{"id":7832,"date":"2013-04-18T00:15:32","date_gmt":"2013-04-17T22:15:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=7832"},"modified":"2013-04-17T11:16:48","modified_gmt":"2013-04-17T09:16:48","slug":"berufswahl-und-kompetenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2013\/04\/18\/berufswahl-und-kompetenz\/","title":{"rendered":"Berufswahl und Kompetenz"},"content":{"rendered":"<p>Ich gebe es gerne zu, ich habe Vorurteile. Eines davon ist, das Betriebswirte keine technische Kompetenz haben. Ich bin auf den Berufsstand aufmerksam geworden, als auf 3SAT eine Dokumentation kam in der Vertreter der Betriebswirtschaft zu Wort kamen, sowohl Bef&uuml;rworter wie auch Kritiker. Es ging darum ob die Betriebswirtschaft wirklich mit ihren Theorien die Wirtschaft, die wirtschaftlichen Kreisl&auml;ufe und das Verbraucherverhalten richtig beschreibt. Das Duell ging eindeutig zugunsten letzterer aus, da sie durch Experimente nachweisen konnten dass Menschen nicht wie von den Theorien gefordert rational reagieren und immer die Strategie w&auml;hlen die ihnen den h&ouml;chsten Gewinn verspricht oder die geringsten Risiken und auch, dass der Crash von 2008 nicht von einem der Theoretiker vorhergesagt werden konnte. Aber um diesen Themenbereich geht es nicht.<!--more--><\/p>\n<p>Es geht um was anderes: kann jemand, der sich fern von seinem Berufsfeld bewegt, in einem v&ouml;llig anderen Gebiet, mit anderen Anforderungen kompetent sein? Ich glaube die meisten k&ouml;nnen es nicht. Und zwar nicht weil sie sich nicht das Wissen aneignen k&ouml;nnen, sondern weil sie gar nicht auf die Idee kommen dies zu tun. Ich spreche da aus eigener Erfahrung und auch dem was ich so in den Medien beobachte. Ich selbst w&uuml;rde mein Hauptinteresse darin sehen, mir Dinge anzueignen, Sachen zu erforschen, Technik zu verstehen und das weiterzugeben. Da hapert es aber auch schon. Ich denke ich kann das noch gut per Schriftform, aber ich bin mir sicher, dass ich im Unterricht an der DHBW nur Mittelma&szlig; bin. Es ist ein Unterschied ob man interessierte Leser oder uninteressierte Studenten hat, die zum Teil auch offensichtlich nichts jenseits der Vorlesung machen und von Stunde zu Stunde die gleichen Fehler machen oder wie ich beim Korrigieren der Klausur feststellte, teilwesie noch nicht mal die grundlegende Syntax nach einem Semester gelernt haben. Ich habe mal als ich die letzte feste Anstellung aufgab, mit dem Gedanken gespielt, Lehrer zu werden, aber angesichts der Erfahrungen an der DHBW wei&szlig; ich, das dies nicht ein Job f&uuml;r mich ist. Lehrer haben ja einen &uuml;blen Ruf, auch weil sie Erwachsene noch korrigieren wenn diese l&auml;ngst die Schule verlassen haben. Ich selbst bekomme regelm&auml;&szlig;ig eine Mail mit in etwa folgendem Inhalt &#8222;ihre Seiten sind ja sehr sch&ouml;n zu lesen, aber angesichts der vielen Rechtschreibfehler muss ich doch an ihrer Fachlichen Kompetenz zweifeln&#8220;. Ohne dem Berufsstand nahetreten zu wollen, denke ich habe ich dann wieder mal einen Lehrer vor mir. Auf der anderen Seite braucht man f&uuml;r den Beruf enorm starke Nerven und Geduld, beides sind nicht gerade St&auml;rken von mir.<\/p>\n<p>Meine Theorie ist: man kann an dem Berufsfeld sehen wo das Interesse und die F&auml;higkeiten von jemand liegen und bestimmte Berufsbilder und Forderungen schlie&szlig;en sich aus. Schlussendlich muss heute ja niemand das machen, was der Vater bestimmt und dann etwas lernen was einem nicht liegt. Also ich habe mich in der Schule schon wenig f&uuml;r Sprachen interessiert. In Franz&ouml;sisch, das ich erst mit 18 bekam war ich immer zwischen 3 und 4, in Englisch und Deutsch besser, aber niemals besser als &#8222;gut&#8220;. Sprachen interessieren mich nicht, es reicht wenn ich das, was ich sagen will ausdr&uuml;cken kann und andere es verstehen, es muss nicht fein geschliffen oder fehlerfrei sein. Entsprechend haben meine Aufs&auml;tze M&auml;ngel in der Grammatik und Rechtschreibung. Ich habe Interesse an Technik, aber vor allem am erforschen, entweder aktiv oder passiv, indem ich mir etwas aneigne oder selbst versuche etwas zu verstehen, was nur als Faktum beschreiben ist. So lag es auf der Hand, dass ich als erstes Studium das einer Naturwissenschaft w&auml;hlte, zumal ich auch f&uuml;r Chemie, Ern&auml;hrung, Astronomie, Raumfahrt, Computer also einige Naturwissenschaften und technische Gebiete interessiere. W&auml;re da auch noch ein Interesse an Sprachen hinzugekommen w&auml;re ich wohl Journalist oder Fachautor geworden. Das Problem bei Journalisten ist dass sie selten sich in ein Gebiet voll einarbeiten k&ouml;nnen, ihnen fehlt daher oft die fachliche Kompetenz. Besonders befruchtend finde ich daher B&uuml;cher in denen ein Fachmann aus dem Gebiet mit einem Journalisten zusammenarbeitet. wer jemals ein Lehrbuch gelesen hat, Wei&szlig;, was passiert wenn man die fachliche Kompetenz hat, aber eben die sprachliche Seite nicht so stark entwickelt ist.<\/p>\n<p>Was dazu auch geh&ouml;rt ist, was einen interessiert. Wenn ich ein Buch oder einen Aufsatz schreibe, dann konzentriere ich mich auf die Technik, versuche dar&uuml;ber viel zu erfahren und wenn ich etwas nicht verstehe, versuche ich es auch technisch zu erkl&auml;ren. Dazu ein Beispiel. Heute (bzw. gestern, da ich den Blog am Mittwoch schreibe) startet die Antares. Die Rakete ist in der technischen Auslegung ungew&ouml;hnlich. So sitzt ein Feststoffbooster auf einer fl&uuml;ssigen Stufe. Nun das ist eine &ouml;konomische Entscheidung. Was ich jedoch nicht verstand, ist, dass man einen Castor 120 verk&uuml;rzte und einen neuen Castor 30 entwickelte. Von der Physik bestimmt, w&auml;re die Nutzlast bei einem Castor 120 h&ouml;her und es spart Entwicklungskosten. (das man die Physik nicht &uuml;berlisten kann zeigt dass nun ein Castor 30XL f&uuml;r die folgenden Fl&uuml;ge entwickelt wird, der wieder um 80% schwerer wird). Ich konnte mir das physikalisch nicht erkl&auml;ren. Also suchte ich nach einer Erkl&auml;rung. Die die ich mir &uuml;berlegt habe (ich habe keine gefunden) ist dass die erste Stufe mit den Herstellungsanlagen der Zenit hergestellt wird. Damit d&uuml;rften Tanks nur in vielfachen einer von der Zenit vorgegebenen Segmentl&auml;nge herstellbar sein. Damit liegt die Masse der ersten Stufe fest und die der zweiten muss sich danach richten. Ein Castor 120 w&auml;re zu schwer. Es w&auml;re nicht das erste Mal dass dies falsch ist und es finanztechnische oder andere Gr&uuml;nde daf&uuml;r gibt. Auch wenn ich B&uuml;cher lese, &uuml;berfliege ich die ganzen Abschnitte &uuml;ber Projektmanagement oder Entwicklungen, bei bemannten Fl&uuml;gen oft den genauen Ablauf.<\/p>\n<p>So und nun kommt der gro&szlig;e Sprung: aufgrund dessen denke ich zeigt die Wahl des Berufsbildes recht gut an, was f&uuml;r Interessen jemand hat und wor&uuml;ber er gut schreiben kann oder dies vermitteln kann. Das schlie&szlig;t nicht aus, das er sich f&uuml;r anderes interessiert, doch wird er es aus seinem Interessensblickwinkel sehen und anderes ausblenden oder weglassen. Bei mir bei Raumfahrt eben aus Sicht der Technik der Ergebnisse, teilweise der Geschichte, aber eben weniger aus Sicht der Menschen, des Projektmanagements oder pers&ouml;nlicher Erlebnisse, was zum Beispiel f&uuml;r bemannte Raumfahrtb&uuml;cher eher von Nachteil ist weshalb es auch von mir keines dieser Astronautenb&uuml;cher gibt in denen alle Ereignisse eines Buches haarklein beschrieben sind. Ich habe schon das Problem mehr als eine Handvoll Astronauten zu benennen die das Space Shuttle geflogen haben und von den russischen Kosmonauten kenne ich gerade mal f&uuml;nf namentlich.<\/p>\n<p>Ich sehe dies auch bei anderen. Im Fernsehen taucht Thilo Bode regelm&auml;&szlig;ig auf, der angesichts dessen, dass er viele B&uuml;cher geschrieben zum Thema Lebensmittelskandale und Industrie bei mir immer nur Kopfsch&uuml;tteln hervorruft. Das grunds&auml;tzliche Problem ist das er von Lebensmittelchemie, Technologie und vor allem Gesetzen keine Ahnung hat, er ist vom ersten Beruf her Soziologe. So kommt er auch mit Forderungen an die Politik Gesetze zu &auml;ndern (nichts dagegen) nur sind die Forderungen so, dass man als mit der Thematik vertrauten sich fragt ober nicht mal eine halbe Stunde in der Wikipedia gelzen hat. Sein Lieblingsbeispiel (so schon in zwei Talkshows gesehen) ist es Schwarzw&auml;lder Schinken anzuprangern. Das Wichtige an ihm ist die Herstellung, im besonderen die R&auml;ucherung. Sie ist f&uuml;r den Geschmack entscheidend. Weniger wichtig (genauer gesagt: v&ouml;llig unwichtig) ist die Schweinerasse oder gar der Aufzuchtbetrieb. Thilo Bode vertritt die Meinung das die gesamte Herstellung von der Schweinaufzucht beginnend im Schwarzwald erfolgen muss, anstatt wie bisher Hinterschinkenh&auml;lften in den Schwarzwald zu liefern und dort zu r&auml;uchern. Er hat damit nicht nur nicht verstanden was das Besondere an dem Produkt ist, er hat auch nicht die Unterscheide zwischen den drei EU-Siegeln f&uuml;r den Schutz von Ursprungsbezeichnungen verstanden. Denn er wendet sich ja immer gegen die Hersteller, nicht gegen die EU welche die Siegel beschlossen hat. Vielleicht geht es einem Soziologen eben nur um die Gesellschaft, weniger um Gesetze oder gar Lebensmitteltechnologie oder gar um die Qualit&auml;t von Lebensmitteln und ihre Bezahlbarkeit. Denn was er nicht sagt: Es gibt nat&uuml;rlich im Schwarzwald nicht viele Zuchtbetriebe f&uuml;r Schweine, das Gebiet ist mehr von Waldwirtschaft als Landwirtschaft gepr&auml;gt. Seine Forderung w&uuml;rde Schwarzw&auml;lder Schinken sehr stark verknappen und entsprechend verteuern, so wie z.B. Parmaschinken. Es w&auml;re &uuml;brigens m&ouml;glich, man m&uuml;sste nur die EU Kategorie wechseln von geografisch gesch&uuml;tzter Angabe in eine gesch&uuml;tzte Ursprungsbezeichnung. Parma Schinken hat z.B. diesen Status inne, ist aber dann wegen der begrenzten Produktionsmenge auch hochpreisig.<\/p>\n<p>Ich bin auf das Thema gekommen, weil ich bei einem anderen Autor gelesen habe, er habe in sechs Monate vier neue B&uuml;cher geschrieben. Das n&ouml;tigt mir zuerst mal Respekt ab. Noch dazu nur in der Freizeit. Also ich arbeite nur noch 1-2 Tage im Jahresdurchschnitt (allerdings sehr unregelm&auml;&szlig;ig verteilt) und in de Zwischenzeit dann oft Vollzeit an den B&uuml;chern. Ich schaffe eines in 4-6 Monaten, je nach Umfang. W&uuml;rde ich es nur in der Freizeit, bei einer normalen 5-Tage Woche machen, so w&auml;re es sicher nicht mehr als eines pro Jahr. Das zeitintensivste ist die Recherche. Wenn ich NASA Reports durchlese, um technische Daten zu gewinnen, kann es vorkommen, dass die Ausbeute eines Tages eine Tabelle und einige S&auml;tze sind. Wenn ich dagegen, wie bei der Ern&auml;hrung bei einer allgemeinen Frage nur das wiedergeben muss, was ich wei&szlig;, kann ich ohne Ptoblem zehn Seiten am Tag schreiben.<\/p>\n<p>Nun da ich zwei B&uuml;cher dieses Autors habe, ist die Antwort leicht wie er dieses enorme Pensum schafft. Man muss sie sich nur durchlesen. Sie gehen nirgends in die Tiefe, selbst Wikipedia Artikel sind l&auml;nger. Die Rechercheleistung besteht darin zwei, drei Websites zu besuchen sich jeweils eine Seite durchzulesen und das gelesene zusammenzufassen. Klar das man so viel schneller vorrankommt. Da man B&uuml;cher im Bereich Raumfahrt nicht schreibt um reich zu werden &#8211; selbst wenn der Autor zehnmal mehr verkauft als ich, lohnt es den Aufwand, gemessen an den Stunden, nicht. Also macht man es vor allem aus pers&ouml;nlichen Gr&uuml;nden. Wie weit dann jemand bei der Recherche geht, bzw. worauf er Wert legt, das ist dann von den pers&ouml;nlichen Vorlieben abh&auml;ngig. Nun ist der Autor von Beruf Betriebswirtschaftler und das merkt man. Beide B&uuml;cher besch&auml;ftigten sich vornehmlich mit Geschichte. Wenn es um Technik geht, dann nur mit der Wiedergabe einfacher Daten wie Abmessungen oder Gewicht, keinerlei Erkl&auml;rung oder Details. Das ist f&uuml;r den Gro&szlig;teil der Raumfahrt nat&uuml;rlich ein Manko, den Raumfahrt ist sehr technisch. Um Geschichten geht es meist nur bei bemannter Raumfahrt und Geschichte im Sinne von Projektgeschichte ist selten &ouml;ffentlich, wenn dann muss man mit den Beteiligten direkt zusammenarbeiten oder es gibt den Auftrag als Ver&ouml;ffentlichung seitens einer Forma oder Raumfahrtagentur.<\/p>\n<p>Was lehrt mich dies? Ich schaue bei einem neuen Autor, den ich noch nicht kenne, mal auf den Lebenslauf. Was hat er gemacht? Was hat er studiert? Das ist wesentlich. Weniger wichtig scheint zu sein wie lange sich jemand damit besch&auml;ftigt. Beim obigen Autor begann das Interesse mit dem Flug von Cooper, er hat mit also glatte 17 Jahre voraus. Diesen Vorsprung kann er bei seinen Werken nicht umsetzen.<\/p>\n<p>Ich denke das kann man &uuml;bertragen. B&uuml;cher &uuml;ber Ern&auml;hrung von Sozialwissenschaftlern, Planungen von Marslandungen durch Betriebswirtschaftler oder die Aufkl&auml;rung des Moonhoax durch Literaturwissenschaftler &#8211; das f&uuml;hrt selten zu guten Ergebnissen. Was meint ihr dazu? Oder kennt ihr Gegenbeispiele?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich gebe es gerne zu, ich habe Vorurteile. Eines davon ist, das Betriebswirte keine technische Kompetenz haben. Ich bin auf den Berufsstand aufmerksam geworden, als auf 3SAT eine Dokumentation kam in der Vertreter der Betriebswirtschaft zu Wort kamen, sowohl Bef&uuml;rworter wie auch Kritiker. 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