{"id":8580,"date":"2013-10-05T00:21:01","date_gmt":"2013-10-04T22:21:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=8580"},"modified":"2013-10-05T08:31:33","modified_gmt":"2013-10-05T06:31:33","slug":"die-ssme-funktionsweise-des-triebwerks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2013\/10\/05\/die-ssme-funktionsweise-des-triebwerks\/","title":{"rendered":"Die SSME: Funktionsweise des Triebwerks"},"content":{"rendered":"<p>Weiter gehts mit meiner kleinen Reihe &uuml;ber das SSME (inzwischen auch als Aufsatz auf der Website). Diesmal &uuml;ber die Arbeitsweise des SSME. Wof&uuml;r sich leider niemand fand (und das schon zum zweiten Mal), war ein Freiexemplar eines meiner B&uuml;cher. Ich hatte das als Preis f&uuml;r den 7 Millionsten Besucher vorgesehen, der anstatt einem Counter ein L&ouml;sungswort bekam, dass er mir zuschicken sollte. Gestern wars soweit die 7 Millionen sind &uuml;berschritten (fast passend zum 15 j&auml;hrigen Website Jubil&auml;um), aber gemeldet hat sich niemand. Na ja vielleicht beim n&auml;chsten Datum. Das muss ich noch &uuml;berlegen ob ich das auf 7,5 Millionen oder 7.777.777 setze&#8230;. Doch nun zum SSME:<\/p>\n<p>Der Wasserstoff kommt vom Tank unter niedrigem Druck und passiert zuerst eine Niedrigdruck Turbopumpe (Low Pressure Fuel Turbopump LPFTP). Sie erh&ouml;ht den Druck, hat aber auch die Aufgabe, Kavitation in den Leitungen und in der Hochdruck Turbopumpe (High Pressure Fuel Turbopump HPFTP) zu verhindern. Kavitation entsteht durch die schnell bewegenden Turbinenbl&auml;tter. Es bilden sich Dampfblasen in der Fl&uuml;ssigkeit, die zusammenfallen und dabei Schockwellen erzeugen die Propellerbl&auml;tter besch&auml;digen k&ouml;nnen. Von der Niedrigdruckturbopumpe kommt der Wasserstoff dann zur Hochdruckturbopumpe.<!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" alt=\"Aufbau des Triebwerks\" src=\"\/img\/ssme-aufbau2.jpg\" width=\"574\" height=\"419\" align=\"left\" \/>Die Hochdruckpumpe bringt den Treibstoff auf hohen Druck, danach teilt sich der Weg auf. Die Hochdruckpumpe schafft dies wegen des gro&szlig;en Volumens nicht in einer Stufe, sondern hat mehrere Turbinenbl&auml;tter die mit hoher Geschwindigkeit (38000 U\/min) rotieren. Ihre Effizienz betr&auml;gt 74-78%. Die Pumpe, in etwa so gro&szlig; und so schwer wie ein Automotor hat mehr Leistung als f&uuml;nf Diesellokomotiven, trotz des kleinen Volumens. Die Turbinen sind f&uuml;r ein niedriges Druckgef&auml;lle ausgelegt. Der Eingangsdruck ist 1.5 mal h&ouml;her als der Ausgangsdruck. Da allerdings der Brennkammerdruck so hoch ist bedeutet dies, dass die der Gasstrom der zu den Turbinen kommt einen Druck von mehr als 300 Bar aufweisen muss. Dieser Druck wird durch die Vorbrenner gew&auml;hrleistet.<\/p>\n<p>Ein Teil des Wasserstoffs (40%) k&uuml;hlt die Brennkammer und D&uuml;se, verdampft und wird zu hei&szlig;en, unter hohem Druck stehenden Gas. Er treibt die Turbine der LPFTP Turbine an, liefert also die Kraft f&uuml;r deren Leistung. Danach wird er in den Injektor geleitet und mit dem Sauerstoff verbrannt. Der Wasserstoff tritt mit -221\u00b0C und 389 bar Druck in die Brennkammerwand &uuml;ber 430 R&ouml;hren ein, durchl&auml;uft diese und die D&uuml;se und erhitzt sich auf -8 \u00b0C, wobei der Druck auf 306 bar sank. Pro Sekunde werden f&uuml;r die Brennkammer 14 kg Wasserstoff ben&ouml;tigt. Das begrenzt die Wandtemperaturen auf 538\u00b0C. F&uuml;r die D&uuml;se werden 21 kg Wasserstoff pro Sekunde ben&ouml;tigt, die sie auf 510\u00b0C k&uuml;hlt. Hier tritt der Wasserstoff mit 388 bar Druck ein, der Druck nimmt nur leicht auf 373,6 bar ab.<\/p>\n<p>Ein zweiter Teil (ebenfalls 40%) k&uuml;hlt die D&uuml;se und wird dann ebenfalls in gasf&ouml;rmigem Zustand an die beiden Vorbrenner geleitet. Es gibt je einen f&uuml;r die F&ouml;rderung des Sauerstoffs und des Wasserstoffs. Sie verbrennen Wasserstoff mit Sauerstoff in einer wasserstoffreichen Mischung. Das begrenzt die Temperaturen auf unter 1000 K, w&auml;hrend in der Brennkammer &uuml;ber 3000 K herrschen. So k&ouml;nnen die Preburner ohne K&uuml;hlung arbeiten. Der hei&szlig;e, wasserstoffreiche Dampf der Vorbrenner treibt dann die jeweiligen Hochdruckpumpen an. Auch er wird nach Passage der Turbinen in die Brennkammer zur Verbrennung geleitet. Beide Preburner zusammen verbrennen 80% des Wasserstoffes mit 12% des Sauerstoffs, es resultiert so eine wasserstoffreiche Mischung (LH2\/LOX = 1.1, in der Brennkammer liegt es bei 6)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" alt=\"Querschnitt\" src=\"\/img\/ssme-querschnitt.jpg\" width=\"647\" height=\"419\" align=\"right\" \/>Der letzte, kleinste Teil des Wasserstoffs (20%) bleibt zuerst einmal fl&uuml;ssig. Er wird zur Schmierung von beweglichen Teilen in den Hochdruckpumpen genutzt und danach zur K&uuml;hlung dieser. Danach wird auch er in die Brennkammer geleitet. Nicht der ganze Wasserstoff wird sofort verbrannt, etwa 0,3 kg werden pro Sekunde wieder in den Tank zur&uuml;ck geleitet, da sonst durch Entnahme des Wasserstoffes der Eingangsdruck sinken w&uuml;rde. Dazu passieren sie einen W&auml;rmeaustauscher am Triebwerk, wo der Wasserstoff verdampft.<\/p>\n<p>Der Weg des Sauerstoffs ist &auml;hnlich. Auch hier gibt es eine Niedrigdruckpumpe (Low Pressure Oxidiser Turbopump LPOTP) und eine Hochdruckpumpe (High Pressure Oxidiser Turbopump HPOTP). Die LPOTP bringt den Sauerstoff auf einen ausreichenden Druck um Kavitation in der HPOTP zu verhindern, den er als n&auml;chstes passiert. Danach wird der Strom aufgeteilt. Beim Sauerstoff wird der gr&ouml;&szlig;te Teil direkt in den Injektor geleitet und dort mit dem Wasserstoff verbrannt. Ein kleiner Teil wird zu den beiden Vorbrennern geleitet und dort mit dem Wasserstoff verbrannt. Vorher passiert ein kleiner Teil eine Hilfsturbine, die diesen Teilstrom auf einen Druck von &uuml;ber 550 bar bringt, dieser Druck ist noch h&ouml;her als der Brennkammerdruck oder der Druck in den Hochdruckpumpen. Damit k&ouml;nnen die Ventile gesteuert werden, die sie sonst keine Chance h&auml;tten, gegen den Druck geschlossen zu werden. Mit dem Sauerstoff wird nichts gek&uuml;hlt oder geschmiert. Eine Besonderheit ist, dass nach dem Passieren der HPOTP Pumpe ein kleiner Teil des gasf&ouml;rmigen Sauerstoffs genutzt wird, um eine Boostpumpe anzutreiben, sie bringt den Sauerstoff vor Passieren der HPOTP auf h&ouml;heren Druck. In analoger Weise treibt ein Teil des Sauerstoffs die LPOTP an. Er wird dann mit dem LPOTP Fluss vereint. Auch hier werden 0,54 kg LOX pro Sekunde f&uuml;r die Aufrechterhaltung des Tankdrucks abgezweigt.<\/p>\n<p>Das Triebwerk ist herunterregelbar. Dies geht durch Anpassung des LOX-Flusses bei dem Sauerstoff-Vorbrenner. Dazu gibt es ein regelbares Servoventil. Das Mischungsverh&auml;ltnis wird durch Herunterregeln des Wasserstoffflusses vor dem Wasserstoff-Vorbrenner konstant gehalten.<\/p>\n<p>Die Brennkammer war im wesentlichen eine konventionellere Konstruktion. Hier war die Hauptherausforderung, dass bei ihr am meisten Gewicht gespart werden musste. Die Brennkammer bestand aus 280 R&ouml;hren aus NARloy-Z einer Legierung aus 96% Kupfer, 3% Silber und 0,5% Zirkonium. Silber und Kupfer ergaben eine hervorragende W&auml;rmeleitf&auml;higkeit, so leiteten die R&ouml;hren die W&auml;rme an Wasserstoff weiter der sie durchstr&ouml;mt. NARloy-Z verspr&ouml;det nicht unter dem Einfluss von Wasserstoff wie viele andere Legierungen. Auf sie wurde eine Schutzschicht aus Nickel elektrochemisch aufgetragen. Die Brennkammer wog nur 658 kg, war 43 cm lang mit einem maximalen Au&szlig;endurchmesser von 56 cm. Der minimale Innendurchmesser betrug 30 cm. Der Preis f&uuml;r das geringe Gewicht war, dass das SSME aus sehr vielen Schwei&szlig;verbindungen und nur wenig massivem Metall bestand. Das machte es leicht, aber auch aufwendig und es bedeutete eine Fehlerquelle. Bei den im Laufe der Einsatzdauer eingeflossenen Verbesserungen wurde die Zahl der Schwei&szlig;n&auml;hte betr&auml;chtlich reduziert.<\/p>\n<p>Bei Rocketdyne hat das Triebwerk die n&uuml;chterne Bezeichnung RS-25. Ein angeh&auml;ngter Buchstabe signalisiert die Generation. Die letzten Flugexemplare waren RS-25D (Block II) und RS-25E (mit AHMS System). Es besteht aus insgesamt 50.000 Einzelteilen. Beim Original waren es &uuml;ber 1000 Schwei&szlig;verbindungen zwischen den Einzelteilen. Sp&auml;ter wurden sukzessive die Schwei&szlig;verbindungen reduziert, was zum einen den Aufwand f&uuml;r die Inspektion verringerte, da jeder regelm&auml;&szlig;ig untersucht werden musste. Zum anderen erlaubten Fortschritte in der Gus&szlig;technologie auf Schwei&szlig;verbindungen zu verzichten.<\/p>\n<h2>Technische Herausforderungen<\/h2>\n<p>Zwei wesentliche Herausforderungen gab es bei dem SSME. Das eine waren die extrem hohen auftretenden Dr&uuml;cke, bedingt dadurch dass der Gro&szlig;teil des Wasserstoffs noch vor dem Erreichen der Brennkammer in Gas umgewandelt wird und so sein Volumen vervielfacht (entsprechend den Druck) und gleichzeitig d&uuml;rfte das Triebwerk nicht zu schwer sein, weil es bis in den Orbit transportiert wird. Betroffen waren vor allem die Hochdruckturbinen an denen die h&ouml;chsten Dr&uuml;cke anlagen, weil sie den Treibstoff gegen den Brennkammerdruck pressen mussten. Das verdeutlichen die Dr&uuml;cke bei den ersten Exemplaren an folgenden Stationen:<\/p>\n<table style=\"width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<th>Station<\/th>\n<th>Druck LH2<\/th>\n<th>Druck LOX<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>vom Tank kommend<\/td>\n<td>2 bar<\/td>\n<td>7 bar<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>nach Verlassen der Niedrigdruckpumpe<\/td>\n<td>17,2 bar<\/td>\n<td>27,8 bar<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>nach dem Vorbrenner<\/td>\n<td><\/td>\n<td>347 bar<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>nach Verlassen der Hochdruckpumpe<\/td>\n<td>413 bar<\/td>\n<td>310 bar<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>in der Brennkammer<\/td>\n<td>207 bar<\/td>\n<td>207 bar<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Der Druck ist die eine Sache, die andere ist dass trotzdem das Triebwerk sehr leicht sein sollte. Soweit m&ouml;glich wurde geschwei&szlig;t, was insgesamt eine Tonne Material einsparte, aber &uuml;ber 1000 Schwei&szlig;verbindungen ergab.<\/p>\n<p>Die Leistung war bezogen auf das Gewicht enorm. Die Kombination von Breburner und Turbopumpe war 1,20 m lang und 60 cm breit. Die Leistung betrug 23.068 PS bei der Sauerstoff und 61.420 PS bei der Wasserstoffpumpe, siebenmal mehr als bei der J-2 Pumpe, die 8.668 PS leistete. Dies wurde w&auml;hrend der Entwicklung noch gesteigert. Jedes Pfund Gewicht der 351 kg schweren Hochdruckwasserstoffpumpe leistete etwa 100 PS, dagegen liegt bei einem Motor in einem PKW die Leistung bei etwa 0,5 PS pro Pfund Gewicht.<\/p>\n<p>Die hohen Anforderungen sind das eine. Gleichzeitig sollte das Triebwerk wiederverwendbar sein. Das bedeutete seine Lebensdauer musste erheblich h&ouml;her sein als bei allen bisher entwickelten Exemplaren. Die Lebensdauer eines Triebwerks ist h&ouml;her als seine nominelle Betriebszeit. Zum einen braucht man Sicherheitsreserven, zum anderen ist es &uuml;blich bei bemannten Eins&auml;tzen das Triebwerk vorher zu testen. Ein F-1 wurde vor dem Start dreimal getestet und absolvierte dabei ein Testprogramm das erheblich l&auml;nger als die sp&auml;tere Einsatzzeit war. F&uuml;r die letzte Generation betrug die Solllebensdauer 10 Z&uuml;ndungen und 3600 s Betriebszeit. Das SSME sollte 55-mal gez&uuml;ndet werden k&ouml;nnen und eine Betriebsdauer von 27.000 d aufweisen. Diese Werte sind 5-7 mal h&ouml;her als bei bisherigen Triebwerken.<\/p>\n<p>Schon w&auml;hrend der Entwicklung musste man Abstriche machen. Geplant war ein spezifischer Impuls von 4472 m\/s, korrespondierend mit einem Ausgangsdruck der Hochdruckpumpen von 326 \/ 437 bar. Dies war nicht erreichbar, ebenso wenig wie die geplante Masse von 3050 kg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiter gehts mit meiner kleinen Reihe &uuml;ber das SSME (inzwischen auch als Aufsatz auf der Website). Diesmal &uuml;ber die Arbeitsweise des SSME. 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