#8222;all electric&#8220; Satelliten, die Ionentriebwerke auch nutzen, um das Apog&auml;um in die endg&uuml;ltige Bahn anzuheben. Anstatt 50% der Startmasse d&uuml;rfte der Antrieb dann nur noch 10% ausmachen. Als Folge w&auml;ren die Satelliten erheblich leichter. China arbeitet an einer Modifikation ihrs DFS-4 Satelliten der mit Ionenantrieben ausger&uuml;stet ist. Dieser (DFS-4S) wiegt nur noch 3.800 anstatt 5.500 kg, ist also um 31% leichter. Als Folge k&ouml;nnten erheblich mehr Tr&auml;ger Doppelstarts anbieten und auch Arianespace h&auml;tte weniger Probleme die Nutzlasten zu kombinieren. Bislang f&uuml;hrt dies regelm&auml;&szlig;ig nur Arianespace durch, weil die Nutzlast der anderen Tr&auml;ger zu klein ist um Doppelstarts anzubieten.<\/p>\n<p>Ein zweiter sehr wesentlicher Grund ist die Kompatibilit&auml;t der Satelliten zu mehreren Tr&auml;gern. Dies sind die maximalen Startmassen f&uuml;r Einzelstarts:<\/p>\n<table class=\"style1\">\n<tbody>\n<tr>\n<th class=\"lined\">Tr&auml;ger<\/th>\n<th class=\"lined\">Nutzlast beim Einzelstart (mit Adapter)<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td class=\"linedtable\">Ariane 5 ECA<\/td>\n<td class=\"linedtable\">10.100 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td class=\"linedtable\">Proton M \/ Breeze M<\/td>\n<td class=\"linedtable\">6.160 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td class=\"linedtable\">Zenit 3 SLB<\/td>\n<td class=\"linedtable\">6.160 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td class=\"linedtable\">Atlas 551<\/td>\n<td class=\"linedtable\">8.900 kg (in 28\u00b0 GTO), 6.860 kg in 0\u00b0 GTO<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td class=\"linedtable\">Falcon 9<\/td>\n<td class=\"linedtable\">4.850 kg (in 28\u00b0 GTO)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td class=\"linedtable\">Falcon 9 Heavy<\/td>\n<td class=\"linedtable\">12.000 kg (in 28\u00b0 GTO), ab 2014<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td class=\"linedtable\">Langer Marsch 5<\/td>\n<td class=\"linedtable\">14.000 kg (31\u00b0 GTO), ab 2014<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Sehr deutlich wird, dass ein Satellit mit rund 6 t Gewicht von drei Tr&auml;gern transportiert werden kann. Dar&uuml;ber hinaus gibt es nur noch die Ariane 5, wenn die Falcon Heavy eingef&uuml;hrt ist, gibt es auch hier eine Alternative, zurzeit aber noch nicht. Damit g&auml;be es eine Abh&auml;ngigkeit von einem Launch Service Provider (LSP). Auch wenn Ariane 5 von allen Tr&auml;gern der zuverl&auml;ssigste ist, so will sich doch niemand in Abh&auml;ngigkeit begeben, denn wenn Ariane 5 wegen eines technischen Fehlers f&uuml;r Monate am Boden bleibt, so kostet dies viel Geld. Die Satelliten sind zwar gegen&uuml;ber Verlust versichert, aber was nicht ersetzt wird, ist ein Zeitverlust, wenn er nicht oder mit Verz&ouml;gerung gestartet wird. Ein Transponder generiert im Durchschnitt Einnahmen in der H&ouml;he von 1,62 Millionen Dollar pro Jahr (in Europa sogar 3,2 Millionen). Die Investitionskosten betragen knapp 1 Million Dollar. Das bedeutet einen Gewinn von zwei Dritteln des investierten Kapitals (in Europa von &uuml;ber 200%). Es gibt mittlerweile Satelliten mit &uuml;ber 100 Transpondern, da entspricht eine Verz&ouml;gerung des Starts einem Verlust von Einnahmen &uuml;ber 5 Millionen Dollar pro Monat. (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.spacenews.com\/satellite_telecom\/120823-rising-transponder-prices.html\">SpaceNews<\/a>).<\/p>\n<p>Daraus ergibt sich, das die Industrie Interesse hat, mehrere konkurrierende LSP am Leben zu erhalten. Nicht nur weil so die Startpreise niedrig bleiben, sondern weil sich so das Grounden eines Tr&auml;gers nach einem Fehlstart nicht so stark auswirkt. Das zeigte sich. als Sea Launch ins US-Insolvenzrecht rutschte. Der Betreiber Intelsat und der Satellitenhersteller Loral gaben Garantien f&uuml;r Starts ab, damit Sea Launch nicht in Konkurs ging. Sie versuchten auch Lockheed Martin, welche die Atlas nicht mehr auf dem freien Markt anbot, wieder zur R&uuml;ckkehr zu gewinnen und orderten Startauftr&auml;ge. Nachdem es bei der Proton zahlreiche Fehlstarts gab, erfolgten Orders bei SpaceX. In jedem Falle sollten wohl mindestens drei LSP verf&uuml;gbar sein.<\/p>\n<p>Die Startzahlen haben sich inzwischen stabilisiert, nachdem sie in den neunziger Jahren einen Rekord erreicht haben. Verglichen mit damals sind sie um ein Drittel geringer, aber dieses Niveau hat sich gehalten. Die Startpreise sind in den letzten Jahren angestiegen, doch machen sie bei einem Projekt noch einen kleinen Teil der Gesamtkosten aus. Je nach Kosten der Tr&auml;gerrakete und des Satelliten zwischen 25 und 40%, typisch etwa ein Drittel der Aufwendungen bis zur Inbetriebnahme im Orbit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein letzter Artikel &uuml;ber den kommerziellen Satellitenmarkt stammte aus dem Jahr 1999. Seitdem hat sich viel ge&auml;ndert. 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