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Abdul Ahad Momand

Es geht heute um Abdul Ahad Momand. Momand war Astronaut, und mir unbekannt bis letzten Freitag. Wer schon mal in meiner Raumfahrtsektion gestöbert hat, weis auch warum: Ich interessiere mich nicht besonders für bemannte Raumfahrt und insbesondere bei Astronauten gibt es alleine durch die Space Shuttle Flüge so viele, dass man leicht den Überblick verliert. Ich kenne namentlich mit wenigen Ausnahmen eigentlich nur die Astronauten der US-Programme Mercury, Gemini und Apollo. Warum ich mich für Abdul Ahad Mohmand interessiere ? Nun weil ich erst seit Freitag letzter Woche weis, dass er in dem gleichen Ort lebt wie ich ! Das ist doch Grund genug für einen Aufsatz

Als die USA Mitte der siebziger Jahre ankündigten mit dem Space Shuttle könnten auch ausländische Astronauten mitfliegen, um Experimente zu betreuen, kam es zu einem der letzten Wettrennen der Supermächte um Prestige im Weltraum. Die Sowjetunion initiierte ein Programm, bei dem nun auch ausländische Astronauten (in Russland Kosmonauten genannt) mitfliegen konnten. Dieses Interkosmos Programm begann 1978 und als einer der ersten flog auch Siegmund Jähn als erster deutscher Raumfahrer aus der damaligen DDR mit. Einer der letzten in diesem Programm, bei dem die Astronauten aus kommunistischen Ländern kamen, war Abdul Ahad Momand. Er wurde am 1.1.1959 in Sardah in Afghanistan geboren. Nach dem Abitur begann er ein Geologiestudium, das er an der polytechnischen Hochschule in Kabul abschloss. Danach wurde er zum Militärdienst einberufen. Er meldete sich zur Pilotenausbildung, die in dem schon von der Sowjetunion besetztem Afghanistan in der UdSSR stattfand. Danach absolvierte er ein dreijähriges Studium der Luftfahrt in Kiew.

Aufgrund dieser Ausbildung und seiner Geologiekenntnisse wurde er als Astronautenkandidat ausgewählt und absolvierte die entsprechende Ausbildung zum Kosmonauten in der Rekordzeit von 6 Monaten. Dies war nur möglich, weil er nur Aufgaben auf der Raumstation MIR hatte, aber nicht auch das Training für den Start, Ankopplung und Landung wie seine sowjetischen Kollegen absolvieren musste. Das ist vergleichbar den Nutzlastspezialisten bei dem US-Shuttle. Der Hauptgrund für das verkürzte Training war aber der bevorstehende Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan, weshalb der Flug von Momad vorgezogen wurde.

Am 29.8.1988 startete er zusammen mit Wladimir Ljachow und Waleri Poljakow mit dem Raumschiff Sojus TM-6 zur MIR. In den nächsten 7 Tagen absolvierte er einige medizinische und biologische Experimente. Insgesamt 24 Experimente wurden von allen drei Kosmonauten durchgeführt. Die Hauptaufgabe war aber die Fotographie von Afghanistan mit einer hochauflösenden Kamera. Zu der damaligen Zeit war dies im Ostblock die einzige Möglichkeit große Territorien in kurzer Zeit zu erfassen. Hochauflösende CCD-Scanner mit entsprechend leistungsfähige Computer um die Daten zu speichern gab es nicht in Russland. Aus diesen Aufnahmen wurde später ein erheblich genauerer Atlas von Afghanistan erstellt. Nach etwas mehr als sieben Tagen bestiegen Ljachow und Momand das Raumschiff Sojus TM-5 und bereiteten sich zur Rückkehr zur Erde vor. (Die Sowjetunion vermied es die Sojus Kapseln zu lange im Weltall zu lassen, so dass die neue Besatzung jeweils mit der Kapsel der vorhergehenden Besatzung zurückkehrte).

Nach dem Abkoppeln von der MIR am 5.9.1988 feuerte die Retrorakete der TM-5 nicht. Über den Vorgang gibt es heute noch unterschiedliche Berichte. Nach westlichen Berichten wären die Astronauten verloren im Weltraum gewesen und hätten nicht genug Vorräte für einen längeren Aufenthalt gehabt, wenn sie nicht bald landen konnten. Ein Ankoppeln war nicht mehr möglich, weil vor dem Zünden der Retroraketen der vordere Teil der Sojus, an dem der Kopplungsadapter sitzt abgetrennt wird um das Gewicht zu reduzieren. Am Tag später konnte das Raketensystem erfolgreich gezündet werden und die Astronauten landeten im Zielgebiet. Das auch die Sowjetunion den Zwischenfall ernst einstufte zeigt sich darin, dass man anders als bei anderen Missionen keine Lifeberichterstattung von der Landung veröffentlichte.

Anders als sonst, wurde auf einer Pressekonferenz jedoch die Ursache veröffentlicht - auch ein Resultat von Glasnost und Perestroika. Ursache war ein Infrarotsensor, der auf die Wärmestrahlung der Erde reagierte und an der Grenze zu Tag/Nachtseite ausfiel und so die Bremsraketen abschaltete. Die Kapsel war einfach falsch orientiert gewesen. Ljachov versuchte das System manuell in Betrieb zu nehmen und verursachte erst dadurch weitere Komplikationen. Als man auf das Reservesystem umschaltete, fiel es aufgrund desselben Fehlers auch aus. Als man den Fehler nach 7 Minuten erkannt hatte war es zu spät. Sojus TM-5 hatte sich bei 28000 km/h soweit fort bewegt, dass man bei einer Landung über China niedergegangen wäre. Da die Landung am Tag erfolgen musste gab es den nächsten Überflug des Zielgebietes in der Sowjetunion erst einen Tag später und so lange mussten die beiden Kosmonauten (Poljakow blieb für einen Langzeitaufenthalt an Bord der MIR) eben in der kleinen Kapsel ausharren. Durch die Himmelsmechanik diktiert überfliegt man ein Landegebiet zweimal pro Tag, in Intervallen von genau 12 Stunden. In der Zwischenzeit wurde der Bordcomputer vom Boden aus neu programmiert, so dass er auch mit einem Sensor ausgerichtet an der Tag und Nachtgrenze klar kam. Die Landung war dann auch problemlos.

Nach seinem Astronautenaufenthalts gründete Momand in Kabul das Institut für Luft und Raumfahrt an der Akademie der Wissenschaften und erarbeitete unter anderem aus den Aufnahmen einen Atlas von Afghanistan. Später übernahm er Aufgaben in der zivilen Luftfahrt und des Tourismus. Mit der Machtergreifung der Taliban musste er fliehen und gelangte nach Deutschland, wo sein Bruder lebte. Heute wohnt er in Ostfildern und spielt Volleyball in einem Verein. Inzwischen hat er die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen und man darf ihn auch zu den deutschen Astronauten zählen.

Der Name wird in fast allen englischsprachigen Veröffentlichungen als "Mohmand" angegeben, aber er stand als "Momand" im örtlichen Telefonbuch.

Nachtrag Juli 2008: Ich bekomme aufgrund dieses Artikels in letzter Zeit einige Mails und Anrufe weil Journalisten zum 20 jährigen Jubiläum von Sojus TM-6 Momand kontaktieren wollen und er nicht mehr im Telefonbuch steht. Ich habe seine Adresse und Telefonnummer nicht, und wenn ich sie hätte so würde ich den Wunsch nicht von jedem angerufen zu werden respektieren, schlussendlich stehe ich aus genau dem Grunde auch nicht im Telefonbuch : Ich will nicht von jedem Journalisten dauernd angerufen werden.

Bücher vom Autor

Es gibt von mir vier Bücher zum Thema bemannte Raumfahrt. Alle Bücher beschäftigen vor allem mit der Technik, die Missionen kommen nicht zu kurz, stehen aber nicht wie bei anderen Büchern über bemannte Raumfahrt im Vordergrund.

Mein erstes Buch, Das Gemini Programm: Technik und Geschichte gibt es mittlerweile in der dritten, erweiterten Auflage. "erweitert" bezieht sich auf die erste Auflage die nur 68 Seiten stark war. Trotzdem ist mit 144 Seiten die dritte Auflage immer noch kompakt. Sie enthält trotzdem das wichtigste über das Programm, eine Kurzbeschreibung aller Missionen und einen Ausblick auf die Pläne mit Gemini Raumschiffen den Mond zu umrunden und für eine militärische Nutzung im Rahmen des "Blue Gemini" und MOL Programms. Es ist für alle zu empfehlen die sich kurz und kompakt über dieses heute weitgehend verdrängte Programm informieren wollen.

Mein zweites Buch, Das ATV und die Versorgung der ISS: Die Versorgungssysteme der Raumstation , das ebenfalls in einer aktualisierten und erweiterten Auflage erschienen ist, beschäftigt sich mit einem sehr speziellen Thema: Der Versorgung des Raumstation, besonders mit dem europäischen Beitrag dem ATV. Dieser Transporter ist nicht nur das größte jemals in Europa gebaute Raumschiff (und der leistungsfähigste Versorger der ISS), es ist auch ein technisch anspruchsvolles und das vielseitigste Transportfahrzeug. Darüber hinaus werden die anderen Versorgungsschiffe (Space Shuttle/MPLM, Sojus, Progress, HTV, Cygnus und Dragon besprochen. Die erfolgreiche Mission des ersten ATV Jules Verne wird nochmals lebendig und ein Ausblick auf die folgenden wird gegeben. Den Abschluss bildet ein Kapitel über Ausbaupläne und Möglichkeiten des Raumfrachters bis hin zu einem eigenständigen Zugang zum Weltraum. Die dritte und finale Auflage enthält nun die Details aller Flüge der fünf gestarteten ATV.

Das Buch Die ISS: Geschichte und Technik der Internationalen Raumstation ist eine kompakte Einführung in die ISS. Es wird sowohl die Geschichte der Raumstation wie auch die einzelnen Module besprochen. Wie der Titel verrät liegt das Hauptaugenmerk auf der Technik. Die Funktion jedes Moduls wird erläutert. Zahlreiche Tabellen nehmen die technischen Daten auf. Besonderes Augenmerk liegt auf den Problemen bei den Aufbau der ISS. Den ausufernden Kosten, den Folgen der Columbia Katastrophe und der Einstellungsbeschluss unter der Präsidentschaft von George W. Bush. Angerissen werden die vorhandenen und geplanten Transportsysteme und die Forschung an Bord der Station.

Durch die Beschränkung auf den Technischen und geschichtlichen Aspekt ist ein Buch entstanden, das kompakt und trotzdem kompetent über die ISS informiert und einen preiswerten Einstieg in die Materie. Zusammen mit dem Buch über das ATV gewinnt der Leser einen guten Überblick über die heutige Situation der ISS vor allem im Hinblick auf die noch offene Versorgungsproblematik.

Die zweite Auflage ist rund 80 Seiten dicker als die erste und enthält eine kurze Geschichte der Raumstationen, die wesentlichen Ereignisse von 2010 bis 2015, eine eingehendere Diskussion über die Forschung und Sinn und Zweck der Raumstation sowie ein ausführliches Kapitel über die Versorgungsraumschiffe zusätzlich.

Das bisher letzte Buch Skylab: Amerikas einzige Raumstation ist mein bisher umfangreichstes im Themenbereich bemannte Raumfahrt. Die Raumstation wurde als einziges vieler ambitioniertes Apollonachfolgeprojekte umgesetzt. Beschrieben wird im Detail ihre Projektgeschichte, den Aufbau der Module und die durchgeführten Experimente. Die Missionen und die Dramatik der Rettung werden nochmals lebendig, genauso wie die Bemühungen die Raumstation Ende der siebziger Jahre vor dem Verglühen zu bewahren und die Bestrebungen sie nicht über Land niedergehen zu lasen. Abgerundet wird das Buch mit den Plänen für das zweite Flugexemplar Skylab B und ein Vergleich mit der Architektur der ISS.  Es ist mein umfangreichstes Buch zum Thema bemannte Raumfahrt. Im Mai 2016 erschien es nach Auslaufen des Erstvertrages neu, der Inhalt ist derselbe (es gab seitdem keine neuen Erkenntnisse über die Station), aber es ist durch gesunkene Druckkosten 5 Euro billiger.

Mehr über diese und andere Bücher von mir zum Thema Raumfahrt finden sie auf der Website Raumfahrtbücher.de. Dort werden sie auch über Neuerscheinungen informiert. Die Bücher kann man auch direkt beim Verlag bestellen. Der Versand ist kostenlos und wenn sie dies tun erhält der Autor auch noch eine etwas höhere Marge. Sie erhalten dort auch die jeweils aktuelle Version, Bei Amazon und Co tummeln sich auch die Vorauflagen.


© des Textes: Bernd Leitenberger. Jede Veröffentlichung dieses Textes im Ganzen oder in Auszügen darf nur mit Zustimmung des Urhebers erfolgen.
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