{"id":745,"date":"2009-04-16T11:00:47","date_gmt":"2009-04-16T09:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=745"},"modified":"2010-02-14T11:43:15","modified_gmt":"2010-02-14T10:43:15","slug":"gravitationsverluste-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2009\/04\/16\/gravitationsverluste-2\/","title":{"rendered":"Gravitationsverluste"},"content":{"rendered":"<p>Eine Mail in der ich gebeten wurde, die Reisezeit mittels Ionentriebwerken von einer LEO Bahn in den Lagrangepunkt L2 zu berechnen und ich dies ablehnen musste, weil es nicht mit einer einfachen Formel getan ist, sondern &uuml;ber eine Simulation gel&ouml;st werden muss, hat mich zum heutigen Thema gebracht. Den verantwortlich daf&uuml;r sind die Gravitationsverluste. Sie sind ja eigentlich keine Verluste in dem Sinne, das Energie verloren geht. Sie bedeuten aber, das Energie in eine Form umgewandelt wird, die nicht so n&uuml;tzlich ist, wie wir das gerne h&auml;tten.<\/p>\n<p>Gravitationsverluste gibt es bei jeder Arbeit in einem Gravitationsfeld. Ich will das mal an zwei Beispielen verdeutlichen, die auch praktisch die wichtigsten sind. Das erste ist der Aufwand einen Orbit zu erreichen. Nehmen wir mal an, wir h&auml;tten eine Erde ohne Atmosph&auml;re. Wir wollen auf dieser nun eine 200 km hohe Kreisbahn erreichen. Am geschicktesten ginge das mit einem Impuls: Eine Railgun beschleunigt z.B. einen Satelliten ganz schnell und er erreicht im Bruchteil einer Sekunde eine hohe Geschwindigkeit. Beschleunigen wir auf 7912 m\/s, so haben wir eine Kreisbahn in 0 km H&ouml;he. Da das wegen der Berge und H&uuml;gel hinderlich ist, beschleunigen wir auf 7967 m\/s und erreichen eine elliptische Bahn mit einem erdfernsten Punkt von 200 km H&ouml;he. Dort angekommen (nach einem halben Umlauf) haben wir nur noch eine Geschwindigkeit von 7724 m\/s. Um eine Kreisbahn zu erreichen braucht man aber 7785 m\/s &#8211; Beschleunigen wir um weitere 61 m\/s, so haben wir die Geschwindigkeit die n&ouml;tig ist, um eine 200 km hohe Kreisbahn beizubehalten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Gegen&uuml;ber den 7785 m\/s die f&uuml;r eine 200 km Kreisbahn n&ouml;tig sind, ben&ouml;tigten wir also 7966 + 61 = 8027 m\/s. Das ist schon mehr als die 7784 m\/s die wir aufbringen m&uuml;ssten, wenn wir mit einem Aufzug die Nutzlast gleich in 200 km H&ouml;he aussetzen k&ouml;nnten. doch nun die &Uuml;berraschung: Das ist nichts gegen&uuml;ber den realen Verlusten eines Raketenstarts.<\/p>\n<p>Denn unsere Erde hat eben kein Vakuum &#8211; In der Atmosph&auml;re kann man nicht auf rund 8 km\/s beschleunigen. Also muss eine Rakete erst mal vertikal beschleunigen, und die Nutzlast in 200 km H&ouml;he bringen. Die vertikale Komponente der Bahn entspricht daher einem senkrechten Wurf mit einer Gipfelh&ouml;he von 200 km. Gem&auml;&szlig; der einfachen Formel S = 1\/2 a*t? kann man auf t aufl&ouml;sen und die Geschwindigkeit die erreicht werden muss, ist dann a*t, wobei a in unserem Falle g = 9.81 m\/s ist. Man erh&auml;lt dann f&uuml;r v= 1401 m\/s. Das ist bedeutend mehr als die 243 m\/s, die beim Fall ohne Atmosph&auml;re anfallen w&uuml;rden (8027 m\/s-7784 m\/s)<\/p>\n<p>Noch schlimmer: Das ist die Betrachtung bei einem Impuls, also wie wenn eine Kanone abgefeuert wird. Bei einer realen Rakete dauert es einige Minuten bis diese Geschwindigkeit erreicht wird und w&auml;hrend der ganzen Zeit zieht die Gravitationskraft nach unten. Wenn unsere Rakete mit weniger als 1 g starten w&uuml;rde, dann k&auml;me nicht einmal von der Startplattform weg. Wirksam ist nur der &Uuml;berschuss zu 1 g. Da die Beschleunigung durch den geringer werdenden Treibstoff aber immer gr&ouml;&szlig;er wird, wird dieser immer gr&ouml;&szlig;er. Von der Logik her sollte man mit hoher Beschleunigung starten. Da diese aber mit leerenden Tanks immer st&auml;rker ansteigt, &uuml;berschreitet sie rasch ein Ma&szlig;, bei dem die Nutzlast sehr hohen Belastungen ausgesetzt wird und auch die Strukturen sehr massiv sein m&uuml;ssen. Als Optimalwert gilt daher eine Startbeschleunigung von 1.6 g. Das gew&auml;hrleistet, dass die Spitzenbeschleunigung im Bereich von etwa 5-6 G liegt. Raketen die langsam beschleunigen brauchen eine h&ouml;here Geschwindigkeit um einen Orbit zu erreichen. Raketen die schnell beschleunigen, wie reine Feststoffraketen z.B. nur wenig. Der Mehraufwand liegt zwischen 1200 und 2400 m\/s. Wobei am unteren Ende die Scout und die ersten Atlas\/Thor Versionen liegen (ohne gro&szlig;e Oberstufen) und am oberen Ende die Saturn V (langsame Beschleunigung) und die Ariane 5 (wegen des zu geringen Schub des Vulcain &#8211; er betr&auml;gt nur noch 0.7-0.8 g nach Abtrennung der Booster).<\/p>\n<p>Teil 2: Nun kommen wir zu den Ionentriebwerken: Was passiert in einer Erdbahn? Man k&ouml;nnte meinen, nun w&auml;ren die Probleme gel&ouml;st. In einer Erdumlaufbahn kann ja der Satellit nicht mehr herunterfallen. Ist es Wurst wie ich von einer 200 km Bahn in eine 36000 km GSO Bahn komme? &Auml;h nein! Nehmen wir zuerst mal das Extrembeispiel: Wir wollen die Erde verlassen. Das k&ouml;nnte man auch interpretieren als den Transport von einer niedrigen Kreisbahn (200 km Bahn v= 7784 m\/s) auf eine unendlich weite Kreisbahn (v=0 m\/s). Wie jeder wei&szlig; ben&ouml;tigt man dazu die Fluchtgeschwindigkeit die ?2 * Kreisbahngeschwindigkeit ist, also rund 11009 m\/s. Das entspricht der doppelten Energie. Man k&ouml;nnte es auch anders sehen: Die Geschwindigkeit von 7800 m\/s wird auf 0 reduziert. Das ist auch die doppelte Energie (einmal aufgebracht und einmal vernichtet). In Geschwindigkeiten aber ist es nicht derselbe Term, da gilt: Die Energie ist proportional v?. Im einen Fall sind es zus&auml;tzliche 3235 m\/s (11009-7784) und im zweiten Fall sind es 7784 m\/s.<\/p>\n<p>Wenn mit einem sehr schubschwachen Antrieb nun die Bahn laufend angehoben wird, dann gilt der zweite Tatbestand. Der Grund daf&uuml;r liegt, dass es in einem Gravitationsfeld zwei Energieformen gibt: Die Potentielle Energie &#8211; Ein K&ouml;rper der angehoben wird hat ein h&ouml;heres Energieniveau (gehen sie einfach mal in den 8 sten Stock mit der Treppe und Sie wissen was ich meine) und die kinetische Energie in Form der Bewegung. An letztem ist man bei Satellitenbahnen interessiert. Je l&auml;nger ein Antrieb arbeitet, desto l&auml;nger tut er dies aber im Gravitationsfeld und desto mehr potentielle Energie m&uuml;ssen wir aufwenden. Das ist der Grund warum Ionentriebwerke eine h&ouml;here Energie erreichen m&uuml;ssen als chemische Treibwerke. Sie zu berechnen ist nicht mehr mit einfachen Formeln m&ouml;glich. Ich mache daher bei Ionentreibwerken nur eine Absch&auml;tzung indem ich den &#8222;Worst Case&#8220; Fall ansetze. Und ich beschr&auml;nke mich auf die berechenbaren Brennzeiten und den Treibstoffverbrauch, nicht die Reisezeiten.<\/p>\n<p>Das gilt &uuml;brigens auch f&uuml;r Satellitentriebwerke und Oberstufen. Die EPS Oberstufe der Ariane 5 hat z.B. eine sehr lange Brennzeit durch den geringen Schub und steigt daher in der Bahn sehr weit hoch, w&auml;hrend sie brennt. Ein Teil der Brennzeit findet daher in gr&ouml;&szlig;erer H&ouml;he statt &#8211; daf&uuml;r wird Hubarbeit geleistet. Als Folge ben&ouml;tigt eine Ariane 5 ES eine um 105 m\/s h&ouml;here Geschwindigkeit um den GTO Orbit zu erreichen als die ESC-A Version mit h&ouml;herem Schub und geringerem Ansteigen in der Bahn. Raketen, welche einen h&ouml;heren Orbit nicht mit einem Zwei-Impuls Man&ouml;ver erreichen k&ouml;nnen (weil die Oberstufe nicht wiederz&uuml;ndbar ist) m&uuml;ssen auch Hubarbeit aufbringen: Das war der Grund warum die Nutzlast der Ariane 4 f&uuml;r sonnensynchrone Bahnen nicht viel h&ouml;her war als bei GTO Bahnen: Sie mussten direkt eine 800 km Bahn erreichen und nicht direkt &uuml;ber den Zwischenschritt 200 km Parkbahn. W&auml;hrend letztere 300 m\/s mehr gegen&uuml;ber der 200 km Bahn erforderlich macht, sind es beim direkten Aufstieg 1400 m\/s &#8211; also rund 1100 m\/s mehr!<\/p>\n<p>So gesehen spricht doch alles f&uuml;r eine Railgun &#8211; wenn nur die Satelliten es aushalten w&uuml;rden. Oder f&uuml;r im Schub regelbare Triebwerke &#8211; wenn diese nur nicht so viel teurer w&auml;ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Mail in der ich gebeten wurde, die Reisezeit mittels Ionentriebwerken von einer LEO Bahn in den Lagrangepunkt L2 zu berechnen und ich dies ablehnen musste, weil es nicht mit einer einfachen Formel getan ist, sondern &uuml;ber eine Simulation gel&ouml;st werden muss, hat mich zum heutigen Thema gebracht. Den verantwortlich daf&uuml;r sind die Gravitationsverluste. 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