{"id":8109,"date":"2013-07-02T00:19:41","date_gmt":"2013-07-01T22:19:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=8109"},"modified":"2013-12-25T14:52:24","modified_gmt":"2013-12-25T13:52:24","slug":"spacex-nimmt-keine-startauftrage-mehr-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2013\/07\/02\/spacex-nimmt-keine-startauftrage-mehr-an\/","title":{"rendered":"SpaceX nimmt keine Startauftr&auml;ge mehr an"},"content":{"rendered":"<p>Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, als noch vor wenigen Tagen eine Option f&uuml;r den Transport von deutschen RADAR-Satelliten bekannt wurde. Nun ja die Firma nimmt schon noch Auftr&auml;ge an, doch keine mehr, deren Starttermin innerhalb der n&auml;chsten zwei Jahre liegt. Gwen Shotwell gab bekannt, ab Ende des Jahres k&ouml;nnte man &uuml;ber die Entscheidung f&uuml;r weitere Transporte nachdenken.<\/p>\n<p>Nat&uuml;rlich schie&szlig;en nun in den g&auml;ngigen Foren die Ger&uuml;chte hoch. Verschiedenste Thesen werden diskutiert. Die meisten meinen, dass SpaceX die Verz&ouml;gerungen bei der Entwicklung der Falcon 9 &#8222;v1.1&#8220; untersch&auml;tzt hat. <a href=\"http:\/\/www.raumfahrer.net\/news\/raumfahrt\/15062013190505.shtml\">Gerade erst<\/a> scheiteten vier Versuche die erste Stufe &uuml;ber die volle Betriebsdauer zu betreiben vorzeitig. Dabei kam es in zwei F&auml;llen zu Besch&auml;digungen. So was sollte bei einem Tr&auml;ger nicht passieren, der in wenigen Monaten starten soll. Andere bezweifeln, dass die Firma &uuml;berhaupt die F&auml;higkeit hat so schnell die Produktion zu steigern. F&uuml;r dieses Jahr, das ja nur noch 6 Monate hat sind f&uuml;nf Fl&uuml;ge nach Launch manifest geplant, f&uuml;r 2014 sogar zw&ouml;lf. Bislang haben sie maximal zwei Start pro Jahr durchgef&uuml;hrt.<!--more--><\/p>\n<p>Andere mutma&szlig;en die NASA und das DoD w&uuml;rden Druck aus&uuml;ben, dass ihre Missionen Vorrang haben, schlie&szlig;lich sind sie die beiden gr&ouml;&szlig;ten Auftraggeber. Nur wenige glauben, dass SpaceX nicht schon existierende Kunden verlieren m&ouml;chte, weil man nicht rechtzeitig starten kann. Doch was ist der Grund f&uuml;r diese Sinneswandlung einer Firma die noch vor einem Jahr von zehn Starts der Falcon 9 und zehn der Falcon Heavy pro Jahr als Ziel sprach?<\/p>\n<p>Ich m&ouml;chte einen neuen Gesichtsprunkt hereinbringen. Vor etwa zwei Monaten bekam ich nach einem SpaceX Blog eine Mail von einem Mitarbeiter der M&uuml;nchner R&uuml;ckversicherung. er m&ouml;chte nicht genannt werden, aber den Inhalt darf ich wiedergeben. Er erkl&auml;rt mir, das Startpreis nicht Startpreis ist. Zum einen wird heute ein Packet angeboten &#8211; der Satellit &#8222;schl&uuml;sselfertig&#8220; im Orbit, wozu Fertigung, Start und Inbetriebnahme geh&ouml;ren. Dazu geh&ouml;rt auch eine Versicherung, die alle Risiken bis zu &Uuml;bergabe abdeckt. Der Gro&szlig;teil entf&auml;llt auf den Start aber es gibt auch Risiken nach dem Start (keine Kommunikation mit dem Satelliten, er ist &#8222;verloren&#8220;, bei der Fertigung und Transport und auch bedeutend: Verz&ouml;gerungen, die bei Kommunikationssatelliten gleichbedeutend mit einem Einnahmeausfall sind. Allerdings ist das Startrisiko der gr&ouml;&szlig;te Anteil und wenn es erh&ouml;ht ist, so ist auch die Gesamtversicherungssumme und nicht nur die des Raketenstarts erh&ouml;ht, was bei einem Vergleich verschiedener Tr&auml;ger zu ber&uuml;cksichtigen ist.<\/p>\n<p>Nachdem es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Jahre mit sehr hohen Verlusten f&uuml;r die Versicherungsunternehmen gab, ist man heute bestrebt das Risiko genauer einzugrenzen. Dazu geh&ouml;rt das Launch Service Provider (LSP) den Versicherungen umfangreiche Unterlagen zur Verf&uuml;gung stellen, die fast einem Audit gleichkommen. Bei j&uuml;ngeren Tr&auml;gern umfassen diese auch den Entwicklungszyklus, in jedem Falle aber Details der Fertigung, Qualit&auml;tssicherungsma&szlig;nahmen und Pr&uuml;fungen. Wenn es &Auml;nderungen am System gab, wie wurde die Auswirkung auf den Tr&auml;ger gepr&uuml;ft? Dazu kommt dann noch die Startvorbereitung. Es liegt im Eigeninteresse der Launch Service diese Unterlagen bereitzustellen, da ansonsten die Versicherungen die Risiken einsch&auml;tzen. Und nat&uuml;rlich sch&auml;tzen die Gutachter die Risiken m&ouml;glichst konservativ ein, um ihre Versicherung vor Verlusten zu bewahren. Das Ergebnis kann durchaus &uuml;berraschend sein. Arianespace hat die niedrigsten Pr&auml;mien, nicht nur wegen der makellosen Bilanz von &uuml;ber 50 Starts ohne Versicherungsfall. F&uuml;hrend sei auch das Qualit&auml;tsmanagement sowie die Vorgehensweise bei Problemen, selbst wenn diese sich nicht auf den Start selbst auswirken. Dazu sp&auml;ter mehr. Dahinter folgt die Proton mit einem gr&ouml;&szlig;eren Abstand zu Sealaunch. Hier ist die Einstufung der h&ouml;heren Qualit&auml;tssicherung bei der Fertigung ausschlaggebend, obwohl die Proton nicht wesentlich zuverl&auml;ssiger als die Zenit ist.<\/p>\n<p>Nur zwei Firmen bleiben diese Daten schuldig: Die CGWIC (China Great Wall Industries Corporation) und SpaceX. Bei China will man offensichtlich keine Details ihrer Tr&auml;ger und der Herstellung offenlegen, vielleicht bef&uuml;rchtet man auch hohe Pr&auml;mien wegen der Gefahr von zivilen Opfern bei einem Fehlstart. Doch auch hier scheint sich eine Wende anzudeuten mit dem neuen Weltraumbahnhof und der Langen Marsch 5 gab es die Bereitschaft die entsprechenden Unterlagen bei einem Abschluss bereitzustellen. Bisher hat China Kunden daher eine Absicherung durch eine staatliche chinesische Versicherung angeboten, die auch wegen der niedrigeren Pr&auml;mien bisher immer genutzt wurde.<\/p>\n<p>Die zweite Ausnahme ist SpaceX. Bei SpaceX ist die &ouml;ffentlich bekannte Datenlage so schlecht und es gab so viele Vorkommnisse, dass zumindest die M&uuml;nchner R&uuml;ck nicht bereit ist, einen Start bei SpaceX zu versichern. Es w&auml;re schlicht und einfach unm&ouml;glich auf Basis der bekannten Angaben das Risiko zuverl&auml;ssig zu beziffern, zumal sich die Falcon 9 &#8222;v1.1&#8220; vom Vorg&auml;ngermodell weitgehend unterscheidet. Zudem wird auch das allgemeine Vorgehen negativ eingestuft. So gab es in den letzten Jahren sowohl bei SpaceX wie auch Arianespace Verz&ouml;gerungen bei Starts durch Ventile. Bei der Ariane 5 war es ein nicht missionskritisches Heliumdruckregulierventil. Nachdem es zweimal Probleme bei den Startvorbereitungen gab wurde nicht nur das Ventil ausgetauscht, sondern auch die gesamte Produktion durchleuchtet und Ma&szlig;nahmen zur Verbesserung dieser eingeleitet.<\/p>\n<p>Bei SpaceX war es ein nicht ge&ouml;ffnetes Ventil zur Turbopumpe, das zu einer Explosion des Triebwerks nach wenigen Sekunden und damit zum Verlust gef&uuml;hrt h&auml;tte. Auch hier wurde das Ventil ausgetauscht, doch weitergehende Untersuchungen ob dies ein Einzelfall war, unterblieben v&ouml;llig, obwohl die Folgen viel gravierender waren als bei dem Heliumdruckventil der Ariane 5.<\/p>\n<p>Dies w&auml;re nur ein Beispiel, warum f&uuml;r die M&uuml;nchner R&uuml;ck das Risiko eines Versicherungsfalls bei SpaceX unkalkulierbar ist. Nach Angaben des Mitarbeiters scheinen auch andere Versicherungen einen Absicherung bei einem Start mit SpaceX abzulehnen.<\/p>\n<p>Was bleibt dann SpaceX noch? Sie k&ouml;nnen selbst den Start versichern, was nach ihren Webseiten auch der Fall ist. In diesem Falle muss die Firma wie bei einer Versicherung vor dem Startzeitpunkt den Nachweis erbringen, dass man die Versicherungssumme bereit hat, die dann unabh&auml;ngig angelegt sein muss, (auch der Bankrott des Launch Service Providers ist ein Teil des Risikos). Das sind bei Kommunikationssatelliten der 4,5 t Klasse wie sie die Falcon 9 starten kann, in etwa 300 Millionen Dollar. Das bedeutet das SpaceX f&uuml;r Einnahmen von unter 60 Millionen Dollar eine Finanzreserve von 300 Millionen bereitstellen muss. Dabei reicht nicht eine R&uuml;cklage f&uuml;r alle Starts, sondern parallel zu den Vorauszahlungen f&uuml;r den Start muss auch nachgewiesen werden, dass die Versicherungssumme f&uuml;r diesen Start vorhanden ist, schlussendlich k&ouml;nnte der vorherige Start ja ein Versicherungsfall sein. Will oder muss ein Unternehmen also auf eine Versicherung verzichten und dies selbst anbieten, so braucht sie im Mittel die halbe Versicherungssumme pro Start als R&uuml;cklage und dies f&uuml;r jeden Start f&uuml;r den eine Rakete in der Produktion ist (bei anderen LSP &uuml;blicherweise 2 Jahre). Das w&auml;ren dann bei SpaceX wenn man die CRS Fl&uuml;ge ausnimmt mindestens 15 Starts und somit ben&ouml;tigt die Firma enorme R&uuml;cklagen.<\/p>\n<p>Mein Gespr&auml;chspartner bezweifelt allerdings dass alle Starts versichert sind und auch das alles fest gebuchte Starts sind. Orbcomm habe z.B. die erste Generation ihrer Satelliten nicht versichert und Iridium auch nicht. Weiterhin enthalten die Abschl&uuml;sse f&uuml;r neu eingef&uuml;hrte Tr&auml;ger oft Ausstiegsklauseln, die auch sehr sp&auml;t wahrgenommen werden k&ouml;nnen. Bei allen Starts nach 2015 sei von Optionen auszugehen, das hei&szlig;t man reserviert sich einen Startzeitpunkt f&uuml;r relativ kleine Summen, und bucht erst sp&auml;ter den Tr&auml;ger, typischerweise 1-2 Jahre vor dem Start je nachdem wie schnell der Anbieter reagieren kann. Erweist sich der Tr&auml;ger als nicht zuverl&auml;ssig genug so hat man wenig Geld verloren.<\/p>\n<p>Nat&uuml;rlich habe ich auch gefragt was passiert, wenn es denn nun einen Fehlstart gibt. Bei einem neu eingef&uuml;hrten Tr&auml;ger w&uuml;rden die Versicherungspr&auml;mien sehr deutlich ansteigen, da man wenig Erfahrungen hat wie wahrscheinlich dieser ist, bei einem schon l&auml;nger im Einsatz befindlichen w&auml;re der Anstieg eher moderat, weil dies ja gerade zu den versicherten Risiken geh&ouml;rt, nur wenn sich diese h&auml;ufen so w&uuml;rden die Pr&auml;mien langsam aber sicher ansteigen. Diesen Trend weist die Proton derzeit auf.<\/p>\n<p>Wenn eine Firma selbst versichert, bedeutet ein Fehlstart nat&uuml;rlich ein Verlustgesch&auml;ft. Einnahmen von 60 Millionen Dollar w&uuml;rden Ausgaben von 300 Millionen Dollar gegen&uuml;berstehen, Sofern die Firma nicht &uuml;ber gen&uuml;gend Kapital verf&uuml;gt, oder dieses aufbringen kann dies existenziell bedrohend sein.<\/p>\n<p>Diese rigide &Uuml;berpr&uuml;fung werden &uuml;brigens von den LSP nicht als Schikane, sondern als Chance gesehen, eine unabh&auml;ngige, kostenlose &Uuml;berpr&uuml;fung ihre Produktion und Qualit&auml;tssicherung durch Experten zu bekommen, die auch &uuml;ber die Ergebnisse stillschweigen m&uuml;ssen. Dies nutzen sogar LSP aus, die keinen versicherten Start absolvierten, wie ISC Kosmotras und Eurockot.<\/p>\n<p>Das SpaceX also mangels fl&uuml;ssiger Mittel f&uuml;r Versicherungsr&uuml;ckst&auml;nde keine weiteren Starts mehr annimmt, w&auml;re also eine weitere Erkl&auml;rungsm&ouml;glichkeit f&uuml;r den Auftragsstopp. Selbstverst&auml;ndlich sind die voll ausgelastete Produktion und Terminprobleme genauso wahrscheinliche Ursachen. Mals sehen was da noch nachkommt.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/c17bc84825ab4721a3df13a103fcc566\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, als noch vor wenigen Tagen eine Option f&uuml;r den Transport von deutschen RADAR-Satelliten bekannt wurde. Nun ja die Firma nimmt schon noch Auftr&auml;ge an, doch keine mehr, deren Starttermin innerhalb der n&auml;chsten zwei Jahre liegt. 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