{"id":8076,"date":"2013-06-27T00:53:20","date_gmt":"2013-06-26T22:53:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=8076"},"modified":"2013-06-24T09:59:50","modified_gmt":"2013-06-24T07:59:50","slug":"marsbodenprobengewinnung-energetische-betrachtungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2013\/06\/27\/marsbodenprobengewinnung-energetische-betrachtungen\/","title":{"rendered":"Marsbodenprobengewinnung: energetische Betrachtungen"},"content":{"rendered":"<p>Ich pflege ja Missionen immer gerne konkret durchzurechnen, doch heute mal damit es allgemeiner ist eine Betrachtung der Grundlagen. Diesmal geht es um die Gewinnung von Bodenproben vom Mars und welche Vor- und Nachteile sie haben. Alle Angaben beziehen sich auf chemische Treibstoffe mit hohem Schub, zu Niedrigschubtriebwerken am Ende mehr.<!--more--><\/p>\n<p>Alles beginnt mit einer Transferbahn zum Mars. Es gibt dabei zwei M&ouml;glichkeiten. Zum einen eine Hohmann Typ I Bahn, bei der der Winkel zwischen Abflugort Erde und Ankunftsort Mars weniger als 180 Grad sind und zum anderen eine Hohmann Typ II Bahn bei der er gr&ouml;&szlig;er als 180 Grad ist. Je nach Position der beiden Planeten kann die eine oder andere die niedrigere Ankunftsgeschwindigkeit aufweisen. Manchmal starten bei einem Startfenster mehrere Raumsonden, die dann zu unterschiedlichen Zeitpunkten ankommen. Oftmals nutzen dann Landesonden eine andere Bahn als die Sonden, die in einen Orbit einschwenken.<\/p>\n<p>Raumsonden die direkt landen, f&uuml;r die ist die Ankunftsgeschwindigkeit nicht so wesentlich. Sie wird von dem Hitzeschuldschild vernichtet, der verglichen mit Eintrittschilden in die Erdatmosph&auml;re sowieso leichtgewichtig ist. F&uuml;r Raumsonden die in einen Orbit einschwenken dagegen schon. Hier gibt es die erste Unterteilung. Es ist eine direkte Landung m&ouml;glich oder eine aus einem Orbit heraus. Bisher dominierten die direkten Landungen. Lediglich Viking schwenkte zuerst in einen Orbit ein und setzte dann erst die Lander ab. Dies lag daran, dass man keine Aufnahmen der potentiellen Landegebiete hatte, die eine ausreichende Aufl&ouml;sung hatten. Diese sollten erst im Orbit gewonnen werden. Ein zweiter Vorteil ist das die Landegenauigkeit potentiell h&ouml;her ist. Doch dies kann heute, wie Curiosity bewies, durch Vermessung der Bilder beim Abstieg auch dann noch eine Korrektur durchgef&uuml;hrt werden.<\/p>\n<p>Ein Einschwenken in den Orbit kostet in jedem Falle Treibstoff, ungef&auml;hr 800 m\/s m&uuml;ssen f&uuml;r einen sehr elliptischen Orbit abgebaut werden. Weiterer Treibstoff braucht der Lander, damit er seine Periapsis auf die Oberfl&auml;che absenken kann. Er spart durch die niedrigere Auftreffgeschwindigkeit auf die Atmosph&auml;re etwas Material beim Hitzeschutzschild, aber in der Summe ist dies aufwendiger.<\/p>\n<p>Schon beim Start muss man eine Unterscheidung treffen: hat man nur ein Gef&auml;hrt oder deren zwei oder gar drei. Man kann die gesamte Mission mit einer Sonde durchf&uuml;hren &#8211; landen, Bodenproben entnehmen und zur&uuml;ck zur Erde fliegen. Man kann, das w&auml;re naheliegend, aber auch das Gef&auml;hrt das die Bodenproben nimmt, separat starten. Bei einem zweiten Flug hat man in der Regel mehr Platz und kann dies auch vorher starten, muss es nicht von der Hauptsonde erst absetzten etc. Eine wichtigere Entscheidung ist aber, ob man direkt zur&uuml;ckfliegt oder mit dem Ladeger&auml;t erst einmal in einen Orbit gelangt und dort an eine R&uuml;ckstartstufe ankoppelt und diese bringt die Bodenproben zur&uuml;ck.<\/p>\n<p>Energetisch ist klar, dass die zweite L&ouml;sung g&uuml;nstiger ist. Man muss zwar die R&uuml;ckstartstufe in einen Orbit einbremsen, aber man muss sie nicht von der Marsoberfl&auml;che in einen Orbit bringen, was eine viel h&ouml;here Geschwindigkeit erfordert. Diese kann nun Bestandteil der Raumsonde sein, die Bodenproben gewinnt, also z.B. dort auch als Bus w&auml;hrend der Reise fungieren. Nur trennt sie die Landesonde ab bevor sie selbst in einen Orbit gelangt, oder die R&uuml;ckstartstufe kann getrennt gestartet werden. Da auch die Landestufe eine M&ouml;glichkeit f&uuml;r die Kurskorrektur und Kommunikation w&auml;hrend des Flugs zum Mars braucht w&auml;re es sinnvoll die erste M&ouml;glichkeit zu w&auml;hlen. Die R&uuml;ckstartstufe w&auml;re dann ein einfacher Orbiter der w&auml;hrend des Aufenthalts am Mars auch als Kommunikationsrelais fungieren k&ouml;nnte.<\/p>\n<p>In jedem Falle ist das Einbremsen in jeden Orbit der denkbar ist, energetisch g&uuml;nstiger als die Landung auf dem Mars und der Transport in den Orbit, dieses erfordert mindestens 4 km\/s.<\/p>\n<p>Betrachten wir nun die Landestufe genauer. Sie wird zumindest aus einem Landegestell, mindestens einer Stufe mit Triebwerken und einer Kapsel f&uuml;r die Bodenproben bestehen. Es k&ouml;nnten auch zwei Stufen sein. Da sowieso Triebwerke ben&ouml;tigt werden wird man sinnvollerweise mit diesen landen und nicht die Abbremsung durch Airbags nutzen. Ansonsten wird die Auslegung missionsspezifisch sein. Das geringste Startgewicht erh&auml;lt man, wenn die R&uuml;ckstartstufe m&ouml;glichst leicht ist. was erreichbar ist, wenn sie nur eine Kapsel und eine kleine Steuerung tr&auml;gt, dann muss sie im Orbit an eine zweite Stufe gekoppelt werden. Sie ist dabei aber der passive Teil. Es reicht dann eigentlich eine Stufe f&uuml;r Landung und R&uuml;ckstart aus, doch zweistufig offeriert eine bessere L&ouml;sung: die erste Stufe dient nur zum Landen und als Startbasis f&uuml;r die zweite die aber viel einfacher aufgebaut werden kann. An ihr kann man dann auch schwere Ausr&uuml;stung montieren, wie Manipulatorarme um Proben umzuladen oder Instrumente \/ Kommunikationseinrichtungen und eine Stromversorgung. Bei der Landung nicht ben&ouml;tigter Treibstoff k&ouml;nnte von dem Start in die obere Stufe umgepumpt werden.<\/p>\n<p>Die Treibstoffgewinnung vor Ort wird wahrscheinlich, bei einer Mission die nur Bodenproben gewinnt, nicht lohnenswert sein. Der Aufwand den Treibstoff k&uuml;hl zu halten (die g&auml;ngigen Verfahren wandeln Wasserstoff mit der in der Marsatmosph&auml;re enthaltenen Kohlendioxyd zu Methan und LOX um, alle drei Gase w&uuml;rden auch unter Marsbedingungen verdampfen) und die ben&ouml;tigte Energieversorgung stehen in keinem Verh&auml;ltnis zu den eingesparten Startkosten.<\/p>\n<p>F&uuml;r die Gewinnung der Bodenproben hat man je nach Startfenster zwischen 450 und 550 Tage Zeit. Ein Startfenster wiederholt sich alle 730 Tage, und durch die Reise zum Mars ist man bei der Ankunft in einer Position in der man gegen die Bewegungsrichtung der Planeten starten m&uuml;sste um zur erde zu gelangen, was sehr energieaufwendig w&auml;re. Das n&auml;chste Startfenster ist dann 730 Tage abz&uuml;glich der Reisedauer zur Erde in der Zukunft. Danach folgen alle weiteren Startfenster in einem Zeitraum von 730 Tagen.<\/p>\n<p>Betrachtet man nun die L&ouml;sung mit einem Orbiter in der Marsumlaufbahn. Welchen Orbit soll er einschlagen? Es gibt nat&uuml;rlich hier verschiedene Aspekte, z.B. ob er als Kommunikationsrelais dienen soll, dann w&auml;re ein Orbit ideal in dem er den Mars als 24,6 Stunden umkreist, solange dauert ein Marstag dauert. das w&auml;re z.B. bei einer 338 x 33.700 km Bahn gegeben. Im marsfenstern Punkt w&uuml;rde er sich &uuml;ber stunden kaum von Mars aus bewegen und k&ouml;nnte mit Daten selbst mit einer nicht genau ausgerichteten Antenne mit mittlerem Gewinn empfangen.<\/p>\n<p>Energetisch ist zu sagen, dass es nat&uuml;rlich am sinnvollsten ist ihn in einem elliptischen Orbit zu belassen. Will man diesen zirkularisieren (z.B. einen marsnahen kreisf&ouml;rmigen Orbit erreichen) so braucht man Energie. Man ben&ouml;tigt dann aber auch mehr Energie, um ihn wieder zu verlassen, diesmal sogar mit mehr Masse n&auml;mlich den Bodenproben. daher w&auml;re es ideal den Orbiter in obigem 338 x 33700 km Orbit zu belassen und die Bodenproben in diesem Orbit zu starten, auch wenn dies mehr Energie f&uuml;r den Start von der Marsoberfl&auml;che aus ben&ouml;tigt. Man bewegt aber damit nur die Kapsel und nicht wie im anderen Fall auch noch den Orbiter mit.<\/p>\n<p>Der Orbiter wird nun die Kapsel einfangen, da f&uuml;r eine Maximierung der Nutzlast sie m&ouml;glichst passiv und leicht gebaut ist. Das wird nicht ganz einfach, da eine Eingriff von der Erde aus nicht m&ouml;glich ist. ATV und Progress k&ouml;nnen das zwar schon im Erdorbit, doch bei den Marsbodenproben wird man auf GPS verzichten m&uuml;ssen und es ist auch nicht gesagt, das die Kapsel optimal ausgerichtet ist.<\/p>\n<p>Danach startet der Orbiter zur&uuml;ck zur Erde, wobei genau das gleiche \u0394V aufbringen muss wie bei der Ankunft. Nach weiteren 6-10 Monaten kommt er bei der Erde an. Es w&auml;re prinzipiell m&ouml;glich dort in eine Erdumlaufbahn einzuschwenken, doch da man dazu ein \u0394V von &gt;3,5 km\/s aufbringen muss und diesen ganzen Treibstoff zuerst zum Mars und zur&uuml;ck bringen muss ist dies nicht sehr sinnvoll. Die Kapsel wird daher direkt landen so wie auch die Bodenproben von Itokawa oder die von den Luna Sonden gewonnenen. Der Bus kann nun in der Atmosph&auml;re vergl&uuml;hen oder mit dem Resttreibstoff noch eine Sonnenumlaufbahn einschwenken.<\/p>\n<p>Das minimale \u0394V Budget sieht nach erreichen der fluchtbahn dann so aus:<\/p>\n<table style=\"width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<th class=\"auto-style1\">Man&ouml;ver<\/th>\n<th class=\"auto-style1\">\u0394V<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Interplanetare Reise Erde-&gt;Mars Kurskorrekturen<\/td>\n<td>100 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Orbiter: Einbremsen in eine 338 x 33700 km Bahn<\/td>\n<td>930 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Landestufe: Geschwindigkeits&auml;nderungen<\/td>\n<td>230 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>R&uuml;ckstartstufe Start in den Orbit<\/td>\n<td>4565 m\/s + Aufstiegsverluste<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Orbiter: Ankopplung an R&uuml;ckstartstufe Man&ouml;ver<\/td>\n<td>100 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Orbiter: R&uuml;ckkehr zur Erde<\/td>\n<td>930 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Daraus ergibt sich, dass der Orbiter in etwa ein \u0394V von 2000 m\/s aufbringen muss. Die Lande\/R&uuml;ckstartstufe 4800 m\/s + Aufstiegsverluste (ca. 600-700 m\/s)<\/p>\n<p>Der Orbiter k&ouml;nnte durch Aerobraking Energie einsparen. Bei einem gro&szlig;en Schutzschild, der ihn aber deutlich schwerer macht, die gesamte Energie f&uuml;r das Erreichen des Orbits. Alternativ erreicht er zuerst nur einen 130 x 80000 km Orbit und senkt diesen dann auf 130 x 33700 km ab, bis eine Z&uuml;ndung die Periapsis anhebt. Das sind dann 788,1 + 11,8 m\/s oder rund 130 m\/s weniger. So w&auml;re auch der bahnn&auml;chste Punkt absenkbar bis man eine 338 km hohe Kreisbahn erh&auml;lt. Der Preis ist allerdings dass man um die 338 km hohe Kreisbahn in Richtung Erde zu verlassen, dann nicht mehr 930 m\/s, sondern 2086 m\/s braucht. Die R&uuml;ckkehrstufe spart 1179 m\/s ein, doch in der Summe braucht man mehr Treibstoff, da der Orbiter nicht nur sein eigenes Gewicht sondern auch die Kapsel mit den Bodenproben beschleunigen muss.<\/p>\n<p>Mit Ionentriebwerken sieht es etwas anders aus. Hier w&uuml;rde schon das Einbremsen in den Zielorbit mehr ein Einfangen sein, wof&uuml;r der Orbiter schon vorher seine Bahn dem des Mars angleichen muss. Durch Aerobraking w&uuml;rde er seinen anf&auml;nglichen elliptischen Orbit absenken. Die R&uuml;ckstartstufe w&uuml;rde dann in dem niedrigen Orbit ankoppeln um Treibstoff zu sparen, denn chemischen Treibnstoff ben&ouml;tigt nur sie. Der Orbiter w&auml;re hier das gr&ouml;&szlig;ere beider Ger&auml;te. Danach schlie&szlig;t sich ein Aufspiralen in der Marsumlaufbahn an, bis man den Mars verlassen kann. Gefolgt von einer Absenkung der Sonnenumlaufbahn bis man eine Bahn die zur Erde f&uuml;hrt erricht hat.<\/p>\n<p>Der Preis ist durch die fehlende Ausnutzung des hyperbolischen Exzesses und der Anhebung der potentiellen Energie durch h&ouml;here Umlaufbahnen im Gravitationsfeld das der Orbiter erheblich h&ouml;here \u0394V aufbringen muss. Wie hocch isst abh&auml;ngig vom Antrieb. Hier das &#8222;Worst Case Scenario&#8220;<\/p>\n<table style=\"width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<th>Man&ouml;ver<\/th>\n<th>\u0394V<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Interplanetare Reise Erde-&gt;Mars Kurskorrekturen<\/td>\n<td>100 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Orbiter: Einbremsen in eine 338 x 33700 km Bahn<\/td>\n<td>2650 m\/s + Aerobraking<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Landestufe: Geschwindigkeits&auml;nderungen<\/td>\n<td>230 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>R&uuml;ckstartstufe Start in den Orbit<\/td>\n<td>3386 m\/s + Aufstiegsverluste<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Orbiter: Ankopplung an R&uuml;ckstartstufe Man&ouml;ver<\/td>\n<td>100 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Orbiter: R&uuml;ckkehr zur Erde<\/td>\n<td>6035 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Die Gesamtdauer w&uuml;rde im besten Fall bei knapp unter drei Jahren, etwa 34 Monaten liegen. 14 bis 20 Monate entfallen davon auf die Hin- und R&uuml;ckreise, je nach Entfernung des Mars und gew&auml;hlter Transferbahn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich pflege ja Missionen immer gerne konkret durchzurechnen, doch heute mal damit es allgemeiner ist eine Betrachtung der Grundlagen. Diesmal geht es um die Gewinnung von Bodenproben vom Mars und welche Vor- und Nachteile sie haben. Alle Angaben beziehen sich auf chemische Treibstoffe mit hohem Schub, zu Niedrigschubtriebwerken am Ende mehr.<\/p>\n","protected":false},"author":169,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[14,3204],"class_list":["post-8076","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-raumfahrt","tag-mars","tag-marsnodenprobengewinnung","entry"],"a3_pvc":{"activated":false,"total_views":704,"today_views":0},"jetpack_featured_media_url":"","jetpack-related-posts":[{"id":18409,"url":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2025\/09\/25\/die-landung-des-starships-auf-dem-mars\/","url_meta":{"origin":8076,"position":0},"title":"Die Landung des Starships auf dem Mars","author":"Bernd Leitenberger","date":"25. 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