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"Functional Food"

Was ist Functional Food?

Ausgehend von Japan, natürlich aufgegriffen von Amerika dem Land der Gegensätze (Fitte und Fette) erreicht nun eine neue Welle unser Land: Functional Food. Doch was ist das? Nun, dahinter steckten verschiedene Dinge, die man zu einer der drei Gruppen einordnen kann:
Essen soll:

Lebensmittel die zu den ersten beiden Gruppen gehören gibt es schon bei uns: Selenangereichertes Brot, Frühstücksflocken mit Vitaminen und Mineralien, Vitaminzusätze allenthalben. Das gehört zur ersten Gruppe. Die propagierten "probiotischen" Kulturen gehören zur zweiten Gruppe. Lebensmittel der dritten Gruppe gibt es bislang noch nicht bei uns aber z.B. in den USA wo Extrakte von Arzneimittelpflanzen Lebensmitteln zugesetzt werden und man im Supermarkt ganz legal Kräutermischungen bekommt, die bei uns als Arznei laufen würden.

Auch bei uns ist "Functional Food" ist ganz genau definiert. Im allgemeinen versteht man darunter normale Lebensmittel die einen "Zusatznutzen" hinsichtlich Gesundheit und "Fittness" versprechen. Sie sehen schon an den Anführungszeichen: Diese Definition ist so lasch, dass man sehr viele Nahrungsmittel darunter verstehen kann.

Was steckt dahinter?

Schokoriegel mit soyaNun als erstes mal eine große Verdienstspanne. Eines dieser neuen Lebensmittel bringt dem Hersteller annähernd vier mal so viel Gewinn wie ein normales ein. Aber das geht nicht ohne den Verbraucher. Machen wir uns nichts vor: Der Verbraucher ist irritiert. "Achten Sie auf das Cholesterin", "Calcium für die Knochen", "Viel Obst und Gemüse essen wegen der Ballaststoffe", "Vitamine schützen vor Krebs". Die Liste der Empfehlungen ist lang und nicht jeder kann oder will sich dran halten. Nun kommt ein Hersteller und bietet den so gesunden Wirkstoff nicht mehr in Möhren sondern in Schokoriegeln an - Was essen Sie wohl lieber?

Daher kann man einen probiotischen Joghurt - er unterscheidet sich von einem normalen Joghurt nur durch die Milchsäurekultur - für mehrere Mark verkaufen, während ein normaler Joghurt 30-50 Pf kostet. Nur weil der Verbraucher diese Summen bereit ist zu zahlen sind solche Produkte auf dem Markt. Aber auch wenn der Geldbeutel weint, es ist doch wenigstens gut für die Gesundheit - glaubt man!

Ist unsere Ernährung mangelhaft?

Mit Sicherheit bei dem Groß der Bevölkerung nicht. Im Gegenteil: Von nahezu allen Nährstoffen nehmen wir zuviel zu uns. Nur bei einigen wenigen Stoffen wie Folsäure oder Eisen gibt es in Teilen der Bevölkerung einen Mangel. Mediziner haben sich heute nicht mit Mangelkrankheiten sondern mit Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck zu beschäftigen. Die Lebenserwartung ist seit Jahrzehnten nur angestiegen. Vielleicht sind wir aber auch alle nur gut konserviert = Von dem Aspekt: eine ausgewogene Ernährung zu sichern, können sie sich also die teuren Functional Foods sparen.

Gerade bei den prominentesten Vertretern fehlt der wissenschaftliche Nachweis, dass diese Nahrungsmittel gesünder als normale Jogurts sind. Natürlich ist ein Jogurt selbst gesund. Einen positiven Effekt auf die Verdauung hat Jogurt durch die Milchsäure genauso wie Sauerkraut. Nur gibt es bei den probiotischen Produkten einen weiteren Zusatznutzen ? Bislang gibt es keinen Effekt der in unabhängigen Studien bewiesen werden konnte.

Schaden oder Nutzen?

Doch wenden wir uns den angereicherten Lebensmitteln zu. Schadet es wenn man zu viel eines Vitamins oder anderen Stoffes zu sich nimmt ?  Bei wasserlöslichen Vitaminen ist bekannt, das man enorme Mengen davon aufnehmen kann, ohne das sie Schaden anrichten. Leider gilt das nicht für alle zugeführten Stoffe. Das ist allerdings etwas worüber sich die wenigsten Hersteller Gedanken machen. Nehmen wir einmal das so gesunde Calcium, das die Knochen aufbaut und das man nun auch in Brot findet mit dem Slogan "Gesund für Knochen und Zähne". Ab 4-5 g pro Tag, - das ist etwa die 7 fache der normalen Zufuhr - beginnt sich Calcium in Lungen, Nieren und dem Gewebe abzulagern. Es kommt zu Nierensteinen und der Kalkgicht. Nun besteht die Gefahr sicher nicht beim Verzehr von Brot, aber was ist, wenn man Calcium noch in anderen Functional Foods findet? Was ist wenn alles was sie essen zugesetztes Calcium enthält? In Japan gibt es kaum noch Getränke ohne Zusatz dieser Stoffe. Hat sich jemand mal Gedanken gemacht wie dies über Jahre auf den Körper wirkt?

Functional FoodDas Beispiel ist noch harmlos. Der Zusatz von Mineralstoffen und Vitaminen kann noch als relativ gut untersucht gelten. Niemand hat sich aber Gedanken gemacht wie es auf den Körper wirkt wenn er Stoffe über Jahre in größeren Mengen aufnimmt, die er in der Nahrung in nur kleinen Mengen findet. Da gibt es inzwischen einige: Algenextrakte, die gegen alles helfen sollen und die man sonst nie essen würde. Tomatenextrakte oder nur das Lycopin weil es ein Wirkstoff gegen Krebs sein soll, Taurin in Power Drinks, weil es im Körper als Neurotransmitter vermutet wird.

Bei diesen Stoffen fehlt nicht nur eine Untersuchung wie die Stoffe über längere Zeit im Körper wirken, sondern generell der Wirkungsnachweis. Nur weil Taurin im Gehirn zu finden ist, muss es nicht die Stimmung erhellen. Ja es fehlt sogar der Nachweis das von der Nahrung aufgenommenes Taurin sich überhaupt in ihrem Gehirn wieder findet. Zahlreiche Neurotransmitter finden sich auch in der Nahrung, so das Cholin, das Molekül, das zwischen den meisten Nervenzellen vermittelt. Wenn man durch Cholin aus der Nahrung besser denken könnte, würden bestimmt alle nur noch Eigelb essen, das zu 1.7% aus Cholin besteht...

Die Hersteller bleiben nicht nur solche Nachweise sondern generell alle Nachweise schuldig. Denn anders als bei Arzneimitteln müssen sie ja keine Untersuchungen über Wirkungen, Nebenwirkungen oder Gefahren anstellen. Sie mischen einfach dazu. Richtig lustig wird's aber erst, wenn man wie in den USA auch pharmakologisch wirksame Pflanzen unter Lebensmittel mischt, wie Echinacea oder Johanniskraut. Diese sind nicht umsonst auch in verschreibungspflichtigen Medikamenten enthalten und auch nicht alles was aus der Natur kommt ist, gesund ("natürlich" sind auch Digitalis, Haschisch, Tabak, Kokain und Strychnin).

Vor allem aber weis kein Mensch, was passiert wenn jemand diese Stoffe nicht ab und zu bei Beschwerden, sondern jeden Tag mit dem Essen zu sich nimmt. Das ganze hätte man vor 56 Jahren wahrscheinlich noch als "Menschenversuche" bezeichnet, heute ist es nur "Big Business".

Es ist auch nicht so, das diese Zusätze für jeden gesund sind. Nehmen wir die Phytosterine deren Wirkung relativ gut gesichert ist. Sie können bei hoher Aufnahme in der Tat den LDL-Cholesterinspiegel um 5 bis 15% senken. Die Aufnahme dieser Werte ist jedoch mit Pflanzen nicht erreichbar. Sie senken aber auch die Aufnahme von fettlöslichen Vitaminen, besonders der Vitamine A+E und bei bestimmten Personen haben sie negative Wirkungen auf die Gefäßgesundheit. Diese Veranlagung ist genetisch begründet. Das zeigt, dass man nicht einfach eine so angereicherte Margarine kritiklos konsumieren sollte, sondern nur wenn man wirklich ein Arterioskleroserisiko hat..

Was schützt uns vor Functional Food?

Was die Zusammensetzung angeht noch sehr wenig, solange ein Lebensmittel nicht gesundheitsschädlich ist, darf es in den Verkehr gebracht werden. Was noch fehlt ist eine Regelung über maximal zulässige Mengen bei verschiedenen Zusatzstoffen. Diese gibt es z.B. bei Fluor oder Jod oder den Vitaminen A+D. Bei den meisten zugesetzten Stoffen fehlt dies. Immerhin: Zusätze von pharmakologisch wirksamen Pflanzen, wie in den USA dürfen bei uns fast nicht durchsetzbar sein.

Im LMBG (Lebensmittel und Bedarfsgegenstände Gesetz) gibt es eine vorbildliche Regelung für Zusatzstoffe, diese müssen genau untersucht sein, technologisch notwendig und natürlich unschädlich. Leider hat sich niemand Gedanken gemacht, was passiert wenn man natürliche Inhaltsstoffe Lebensmitteln zusetzt, obgleich von vielen dieser Stoffe in Überdosierungen Gefahren ausgehen.

Werbung und Gesetze

Eigentlich ist es ja so einfach. Es gibt eine eindeutige Regelung im LMBG, (heute LFGB) eigentlich nämlich § 12 (früher: 18), den ich für die Lebensmitteltechnologen und die Manager die keine Lebensmittelchemiker beschäftigen wollen, mal hier zitiere: "...ist es verboten im Verkehr mit Lebensmitteln oder in der Werbung... Aussagen die sich auf die Beseitigung, Linderung oder Verhütung von Krankheiten beziehen... zu verwenden.". Nach §11 (früher 17) Abs. 1 Nr. 5a dürfen außerdem der Werbung nicht Wirkungen von Lebensmitteln geworben werden, die ihnen nach Stand der Wissenschaft nicht zukommen oder nicht hinreichend wissenschaftlich belegt sind.

Eigentlich sind das zwei ziemlich scharfe Schwerter von Justitia, aber meine Berufskollegen in den Ämtern haben einen gewissen Respekt vor großen Firmen. So wirbt Nestle für LC-1 "stärkt ihre Abwehrkräfte". Mal abgesehen, das Nestle bislang nur Wirkungen für eine Kurzzeitaufnahme von einigen Monaten belegt hat. Das Produkt aber seit Jahren verkauft und so die Wirkung über Langzeit schuldig bleibt, ist dies einwandfrei eine Aussage die sich auf die Verhütung von Krankheiten bezieht.

Ob kleinere Firmen mit derselben Taktik durchkommen muss sich noch zeigen. Manche Firma zieht sich lieber auf sicheres Terrain zurück wie Red Bull "Verleiht Flügel", was so gut wie nichts aussagt. Trotzdem: Gerade die großen Konzerne sind Vorreiter in Functional Food, ausgehend von Produkten die sie in anderen Ländern schon absetzen. Inzwischen werden die Werbungen wieder vorsichtiger, sicher wegen Klagen der Verbraucherverbände gegen diese Werbung. Nun sagt Kachelmann nur noch "Mir hilfts" oder es gibt den sinnfreien Slogan "Hilft sich gesund zu ernähren". Es werden viele Werbemittel eingesetzt, wie Gratisproben, wozu auch das Versprechen von Activia mit "Geld zurück" zählt. Es geht auf,, weil nur die wenigsten dies auch tun - wer hebt denn schon die Kassenbons über Wochen auf?

Erst 2006 fing die EU an diesen neuen Markt zu regeln. Es trat eine neue Verordnung in Kraft, nach der alle Werbeaussagen die mit gesundheitlichen Wirkungen zu tun haben, überprüft werden müssen. ("Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Dezember 2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel" (Health-Claims-Verordnung, HCV).Wie viele es sind, darüber schwanken die Zahlen. Ich habe von 1000, 2500 aber auch 46.000 gelesen. Man darf allerdings davon ausgehen, dass es nicht 46.000 verschiedene sind, sondern nur Abwandlungen einer Kernaussage sind. 2012 erschien dann die erste genehmigte Liste. Juristen hatten die vielen eingegebenen Werbeslogans auf 1.600 wesentliche Aussagen eingegrenzt. Nur 222 waren wissenschaftlich so weit abgesichert, dass sie genehmigt wurden. Prominente Opfer waren die Werbeaussagen für probiotische Produkte mit "aktiven" Milchsäurekulturen und die Wirkung von Vitamin C gegen Krebs und Erkältungen. Mehr darüber was heute an nährwertbezogenen Angaben zulässig ist finden sie auf meiner Seite über Nährwertkennzeichnung.

Seitdem sind die Werbeaussagen erheblich vorsichtiger geworden. Bei Activia setzt man nun auf Prominente die von dem "wohlfühlen" reden. Ich fühle mich bei vielem was ich esse wohl, so z.B. auch bei Erdbeerkuchen oder Pizza, der Spruch ist also so allgemein, dass er zulässig ist.

Bücher vom Autor

Zum Thema Ernährung, Lebensmittel und Lebensmittelchemie/recht sind bisher vier Bücher von mir erschienen:

Das Buch „Was ist drin?“ wendet sich an diejenigen, die unabhängige Informationen über Zusatzstoffe und Lebensmittelkennzeichnung suchen. Das Buch zerfällt in vier Teilen. Es beginnt mit einer kompakten Einführung in die Grundlagen der Ernährung. Der zweite Teil hat zum Inhalt eine kurze Einführung in die Lebensmittelkennzeichnung - wie liest man ein Zutatenverzeichnis. Welche Informationen enthält es? Ergänzt wird dies durch einige weitere Regelungen für weitergehende Angaben (EU Auslobung von geografischen Angaben, Bio/Ökosiegel etc.).

Der größte der vier Teile entfällt auf eine Beschreibung der technologischen Wirkung, des Einsatzzweckes und der Vorteile - wie auch bekannter Risiken - von Zusatzstoffen. Der letzte Teil zeigt beispielhaft an 13 Lebensmitteln, wie man ein Zutatenverzeichnis sowie andere Angaben liest, was man schon vor dem Kauf für Informationen aus diesem ableiten kann, die einem helfen, Fehlkäufe zu vermeiden und welche Tricks Hersteller einsetzen, um Zusatzstoffe zu verschleiern oder ein Produkt besser aussehen zu lassen, als es ist. 2012 erschien eine Neuauflage, erweitert um 40 Seiten. Sie trägt zum einen den geänderten Gesetzen Rechnung (neue Zusatzstoffe wurden aufgenommen, Regelungen über Lightprodukte beschrieben) und zum anderen ein Stichwortregister enthält, das sich viele Leser zum schnelleren Nachschlagen gewünscht haben.

Wie sich zeigte, haben die meisten Leser das Buch wegen des zentralen Teils, der die Zusatzstoffe beinhaltet, gekauft. Ich bekam auch die Rückmeldung, dass hier eine Referenztabelle sehr nützlich wäre. Ich habe daher 2012 diesen Teil und den Bereich über Lebensmittelrecht nochmals durchgesehen, um die neu zugelassenen Zusatzstoffe ergänzt und auch um neue Regelungen, wie bei der Werbung mit nährwertbezogenen Angaben. Ergänzt um eine Referenztabelle gibt es nun die zwei mittleren Teile als eigenes Buch unter dem Titel "Zusatzstoffe und E-Nummern" zu kaufen.

Nachdem ich selbst über 30 kg abgenommen habe, aber auch feststellen musste wie wenig viele Leute von Ernährung oder der Nahrung wissen, habe ich mich daran gemacht einen Diätratgeber "der anderen Art" zu schreiben. Er enthält nicht ein Patentrezept (wenn auch viele nützliche Tipps), sondern verfolgt den Ansatz, dass jemand mit einer Diät erfolgreicher ist, der genauer über die Grundlagen der Ernährung, was beim Abnehmen passiert und wo Gefahren lauern, Bescheid weiß. Daher habe ich auch das Buch bewusst "Das ist kein Diätratgeber: ... aber eine Hilfe fürs Abnehmen" genannt. Es ist mehr ein Buch über die Grundlagen der Ernährung, wie eine gesunde Ernährung aussieht und wie man dieses Wissen konkret bei einer Diät umsetzt. Es ist daher auch Personen interessant die sich nur über gesunde Ernährung informieren wollen und nach Tipps suchen ihr Gewicht zu halten.

Das Buch "Was Sie schon immer über Lebensmittel und Ernährung wissen wollten" wendet sich an alle, die zum einen die eine oder andere Frage zu Lebensmitteln und Ernährung haben, wie auch die sich für die Thematik interessieren und auf der Suche nach weitergehenden Informationen sind. Während andere Autoren zwar auch populäre Fragen aufgreifen und diese oft in einigen Sätzen beantworten und zur nächsten Frage wechseln, habe ich mich auf 220 Fragen beschränkt, die ich mehr als Aufhänger für ein Thema sehe, so hat das Buch auch 392 Seiten Umfang. Jede Frage nimmt also 1-2 Seiten ein. Sie sind nach ähnlichen Fragestellungen/Lebensmitteln gruppiert und diese wieder in vier Sektionen: zwei Großen über Lebensmittel und Ernährung und zwei kleinen für Zusatzstoffe und Lebensmittelrecht/Werbung. Man kann das buch daher von vorne bis hinten durchlesen und so seinen Horizont erweitern, aber auch schnell mal nach einer Antwort suchen.

Sie erhalten alle meine Bücher über den Buchhandel (allerdings nur auf Bestellung), aber auch auf Buchshops wie Amazon, Libri, Buecher.de und ITunes. Sie können die Bücher aber auch direkt bei BOD bestellen.

Mehr über diese Bücher und weitere des Autors zum Themenkreis Raumfahrt, finden sie auf der Website Raumfahrtbucher.de.


© des Textes: Bernd Leitenberger. Jede Veröffentlichung dieses Textes im Ganzen oder in Auszügen darf nur mit Zustimmung des Urhebers erfolgen.