{"id":8616,"date":"2013-10-08T00:54:52","date_gmt":"2013-10-07T22:54:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=8616"},"modified":"2013-10-08T08:44:22","modified_gmt":"2013-10-08T06:44:22","slug":"wofuer-wir-den-jupiter-brauchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2013\/10\/08\/wofuer-wir-den-jupiter-brauchen\/","title":{"rendered":"Wof&uuml;r wir den Jupiter brauchen"},"content":{"rendered":"<p>So ich will mal die Reihe &uuml;ber das SSME unterbrechen, damit es nicht zu langweilig wird und mal einen Aufsatz aus dem Bereich Astronomie ver&ouml;ffentlichen. Morgen gehts dann mit der turbulenten Entwicklungsgeschichte der SSME weiter.<\/p>\n<p>Jupiter ist ein toller Planet. Er ist ein Sonnensystem im kleinen, alleine vier seiner Monde sind so gro&szlig; wie der Mond oder gr&ouml;&szlig;er, zwei sogar gr&ouml;&szlig;er als der Merkur. Er hat eine turbulente und sich laufend ver&auml;ndernde Atmosph&auml;re &#8211; anders als bei Saturn, Uranus und Neptun wo sie eher ruhig ist oder es feste B&auml;nder gibt. Er hat ein enorm gro&szlig;es und starkes Magnetfeld und daher auch einen sehr starken Strahleng&uuml;rtel, das macht die Erforschung des inneren Jupitersystems etwas schwierig. Er hat auch einen Ring, nur ist der etwas mickrig.<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jupiter_(Planet)\">Jupiter<\/a> ist nicht nur ein dankbare Beobachtungsobjekt &#8211; inzwischen k&ouml;nnen schon Amateure mittels der Addition von vielen kurzzeitbelichteten Aufnahmen genauso gute Aufnahmen wie vor wenigen Jahren noch Profis machen, sondern er ist auch wichtig f&uuml;r die Raumfahrt und noch wichtiger f&uuml;r unser Sonnensystem.<\/p>\n<p>Die Bedeutung von Jupiter liegt in seiner Masse und seiner Position. Jeder Planet hat eine Einflusssph&auml;re (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sphere_of_Influence\">Sphere of Influence<\/a> SOI). Das ist eine Kugel rund um den Planetenmittelpunkt, in dem seine Gravitationskraft die der Sonne oder anderer Planeten &uuml;berwiegt. F&uuml;r die Berechnung kann man die Planeten weglassen, weil selbst der gr&ouml;&szlig;te, eben Jupiter nur ein Tausendstel der Masse der sonne hat.<\/p>\n<p>Diese Einflussph&auml;re kann man berechnen nach:<\/p>\n<p>r = h * (M<sub>Planet <\/sub>\/ M<sub>Sonne<\/sub>) <sup>0.4<\/sup><\/p>\n<p>mit<\/p>\n<p>h = Halbachse der Bahn (eigentlich: momentaner Anstand des Planeten von der Sonne)<\/p>\n<p>M<sub>Planet <\/sub>= Masse des Planeten<\/p>\n<p>M<sub>lSonne <\/sub>= Masse der Sonne<\/p>\n<p>Rechnet man das aus, so kommt man f&uuml;r die acht Planeten auf folgende Einflusssph&auml;ren:<\/p>\n<table border=\"0\" cellspacing=\"0\">\n<colgroup width=\"67\"> <\/colgroup>\n<colgroup width=\"146\"> <\/colgroup>\n<colgroup width=\"134\"> <\/colgroup>\n<colgroup width=\"199\"> <\/colgroup>\n<colgroup width=\"196\"> <\/colgroup>\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"LEFT\" height=\"20\"><b>Planet<\/b><\/td>\n<td align=\"LEFT\"><b>Abstand [Mill. km]<\/b><\/td>\n<td align=\"LEFT\"><b>Masse [Erde=1]<\/b><\/td>\n<td align=\"LEFT\"><b>Einflusssph&auml;re [Mill. Km]<\/b><\/td>\n<td align=\"LEFT\"><b>Prozent der Umlaufbahn<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"LEFT\" height=\"20\">Merkur<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">57,91<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">0,06<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">0,11<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">0,031<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"LEFT\" height=\"20\">Venus<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">108,21<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">0,81<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">0,62<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">0,091<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"LEFT\" height=\"20\">Erde<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">149,60<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">1,00<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">0,92<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">0,098<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"LEFT\" height=\"20\">Mars<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">227,90<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">0,11<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">0,58<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">0,040<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"LEFT\" height=\"20\">Jupiter<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">778,34<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">317,70<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">48,21<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">0,986<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"LEFT\" height=\"20\">Saturn<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">1427,01<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">93,50<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">54,56<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">0,608<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"LEFT\" height=\"20\">Uranus<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">2859,60<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">14,80<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">51,99<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">0,289<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"LEFT\" height=\"20\">Neptun<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">4496,90<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">17,10<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">86,58<\/td>\n<td align=\"RIGHT\">0,306<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Zeichnet man die Distanz von der Sonne gegen den Prozentsatz der Umlaufbahn auf, so erh&auml;lt man folgende Grafik:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft\" alt=\"Einflussph&auml;re\" src=\"\/img\/einflussphaere.png\" align=\"left\" \/>Man sieht deutlich das es bei Jupiter ein Maximum gibt. Auf der einen Seite nimmt nat&uuml;rlich die Gr&ouml;&szlig;e der Einflusssph&auml;re stark zu, wenn man sich von der Sonne entfernt. Das liegt an der Potenz zu 2\/5. Doch da die Halbachse ebenso ansteigt macht sie absolut nur einen kleinen Teil der Umlaufbahn aus. Der Prozentsatz SOI verglichen zur zur&uuml;ckgelegten Strecke in der Umlaufbahn h&auml;ngt dagegen nur von der Masse des Planeten ab. W&auml;re es daher egal wo Jupiter steht?<\/p>\n<p>Nein ist es nicht. Zum einen st&ouml;rt Jupiter durch seine Gravitationskraft auch die umlegenden Planeten, zumindest wenn sie leicht sind. Der Asteroideng&uuml;rtel ist da, weil Jupiter durch seine Gravitationskraft verhinderte, dass sich dort ein Planet bildete. Selbst Mars, immerhin 500 Millionen km von Jupiter entfernt hat eine exzentrische Umlaufbahn, die noch dazu durch die St&ouml;rungen langfristige Schwankungen hat. Mars kann sich der Sonne bis auf 206 Millionen km n&auml;hern, aber auch bis auf 249 Millionen km entfernen. Bei der Erde liegt die Differenz zwischen sonnenn&auml;chsten und sonnenfernstem Punkt bei einem Achtel dieses Wertes (5 Millionen km, am sonnenn&auml;chsten ist die erde &uuml;brigens um den 6 Januar, weshalb der Sommer auf der S&uuml;dhalbkugel einen kleinen Tick hei&szlig;er als im Norden ist). Die Venus hat schon eine ganz kreisf&ouml;rmige Umlaufbahn.<\/p>\n<p>W&auml;re Jupiter n&auml;her der Erde, so w&auml;re die Umlaufbahn der Erde nicht stabil. Doch k&ouml;nnte er weiter weg sein? Auch das w&auml;re nicht besonders gut. Jupiter sch&uuml;tzt uns wie ein Staubsauger vor Kometen. Das kann man rechnerisch nachweisen. Doch hat man seit Shoemaker Levey 9 auch einen visuellen Beweis. Jupiter f&auml;ngt sie ein, oder ver&auml;ndert ihre Bahnen. Die meisten Kometen kommen von der Oortschen Wolke und haben parabolische oder hyperbolische Bahnen, n&auml;hern sich der Sonne also nur einmal. Es k&ouml;nnte sein, dass viele von ihnen periodisch sind, aber wenn dann ist die Periode so lang, dass sie sich unseren Begriffen entzieht und sie auch schwere von einer Parabelbahn an den Orbitelementen zu unterscheiden ist. Jupiter f&auml;ngt sie ein, sie schlagen dann auf ihm ein oder ver&auml;ndert ihre Bahn. Sie werden aus dem Sonnensystem rausgeschleudert oder schlagen auf der Sonne ein &#8211; und das sind nicht Wenige mit SOHO hat man erstmals diese Kometen entdeckt die sich der Sonne so stark n&auml;hern dass sie komplett verdampfen und SOHO entdeckte &uuml;ber 1000 dieser Kometen. Wir sehend das sogar in j&uuml;ngster Vergangenheit. Der Komet Tempel 1 wurde 1867 entdeckt und hatte damals eine Umlaufperiode von 5,74 Jahren. Er passierte Jupiter 1881 in einem Abstand von 82 Millionen km, zwar au&szlig;erhalb der Einflusssph&auml;re, doch es reichte aus die Umlaufszeit auf 6,5 Jahre anzuheben.<\/p>\n<p>Kometen haben eine elliptische Umlaufbahn. Die Wahrscheinlichkeit, das Jupiter einen einfangen kann ist um so gr&ouml;&szlig;er je sonnenn&auml;her Jupiter steht. Doch sollte er wie schon oben erl&auml;utert nicht zu nahe der Sonne sein, daher steht er an der richtigen Position. Ein weiterer Faktor kommt dazu: Die Gravitationskraft nimmt anders als die SOI quadratisch ab. W&uuml;rde Jupiter z.B. in Neptunentfernung stehen so w&uuml;rde er am Rande der dann 278,53 Millionen km gro&szlig;en Einflusssph&auml;re eine Kraft von 1,63&#215;10<sup>-6<\/sup> N pro Kilogramm Masse. In seiner normalen Umlaufbahn ist die Einflusssph&auml;re nur 48,21 Millionen km gro&szlig;, aber die Kraft betr&auml;gt dann 5,444&#215;10<sup>-5<\/sup> N, ist also 33-mal gr&ouml;&szlig;er. So kann der Kurs von Objekten viel st&auml;rker beeinflusst werden.<\/p>\n<p>W&auml;ren dann vielleicht mehrere Jupiter geschickt? Vielleicht wenn Saturn auch so schwer wie der Jupiter w&auml;re? Nein das ganze klappt nur wenn ein schwerer K&ouml;rper vorhanden ist. Simulationen zeigen, dass wenn es zwei Riesenplaneten in einem System gibt uns sie zu nahe beieinander sind, die Bahnen instabil werden. Einer, manchmal auch beide Riesen bekommen immer elliptischer Bahnen. Das kann dazu f&uuml;hren, das ein K&ouml;rper aus dem System herausgeschleudert wird. Andere, sonnennahe kleine Planeten haben noch weniger Chancen. Die kombinierte Gravitationskraft beider Riesenplaneten sorgt daf&uuml;r dass sie in geologisch kurzen Zeitr&auml;umen entweder auf die Sonne st&uuml;rzen oder ebenfalls aus dem Sonnensystem herausgeschleudert werden. <a href=\"http:\/\/www.scinexx.de\/wissen-aktuell-7531-2007-12-13.html\">Modellrechnungen<\/a> zeigten schon, dass in unserem Sonnensystem Uranus und Neptun 650 Millionen Jahre lang vertauschte Pl&auml;tze hatten. Neptun war damals 15% n&auml;her der Sonne als Uranus. Ursache ist eine 2:1 Resonanz zwischen Jupiter und Saturn (alle zwei Uml&auml;ufe von Jupiter kommt er Saturn sehr nahe und die Gravitationskraft verst&auml;rkt sich). Das zeigt das <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nizza-Modell\">Nizza Modell<\/a>.<\/p>\n<p>So befindet sich Jupiter in der richtigen Position und er ist auch der einzige Riesenplanet (oder zumindest dreimal schwerer als Saturn der in einem sicheren Abstand seine Kreise zieht). Man erkennt den Effekt auch an den vielen eingefangenen Monden: Inzwischen hat man 67 Monde bei ihm gefunden, mehr als bei jedem anderen Planeten. Auch sie befinden sich meist auf elliptischen und strak geneigten Bahnen mit Ausnahme von drei sehr nahen Asteroiden und den vier gro&szlig;en galileischen Monden kommt keiner der anderen 60 Monde mehr als 10 Millionen km an den Jupiter heran. In zweien der f&uuml;nf Librationspunkte, das sind in dem Dreik&ouml;rpersystem Asteroid-Sonne-Jupiter stabile Punkte, befinden sich auch Asteroiden die man nach den Parteien im trojanischen Krieg Trojaner und Griechen nennt mit den beiden gr&ouml;&szlig;ten Vertretern Hektor und Achilles. Es sind &uuml;ber 3000 Trojaner und &uuml;ber 1700 Griechen bekannt. Die Trojaner eilen Jupiter um 60 Grad voraus, die Griechen folgen ihm im 60 Grad Winkel nach.<\/p>\n<p>F&uuml;r die Raumfahrt ist Jupiter auch g&uuml;nstig. Aus einer Hinsicht. Er dient als Sprungbrett f&uuml;r Missionen die von der Erde aus zu viel Energie erfordern. Jupiter kann:<\/p>\n<ul>\n<li>Aus einer Erde-Jupiter Transferbahn eine hyperbolische Bahn machen, die mit hoher Geschwindigkeit (&gt;18 km\/s) aus dem Sonnensystem herausf&uuml;hrt<\/li>\n<li>Eine Raumsonde zu einem anderen &auml;u&szlig;eren Planeten umlenken und beschleunigen (Verk&uuml;rzung der Reisezeit)<\/li>\n<li>Die Bahnneigung um 90 Grad drehen und so aus einer ekliptischen eine polare Sonneunumlaufbahn machen<\/li>\n<li>Den sonnenn&auml;chsten Punkt soweit absenken, dass eine Sonde in die Sonne st&uuml;rzt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wie stark die Bahn beeinflusst wird, h&auml;ngt aber nicht nur von der Masse des Planeten und dem Anflugwinkel ab, sondern auch mit seiner Bahngeschwindigkeit und die der Sonde. Eine Raumsonde die auf einer <a href=\"\/planetare-bahnen.shtml\">Hohmanntransferbahn<\/a> zu Jupiter fliegt hat bei Jupiter nur noch eine Geschwindigkeit von 7,4 km\/s. es fehlen ihr 5,6 km\/s f&uuml;r eine Kreisbahn, daher kann der Planet sie viel besser umlenken als wenn die Sonde mit h&ouml;herer Geschwindigkeit sich n&auml;hern w&uuml;rde.<\/p>\n<p>Bedingt durch die Umlaufbahn von Jupiter die eine Periode von 11,86 Jahren hat, gibt es auch mehrere Startfenster. Je nachdem wie stark man sich Jupiter n&auml;hert. So gibt es einen zeitraum von 2-3 Jahren bei denen sich alle 13 Monate Startgelegenheiten gibt f&uuml;r eine Umlenkung zu den &auml;u&szlig;eren Planeten. Diese Periode muss dann noch mit der gemeinsamen Periode von Jupiter und dem Planeten abgestimmt werden. Sie liegt bei Saturn bei 20 Jahren (Start 1977: <a href=\"\/voyager.shtml\">Voyager<\/a>, Start 1997: <a href=\"\/cassini-mission.shtml\">Cassini<\/a>, n&auml;chste Gelegenheit: 2017) und nimmt dann auf 13,8 Jahre bei Uranus ab. Bei Neptun oder zu einem KBO sind es dann 13 Jahre.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/777444406ab643fca52b35a7d55b3d71\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So ich will mal die Reihe &uuml;ber das SSME unterbrechen, damit es nicht zu langweilig wird und mal einen Aufsatz aus dem Bereich Astronomie ver&ouml;ffentlichen. Morgen gehts dann mit der turbulenten Entwicklungsgeschichte der SSME weiter. Jupiter ist ein toller Planet. 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