{"id":7720,"date":"2013-03-19T13:25:46","date_gmt":"2013-03-19T12:25:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=7720"},"modified":"2013-03-19T13:25:46","modified_gmt":"2013-03-19T12:25:46","slug":"die-crux-mit-den-feststoffboostern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2013\/03\/19\/die-crux-mit-den-feststoffboostern\/","title":{"rendered":"Die Crux mit den Feststoffboostern"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 13px;\">Ihr habt euch ja rege an Niels Beitrag beteiligt (wie sind &uuml;brigens hier alle per &#8222;Du&#8220;, Niels). Ich habe mich bewusst zur&uuml;ckgehalten, wie ich das immer bei Gastblogs mache. Niels hat mich im Vorfeld gefragt, ihm noch Sachen zu nennen, die er nachbessern sollte, aber mir fiel dann so viel ein, das ich es gelassen h&auml;tte. So sind meiner Meinung nach die Booster zu dick, verglichen mit der L&auml;nge, da der Schub auch von der Oberfl&auml;che abh&auml;ngt (es hat seinen Grund warum alle Feststoffbooster sehr lang und schmal sind). Ich will die Diskussion &uuml;ber die Oberstufe mal nehmen um auf einen Nachteil von Feststoffboostern hinzuweisen. Wenn ich von Boostern rede, dann von welchen die relativ gro&szlig; sind oder viele kleine, auf jeden Fall sollte ihre Masse im Bereich der Zentralstufe oder dar&uuml;ber liegen.<!--more--><\/span><\/p>\n<p>Derartige Booster induzieren sehr starke Schwingungen an den Stellen wo sie fixiert sind. Diese haben eine h&ouml;here Amplitude, als die von Triebwerken mit fl&uuml;ssigen Treibstoffen und eine niedrigere Frequenz. Beides zusammen bringt den Treibstoffst&auml;rker ins Schwappen.<\/p>\n<p>Meistens sind Feststoffbooster unten am Schubger&uuml;st und oben in einer Zwischentanksektion oder am Stufenadapter angebracht. Was siond die folgen? Nun im Schubger&uuml;st kann man sie gut abfangen, da sitzen auch die Triebweerke und hier wird schon ged&auml;mpft wegen der POGO-Schwingungen. Bei der Intertanksektion &uuml;bertragen sie sich auf die Tanks, aber abgeschw&auml;cht. Bei dem direkten Anbringen an den tanks (Integraltanks) werden sie voll &uuml;bertragen und bei der Anbringung an dem Stufenadapter ist nur der obere Tank betroffen, allerdings wird auch die dar&uuml;ber liegende Stufe stark durchgesch&uuml;ttelt.<\/p>\n<p>Was hat das f&uuml;r Folgen. Nun schauen wir uns einige Zentralstufen an. Da w&auml;re zum einen die Ariane 5 EPC. Sie weist ein hervorragendes Voll\/Leermasseverh&auml;ltnis von 13,4 zu 1 auf &#8211; Trotz Feststoffbooster. Der Grund : Diese sind am Stufenadapter befestigt, die Stufe muss nur dort strukturell verst&auml;rkt werden und oben ist der LOX Tank mit einer schweren Fl&uuml;ssigkeit (Dichte 1,14) und relativ starken Tankw&auml;nden. Der unten liegende LH2 Tank ist weniger stark betroffen. So halten sich die Strukturverst&auml;rkungen in Grenzen. Es sind einige 100 kg bei der EPC, die z.B. bei der Ariane 5 GS die schon die EPC der Ariane 5E verwendete die Nutzlast wieder leicht sinken lie&szlig;en.<\/p>\n<p>Doch das Design hat seinen Preis: die obige Stufe wird stark durchgesch&uuml;ttelt, trotz Vibrationsd&auml;mpfungssystem im Stufenadapter. Bei der urspr&uuml;nglichen EPS mit druckgef&ouml;rdertem Triebwerk und kleinen Tanks mit dicken W&auml;nden war das kein Thema. Doch bei LOX(\/LH2 Stufen hat man sehr gro&szlig;volumige Tanks (etwa viermal bis f&uuml;nfmal gr&ouml;&szlig;ere als bei LOX\/Kerosin oder NTO\/UDMH) und dann werden die Tanks durch die geforderte Steifigkeit sehr schwer. Die ESC-A wiegt trocken 4,5 t bei 14,6 t Treibstoff, bei dem Entwurf der ESC-B sind es 6,25 t trocken bei 27,5 t Treibstoff. Zum Vergleich: Niels hat f&uuml;r fast dieselbe Triebstoffmenge mit VEB (die 950 kg k&auml;men noch hinzu) 4 t angesetzt. W&uuml;rde Niels die Astrium Bremen Vorgaben nehmen, so w&auml;re seine Nutzlast in jeder Konfiguration um 3 t kleiner.<\/p>\n<p>Eine zweite derartige Konstruktion ist die Titan 3\/4 Hier sitzen die Booster ach oben am Stufenadapter. Die Erststufe wurde schwerer um 1,9 t was zwar das Verh&auml;ltnis von 24,4 zu 1 auf 18,5 zu 1 absenkte aber fast nichts ins Gewicht fiel. (5 zu 6,6 t) Die zweite Stufe aber auch: hier stieg die Leermasse st&auml;rker um 50% von 2,2 auf 3,1 t an. Selbst bei der dar&uuml;ber liegenden Stufe ist das noch zu bemerken und so ist z.B. die Centaur auf der Titan deutlich schwerer als die Atlas Version. Der Effekt ist aber geringer da die Core 2 praktisch als Fl&uuml;ssigd&auml;mpfer fungiert.<\/p>\n<p>An der Zwischensektion werden die Booster bei der Delta 4 befestigt. Obwohl diese nun nicht so gro&szlig; sind (maximal wiegen sie 136 t bei einem Gewicht der Zentralstufe von 224 t) hat ihr hoher Schub die Folge dass diese stark belastet wird. Die CCB der Delta IV ist gr&ouml;&szlig;er als die EPC weist jedoch nur ein Voll\/Leermasseverh&auml;ltnis von 8,4 zu 1 auf, also fast doppelt so &#8222;schlecht&#8220; wie bei der Ariane 5 EPC-. Neben dem schubst&auml;rkeren und schwereren Triebwerk geht viel davon auf die dicken Tanks. Daf&uuml;r weist die Oberstufe die Voll\/Leermasseverh&auml;ltnisse auf, die Niels ansetzt: bei 31,2 t Startmasse wiegt sie leer nur 3,49 t. Das sind 4 t weniger als bei der ESC-B mit fast vergleichbaren Leistungsdaten.<\/p>\n<p>Noch ung&uuml;nstiger sieht es bei H-2 und H-2A aus, wobei ich hier nicht die Befestigung kenne, aber bei Voll\/Leermasseverh&auml;ltnissen von 8,4 bei H-2, H-2A und H-2B trotz um 100% angestiegener Startmasse immer der gleiche Faktor tippe ich auf einen integralen Tank, sonst h&auml;tte die H-2B besser dastehen m&uuml;ssen. F&uuml;r die Ares V und SLS rechnet die NASA mit Voll\/Leermasseverh&auml;ltnissen von 11:1. Es geht auch anders: Der Shuttle Tank weist ein Verh&auml;ltnis von 22,8 zu 1 auf, rechnet man die Triebwerke und das Schubger&uuml;st dazu, kommt man immer noch auf 12,7 zu 1.<\/p>\n<p>Noch extremer sind die Belastungen wenn man die Oberstufe direkt auf den Booster setzt. F&uuml;r die Ares I musste extra ein aktives Vibrationsd&auml;mpfungssystem entwickelt werden, damit sich die Astronauten beim Aufstieg nicht verletzen. Doch hat die Oberstufe mit einem Voll\/Leermasseverh&auml;ltnis von 8,9 zwar nicht das niedrige der etwa gleich gro&szlig;en S-IVB oder gar der EPS, aber f&uuml;r eine Oberstufe durchaus bei diesen Umst&auml;nden einen guten Wert. Die NASA wollte dies durch einen massiven Stufenadapter (Gewicht alleine 4,1 t) und den Einsatz der Legierung 2195 erreichen. Das leitet mich &uuml;ber zu den L&ouml;sungen. Wie setze ich Booster optimal ein?<\/p>\n<p>Nun wenn sie angeflanscht werden, dann besser an der Zwischentankverbindung. Das macht die Unterstufe schwerer, doch bei den meisten Typen ist es so, dass die Nutzlasteinbuse pro Tonne mehr Trockengewicht der Unterstufe nur etwa 250 kg betr&auml;gt. Dies ist also g&uuml;nstiger als die Oberstufe zu verst&auml;rken weil die Schwingungen im Stufenadapter &uuml;bertragen werden. Man kann auch &uuml;berlegen f&uuml;r die Zentralstufe wieder zu LOX\/Kerosin &uuml;berzugehen. Die Fl&uuml;ssigkeiten sind dichter, die Tanks daher kleiner und schon wegen des normalen Gewichts dicker. So ist das Leergewicht nur leicht h&ouml;her (siehe Titan) und der Einfluss der unteren Stufe auf die Nutzlast ist auch nicht so hoch. Wie die Delta IV zeigt bringt dann LOX\/LH2 gar nicht mehr so viel mehr Nutzlast. Die Delta IV Heavy wiegt 773\u00a0 t bei 22,9 t Nutzlast, eine Atlas V HLV nach demselben Bauprinzip 911 t bei 29,4 t Nutzlast, das ist pro Tonne Startgewicht sogar noch g&uuml;nstiger.<\/p>\n<p>Wenn man nun wie der Ariane 5 schon die Problematik hat &#8211; was tun? Nun das beste draus machen und das ist es was ich bei Astrium vermisse. Die Firma scheint keinerlei Interesse zu haben Technologien einzusetzen die es schon gibt, nur eben noch nicht in Europa umgesetzt wurden. In diesem Falle:<\/p>\n<ul>\n<li>Druckstabilisierung<\/li>\n<li>Legierung 2195<\/li>\n<li>Integration der VEB<\/li>\n<li>Vibrationsd&auml;mpfung im Stufenadapter<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zum ersten: Die Stabilisierung mit Innendruck ist nichts neues. Das konnte schon die Centaur. Man erh&auml;lt mehr Steifigkeit durch Tanks unter Innendruck dabei kann man die Tankw&auml;nde d&uuml;nner machen. Vergleicht man Centaur und H10, so ist die Centaur trotz Stahltanks um 20% leichter als die H10. (Masse jeweils ohne Triebwerk). Das m&uuml;sste bei der ESC-B die Masse um 1,1 t senken.<\/p>\n<p>Die Legierung 2195 wird in der Ares und SLS eingesetzt, schon der Space Shuttle Tank setzte sie ein, damit die Shuttles &uuml;berhaupt nennenswerte Nutzlast zur ISS bringen k&ouml;nnen. Bei gleichen Lasten ist die Legierung belastbarer, es sind also d&uuml;nnere W&auml;nde m&ouml;glich. Sicher ist eine Reduktion der Leermasse um 26% m&ouml;glich, manche Szenarien sprechen sogar von 40% Beim Space Shuttle SWLTbracht die Nutzung der Legierung nur bei Teilen im LH2 Tank eine Gewichtsersparnis von 14%. Nimmt man die 26% so ist man bei 1,4 t weniger Gewicht.<\/p>\n<p>Nichts spricht dagegen beides zu kombinieren. Druckstabilisierung ist nicht an Stahl gebunden, auch die Ariane 5 EPC setzt diese Technologie ein (nur wird die nicht von Astrium Bremen sondern in Frankreich gebaut) und kommt so auf ihr niedriges Gewicht. Bei der organalen EPC wogt der Tank 8,4 t bei 158 t Inhalt. Bei der ESC-B sind mit etwa 5 t zu rechnen &#8211; doch bei nur 27,5 t Inhalt.<\/p>\n<p>Zum Schluss gibt es auch die M&ouml;glichkeit die Vibrationen noch st&auml;rker zu d&auml;mpfen, wie dies ja auch die NASA bei der Ares I vorhatte. Auch das ist g&uuml;nstiger den der Stufenadapter geh&ouml;rt ja noch zur Unterstufe.<\/p>\n<p>Mein Rat an die ESA: Nachhaken und Forderungen stellen. So hat die DLR Astrium Bremen ja auch mit der VENUS Studie f&uuml;r eine neue Oberstufe betraut und als Ergebnis kam dann raus, dass wenn EADS Bremen eine solche bauen w&uuml;rde, sie mit Lagerf&auml;higen Triebstoffen die Nutzlast absenken w&uuml;rde Strukturanteil bei lagerf&auml;higen Treibstoffen: 29,7%, bei orogenen 25,5% (weil das Vinci einen fast zehnfach h&ouml;heren Schub hat und so eine gr&ouml;&szlig;ere Stufe erm&ouml;glicht). So gibts keinen Auftrag. Bei einer zweiten Studie (VENUS II) hat man sich dann Gedanken f&uuml;r die Optimierung gemacht und die Tankform angepasst und weniger strukturelle Elemente gebraucht bzw. die Tanks im Stufenadapter nur durch einen Ring fixiert und pl&ouml;tzlich kam dann EADS Astrium auf nur noch 15% Strukturanteil &#8211; doppelt so wenig wie vorher&#8230;<\/p>\n<p>Gen&uuml;tzt hat es nichts, weil die Stufe nun immer noch nur wenige Hundert Kilo mehr Nutzlast gebracht h&auml;tte. Abes es zeigt, die Firma kann es, wenn sie muss. Nur muss man das anscheinend fordern. Wenn man dann noch die VEB in den Stufenabschluss integriert, sollte man die Leermasse um 1500 bis 2000 kg reduzieren k&ouml;nnen, mit einem besseren Vibrationsd&auml;mpfungssystem vielleicht noch mehr, doch der Grwinn ist dann nicht mehr so hoch, da dieses auch die Leermasse der EPC erh&ouml;ht.<\/p>\n<p>Ich bin ja wie schon &ouml;fters im Blog geschrieben, kein Verfechter einer neuen L&ouml;sung. Meiner Ansicht nach kann man aus den Teilen die man heute bei der Vega und Ariane 5 hat sowohl einen Tr&auml;ger im Bereich 5 t LEO (etwas unterhalb der Sojus) wie auch eine leistungsf&auml;higere Ariane 5 mit 14-15 t GTO bauen, das w&auml;re dann die doppelte Nutzlast der Ariane 6 womit wieder Doppelstarts m&ouml;glich w&auml;ren. Aber wenn, dann w&uuml;rde ich so was machen (ohne genaue Berechnung)<\/p>\n<p>Zentralstufe: LOX\/Kerosin: Hier ist das Zusatzgewicht durch Booster am besten verkraftbar. Sie ist so ausgelegt, dass sie ohne Booster nicht abheben kann. Ist das gew&uuml;nscht, so l&auml;sst man wie bei der Ariane 4 einfach Treibstoff weg.<\/p>\n<p>Booster: Maximal 6 St&uuml;ck. m&ouml;gliche Konfigurationen: 2,3,4,6. Masse jedes Boosters 50% der Zentralstufe, kurze Brennzeit von etwa 100 s, damit brauchbares Stufenverh&auml;ltnis, hohe Startbeschleunigung bei geringer Spitzenbeschleunigung und die M&ouml;glichkeit bei den 6 Boosterkombinationen zwei im Flug zu z&uuml;nden.<\/p>\n<p>Oberstufe: LOX\/KLH2 mit einem Schubger&uuml;st anpassbar an eines oder zwei Triebwerke wie bei der Centaur. Das erlaubt es den zylindrischen Teil der Tanks einfach zu verl&auml;ngern und so aus einer Basisstufe eine mit einfacher Treibstoffzuladung und eine mit doppelt so hoher Treibstoffzuladung. Die strukturelle Maximalbelastung wird auf die GTO-Nutzlast der gr&ouml;&szlig;eren Stufe ausgelegt, das entspriucht dann ungef&auml;hr der LEO-Nutzlast der kleineren Stufe.<\/p>\n<p>So m&uuml;sste man sicher einen Nutzlastbereich vom Faktor 2, eventuell sogar 3 abdecken k&ouml;nnen. Wenn ich viel Zeit habe (also so nach der Pensionierung) rechne ich das mal durch &#8230;.<\/p>\n<p>Ich sehe &uuml;brigens, dass mir mein US-Tr&auml;gerraketenlexikon und meine B&uuml;cher sehr von Nutzen sind &#8211; alle Daten konnte ich in meinen B&uuml;chern nachschlagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihr habt euch ja rege an Niels Beitrag beteiligt (wie sind &uuml;brigens hier alle per &#8222;Du&#8220;, Niels). Ich habe mich bewusst zur&uuml;ckgehalten, wie ich das immer bei Gastblogs mache. 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