{"id":8169,"date":"2013-07-08T00:47:53","date_gmt":"2013-07-07T22:47:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=8169"},"modified":"2013-07-05T16:49:00","modified_gmt":"2013-07-05T14:49:00","slug":"hochrechnungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2013\/07\/08\/hochrechnungen\/","title":{"rendered":"Hochrechnungen"},"content":{"rendered":"<p>Ich lese gerade von T.A. Heppenheimer &#8222;Development of the Space Shuttle 1972 &#8211; 1981&#8220; und ganz am Anfang ist auch die Tabelle, die sicher heute jeder Raumfahrtfan als v&ouml;llig &uuml;berzogen optimistische Einsch&auml;tzung kennt: die Aufstellung der Shuttle Fl&uuml;ge von 1979 bis 1990 und was sie bringen. Man muss die Vorgeschichte kennen. Das Shuttle wurde 1972 genehmigt, nachdem man auf das heutige Konzept mit Tank, Boostern und Orbiter gewechselt hatte und die Wiederverwendung des ganzen Systems aufgab. Das reduzierte die geplanten Entwicklungskosten von 9,92 auf 5,15 Milliarden Dollar, womit das Projekt gesichert war, allerdings standen noch die Haushaltsdebatten an und die USA befanden sich gerade in einer Rezession. NASA-Administrator Fletcher musste zusagen, dass bis 1980 das NASA-Budget inflationskorrigiert bei 3,2 Milliarden Dollar von 1972 bleiben w&uuml;rde, trotz des Shuttles als neuem Projekt.<!--more--><\/p>\n<p>Um zu verhindern, dass der Congress das Projekt kippt, pr&auml;sentierte das NASA-eigene OMB (Office of Management and Budget) eine Wirtschaftlichkeitsrechnung. Mit 25 Fl&uuml;gen pro Jahr sei der &#8222;break-even Point&#8220; erreicht. W&uuml;rden zwischen 1979 und 1990 514 Fl&uuml;ge (30 pro Jahr) m&ouml;glich sein, so w&uuml;rde dies 10,2 Milliarden im Wert von 1970 einsparen. Bei 624 Fl&uuml;gen (39 pro Jahr) w&auml;ren es sogar 13,9 Milliarden Dollar.<\/p>\n<p>Das fand das General Accounting Office f&uuml;r zu optimistisch und sie verfassten einen eigenen Report. er stellte fest, dass man nicht ber&uuml;cksichtigt h&auml;tte, das es Kostensteigerungen geben k&ouml;nnte. 40% seien bei Aerospaceprojekten &uuml;blich. Die NASA kam auf Gesamtausgaben in H&ouml;he von 43 Milliarden Dollar f&uuml;r das Shuttle in den 12 Jahren, 48 Milliarden sollten die Tr&auml;gerraketen kosten, die das Shuttle ersetzen sollte, das machte eine Einsparung von 5 Milliarden. Bei nur wenig anderen Zahlen (48 Milliarden f&uuml;r das Shuttle, weniger als 20% h&ouml;here Kosten) und 43 Milliarden f&uuml;r Tr&auml;gerraketen kam die GAO dagegen auf einen Verlust von 5 Milliarden.<\/p>\n<p>Wie reagierte die NASA darauf? Sie brachte ein Jahr sp&auml;ter eine neue Programmanalyse. Demnach sollten nun nicht mehr 514 sondern 779 Fl&uuml;ge stattfinden. Das Shuttle kostet bei dieser Flugzahl 50,3 Milliarden (also 64,5 Millionen pro Start), Tr&auml;gerraketen dagegen 66,2 Milliarden, damit k&ouml;nnte man nun also noch mehr sparen, n&auml;mlich 16 Milliarden Dollar. Dass im letzten Jahr der Studie, 1990, das Shuttle 86-mal pro Jahr starten sollte und 1.031 Nutzlasten vorgesehen waren, das verwunderte keinen.<\/p>\n<p>Die GAO gab klein bei und argumentierte, dass ein Projekt wie das Shuttle nicht nur mit Kosteneinsparungen gerechtfertigt werden d&uuml;rfte.<\/p>\n<p>Das Interessanteste an diesem Zahlenbeispiel ist, das der wesentlichste Punkt gar nicht hinterfragt wurde: woher kommen die ganzen Nutzlasten und ist es m&ouml;glich, so oft zu starten (im Jahr 1990 alle vier Tage). Im Jahr, als die Studie erstellt wurde, starteten die USA inklusive Starts f&uuml;r andere Staaten und kommerziellen Organisatoren 33-mal. Dies waren zwei Saturn V, f&uuml;nf Scout, sechs Atlas, neun Titan und 11 Thor-Delta. Rechnet man die Saturn V heraus, da diese ja ohne Mondprogramm wegfallen, so entspricht dies einer Gesamtnutzlast von 106,8 t in einen LEO Orbit, so viel wie vier Shuttles transportieren.<\/p>\n<p>Dabei, und dies wusste man bei der NASA nur zu gut, war der Trend r&uuml;ckl&auml;ufig, Viele kleine Forschungssatelliten mit beschr&auml;nkten Aufgaben wichen immer mehr Gr&ouml;&szlig;eren wie die OAO Serie die zahlreiche der fr&uuml;hen Explorer abl&ouml;ste. Auch bei den Raumsonden wurden die ersten Einzelsonden (Pioneer Venus) anstatt der bisher &uuml;blichen Doppelstarts geplant. Auch kommerzielle Satelliten, die sicher prosperieren, k&ouml;nnen dies nicht auffangen. Bedingt durch die Physik m&uuml;ssen sie im Orbit einen Mindestabstand aufweisen, damit auf der Erde nicht der Empfang eines Satelliten durch den anderen gest&ouml;rt wird. Schon mutma&szlig;te man, dass bald der Platz knapp w&uuml;rde.<\/p>\n<p>Dadurch, dass die Nutzlasten schwerer wurden, kam ein gegenl&auml;ufiger Trend auf, der die Abnahme kompensierte, vielleicht sogar einen Anstieg der Nutzlastmassen bewirkte. Doch wie man auf einen Bedarf vom zwanzigfachen von 1972 kommen sollte, wurde nicht hinterfragt. Vor allem wenn man bedenkt, dass man ja gerade zugesichert hatte, dass das Budget bis 1980 konstant bleiben sollte.<\/p>\n<p>Genauso wie es m&ouml;glich sein sollte alle vier Tage zu starten. Schon damals dauerten die Startvorbereitungen f&uuml;r einen Satelliten einen Monat, selbst der Endcountdown an der Startrampe einige Tage. Nun sollte dies (inklusive R&uuml;ckkehr vom Orbit und Inspektion) innerhalb von vier Tagen gehen? Nat&uuml;rlich haben die USA auch schon viel gestartet. 1966 fanden insgesamt 83 Starts statt. Doch sie verteilten sich auf 32 Startrampen, keine einzige hatte mehr als 6 Starts pro Jahr. Das OMB verwies zwar, dass die USA von 1962 bis 1966 pro Jahr im Durchschnitt 61-mal starteten. Doch kann man dies getrost als T&auml;uschung ansehen. H&auml;tte man die Zahlen der n&auml;chsten Jahre verwendet, dann w&auml;ren es weniger gewesen und was vor allem ignoriert wurde: die meisten dieser starts entfielen auf die Thor und Atlas Agena mit maximal 2,5 t LEO Nutzlast. Nun w&uuml;rde aber jeder Shuttle die zehnfache Nutzlast transportieren k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Das ist viel wesentlicher als die Berechnung von Einsparungen. Tats&auml;chliche starteten die USA &uuml;brigens von 1979 bis 1990 insgesamt 205 Tr&auml;ger, darunter sind auch alle kommerziellen Starts. Das ist ein Drittel bis Viertel des Ansatzes des OMB.<\/p>\n<p>Allerdings war man in einem realistisch. Das OMB errechnete einen durchschnittlichen Finanzbedarf von 3,60 (erste Sch&auml;tzung) bzw. 4,18 Milliarden Dollar pro Jahr (zweite Sch&auml;tzung). Weiterhin kann man auf Basis der Differenz der Kosten und der Fl&uuml;ge die reinen Startkosten zu 35,85 Millionen Dollar (1970 Dollar) und die Fixkosten pro Jahr zu 1.736 Millionen Dollar berechnen. 1986, bevor das Programm mit einer Katastrophe abgebrochen wurde, h&auml;tte dies Startkosten von 101 Millionen Dollar entsprochen, was den wahren Kosten recht nahe kommt. 1985 wurden 87 bis 100 Millionen Dollar pro Flug genannt. Die sehr hohen Fixkosten, die sogar noch h&ouml;her als die realen waren, lagen daran, dass jeder Orbiter nach Planung maximal 12-mal im Jahr fliegen konnte. F&uuml;r die 86 Fl&uuml;ge im Jahr 1990 h&auml;tte man also mindestens acht Orbiter ben&ouml;tigt, im Dienst waren aber niemals mehr als vier. Auch f&uuml;r die 779 Fl&uuml;ge h&auml;tte man aufgrund der Lebensdauer von 100 Fl&uuml;gen acht Orbiter ben&ouml;tigt.<\/p>\n<p>Auch in einem weiteren behielt das OMB recht: der Break-Even Point von 25 Starts pro Jahr wurde nie erreicht, also war der Shuttle nie f&auml;hig Geld zu verdienen.<\/p>\n<p>Es gibt auch andere Fehlsch&auml;tzungen. Vor dem Jungfernflug der Ariane 1 kam eine ESA-Studie zu dem Schluss, das von 1980 bis 1990 ein Bedarf von maximal 50 St&uuml;ck besteht, inklusive Drittauftr&auml;gen. Entsprechend wurde ELA-1 so geplant, dass man an der Startrampe die Rakete zusammenbaute und so maximal 4 Starts pro Jahr durchf&uuml;hren konnte. Sehr bald reichte das nicht mehr aus und man baute eine neue Startrampe. Das Nachfolgemodell Ariane 4 startete bis zu 12-mal pro Jahr.<\/p>\n<p>Heute plant eine Firma wieder zehn Starts einer Rakete mit 4,5 t GTO und zehn einer mit 13,2 t GTO Nutzlast. Auf diese St&uuml;ckzahl ist ihre Produktion ausgelegt. Zusammen also 389,4 t GTO Nutzlast. 2012 wurden 22 kommerzielle Startvertr&auml;ge abgeschlossen, die etwa 100 t GTO Nutzlast oder nur einem Viertel dieses Wertes entsprechen. Das Shuttle sollte einem als Lehre vermitteln, dass man sich am Bedarf orientieren sollte.<\/p>\n<p>Quelle: T.A. Heppenheimer \u201eDevelopment of the Space Shuttle\u201c<\/p>\n<p>NASA SP-4404, \u201eExploring the Unkown: Selected Documents in the History of the US Civil Space Program\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich lese gerade von T.A. Heppenheimer &#8222;Development of the Space Shuttle 1972 &#8211; 1981&#8220; und ganz am Anfang ist auch die Tabelle, die sicher heute jeder Raumfahrtfan als v&ouml;llig &uuml;berzogen optimistische Einsch&auml;tzung kennt: die Aufstellung der Shuttle Fl&uuml;ge von 1979 bis 1990 und was sie bringen. Man muss die Vorgeschichte kennen. 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