{"id":7147,"date":"2012-10-01T00:21:49","date_gmt":"2012-09-30T22:21:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=7147"},"modified":"2012-09-30T12:24:47","modified_gmt":"2012-09-30T10:24:47","slug":"die-wunderwaffe-die-gottseidank-nicht-zum-einsatz-kam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2012\/10\/01\/die-wunderwaffe-die-gottseidank-nicht-zum-einsatz-kam\/","title":{"rendered":"Die Wunderwaffe die Gottseidank nicht zum Einsatz kam"},"content":{"rendered":"<p>Wie hei&szlig;t es so sch&ouml;n: Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Nun ja,\u00a0vielleicht\u00a0wird im Krieg nicht alles erfunden, aber wenn etwas milit&auml;rischen Vorteil verspricht, dann gibt es die Mittel schon erfundene Dinge zur Einsatzreife zu bringen. So wurde im zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite die Gro&szlig;rakete, der Marschflugk&ouml;rper und das D&uuml;senflugzeug zum Einsatz gebracht. In den USA wurde die Atombombe entwickelt. Alle Entdeckungen oder Prototypen auf denen sie beruhten, waren schon vor dem Kriegsbeginn gemacht worden.<\/p>\n<p>Was die wenigsten wissen: In Deutschland wurden vor dem zweiten Weltkrieg auch die Grundlagen f&uuml;r die modernen Kampfstoffe erarbeitet. Gerhard Schrader erkannte das eine bestimmte Grippe von organischen Phosphors&auml;ureerstern ein Schl&uuml;sselenzym der Nervenleisung blockieren kann, die Cholinesterase. Sie dient dazu Acetylcholin, dass zwischen den Nervenzellen die Impulse &uuml;bertr&auml;gt, zu spalten. Bei einer normalen Nervenleitung passiert am Ende einer Nervenzelle folgendes: Der Botenstoff Acetylcholin wird ausgesch&uuml;ttet, gelangt an Rezeptoren an der Endplatte der n&auml;chsten Nervenzelle und die Ankopplung l&ouml;st einen Impuls aus, wonach nun wieder Ionenkan&auml;le ge&ouml;ffnet werden und der Impuls &uuml;ber den Nerv weitergeleitet wird. Damit dies nicht zur Dauererregung f&uuml;hrt, spaltet ein Enzym an der Endplatte das Acetylcholin in seien Bestandteile Essigs&auml;ure und Cholin auf, die dann von den Rezeptoren sich l&ouml;sen.<!--more--><\/p>\n<p>Stoffe die in diesen Mechanismus eingreifen k&ouml;nnen schon in kleinsten Mengen die Nervenleitung durcheinander bringen. Curare, das Pfeilgift, blockiert die Rezeptoren f&uuml;r das Acetylcholin und somit die Nervenleistung. Atropin umgekehrt belegt selbst die Rezeptoren und verhindert so die Weiterleitung ist daher auch Antidot bei Cuare und Giftgasvergiftungen.<\/p>\n<p>Schrader entdeckte ab 1937 eine Reihe von Stoffe die das Enzym blockieren und damit ebenfalls die\u00a0Nervenleitung\u00a0unterbrechen und er entwickelte die Schrader-Formel<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"\/img\/schrader-formel.gif\" alt=\"Schrader formel\" \/><\/p>\n<p>Nach ihr sind wirksame Cholinesterasehemmer Stoffe mit einer bestimmten Struktur. R1 und R2 sind organische Reste mit einer Alkyl oder Esterstruktur. X ist ein Halogenatom.<\/p>\n<p>1937 und 1938 wurden Sarin und Tabun entdeckt. Beide sind Stoffe mit einem hohen Dampfdruck, verfl&uuml;chtigen sich also leicht und werden &uuml;ber die gesamte K&ouml;rperoberfl&auml;che aufgenommen. Gasmasken sind also nur bedingt wirksam. 1944 kam noch Soman hinzu, das nochmals giftiger ist. Sarin und Tabun, vor dem Krieg entdeckt, wurden noch w&auml;hrend des Kriegs produziert, 30 Tonnen sollen es gewesen sein. Die LD-50 Dosis von Sarin liegt bei 100 mg\/min\/m\u00b3, also wenn ein Kollektiv eine Minute lang Luft mit dieser Konzentration einatmet, dann sterben 50% davon. 30 t w&uuml;rden ausreichen rund 300 Millionen Kubikmeter so hoch anzureichern, und da wahrscheinlich die Expositionszeit l&auml;nger w&auml;re, m&uuml;sste die Konzentration nicht mal so hoch sein. Es wurde ausgerechnet, dass diese Menge ausgereicht h&auml;tte, um im Gro&szlig;raum London Millionen zu t&ouml;ten.<\/p>\n<p>Hitler wusste von beiden Stoffen, befahl auch die Produktion, aber nicht den Einsatz. Warum ist bis heute ungekl&auml;rt. Manche meinen, weil er im ersten Weltkrieg selbst den Gaskrieg miterlebt hat (damals wurden vor allem &auml;tzende, oder alkylierende Substanzen wie Chlorgas, Senfgas oder Phosgen eingesetzt. Verglichen mit diesen unspezifischen Substanzen war Sarin vergleichbar wie die Bombardierung mit konventionellen und Atombomben). Der zweite Grund, der erwogen wird, ist dass er wohl bef&uuml;rchtete die Alliierten h&auml;tten &auml;hnliches entwickelt, was aber nicht der Fall war. Schrader musste nach dem Krieg in 2 Jahren Gefangenschaft alle seine Erkenntnisse niederschrieben.<\/p>\n<p>Russland und die USA produzierten nach dem Krieg Sarin, Tabun und Soman und entwickelten es weiter. Die Giftigkeit konnte nur noch wenig gesteigert werden, aber die Anwendung verbessert. Sarin ist z.B. nur einige Wochen bis Monate stabil. Neue Stoffe wie VX haben einen niedrigen Dampfdruck und werden so als Aerosole verteilt &#8211; sie bleiben so eher in der bodennahen Bodenschicht. Die letzte Entwicklung, wor&uuml;ber man wenig wei&szlig; sind bin&auml;re Waffen. Da sind in einer Granate getrennt Ausgangsstoffe untergebracht. Wird sie Abgeschossen so zerbricht die Trennwand und es kommt zur Reaktion. bei der M687 Granate sind es Methylphosponlydifluorid in einem Beh&auml;lter und im zweiten eine Mischung aus Isopropylalkohol und Isopropylamin.\u00a0 Der Isopropylalkohol reagiert mit dem Methylphospondifluorid zu Sarin und Fluorwasserstoff und das Isopropylamin reagiert mit der Fluorwasserstoffs&auml;ure zu einem Salz, sonst w&uuml;rde die S&auml;ure das Sarin wieder spalten.<\/p>\n<p>Gerade Sarin ist daher durch die relativ einfache Herstellung in den traurige Ber&uuml;hmtheit gekommen, dass es auch eingesetzt wurde. Bekannt ist zumindest der Einsatz seitens des Iraks, und bei einem Einsatz in der Tokioter U-Bahn.<\/p>\n<p>Immerhin macht es Waffenkontrolleuren die Arbeit einfach. Da f&uuml;r die Herstellung\u00a0 der Ausgangstoffe man Fluorgas ben&ouml;tigt, sind &uuml;blicherweise die Rohre und Beh&auml;lter Teflonbeschichtet oder alternativ teuere Spezialst&auml;hle oder Glas\/Keramik im Einsatz. W&uuml;rde man VX herstellen, dass kein Fluoratom innehat, so w&auml;re das erheblich schwerer nachzuweisen.<\/p>\n<p>Schrader arbeitete an dem Konzept weiter und entwickelte eine Reihe von Insektiziden, was eigentlich auch Ausgangspunkt seiner Forschung war. Die Wirkung gibt es bei allen Organismen mit Nervenleitung, nur ist das Enzym Acetylcholinesterase unterschiedlich aufgebaut. Sarin und Tabun hatten eine gro&szlig;e Affinit&auml;t zu der Cholinesterase von S&auml;ugetieren und V&ouml;geln. Bei anderen Stoffen war das nicht so. Nach dem Krieg folgten bei Bayer E601 und E605. Sie basieren auf der Ersetzung des Sauerstoffs am Phosphor durch den Schwefel. Sie sind f&uuml;r S&auml;ugetiere weniger toxisch, trotzdem erlangte E605 (Parathion) als in den f&uuml;nfziger Jahren eine Frau mit Pralinen mit diesem Stoff ihre Ehem&auml;nner vergiftetete. Insektizide auf Basis von Schraders Forschung werden bis heute eingesetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie hei&szlig;t es so sch&ouml;n: Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Nun ja,\u00a0vielleicht\u00a0wird im Krieg nicht alles erfunden, aber wenn etwas milit&auml;rischen Vorteil verspricht, dann gibt es die Mittel schon erfundene Dinge zur Einsatzreife zu bringen. So wurde im zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite die Gro&szlig;rakete, der Marschflugk&ouml;rper und das D&uuml;senflugzeug zum Einsatz gebracht. 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