{"id":9289,"date":"2014-01-20T00:46:23","date_gmt":"2014-01-19T23:46:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=9289"},"modified":"2014-01-20T09:41:26","modified_gmt":"2014-01-20T08:41:26","slug":"wird-es-die-ariane-6-wuppen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2014\/01\/20\/wird-es-die-ariane-6-wuppen\/","title":{"rendered":"Wird es die Ariane 6 wuppen?"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man die Nachrichten verfolgt so scheint die ESA ja sehr optimistisch mit der Ariane 6 wieder konkurrenzf&auml;hig zu werden. Ziel sind 70 Millionen Euro Startpreis f&uuml;r 7 t Nutzlast. Neben h&ouml;heren Produktionsziffern durch Einzelstarts und identische Booster in erster und zweiter Stufe soll auch eine Neustrukturierung des Tr&auml;gersektors sein. Auch nicht-Raumfahrtfirmen sollen sich f&uuml;r Strukturen bewerben k&ouml;nnen und es soll nur noch 50 anstatt 150 Firmen geben.<\/p>\n<p>Doch wird es klappen? Ich bin skeptisch. In der Retrospektive ist es eher erstaunlich, dass Europa bisher so erfolgreich war. An dieser stelle eine kleine Revue der bisherigen Tr&auml;gerentwicklung. Europa baute die Ariane 1 als Tr&auml;ger f&uuml;r eine europ&auml;ische Eigenst&auml;ndigkeit mit geringem technologischen Risiko. Sehr bald bekam Arianespace die nur als erste Firma nur f&uuml;r die Vermarktung von Tr&auml;gern gegr&uuml;ndet wurde (lange bevor in den USA man das als &#8222;private Raumfahrt&#8220; neu erfand) Auftr&auml;ge, den ersten von Intelsat. Das waren damals Vorschusslorbeeren, von denen die Firma profitierte.<!--more--><\/p>\n<p>In der folge hat man die Ariane 1 recht preiswert in der Leistung gesteigert indem man einfach etwas streckte, bew&auml;hrte Komponenten neu einsetzte und zwei kleine Feststoffbooster dazu nahm. Herauskamen Ariane 2-4. Als letztere ihren Erstflug hatte, d&uuml;rften die US-Shuttles keine kommerziellen Nutzlasten mehr transportieren und die US-Anbieter f&uuml;r Tr&auml;ger mussten erst mal wieder die Produktion hochfahren &#8211; die Jahre nutzte Arianespace um sich als Marktf&uuml;hrer zu positionieren und blieb dies seitdem.<\/p>\n<p>Die US-Industrie erweis sich nicht als die gro&szlig;e Konkurrenz, die Delta II war bald zu klein, die Titan 4 zu teuer und die Atlas litt unter einem wenig flexiblen System um sich an die Gr&ouml;&szlig;e der Nutzlast anzupassen. Zus&auml;tzlich erniedrigte die Inklination von 28 Grad auch noch die Nutzlast um 15%.<\/p>\n<p>Noch bevor die Ariane 4 ihren Jungfernflug hatte beschloss man die Ariane 5. Damals leider als nicht sehr weitreichende Entscheidung nicht prim&auml;r als Tr&auml;ger f&uuml;r Kommunikationssatelliten, sondern f&uuml;r den Raumgleiter Hermes und das Labor Columbus. W&auml;hrend die Rakete in Ma&szlig;en noch den laufenden Gewichtsteigerungen von Hermes bei der fr&uuml;hen Entwicklung folgte, lies man alle Optionen fallen, die anfangs f&uuml;r den kommerziellen Transport vorgesehen waren f&uuml;r eine leistungsf&auml;hige Oberstufe. Das alles musste man sp&auml;ter in Ausbauprogrammen teuer nachliefern.<\/p>\n<p>Ariane 5 hatte nicht nur einen schweren Start mit zwei Fehlstarts bei den Jungfernfl&uuml;gen der Generic und Evolution Versionen (plus zweiter Starts mit fehlerhaften Orbits, die man nach SpaceX Nomenklatur aber als 100% Mission Success ansehen kann), sie erwies sich auch nicht als so preiswert wie gedacht. Geplant war ein Startpreis von 100 Millionen Dollar, es waren anfangs 100 Millionen Euro und sind nun 160 Millionen Euro. Gemessen daran, das die Nutzlast gr&ouml;&szlig;er ist, hat man zwar den Preis &uuml;ber 15 Jahre pro Kilogramm hakten k&ouml;nnen, aber &#8211; und das ist die Crux, die Konkurrenzsituation hat sich ge&auml;ndert.<\/p>\n<p>Konkurrenz sind heute nun nicht mehr US-Tr&auml;ger, die noch teurer als die Ariane 5 sind, sondern russische Tr&auml;ger. Auch wenn in Russland vieles durch die Inflation teurer geworden ist, so sind die Herstellungskosten doch nicht mit denen in Europa zu vergleichen. Als Phobos Grunt 2011 <a href=\"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/phobos-grunt-fehlschlag.shtml\">scheiterte<\/a>, wurde bekannt, dass die gesamte Mission 5 Milliarden Rubel, das waren damals 120 Millionen Euro. Nun kostet aber alleine die Zenit, wenn sie im Westen angeboten wird rund 70 Millionen Euro. Es f&auml;llt schwer zu glauben, dass man f&uuml;r den Rest die ganze Raumsonde und Instrumente bauen konnte und man die Mission durchf&uuml;hren konnte. Es wird eher so sein, dass die Herstellungskosten in Russland viel geringer sind, vielleicht halb so hoch wie bei uns, wenn nicht geringer. Damit einher geht bei russischen Starts allerdings auch ein sehr hohes Verlustrisiko &#8211; Phobos Grunt, aber auch einige Proton Fehlstarts die fast immer nur russische Nutzlasten betreffen zeigen dies. Trotzdem erfreut sich die Proton gro&szlig;er Beliebtheit.<\/p>\n<p>China k&ouml;nnte auch noch mithalten, wird mit der Langen Marsch sogar noch in der Nutzlast ausschlie&szlig;en und f&uuml;hrt ein geographisch g&uuml;nstig gelegeneres Gel&auml;nde ein. Allerdings verhindern derzeit noch ITAR Exportrichtlinien, dass chinesische Unternehmen Satelliten starten d&uuml;rfen die US-Bauteile enthalten, was bei den meisten der Fall ist. Am unteren Ende der Nutzlastskala kommt nun auch SpaceX dazu. Bei ihnen muss man sehen ob sie in Zukunft halten k&ouml;nnen, was sie versprechen, das gilt nicht nur beim Preis sondern auch bei der Erledigung von Auftr&auml;gen bei denen sie ja schon teilweise Jahre hinterherhinken. Immerhin kann man nach den ersten zwei Starts sagen dass sie keine gro&szlig;e Bedrohung sind, denn durch die Forderung nach Ariane 5 kompatiblen Orbits wird die Nutzlast von 4,85 auf rund 3,3 t gesenkt. So k&ouml;nnen sie nur kleine Satelliten starten.<\/p>\n<p>Was jedoch ein Dauerproblem ist, ist das wirtschaftliche Umfeld. Wenn ein Konkurrent auftaucht, der es &#8222;richtig macht&#8220;, also eine gleich gute Tr&auml;gerrakete zu derselben Preisstruktur fertigt, dann hat Europa immer noch zwei fundamentale Nachteile. Das eine ist die Struktur der ESA. Nach dem Prinzip des &#8222;geographical returns&#8220; bekommt jeder Einzahler Auftr&auml;ge in derselben H&ouml;he. Das bedeutet man muss die Auftr&auml;ge nach L&auml;ndern verteilen und die Rakete entsteht in ganz Europa. Das Vulcain 2 wird von SNECMA in Frankreich als Hauptverantwortlicher gefertigt, doch die Brennkammer stammt aus EADS Deutschland in Ottobrunn, die Turbopumpe von Volvo in Schweden, die D&uuml;seneweiterung von GKN Aerospeace in england und die Hydraulik um das Triebwerk zu schwenken von MT Aerospace in Augsburg. Das ein Produkt, das so entsteht, zwangsweise teurer ist als eines das man in einem Herstellungsort fertigt d&uuml;rfte klar sein. Man hat das erkannt und will nun weniger Firmen haben, doch am Grund&uuml;bel kann man nichts &auml;ndern. Zum anderen haben wir die technologische Kompetenz auch unterschiedlich verteilt. In Deutschland hat man seit den Sechzigern nur kleine Triebwerke mit lagerf&auml;higen Treibstoffen entwickelt. Italien hat den Einstieg in die CFK-Fertigung von gro&szlig;en Feststoffboostern gewagt. Aus der technologischen Kompetenz w&auml;re es daher sinnvoller, wenn die Ariane 6 nicht mehr als ESA Projekt, sondern als Franz&ouml;sisch-Italienisches Projekt entstehen w&uuml;rde, das t&auml;te auch der Kostenstruktur gut.<\/p>\n<p>Das zweite ist der Euro. Mit der Einf&uuml;hrung dessen hat sich vieles ge&auml;ndert. Ariane 1-4 wurden in franz&ouml;sischen Francs angeboten. Diese nicht sehr harte W&auml;hrung hatte einen g&uuml;nstigen Wechselkurs zum Dollar. Mit dem Euro hat sich das ge&auml;ndert. Anfangs war der Wechselkurs 1:1 zum Dollar, stieg dann aber mit der nachgebenden US-Wirtschaft unter der Bush Regierung langsam an um vor dem B&ouml;rsencrash rund 1,45 Dollar pro Euro zu erreichen. Anders ausgedr&uuml;ckt: da international Satellitenstarts in Dollar verkauft werden ist Ariane 5 um 45% teurer geworden, derzeit sind es nach gesunkenem Kurs immer noch 37% mehr als geplant.<\/p>\n<p>Das hat die ESA auf den Plan gerufen. Von 2005 bis 2009 zahlte sie 960 Millionen Euro damit Arianespace seine Preise nicht erh&ouml;hen musste. Danach war der Kurs etwas g&uuml;nstiger und es gelang (in geringem Ma&szlig;e) auch die Fertigungskosten zu senken. Trotzdem zahlt auch heute noch die ESA 100 bis 120 Millionen Euro als Subvention pro Jahr. Das wird auch kritisiert, da beim neuem Batch die kosten nur um wenige Prozent gegen&uuml;ber dem letzten von 2009 gesenkt wurden. Immerhin wird Ariane 5 nicht teurer. Kritisiert wird dass diese Ausfallb&uuml;rgschaft nicht dazu f&uuml;hrt die Produktionskosten zu senken, aber seien wir ehrlich, das macht jede Regierung so. Die USA zahlen noch einiges mehr an ULA und Japan startet auch nur auf ihren sehr teuren H-IIA und H-IIB.<\/p>\n<p>Ich bef&uuml;rchte daran wird sich auch bei einer Ariane 6 nichts &auml;ndern. Bevor man aber f&uuml;r einige Milliarden Euro (wie teuer es wird wei&szlig; man ja auch noch nicht) eine neue Rakete konstruiert sollte man &uuml;berlegen was man will. Ich verstehe die Argumentation, dass man mit Einzelstarts besser f&auml;hrt &#8211; h&ouml;here Startrate, weniger Probleme Nutzlasten zu kombinieren. Ariane 4 startete Mitte der Neunziger bis zu 12 mal pro Jahr, Ariane 5 ist nun bei 6 Starts, und es f&auml;llt immer schwerer zwei Nutzlasten zu kombinieren. Auf der anderen Seite halte ich die Beschr&auml;nkung auf 7 t Nutzlast f&uuml;r kurzsichtig. Zwar hat sich, nachdem seit 1960 die Startmasse stetig anstieg sich nun die maximale Masse bei 6 t eingependelt, doch das liegt daran das Kunden zwei Startm&ouml;glichkeiten haben wollen und da ist eben bei der Proton und Zenit bei 6 t Schluss. Wenn die Ariane 6 kommt gibt es aber die Angara 5 und 7, die Langer Marsch 5 und Falcon heavy, alle mit h&ouml;heren GTO-Nutzlasten.<\/p>\n<p>Das zweite sind die Entwicklungskosten. Die sind seit Ariane 5 ziemlich hoch. Schon Ariane 5 war teuer, die Weiterentwicklung kostete dann noch einige Milliarden, ohne das was wesentliches neu entwickelt wurde. Wenn es die ESC-B mal geben wird, dann wird mit allen Vorfinanzierungen die stufe 2 Milliarden Euro kosten &#8211; 2 Milliarden Euro nur f&uuml;r eine Oberstufe. Ariane 6 soll 3-4 Milliarden Euro kosten, genau wird man es wohl erst nach einem, <a href=\"http:\/\/www.spacenews.com\/article\/launch-report\/39156esa-puts-price-tag-on-ariane-5-me-completion\">Review im Juli wissen.<\/a> F&uuml;r mich sieht das so aus: wir brauchen eine kryogene Oberstufe &#8211; da entwickeln wird schon eine, warum kann man die nicht 1:1 auf der Ariane 6 einsetzen &#8211; bei anderen Stufen (Agena, Centaur, Block DM, Breeze) ging das doch auch. Dann haben wir noch Feststoffbooster &#8211; haben wir da nicht gerade welche f&uuml;r die Vega entwickelt? Warum skaliert man die nicht hoch und warum kostet dann die ganze Rakete so viel?<\/p>\n<p>Meine Meinung: erst mal sehen wie man Ariane 5 preiswert erweitern kann, Vorschl&auml;ge habe ich ja schon gemacht, dazu geh&ouml;rt auch, dass man sich mit dem Vorschlag f&uuml;r die ESC-B mit Rekordtrockenmasse nicht zufrieden gibt. Glaubt man ESA eigenen Dokumenten m&uuml;sste man durch CFK-Booster, ESC-B und ein preiswerteres Vulcain 3 auf 14 t Nutzlast kommen. Dann wird der Tr&auml;ger auch preiswerter. Mit der ESC-B k&ouml;nnte man auch ESA Raummissionen und GTO-Nutzlasten zusammen starten was anscheinend auch ein Grund f&uuml;r die Ariane 6 sein soll. Wird die Ariane 5 nicht ausgelastet sollte man &uuml;berlegen ob man bezuschusst oder nicht. M&uuml;ssen wir Kommunikationssatelliten f&uuml;r Drittl&auml;nder starten oder nur unsere eigenen Nutzlasten? Die USA tun ja genau dies seit nun 10 Jahren. Ich bin mir nicht sicher ob die Ariane 6 die Erwartungen der ESA erf&uuml;llt.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/36fc39d541374aa3aef916ad9d7d2e54\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man die Nachrichten verfolgt so scheint die ESA ja sehr optimistisch mit der Ariane 6 wieder konkurrenzf&auml;hig zu werden. Ziel sind 70 Millionen Euro Startpreis f&uuml;r 7 t Nutzlast. Neben h&ouml;heren Produktionsziffern durch Einzelstarts und identische Booster in erster und zweiter Stufe soll auch eine Neustrukturierung des Tr&auml;gersektors sein. 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