{"id":8222,"date":"2013-07-15T00:46:02","date_gmt":"2013-07-14T22:46:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=8222"},"modified":"2013-07-15T18:20:10","modified_gmt":"2013-07-15T16:20:10","slug":"der-big-dump-booster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2013\/07\/15\/der-big-dump-booster\/","title":{"rendered":"Der Big Dumb Booster"},"content":{"rendered":"<p>Eine Idee, die regelm&auml;&szlig;ig, mindestens einmal pro Jahrzehnt durch die US-Raumfahrtindustrie geistert ist die des &#8222;Big Dumb Boosters&#8220;. Die Idee ist ganz einfach: die bisherigen Raketen sind zu teuer und zu komplex. eine einfache &#8222;dumme&#8220; Booster macht alles billiger. Ich kann mich noch an eine Newsweek-Ausgabe aus den Achtzigern erinnern, als man da eine unf&ouml;rmige Rakete mit einem Triebwerk neben einem Space Shuttle sah und die Ausgabe vorrechnete, das eine komplette Sojus so viel kostet wie nur ein Shuttle Haupttriebwerk. Das w&auml;re dann noch einen eigenen Blogbeitrag zum Thema Vergleiche wert.<!--more--><\/p>\n<p>Es ist eigentlich immer das gleiche: Die USA (nirgendwo sonst gibt es die Ideen) produzieren zu komplizierte Raketen. Sie sind nicht nur teuer, sie sind auch zu fehleranf&auml;llig. Ein einfacheres Konzept w&auml;re besser. Einfacher bedeutet immer Verzicht auf Wasserstoff, wenn von fl&uuml;ssigen Wasserstoffen die Rede ist, dann meist LOX\/Kerosin. Nat&uuml;rlich auch keine Hochdrucktriebwerke sondern Gasgeneratorf&ouml;rderung. Manchmal wird auch Pumpenf&ouml;rderung vorgeschlagen. In jedem Falle sollen mehr &#8222;normale&#8220; Werkstoffe wie Edelstahl anstatt spezieller Aluminiumlegierungen und normale Verfahrensweise z.B. bei den Schwei&szlig;verfahren eingesetzt werden. Auch die Triebwerke sollten m&ouml;glichst einfach aufgebaut sein, z.B. bei D&uuml;sen ablative K&uuml;hlung anstatt regenerative K&uuml;hlung verwenden.<\/p>\n<p>Fast immer gibt es dann den Hinweis auf Russland, wo als die USA schon immer weniger Raketen produzierten, die Startzahlen unver&auml;ndert hoch blieben um in den fr&uuml;hen Achtzigern &uuml;ber 30 Sojus Starts pro Jahr zu erreichen. Immer postuliert wurde, dass Russland gerade das tut &#8211; Big Dumb Booster zu bauen. Dazu passte dass sie keine einzige Stufe mit Wasserstoff hatten. Was man damals nicht wusste, war das Russland schon Mitte der sechziger Jahre die ersten Triebwerke mit geschlossenem Kreislauf einf&uuml;hrte und diese seitdem alle russischen Tr&auml;ger antreiben. Nur das ist nicht &#8222;low Tech&#8220;.<\/p>\n<p>Interessanterweise kommen in diesem Big Dumb Booster meistens nicht Feststofftriebwerke vor, obwohl sie vom Aufbau doch am ehesten in das Konzept passen. Die einfachsten, wie die Castor, haben nicht mal schwenkbare D&uuml;sen, ihr Geh&auml;use besteht aus Stahl und ist unsegmentiert. Auch findet man selten das Konzept der Clusterung, also der Serienfertigung vieler identischer Module und zusammenfassen derer um je nach geforderter Nutzlast die richtige Rakete zu haben, anstatt eine kleine, mittelgro&szlig;e und gro&szlig;e Raketen<\/p>\n<p>Ich wurde an das Konzept erinnert, als ich f&uuml;r die Erg&auml;nzung meines Programms nach Daten von gr&ouml;&szlig;eren druckgef&ouml;rderten Triebwerken suchte. Das leistungsst&auml;rkste jemals eingesetzte ist meines Wissen nach das AJ10-138, oder f&uuml;r nicht ganz so Raumfahrtkundige, das Triebwerk des Apollo Servicemoduls mit 91 kN Schub. Ansonsten haben die meisten Triebwerke mit Druckf&ouml;rderung weniger als 40 kN Schub. Das hat einige Gr&uuml;nde:<\/p>\n<p>Bei kleinen Triebwerken addiert eine Turbopumpe viel Masse zum System. Da sie typischerweise nur im Vakuum arbeiten kann man den geringeren spezifischen Impuls partiell durch eine gr&ouml;&szlig;ere Expansionsd&uuml;se ausgleichen und bei Oberstufen (wo man sie oft findet) z&auml;hlt oft die F&auml;higkeit zur Wiederz&uuml;ndung, die einfach zu bewerkstelligen ist, da man nicht erst einen Gasgenerator anwerfen muss. Es reicht die Ventile zu &ouml;ffnen und wenn die Treibstoffe sich nicht selbst entz&uuml;nden noch einen Z&uuml;ndfunken zu erzeugen. Dazu kommt dass jedes Triebwerk intensiv getestet muss um alle Fehlerm&ouml;glichkeiten auszuschlie&szlig;en. Das schlie&szlig;t sowohl Komponententests wie auch ganze Triebwerke ein. Ohne Turbopumpe fallen die meisten beweglichen Teile weg. Es gibt keinen Gasgenerator, keine Turbine, keine Pumpe. Damit sind auch die Entwicklungskoten geringer. Das Triebstofff&ouml;rderungssystem ist das in der Entwicklung aufwendigste und mit den Verbrennungsinstabilit&auml;ten Quelle der meisten Probleme. Die Ger&auml;te zur Treibstofff&ouml;rderung des Shuttles (Vorbrenner, Turbine, Turbopumpe) ist 1,20 m lang und 60 x 60 cm gro&szlig;. Die Leistung der Turbine &uuml;bertrifft die aller Maschinen der Titanic und die Turbopumpe l&auml;uft beim Start in 0,1 s von 0 auf eine Drehzahl nahe der Zerst&ouml;rung der Turbinenbl&auml;tter. Klar ist, dass so die Komponenten gezielt nacheinander gestartet werden m&uuml;ssen. Beim Space Shuttle startete z.B. der Sauerstoffvorbrenner genau 0,1 s nach dem Wasserstoffvorbrenner und gleichzeitig z&uuml;ndete das Triebwerk. Etwas sp&auml;ter und sie h&auml;tte sich zerlegt weil die Drehzahl ohne den Gegendruck der Verbrennungskammer &uuml;ber die nominelle Drehzahl von 37.000 U\/Min angestiegen w&auml;re. Schon an diesen wenigen Zahlen sieht man, dass der Wegfall dieses Systems eine Fehlerquelle und einen Kostenfaktor eliminiert.<\/p>\n<p>Die Frage ist, warum dehnt man das nicht auf gr&ouml;&szlig;ere Triebwerke aus? Nat&uuml;rlich gibt es Nachteile. Offensichtlich ist, dass die Strukturmasse h&ouml;her ist. Die Tanks m&uuml;ssen anstatt 1-3 Druck 10-30 Bar aushalten. Dazu braucht man nat&uuml;rlich auch zehnmal mehr Druckgas und entsprechend gro&szlig;e Druckgasflaschen. Je h&ouml;her die mittlere Dichte des Treibstoffs ist, desto geringer ist das Mehrgewicht. Man kann noch etwas Gewicht sparen, wenn man in Kauf nimmt, dass der Tankdruck zum Ende der Brennzeit abnimmt. Nimmt man einen Tank der z.b. vom Start an mit 30 Bar beaufschlagt wird. Das Helium reicht aber nur um die H&auml;lfte des Tanks auf diesen Druck zu setzen. Das ist anfangs kein Problem, weil der Tank fast voll mit Treibstoff ist, doch wenn er halb leer ist ist das Helium verbraucht und bis zum Brennschluss sinkt dann der Tankdruck und damit der Brennkammerdruck und der Schub auf die H&auml;lfte ab. so vermeidet man aber auch unangenehme Spitzenbeschleunigungen vor allem bei den unteren Stufen. Denkbar und noch mehr Gewicht einsparen, ist es die Tanks schon am Boden unter Druck zu setzen und dann nur zum Teil zu bef&uuml;llen und eine Druckabnahme in Kauf zu nehmen. Da bei einem Tankdruck von 30 Bar bei LOX\/RP-1 die Druckgasflaschen schon 50% der Tankmasse ausmachen kann man ohne Problem die Tanks um 50% vergr&ouml;&szlig;ern und dann eben eine Halbierung des Brennkammerdrucks in Kauf nehmen. Genau dieses Konzept setzte &uuml;brigens die OTRAG Rakete in ihren Modulen ein.<\/p>\n<p>Die Triebwerke sind auch gr&ouml;&szlig;er. Ein doppelt so hoher Brennkammerdruck korrespondiert mit einer 41% kleineren Brennkammer. Umgekehrt sind dann druckgef&ouml;rderte Triebwerke relativ gro&szlig;, verglichen mit Triebwerken die mit hohen Brennkammerdr&uuml;cken arbeiten. Entsprechend schwerer sind sie. Bei den ersten Stufen kann man durch Rechnung leicht nachweisen, ist durch den hohen Schub ein hoher Tankdruck n&ouml;tig, sonst beschr&auml;nkt sich das Expansionsverh&auml;ltnis auf Werte um die 2. Ich habe mal die Rechnung mit der Titan II Erststufe durchgef&uuml;hrt. eine druckgef&ouml;rderte Version mit einem Brennkammerdruck von 32 Bar (LR-87: 54 bar) w&uuml;rde 9100 kg wiegen, die Stufe wog mit Pumpenf&ouml;rderung nur 5050 kg, also erheblich weniger. Doch das ist bei den unteren Stufen nicht so von Bedeutung, da zu der Brennschlussmasse ja noch die Oberstufen und Nutzlast kommen, die bei der Titan bis zu 45 t wiegen konnten. Bei der zweiten Stufe mit geringeren Anforderungen an den Schub ist der Unterschied nicht so gro&szlig;: 2750 zu 2.270 kg. In der Summe w&uuml;rde bei einer Titan II so die Nutzlast um etwa 30% absinken.<\/p>\n<p>Lohnen w&uuml;rde sich dieses Konzept &#8211; und deswegen wurde es auch &ouml;fters vorgeschlagen &#8211; bei Schwerlastraketen. Sie haben zwei Nachteile. Durch ihre Gr&ouml;&szlig;e ist die Entwicklung sehr teuer und sie werden nur wenig eingesetzt. Die ersten beiden SLS Starts finden zum Beispiel im Zweijahresabstand statt. Mit druckgef&ouml;rderten Triebwerken w&uuml;rde man eine Menge Geld sparen k&ouml;nnen. Die projektierte Sea Dragon sollte bis 550 t Nutzlast zu einem Preis von 59 bis 200 Dollar pro Pfund starten k&ouml;nnen, also nur 40% der Startkosten einer Saturn V. Daf&uuml;r wog sie 18000 t anstatt 2800 t, also mehr als sechsmal so viel obwohl die Nutzlast nur viermal h&ouml;her war. Dieses Konzept wurde sogar von der NASA begutachtet und sie best&auml;tigte zumindest, dass die Kosten korrekt berechnet waren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Idee, die regelm&auml;&szlig;ig, mindestens einmal pro Jahrzehnt durch die US-Raumfahrtindustrie geistert ist die des &#8222;Big Dumb Boosters&#8220;. Die Idee ist ganz einfach: die bisherigen Raketen sind zu teuer und zu komplex. eine einfache &#8222;dumme&#8220; Booster macht alles billiger. 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