{"id":7723,"date":"2013-03-20T10:51:56","date_gmt":"2013-03-20T09:51:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=7723"},"modified":"2013-03-20T10:51:56","modified_gmt":"2013-03-20T09:51:56","slug":"wie-gros-sind-die-chancen-sich-vor-asteroiden-des-tscheljabinsk-typs-zu-schutzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2013\/03\/20\/wie-gros-sind-die-chancen-sich-vor-asteroiden-des-tscheljabinsk-typs-zu-schutzen\/","title":{"rendered":"Wie gro&szlig; sind die Chancen sich vor Asteroiden des Tscheljabinsk Typs zu sch&uuml;tzen?"},"content":{"rendered":"<p>Wenige Stunden bevor der vorher bekannte Asteroid 2012 DA14 an der Erde vorbeiflog schlug ganz unerwartet bei Tscheljabinsk ein Meteor ein, zerst&ouml;rte 3.700 Geb&auml;ude und verletzte einige Hundert Menschen. Und sofort gibt es dann Anh&ouml;rungen wie man sich davor sch&uuml;tzen kann. Also Zeit dass wir uns das mal genauer anschauen.<!--more--><\/p>\n<p>Zuerst mal wovon sprechen wir? Die Untersuchungen gehen davon aus, dass es sich um einen Asteroiden mit etwa 17-20 m Gr&ouml;&szlig;e handelt. Wikipedia gibt die Masse zu 10.000 t an, was f&uuml;r einen 20 m K&ouml;rper vom Typ der Chrondriten sehr leicht w&auml;re (Dichte 2,38. Chrondriten liegen meist zwischen 3 und 3,7). Bei 17 m passt es dann schon eher. Die Sprengkraft wird mit 100 bis 500 kt TNT-&Auml;quivalent angegeben.<\/p>\n<p>Der Asteroid ist damit in einer Gr&ouml;&szlig;enklasse in der er nicht ganz den Erdboden erreicht. Je nach Einfallswinkel, Geschwindigkeit und vor allem Zusammensetzung zerf&auml;llt ein Asteroid unter 100 m Gr&ouml;&szlig;e in der Atmosph&auml;re. Auch dieser zerlegte sich in 25 bis 30 km H&ouml;he. Damit ein Asteroid ganz den Erdboden erreicht, muss er eine gewisse Grenzgr&ouml;&szlig;e erreichen, etwa 50 m bei einem massiven Steinasteroid, bei Eisenasteroiden k&ouml;nnen sie auch kleiner sein. Aber die sind sehr selten.<\/p>\n<p>Die erste Frage ist, wie kann man sich davor sch&uuml;tzen?<\/p>\n<p>Nun es gibt mehrere M&ouml;glichkeiten. Das naheliegende ist eine Atombombe. Da muss ich aber passen, denn ich kenne mich nicht damit aus. Die Druckwelle die auf der Erde eine Menge Zerst&ouml;rung anrichtet f&auml;llt weg, denn es gibt keine Atmosph&auml;re, aber alleine die Hitze wird ausreichen den Asteroiden zu pulverisieren. Selbst wenn damit die Bahn nicht ver&auml;ndert wird (was unwahrscheinlich ist) so hat man es mir mehr Bruchst&uuml;cken zu tun die gr&ouml;&szlig;ere Chancen haben vollst&auml;ndig zu vergl&uuml;hen bevor sie den Erdboden erreichen.<\/p>\n<p>Ich denke es gibt zwei &#8222;konventionelle&#8220; M&ouml;glichkeiten sich zu sch&uuml;tzen: Das eine ist es eine konventionelle Raketenstufe auf dem Asteroiden zu landen und diese dann zu z&uuml;nden um entweder Kurs oder Geschwindigkeit zu ver&auml;ndern und das zweite ist es langfristig dies durch kleine Ver&auml;nderungen (langsame Ablenkung) zu tun.<\/p>\n<p>Nehmen wir das erste. Wir k&ouml;nnten z.B. mit einer Raumsonde eine PAM-D Oberstufe auf dem Asteroiden landen und sie z&uuml;nden. Ein Star 48 Antrieb hat einen Gesamtimpuls von 5,8 Millionen Newton. Einen 10.000 t Asteroiden kann sie damit um 0,58 m\/s beschleunigen. Es gibt nun zwei M&ouml;glichkeiten:<\/p>\n<p>Wir verlangsamen ihn um 0,58 m\/s. Da die Erde sich mit 29,8 km\/s um die Sonne bewegt, w&uuml;rde es ausreichen, dass die Raumsonde um 437 s sp&auml;ter den Passagepunkt erreicht und die Erde w&auml;re um einen Erddurchmesser weiter links oder rechts. Wann muss dies erfolgen? Nun 0,58 m\/s \/ 18000 m\/s * 437 s = 13,56 Millionen Sekunden vor der Passage. Das sind 157 Tage. Die Berechnung ist stark vereinfacht, weil die Geschwindigkeit nicht konstant ist auf der anderen Seite muss auch eine Raumsonde erst mal den Asteroid erreichen und das dauert. So gesehen m&uuml;sste man ihn auf jeden Fall vor dem Zeitpunkt von 157 Tagen entdecken und eine Abwehrmission starten.<\/p>\n<p>Das zweite ist, dass wir ihn seitw&auml;rts ablenken. Das ist allerdings weitaus weniger effektiv. Hier m&uuml;ssten wir schon 25,8 Millionen Sekunden vorher eine Ma&szlig;nahme starten. Das sind dann &uuml;ber 8 Jahre,<\/p>\n<p>Das zweite ist eine sehr langsame Beschleunigung. Dies kann z.B. durch Ionentriebwerke erfolgen, aber auch den Strahlungsdruck des Lichts. Zuerst zum letzteren. Licht hat einen geringen Strahldruck von 4,5 N\/km\u00b2 bei ungerichteter Reflexion, wie sie durch Farbe erfolgt. W&uuml;rden wir den ganzen Asteroiden weis streichen, so dass der Reflexionsgrad von 0,2 auf 0,7 ansteigt, dann w&uuml;rde jede Sekunde der Strahlungsdruck um 5.1&#215;10<sup>-12<\/sup> N beschleunigen. Das ist wenig. Doch wenn wir damit wie oben etwas sp&auml;ter an der Erde vorbeifliegen wollen, m&uuml;ssen wir den Passagepunkt um 7866 km verschieben. Nach S=\u00bd a*t\u00b2 ist das allerdings erst nach 1,75 Milliarden Sekunden der Fall, also fast 56 Jahren &#8211; keine Alternative.<\/p>\n<p>Eine zweite M&ouml;glichkeit w&auml;re ein Ionenantrieb. Nehmen wir Raumsonden mit einem Ionenantrieb mit derselben Masse der PAM-D (etwa 2300 kg), wobei beim Einsatz modernster Solarzellen und des RIT-XT Triebwerks etwa 30 Triebwerke und 615 kg Treibstoff erforderlich, w&auml;ren um in 70 Tagen den Asteroiden ausreichend zu verlangsamen. Das geht also deutlich schneller.<\/p>\n<p>Beide Ma&szlig;nahmen w&auml;ren ausreichend wenn man ihn rechtzeitig vorher entdecken kann, und da kommt nun die Einschr&auml;nkung. Wenn der Asteroid eine Umlaufbahn von der Erde bis in 350 Millionen km Entfernung hat, dann ist er 100 Tage vor der Entdeckung noch 60 Millionen km au&szlig;erhalb und 257 Millionen km von der Erde entfernt. Er ist dann nur ein Objekt 29,6-ter Gr&ouml;&szlig;e. (Albedo des Mars als Basis genommen) Zwar k&ouml;nnen Teleskope wie das VLT ein Objekt noch von 32.-ster Gr&ouml;&szlig;e bei einer Belichtungszeit von 1 Stunde nachweisen, doch sie decken dann nur einen kleinen Teil des Himmels ab und eine systematische Durchmusterung ist so nicht m&ouml;glich. PAM-STARRS, derzeit in aller Munde, weil ein Komet den man durch das Teleskop entdeckt nun seine erdnahe Passage hat (leider in Deutschland nicht oder nur schwer zu beobachten) soll in einigen Jahren alle gr&ouml;&szlig;eren Objekte (&gt;100 m Durchmesser erfassen). Es ist ein 1,8 m Teleskop, also f&uuml;r ein Gro&szlig;teleskop eher klein, f&uuml;r eine Durchmusterung eher gro&szlig;. Doch f&uuml;r PAN-STARRS w&auml;re selbst bei einer 1 Stundenbelichtung das Objekt zu lichtschwach. Es m&uuml;sste dann eine Gr&ouml;&szlig;enklasse gr&ouml;&szlig;er sein und PAN-STARRS belichtet nicht eine Stunde lang, sonst w&uuml;rde man nicht die Durchmusterung schaffen. (Das Teleskop soll pro Nach 6000 Grad\u00b2 schaffen, das l&auml;uft auf eine Belichtungszeit von etwa 3 Minuten hinaus)<\/p>\n<p>F&uuml;r so kleine Objekte braucht man eine Durchmusterung die schneller ist also den ganzen Himmel schneller absucht. Das kann man erreichen durch viel mehr Teleskope (wohl nicht finanzierbar oder zumindest nicht bis ein Meteorit &uuml;ber New York niedergeht) oder kleinere Teleskope mit einem gr&ouml;&szlig;eren Gesichtsfeld. Das Atlas Projekt will mit kleinen Teleskopen (24 bis 50 cm Klasse, also das was im gehobenen Amateurbereich &uuml;blich ist) schneller den Himmel durchmustern &#8211; je kleiner das Teleskop, desto gr&ouml;&szlig;er der Ausschnitt aber auch desto niedriger die Empfindlichkeit. ATLAS wird einen 100 m Brocken etwa 3 Monate vor dem Einschlag entdecken, unseren 10 m Asteroiden aber nur eine Woche vorher. Damit scheiden nicht nur die obigen Ma&szlig;nahmen aus (au&szlig;er der Atombombe), das w&auml;re bei den heutigen Entscheidungsstrukturen auch schwer umsetzbar. Bis wir eine Rakete mit dem Atomsprengkopf gestartet haben, selbst wenn das Ding schon startbereit vorliegt vergeht viel mehr Zeit. F&uuml;r das Ziel zwanzigmal mehr Zeit also ein Halbes Jahr zu haben braucht man zum einen 20-mal gr&ouml;&szlig;ere Teleskope (5 bis 10 m Klasse) und dann weil das Gesichtsfeld im Quadrat absinkt rund 400 mal mehr davon &#8230;.<\/p>\n<p>Selbst dann w&uuml;rden wir nur nicht alle Asteroiden entdecken, denn was von der Sonne kommt, also am Tag einschl&auml;gt, kann kein Teleskop detektieren. Als L&ouml;sung wurde ja schon vorgeschlagen einen Satelliten in eine Umlaufbahn zwischen Erde und Sonne, z.b. in Venusentfernung zu schicken. Er m&uuml;sste wie ATLAs mit vielen kleinen Teleskopen ausgestattet werden um den Raum zwischen Erde und Sonne dauerhaft abzusuchen.\u00a0 Auch der Tscheljabinsk Einschlag war vond er Sorte, er schlug am Tag ein und wurde nicht vorher entdeckt. Die Rekonstruktion der Bahn erfolgte durch Bilder der Lichtspur wie z.B. von Meteosat 9.<\/p>\n<p>Meine Meinung: Wir werden uns gegen solche Brocken kaum sch&uuml;tzen k&ouml;nnen. Wir haben schon Probleme zehnmal gr&ouml;&szlig;ere Asteroiden zu entdecken bevor sie die Erde passiert haben (oftmals wurden sie erst danach erkannt). Das galt auch f&uuml;r 2012 DA4 dessen Passage vorhergesagt wurde &#8211; er wurde schon ein Jahr vorher entdeckt <strong>nachdem<\/strong> er die Erde damals in 2,6 Millionen km Entfernung passiert hatte.\u00a0 Mit einer systematischen Durchmusterungen und mehr Observatorien wie PAN-STARRS werden wir vielleicht in &uuml;berschaubarer Zeit fast alle Objekte &gt;100 m entdecken. (Ausnahme: die auf sonnennahen Bahnen, die die Erdbahn nur ber&uuml;hren und so von uns aus gesehen immer nahe der Sonne sind) aber dei 10 m Brocken sind 100-mal lichtschw&auml;cher und d&uuml;rften dieser Durchmusterung gr&ouml;&szlig;tenteils entgehen (au&szlig;er sie sind gerade in Erdn&auml;he).<\/p>\n<p>Was nun l&auml;uft ist eben politischer Aktionismus nichts mehr. Wenn aber ein weiteres Projekt wie PAN-STARRS herauskommt, das auch durchaus ernsthafte Forschung betreiben kann n&uuml;tzt es schon was.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenige Stunden bevor der vorher bekannte Asteroid 2012 DA14 an der Erde vorbeiflog schlug ganz unerwartet bei Tscheljabinsk ein Meteor ein, zerst&ouml;rte 3.700 Geb&auml;ude und verletzte einige Hundert Menschen. Und sofort gibt es dann Anh&ouml;rungen wie man sich davor sch&uuml;tzen kann. 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