Bernd Leitenbergers Blog

wer hat Angst vor dem bösen Hydrazin?

Ja so könnte man überspitzt formulieren, wofür Hydrazin in letzter Zeit herhalten muss. Demnach ist Hydrazin ultragefährlich und man muss einen Satelliten mit 500 kg Hydrazin abschießen. Kasachstan schneidet ebenso Millionenbeträge von Russland heraus, wenn eine Trägerrakete in der Steppe niedergeht wie dies z.B. zweimal in dem letzten Jahr bei dem Fehlstart einer Dnepr und einer Proton der Fall war.

Also es ist Zeit etwas Aufklärungsarbeit zu betreiben. Es gibt zum einen einmal 3 Hydrazinderivate:

Hydrazine werden sehr oft in der Raumfahrt eingesetzt. Die Titan verwandte es in den ersten 3 Stufen, die Delta in der Oberstufe, der Space Shuttle hat etwa 10 t dieses Treibstoffs an Bord wenn er startet. Die Proton setzt es in den ersten 3 Stufen ein, die Dnepr, Rockot, Shtil, Volna Kosmos und Zyklon in allen Stufen und die Ariane 4 in den ersten zwei Boostern und den ersten zwei Stufen. Alle chinesischen Trägerraketen, die PSLV und GSLV verwenden den Treibstoff. Auch die alte Ariane 5 Oberstufe und das ATV verwenden diese Treibstoffe. Eine Proton hat beim Start etwa 200 t Hydrazin an Bord. Sie verfügt übrigens nicht über einen Selbstzerstörungsmechanismus.

Ich mache diese Aufzählung aus einem Grund: Um klar zu machen, dass schon seit fast 50 Jahren Hydrazin eingesetzt wird und es auch logischerweise immer wieder freigesetzt wurde. Bedeutender sind dabei wohl eher die vielen Starts von Militärraketen -alle sowjetischen ICBM von 1960 bis zur neuesten Generation setzten diesen Treibstoff in allen Stufen ein und davon gab es hunderte von Erprobungsstarts. Alleine die Dnepr (RS-36M) weist 140 solche Starts auf) Auch in den Orbit gelangten erhebliche Mengen. Nicht nur als Treibstoff an Bord von Satelliten, sondern vor allem auch als Resttreibstoff an Bord der Oberstufen. Erst seit etwa 20 Jahren wird zumindest in dem Westen der Treibstoff abgelassen. Bei chinesischen und russischen Oberstufen ist das heute noch die Ausnahme. Erst kürzlich explodierte eine chinesische Oberstufe als der steigende Druck in den Tanks diese zerriss.

Wenn man sich wegen 500 kg Hydrazin Gedanken macht, müsste man ehrlicherweise fast jede ausgediente Oberstufe abschießen, weil durch Sicherheitsreserven und unnutzbaren Resten viele Oberstufen mehr Hydrazin enthalten als diese 500 kg.

Wie giftig ist es nun?

Die Gefährdung hat aber auch andere Aspekte: Wie wahrscheinlich ist es, dass man durch Hydrazine vergiftet wird? Nun es ist sicher sehr gefährlich, wenn man neben einem Satelliten steht und der Tank hat ein Loch, weshalb die Betankung auch von Männern in Schutzanzügen durchgeführt wird. Bei einem Satelliten der vom Orbit herunter kommt, müsste man schon recht genau getroffen werden, denn sobald der Stoff freigesetzt wird bildet er natürlich eine Wolke und verdünnt sich sehr stark. Das ist aber recht unwahrscheinlich, denn selbst wenn der Tank kein Druckventil hat, durch den der Treibstoff entweicht, so erhitzt er sich doch beim Wiedereintritt so stark, dass er platzt. Das war bisher bei allen Tanks die man geborgen hat so, auch beim Tank der Columbia, wie die Cartright Kommission in ihrem Bericht feststellte. Ihr Tank wies einen Riss auf, als er gefunden wurde, durch den das Hydrazin sich beim Wiedereintritt verflüchtigte. Eine Kontamination der Fundstelle konnte nicht festgestellt werden.(Es ist durchaus nicht so, dass eine Space Shuttle ohne Treibstoff landet, das erlauben schon die Sicherheitsrichtlinien der NASA nicht. Es müssen mindestens Reserven für etwa 100 m/s bleiben, das sind je nach Zuladung und Missionsdauer etwa 3 t Treibstoff wovon etwa 1 t auf das Hydrazin entfällt).

Problematischer ist Hydrazin als Umweltgift. Es ist wie schon gesagt recht fischtoxisch, wird aber recht schnell abgebaut. Die Giftigkeit des Hydrazins, aber auch des Stickstofftetroxid (das als Reinsubstanz ein Atemgift ist und Verätzungen der Lunge verursachen kann und wenn es in den Boden gelangt mit Wasser zu Salpetersäure reagiert und dadurch den Boden versauert) wird neuerdings von Kasachstan genutzt um Gelder von Russland zu bekommen. Ich sage bewusst "benutzt", denn sobald die Millionen für Umweltschäden in der Steppe gezahlt wird, sind weitere Starts möglich. Verglichen mit den vielen Raketen, die man in den 60 er und 70 er Jahren von Baikonur aus gestartet hat, sind die heutigen Starts sicher heute nicht das Problem. Zumal man ja nicht umsonst Baikonur in die unbewohnte Steppe gebaut hat.

Kerosin, der zweite Haupttreibstoff den russische Träger nutzen ist zwar akut nicht so giftig, doch viel umweltschädlicher. Dies ist wie wenn ein Heizöltanker verunglückt und das Heizöl ausläuft. Anders als Hydrazin ist Kerosin schwer abbaubar und kann noch viel größere Mengen von Trinkwasser unbrauchbar machen. Das zeigt, das es zumindest bei Kasachstan vornehmlich um Politik geht und weniger um Umweltschäden.

So nun zurück zu USA-193. Ich meine nach wie vor es gäbe keine Gefahr durch den Satelliten. Er ist nicht mal besonders schwer. Ein Progress oder Sojus Raumschiff mit diesem Treibstoff an Bord ist dreimal schwerer. Warum man ihn abschoss? Es gibt 3 mögliche Erklärungen:

Die Militärs wissen schon was es ist. Vielleicht ist es aber auch nur mal wieder mal eine verrückte Aktion von GWB, bei dem ja die Politik im allgemein und speziellen nicht besonders rational ist.

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