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VisiCalc

Bricklin (links) und Frankston (rechts)VisiCalc wurde zwischen 1978 und 1979 von Dan Bricklin und Bob Frankston entwickelt. Dan Bricklin (geboren am 15.7.1951) hatte angefangen Informatik zu studieren, sah sich selbst jedoch nicht als begabt genug und wechselte zu einem Betriebswirtschaftsstudium. Sein Professor entwickelte an der Tafel mit den Studenten Kalkulationen, die (so behauptete er) so auch bei großen Firmen an riesigen Tafeln durchgeführt wurden. Die Daten waren in Zeilen und Spalten angeordnet und gaben die Posten einzelner Abteilungen wieder wie Umsätze, Ausgaben, Mitarbeiter etc. Sie standen in Beziehung zueinander – veränderte sich die Mitarbeiterzahl so stiegen die Lohnkosten. Weiterhin hatten Ergebnisse eines Jahres Einfluss auf die des Nächsten, z. B. wie viel Geld im nächsten Jahr für Investitionen zur Verfügung steht. Das Problem ist, das durch diese Abhängigkeit ein veränderter Wert eine Neuberechnung zahlreicher anderer Werte nach sich ziehen kann – manuell eine sehr fehlerträchtige Angelegenheit.

Die Idee

Die Idee für Visicalc hat Bricklin im Frühjahr 1978. Zuerst entwirft er an einem Terminal, angeschlossen an das Time-Sharing System der Uni (Harvard Business School) die Oberfläche in BASIC. Er findet die Anordnung in Zellen ist die beste. Da man die Formeln hinter den Zellen nicht sieht, fügt er eine Statuszeile am unteren Rand, zu welche die Formel hinter der markierten Zelle anzeigt.

Im Herbst 1978 kann er sich einen Apple II von Dan Fylstra ausleihen und probiert es die Rechenvorschrift hier zu programmieren. Er probiert die Cursorsteuerung zuerst mit einem Gamekontroller, da er als Vision eine Mausbedienung hatte – Bricklin hatte schon die „Mutter aller Demos“ von Alan Kay gesehen in der er ab 1969 die Bedienung eines Rechners mit der Maus vorführte. Aber die Abfrage des Apples Gamecontrollers sind zu unpräzise, so wechselt er auf die Cursortasten für links und rechts aus (mehr gab es beim Apple nicht) und nutzte die Leertaste um zwischen horizontal und vertikal umzuschalten. Diese frühe Version hatte schon mehr Spalten als der Bildschirm zeigen kann, aber noch kein Scrolling. Er zeichnet Zustandsdiagramme, das sind wie der Name aussagt, Zustände eines Programms mit Eigenschaften und Verhalten, in das sie durch eine Aktion gelangen (zwei Zustände eines Textverarbeitungsprogramms könnten z. B. der Überschreiben- und Einfügemodus dein – in jedem dieser Modi verhält sich das Programm anders wenn man Text eintippt).

Er versucht zuerst in BASIC auf dem geliehenen Apple II eine Simulation dieser Rechenvorschrift. Das klappt auch, doch für jede Simulation muss er ein eigenes Programm schreiben. Schließlich wendet er sich an seinen Freund Bob Frankston, der erfahrener Programmierer ist. Frankston (geboren am 14.6.1949) ist zwei Jahre älter und programmiert schon seit er 14 ist. Er kontaktiert auch Dan Fylstra, welcher gerade Harvard verlassen und einen Softwarevertrieb aufgebaut hat. Die Idee ist, dass ein Programm sich gut verkaufen würde. Sie vereinbaren, dass Frankston & Bricklin das Programm fertigstellen und Fylstra es vertreibt. Der Anteil von Frankston und Bricklin beträgt bei Einzelkunden 35,7 Prozent (das sind 35 Dollar, oder soviel wie ein populärer Business-Taschenrechner von Texas Instruments für Studenten in Harvard kostete). Bei Firmenkunden beträgt der Anteil 50 Prozent (wegen der höheren Stückzahl und des geringeren Aufwands für den Verkauf). Verkauft wird VisiCalc für anfangs 99 Dollar.

Die Entwicklung

Dan BricklinDie Vereinbarung wird am 8.11.1978 abgeschlossen, Frankston und Bricklin beschließen daraufhin ihre eigene Firma zu gründen, Software Arts, Inc.,

Frankston entwickelt das Programm mit der Unterstützung von Bricklin (was das Verhalten und die Eingabemöglichkeiten angeht) auf einer PDP-10 des MIT mit einem Crossassembler, der Code für den 6502-Prozessor erzeugt. Er arbeitet vor allem nachts und schläft tagsüber, da dann die Rechenzeit billiger ist – sie kostete dann 1 Dollar pro Stunde. Er hat nicht mal ein Bildschirmterminal, sondern nutzt ein Modem zur Datenübertragung und ein DEC 120 Terminal, im Prinzip ein Fernschreiber nur mit einem Matrixdrucker.

Dass der Zielrechner ein Apple II ist, liegt daran, dass zu dieser Zeit nur der Apple II auf mindestens 32 KiB Arbeitsspeicher aufrüstbar war. So viel Speicher benötigte VisiCalc.

Der Name „VisiCalc“ als Abkürzung für „Visual Calculator“ wurde gewählt, um zum einen die Bedienungsfreundlichkeit zu unterstreichen und zum anderen, um bei Kunden die Hemmschwelle abzubauen. Vroher hieß das Programm „Calcu-ledger“. „Ledger“ ist die englische Bezeichnung für das Hauptbuch der Buchhaltung. Viele Buchhaltungsprogramme hatten damals „Ledger“ irgendwo im Namen.

Dan Fylstra versucht natürlich das Programm direkt zu verkaufen. Schon in der frühen Phase fragen Bricklin und Frankston bei Tandy, Commodore und Apple nach ob Interesse besteht oder sie wenigstens einen Rechner für die Entwicklung bekommen könnten – man darf nicht vergessen, dass man damals für einen Rechner mit zwei Floppies rund 5.000 Dollar ausgeben konnte, was drei Monatsgehältern entsprach. Keine der Firmen ging drauf ein, weshalb man den Apple von Dan Fylstra als Basis nimmt.

Im November 1978 fängt Frankston an zu programmieren, im Januar 1979 ist die erste Alphaversion fertig. Es gibt 63 Spalten und 255 Zeilen – die im Dezimalsystem krumme Zahl kommt daher, dass man so genau 8 Bits für die Zeilenadresse und 6 Bits für die Spaltenadresse benötigt. Das Umbenennen von Zellen (sie führten bis heute die Bezeichnung A1 für die erste Zelle ein) wurde fallengelassen. Dafür konnte man den Bildschirm in zwei Teile splitten um einen Teil dauernd beobachten zu können. Ebenso hat sich das @ Prefix für Formeln gehalten. Eine im Nachhinein von Frankston bedauerte Entscheidung ist die das Visicalc BCD-Arithmetrik verwendet. Der 6502 beherrscht nur ganze Zahlen. Um Fließkommazahlen beliebiger Größe verarbeiten zu können verwandte man Binary Coded Decimals (BCD) – ein Byte nimmt nur die Werte von 0 bis 99 auf – die letzte Ziffer 0 bis 9 im niederwertigen Nibble (untere 4 Bits) und die Zehnerstellen in den höherwertigen 4 Bits. So gibt es keine Rechenfehler und Zahlen können beliebig groß werden, aber bei jeder Berechnung muss man aufwendig zwischen Binär- und BCD-System konvertieren. Spätere Tabellenkalkulationen verwenden ein normiertes Format für Fließkommazahlen wie z. B. Das nach IEEE 754 genormte Format „double precision“ mit 15 bis 16 signifikanten Stellen. Die Verwendung von BCD ermöglichte zwar das VisiCalc selbst Zahlen in der Größe des US-Haushalts fehlerfrei summieren konnte, was zu seiner Popularität beitrug. Es war dadurch aber auch langsam. Weniger Mühe gab sich Frankston bei der Umsetzung der mathematischen Regeln. VisiCalc ignorierte die Operatorreihenfolge – in einer Berechnung werden normalerweise Multiplikation und Division vor der Addition und Subtraktion abgearbeitet. Nicht so bei VisiCalc 3+4*5 wird normalerweise berechnet wie 3+(4*5)=23. Bei Visicalc kam 35 (nach (3+4)*5 heraus. Frankston nutzte die umgekehrte polnische Notation (UPN), in der eine Zeile einfach von links nach rechts abgearbeitet wird. Das vereinfacht das Verarbeiten. Im Wesentlichen arbeitet das Programm mit einer Stackmaschine, das heißt, obige Rechnung geht so:Bob Frankston

In UPN würde man die obige Sequenz mit „3 4 + 5 *“ beschrieben. HP-Taschenrechner nutzten lange Zeit dieses System.

Als Kommando Taste wurde der Schrägstrich „/“ eingeführt. Danach wartet der Computer auf ein Kommando, dass mit einem Buchstaben begann z.B. S für Save, Q für Quit. Auch dies wurde von den folgenden Tabellenkalkulationen übernommen.

Probleme machte das Speichern. Ursprünglich war geplant auch die Kassette zu unterstützten, doch dies entfiel später. Um nicht abhängig von Apple zu sein, findet Frankston durch reverses Engineering heraus, wie das Diskettenlaufwerk funktioniert.

Der Apple machte aber auch Probleme: Stephen Wozniak hat Interrupts eingespart, so muss jede Anwendung dauernd die Tastatur abfragen, um kein Zeichen zu verpassen, auch wenn neu berechnet wird. Dazu kommt, dass es keine Cursortasten für Hoch und Runter gibt und man mit der Leerzeichentaste umschalten muss.

Was auch Bestand hat, ist das Speicherformat Data Exchange Format DIF, das in Folge die meisten Tabellenkalkulationen importieren können, Libreoffice Calc kann es bis heute. Das erlaubt es auch, Programme zu schreiben welche die Daten eines Spreadsheets weiter verarbeiten.

Die Veröffentlichung

Schlussendlich ist der Code 20 KByte groß und passt nicht mehr in die 16 KByte, die ursprünglich geplant waren. Kurz vor dem Release der finalen Version schickt Apple den beiden noch einen Prototyp ihrer 16 KByte Karte, die den Arbeitsspeicher des Apples für Binärprogramme, die von der Diskette geladen werden, auf 64 KByte erweitert. Frankston nutzt aber nur 12 KByte, weil er sonst den Code um den Bereich für Bildschirm und Einsteckkarten zu nutzen, zu stark umschreiben muss.

Als die Alphaversion für den Apple fertig ist versucht Fylstra nochmals, nun nur noch bei Apple das Programm direkt zu verkaufen, weil die Entscheidung für die Plattform ja gefallen ist. Dan Hawkins ist bei Apple für die Marketingkampagnen bei Kleinunternehmen zuständig. Als er die erste Version von VisiCalc vorgeführt bekommt, erkennt er auf Anhieb das Potenzial der Software. Mit ihr kann man Berechnungen durchführen, ohne zu programmieren. Jeder, der in einem Büro Zahlenkolonnen addieren muss, für den muss diese Software wie das Evangelium vorkommen – nicht nochmals anfangen, wenn man einen Tippfehler macht, wie dies bei einem Tischrechner der Fall ist. Er lädt Dan Fylstra ein, welcher die Software vertreibt und fragt ihn, was es kostet, die Rechte zu kaufen, damit sie nur für den Apple II entwickelt wird. Er bietet eine Summe von 1 Million Dollar in Apple Aktien. Apple ging erst im Dezember 1980 an die Börse, wie viel die Aktien dann wert sind weiß man nicht, doch die Firma und damit ihr Aktienwert wächst rasant. (Der Schlusskurs lag am ende des ersten Börsentags bei 30 Dollar, die Aktien wären also 30 Millionen wert gewesen). Fylstra muss Rücksprache mit Frankston und Bricklin halten, denen die Software gehört. Schließlich kommt er zurück mit einer Forderung von 1,2 Millionen Dollar.

Doch der Deal kam nicht zustande. Mike Markkula, dritter großer Anteilseigner bei Apple neben Wozniak und Jobs, war dies zu teuer. Markkula erkennt das Potenzial nicht. Er zeigt Fylstra das Buchhaltungsprogramm, das er schon benutzt. Ebenso ergeht es dem Professor der Bricklin an Fylstra verwies. Er sieht keinen Markt dafür. Es gäbe ja schon Programme für Buchhaltung und andere Aufgaben in der Wirtschaft, bei denen man mit Zahlen arbeiten muss. Sie wurden auf Minicomputern entwickelt und nun für die Mikrocomputer übertragen. Das wesentliche Merkmal von VisiCalc ist aber, das in einem Buchhaltungsprogramm die Beziehung zwischen den Eingaben durch das Programm fest ist, bei einer Tabellenkalkulation dagegen vom Anwender vorgegeben wird. Es eignet sich für Buchhaltung, aber auch die sogenannten „What if“-Szenarien bei denen man Auswirkungen von Entscheidungen überprüfen kann. Ja man kann damit beliebige Berechnungen durchführen, auch im Ingenieursbereich. Kleine Anekdote am Rande: Als ich Studenten, die Maschinenbau studierten, in der Programmiersprache Pascal unterrichten sollte, kam immer in der ersten Stunde die Frage, warum sie eine Programmiersprache lernen sollten, anstatt die Benutzung von Excel und bei der Stunde wo ich vermittelte, wie man Excel von Pascal aus fernsteuern konnte, war das Interesse immer besonders groß. Das Konzept von VisiCalc war so neu, das Bricklin auch die Bezeichnung „VisiCalc“ wählte, weil niemand damals etwas mit dem Term „Spreadsheet“ anfangen konnte. Da ist der deutsche Begriff „Tabellenkalkulation“ aussagekräftiger.

Im Mai 1979 erscheint eine Werbeanzeige in Byte und es wird auf der West Coast Computer Fair am 12. Mai 1979 vorgestellt. Bob Frankston kündigt es bei einem Vortrag im Juni 1979 an, doch lieferbar ist es noch nicht. Erst am 19.10.1979 wird die erste Version – die schon die Versionsnummer 1,37 trägt, verschifft. Schon am 21.12.1979 zieht Software Arts in ein neues Gebäude um, bei dem sie durch die Einnahmen durch VisiCalc bald das gesamte 12.te Stockwerk belegen.

Der Verkauf

VisiCalc wird kopiergeschützt – für die PET Version gibt es sogar einen eigenen ROM-Chip der in einen leeren Sockel auf dem Mainboard gesteckt wird, es gibt ein Copyright, aber es gibt keine Patente. Die waren damals für Software nicht möglich, erst 1981, also zwei Jahre nach Erscheinen von VisiCalc wird das erste Softwarepatent erteilt.

Trotzdem war VisiCalc mitverantwortlich für den Erfolg des Apple II, weil es lange Zeit nur auf dem Apple lief und zwei Jahre lang war es das einzige Tabellenkalkulationsprogramm. Es bürgerte sich die Bezeichnung „Killerapplikation“ ein. Darunter versteht man eine Anwendung, die einen Computer so nützlich macht, dass sie alleine den Kaufpreis des Rechners rechtfertigt.

So kann ein Textverarbeitungsprogramm im Büroalltag so viel Arbeitszeit einsparen (Tippfehler können schneller korrigiert werden als mit Tipp-Ex, es ist möglich immer wieder verwendete Floskeln, als Textbausteine einzufügen und der erneute Ausdruck eines Dokuments geht schneller, als es aus dem Ordner herauszunehmen und zu fotokopieren), dass ein Personal Computer mit einem Textverarbeitungsprogramm sich finanziell lohnt, weil eine Sekretärin damit viel effektiver arbeiten kann.

Nur konnte man mit dem Apple II in der Basisversion keine Textverarbeitung betreiben, weil er nur 40 Zeichen pro Zeile darstellte und keine Kleinbuchstaben kannte. Mit dem Manko, das erst mit dem Apple IIe 1983 abgestellt wurde, wäre wahrscheinlich die Geschichte ohne VisiCalc anders verlaufen.

In den drei Monaten, nachdem VisiCalc auf den Markt kam, verdreifachte sich der Umsatz von Apple. Wozniak spricht in seiner Autobiografie sogar von einem Sprung von 1.000 auf 10.000 verkauften Apple II pro Monat. Durch dieses Programm wurde der Computer, auf dem es lief, zum Marktführer. Das Programm erschien im Oktober 1979. Personal Software verkaufte in den letzten Monaten des Jahres 1979 pro Monat 500 Kopien, der Durchschnitt im nächsten Jahr lag dann schon bei 12.500 Kopien. Es verkaufte sich so gut, dass der Preis sogar von 99 auf 149 Dollar angehoben wurde. Das war immer noch billig, Software kostete damals in der Regel mehr. Ein Zusatzprogramm (VisiPlot) das der Lotus 1-2-3 Gründer Mitch Kapok programmierte, wurde und das VisiCalc Datensätze grafisch auswerten konnte wurde z. B. für 249,99 Dollar verkauft. Personal Software benannte sich in „VisiCorp“ um weil nun der Hauptumsatz mit VisiCalc gemacht wurde, dazu kamen weitere Programme alle mit „Visi“ im Namen. Ein Programm, die 1982 vorgestellte Oberfläche für DOS, VisiOn führte sogar zur Entwicklung von Windows.

WerbungDas Programm wurde portiert. Allerdings vor allem auf Rechner mit dem 6502 Prozessor wie Commodore Pet, Atari 800, Apple III. Es gab keine offiziellen CP/M Portierung, lediglich zwei CP/M Computer die relativ unbekannten HP-125 und Sony SMC 70 wurden unterstützt, das war jedoch erst 1982, schon nachdem VisiCalc für den IBM PC erschienen war. Adam Osborne wollte für den Osborne 1 Computer der als Bundle mit Software verkauft wurde Visicalc einbinden, doch es gab keine Einigung, so lies er Supercalc programmieren. Bis heute ist für mich ein Rätsel, warum es keine offizielle CP/M Version gab, diese Computer waren ein viel größerer Markt als die Apple Reihe. Wahrscheinlich liegt es an der Beschränkung auf 40 Zeichen pro Zeile.

VisiCalc war so erfolgreich, weil es jedermann erlaubte, beliebige Berechnungen mit dem Computer durchzuführen. Vor allem Banker und andere, die mit Zahlen in der Finanzwelt jonglieren mussten, kauften das Programm. Es war weniger ein Programm für Kleinbetriebe, die damit eine Buchhaltung erledigen wollten, die kauften eine spezialisierte Anwendung, in der sie die Verknüpfung zwischen den Zahlen nicht auch noch eintragen mussten. Stattdessen zog es in großen Stückzahlen in den Bereichen der Firmen, ein in denen Entscheidungen getroffen wurden. Diese kauften die Computer und Software gleich palettenweise und für sie spielte auch der damals noch hohe Preis des Apple II+ keine Rolle.

Es wurde später für die 8-Bit-Linie von Atari, Commodores CBM Serie und die TRS-80 Reihe und den IBM-PC adaptiert. Über 700.000 Exemplare wurden in sechs Jahren verkauft. Es rief sehr bald Nachahmer auf den Markt: Für CP/M erschien 1980 SuperCalc. Von Microsoft stammte Multiplan für CP/M und MS-DOS. Es war bedienungsfreundlicher aber auch langsamer, da Microsoft es in einer Pseudosprache programmierte die es dann auf die jeweilige Plattform compilierte. Dieser Zwischenschritt verlangsamt die Anwendung, dafür ist das Portieren einfacher.

Das Ende

Schon 1983 war der Boom von VisiCalc vorbei. Obwohl es auch zu den ersten Anwendungen des IBM PC gehörte, wurde es innerhalb weniger Monate von Lotus 1-2-3 verdrängt. Dieses war anders als die PC-DOS Version von VisiCalc auf den Prozessor 8086 optimiert und griff direkt auf die PC-Hardware zu. VisiCalc für den IBM PC war dagegen eine Konversion der Version für den TRS-80. Intel hatte den 8086 so designt, dass die Befehle des 8080 als Subset enthalten sind. Daher konnten Programmierer sehr einfach ihre 8080/Z80 Programme mittels Crossassembler auf den 8086 übersetzen. Das Manko dieses Vorgehens: man nutzte von den neuen Möglichkeiten des 8086 nichts. So besaß der 8086 Prozessor die Fähigkeit in Hardware zu multiplizieren und dividieren. Er kannte mehr Adressierungsarten etc. Der Hauptnachteil war, aber das man so auch den 8 Bit Adressbereich übernahm – VisiCalc für PC-DOS konnte nur 64 KByte Speicher ansprechen, LOTUS 1-2-3 dagegen die vollen 640 KByte. (benötigte allerdings auch 256 KByte Speicher, VisiCalc kam mit 128 KByte aus). Vor allem aber hatte man am Programm nichts verändert. So zeigte es auch auf dem IBM PC nur 40 Zeichen pro Zeile an anstatt den 80 Zeichen, die möglich waren.

Die Firma VisiCorps wird 1984 innerhalb weniger Monate insolvent. Es sollen 1 Million Kopien verkauft worden sein, davon 300.000 für den IBM PC. Von Dezember 1982 bis Dezember 1983 sanken die Verkäufe von 39.000 auf 5.700 Kopien.

Bricklin und Frankston verkaufen Software Arts an Lotus und Frankston wird dort wissenschaftlicher Leiter und entwickelt Lotus Express. 1985 steigt Dan Bricklin nach kurzer Zeit aus Lotus aus, da absehbar ist das sie dort nur angestellt sind, damit sie nicht etwas neues entwickeln. Lotus kaufte Software Arts auch nur, um die Rechte an VisiCalc zu bekommen, stellt das Programm dann aber ein.

Für Personal Software war die ursprüngliche Vereinbarung das Problem. Dan Fylstra hatte keine Ahnung, was typische Margen bei Software sind. Typischer erhält der Entwickler nicht 35 oder 50 Prozent des Umsatzes, sondern im Bereich 8 bis 15 Prozent. Solange sich VisiCalc verkauft und es keine Konkurrenz gibt, ist das kein Problem. Personal Software hebt den Preis sogar stufenweise auf 249 Dollar an. 1981 und 1982 ist VisiCorp die umsatzstärkste Softwarefirma mit 20 bzw. 35 Millionen Dollar Umsatz, 1983 verdrängt sie Microsoft von der Spitze.

Doch mit abnehmenden Verkaufszahlen, die es ab 1983 gab, wurde das problematisch. 1985 war VisiCorp die fünftgrößte Softwarefirma mit einem Umsatz von 43 Millionen Dollar, steckte aber in finanziellen Schwierigkeiten und es gab einen Prozess zwischen VisiCorp und Software Arts. Zuerst verklagte VisiCorp Software Arts im September 1983, Software Arts hätten der Firma geschadet, indem sie eine weiterentwickelte Version von VisiCalc verzögert hätten, dann kam im Frühjahr 1984 die Gegenklage auf ausbleibende Lizenzzahlungen. Die Prozesse wurden einvernehmlich eingestellt, indem VisiCorp auf den Vertrieb von VisiCalc verzichtete und Software Arts noch ausbleibende Lizenzzahlungen bekam. Schon 1980 wollten aufgrund der hohen Lizenzgebühren die beiden Firmen verschmelzen, doch die Firmenchefs von VisiCorps wurden sich nicht einig. VisiCorp wurde 1985 dann an Paladin Software verkauft.

Epilog

Als VisiCalc nur auf den Apple II lief, zwischen 1979 und 1980, wurden ein Viertel aller Apple II nur gekauft, um VisiCalc zu betreiben. Apples Umsatz explodierte, wie an diesen Umsatzzahlen zu sehen ist:Plattformen

Jahr

Umsatz

Stückzahl Apple II

Stückzahl Mikrocomputer

Anteil Apple

1977

700.000 $

600

150.000

0,4 Prozent

1978

7.000.000 $

7,600

258.000

3 Prozent

1979

48.000.000 $

35,000

580.000

6 Prozent

1980

200.000.000 $

78,000

724.000

10,7 Prozent

Frankston und Bricklin haben seit Jahrzehnten keinen Cent am Boom der Tabellenkalkulationen verdient, denn sie haben das Funktionsprinzip des Spreadsheets nicht patentieren lassen und die Vertriebsrechte an Lotus abgetreten, welche die Entwicklung nicht fortsetzten. Angesichts im Jahre 1984 geschätzter Lizenzzahlungen in Höhe von 22 Millionen Dollar ist das jedoch verschmerzbar.

Selbst Steve Jobs bezeichnet die Erfindung des Spreadsheets als eine von zwei Erfindungen, welche die PC-Industrie zu ihrer heutigen Größe brachten. Praktisch jede Softwarefirma brachte in den Achtzigern Spreadsheets auf den Markt. Borland war mit Quattro Pro erfolgreich,. Lotus integrierte in Symphonie noch eine Datenbank und eine Textverarbeitung zur Tabellenkalkulation. Die erste Anwendung von Microsoft für den Macintosh war Multiplan, die zweite und dritte waren (zeitgleich) Excel und Word. Und es waren auch die ersten Anwendungen für Windows.

Links:

http://www.bricklin.com/default.htm

http://rmf.vc/implementingvisicalc

Artikel erstellt am 21.11.2021

Zum Thema Computer ist auch von mir ein Buch erschienen. "Computergeschichte(n)" beinhaltet, das was der Titel aussagt: einzelne Episoden aus der Frühzeit des PC. Es sind Episoden aus den Lebensläufen von Ed Roberts, Bill Gates, Steve Jobs, Stephen Wozniak, Gary Kildall, Adam Osborne, Jack Tramiel und Chuck Peddle und wie sie den PC schufen.

Das Buch wird abgerundet durch eine kurze Erklärung der Computertechnik vor dem PC, sowie einer Zusammenfassung was danach geschah, als die Claims abgesteckt waren. Ich habe versucht ein Buch zu schreiben, dass sie dahingehend von anderen Büchern abhebt, dass es nicht nur Geschichte erzählt sondern auch erklärt warum bestimmte Produkte erfolgreich waren, also auf die Technik eingeht.

Die 2014 erschienene zweite Auflage wurde aktualisiert und leicht erweitert. Die umfangreichste Änderung ist ein 60 Seiten starkes Kapitel über Seymour Cray und die von ihm entworfenen Supercomputer. Bedingt durch Preissenkungen bei Neuauflagen ist es mit 19,90 Euro trotz gestiegenem Umfang um 5 Euro billiger als die erste Auflage. Es ist auch als e-Book für 10,99 Euro erschienen.

Mehr über das Buch auf dieser eigenen Seite.

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© des Textes: Bernd Leitenberger. Jede Veröffentlichung dieses Textes im Ganzen oder in Auszügen darf nur mit Zustimmung des Urhebers erfolgen.
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