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"Molkeschnitte" als Zwischenmahlzeit

Die Werbung

Besonders intensiv - mit Prominenten - wird die "Molkeschnitte" beworben - auf das "Kinder" wird inzwischen verzichtet. Der Packungstext weißt nicht nur darauf hin das die "Molkeschnitte" leicht und nicht belastend ist, sondern auch "wertvolle Zutaten wie Weizenmehl, Honig und das beste aus Ei und Butter liefern Nährstoffe die für eine moderne Ernährung wichtig sind" enthält.

Hinweis: Natürlich gibt es kein Produkt "Molkeschnitte". Die Produktbeschreibung und das Zutatenverzeichnis stammt von einem real existierenden Produkt. Da Firmen jedoch nicht so gerne ihre Marken negativ besprochen sehen und dann auch nicht vor größeren juristischen Keulen zurückschrecken habe ich bewusst den Markennamen durch diesen Phantasienamen ersetzt.

Die Wirklichkeit

Bei der Werbung werden zwei Dinge in den Vordergrund gehoben - der "leichte" Charakter des Produktes und - subtiler - der Eindruck es handele sich um eine besonders vollwertige Schnitte. Es wird nicht explizit gesagt, aber der Eindruck erweckt.

Nun sehen wir uns mal das Zutatenverzeichnis an: "frische Vollmilch 40 %, pflanzliche Öle, Zucker, Weizenmehl, Magermilchpulver, Honig (5 %), Butterreinfett, Volleipulver, Weizenkleie, fettarmer Kakao, Emulgator Mono- und Diglycerid, Weizeneiweiß, natürliche Aromen, Backpulver, Glucono-delta-lacton ,Natriumbicarbonat, Kaliumtatrat, Ammoniumcarbonat, Salz, Vanillin.

Also wenn sie noch nie meine Serie "Was ist drin?" besucht haben: Hier eine Anleitung wie man eine solche Zutatenliste liest: Die Zutaten stehen geordnet nach Häufigkeit, das heißt Milch ist hier Hauptbestandteil, es ist sogar eine Menge (40 %) gegeben. Man kann daher abschätzen, was von welcher der anderen Zutaten drin ist. So findet man Butterreinfett und Volleipulver und Weizenkleie hinter Honig (5 %), das heißt es sind weniger als 5 % drin, bei dieser kleinen Menge von "Das beste aus Butter und Ei" zu sprechen, ist schon unverschämt. Wie bei anderen Süßigkeiten ist nach Milch viel Fett und Zucker enthalten. Erst dann kommt das Mehl, welches nicht einmal ein Vollkornmehl ist - wahrscheinlich um bessere Backeigenschaften zu haben. Das fehlende Vollkorn gibt man dann als Weizenkleie hinzu.

Das zweite was man bei einer Zutatenliste erkennen muss, ist wann die Minorbestandteile (Bestandteile in kleinen Mengen wie Salz, Gewürze, Zusatzstoffe etc.) anfangen, also die Dinge die sie auch in der Küche nur in kleinen Mengen einsetzen. Das ist der Fall hier beim Emulgator, der dazu dient das Fett und die Milch zu verbinden. Schon das wertvolle Weizeneiweiß ist also in geringeren Mengen als der Emulgator enthalten.

Nach der Zutatenliste besteht die Molkeschnitte aus einer Creme aus Milch, pflanzlichen Ölen, Zucker und Honig und zwei kleinen Brandteigschnitten die mit Kakao gefärbt, sind um sie dunkel zu machen und so aussehen zu lassen als wäre Vollkornmehl drin. Ab 2001 müssen alle ausgelobten Zutaten in Prozentwerten angegeben werden, also nicht nur Milch und Honig sondern auch Weizenmehl, Butter und Ei. Dann kann man noch besser beurteilen, was dieses Produkt wirklich ist.

Energiegehalt und Nährstoffe

Betrachtet man die Nährstoffmengen mal nicht pro Schnitte sondern auf 100 g so sind es folgende Angaben:

Energie

1745 KJ

Eiweiß

9.0 g

Kohlenhydrate

36.0 g

Fett

26.5 g

Vitamin B 2

0.37 mg (23 %)

Vitamin B 12

620 ng (12 %)

Vitamin E

1.80 mg (18 %)

Calcium

200 mg (25 %)

Schon alleine vom Energiegehalt ist also die Molkeschnitte nicht nur ein "Snack", sondern wenn man mehr davon isst, durchaus ein Faktor in der Gesamtbilanz, den man nicht vernachlässigen sollte. Wie viele andere Süßigkeiten wie Kekse, Schokolade oder Kuchen enthält die Molkeschnitte wenig Eiweiß und dafür viel Fett und Kohlenhydrate. Aus dieser Sicht ist die Molkeschnitte sicher vor allem zu fettreich und damit zu energiereich. Das sie dennoch als leicht angepriesen wird liegt darin, dass das Fett emulgiert ist, also in der Creme verbunden mit der Milch ist. Es ist dadurch leichter verdaulich. Das "leicht" sollte aber keinen dazu ermuntern dies auf den Fett- oder Energiegehalt zu übertragen. 1745 KJ - dieser Energiegehalt liegt z.B. über dem von reinem Zucker (1660 KJ) oder Brot (1100 KJ) und nur gering unter dem von Schokolade (2300 KJ), welche wohl niemand als leicht bezeichnen würde. Zahlreiche Wurstsorten und Käse haben z.B. nur etwa 1100-1500 KJ.

Noch interessanter ist die Werbeaussage, die Schnitte enthalte Vollmilch (40 %) und Honig (5 %). Vor allem der Vollmilchgehalt kann bei dieser energiereichen Schnitte nicht stimmen. Rechnen wir einmal nach:

Nach der Zutatenliste kann das Calcium nur aus der frischen Vollmilch (40 %) und dem Magermilchpulver (steht direkt vor dem Honig also mehr las 5 %) stammen. Frische Milch enthält 120 mg Calcium pro 100 g. 40 % davon also maximal 48 mg. Der Rest, der zu den 200 mg fehlt (152 mg) muss demnach aus dem Magermilchpulver stammen. Bei 1290 mg Calcium pro 100 g muss man dazu 11.8 g zu setzen. Doch Magermilchpulver ist weitgehend fettfrei (enthält nur 1.0 g Fett). Berücksichtige ich diese 11.8 % in der Kalkulation, so müssten die restlichen 43.2 % etwa 1392 kJ haben (Magermilchpulver hat 1520 kJ/100 g) und der Energiegehalt der restlichen 43.2 % so nicht direkt bestimmbaren Zutaten liegt bei 1392 kJ oder 3220 kJ pro 100 g - Das ist der Energiegehalt von Butter! Wo kommt es her? Es ist die Position 2 in der Liste, die pflanzlichen Öle. Von den 26.5 g Fett im Produkt stammen wahrscheinlich über 20 g von den Ölen. Das ist dann schon nicht mehr eine locker geschlagene Vollmilch: Selbst reine Schlagsahne wäre da energieärmer gewesen. Dazu kommt der hohe Zuckergehalt. Von den 36 g Kohlehydraten sind nicht weniger als 28 g Zucker.

Zu den Vitaminangaben ist zu sagen das diese nicht herausragend sind. Man muss die Menge im Verhältnis zur Energie setzen - denn auch 18 % der Tagesenergie werden von der Molkeschnitte abgedeckt. Andere Vitamine werden gar nicht erst erwähnt, sind also in noch kleineren Mengen vorhanden.

Besonders interessant ist das Vitamin B12. Sie finden auf den Originalpackungen die Angabe 62 % des Tagesbedarfs, bei mir nur 12 %. Warum? Nun die Angaben auf der Packung sind nach der europäischen Nährwertkennzeichnungsverordnung. Diese gibt für Vitamin B12 einen Tagesbedarf von 1 Mikrogramm (µg) an. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) dagegen gibt einen Tagesbedarf von 5 µg an. Warum dieser Unterschied? Nun Vitamin B12 wird nur zum Teil aus dem Darm aufgenommen. Man schätzt den Tagesbedarf auf 1 µg, aber da man nur etwa 25 % des Vitamine resorbiert empfiehlt die DGE eine Aufnahme von 5 µg. Das ganze wird noch dazu verkompliziert, das die Darmbakterien Vitamin B12 produzieren und man nicht genau weiß wie viel davon aufgenommen werden. Weiterhin ist die Aufnahme von der Sekretion eines Proteins abhängig und zum Schluss gibt es einen Körpervorrat der für mehrere Jahre ausreicht, wenn er gefüllt ist, so das Mängel nicht sofort auftreten.

Unter dieser Sachlage dürfte der tatsächliche Tagesbedarf Gegenstand von Diskussionen sein. Die EU hat den niedrigen Wert genommen, ich nehme den höheren Wert, da dieser auch anderen Empfehlungen für die Nährstoffzufuhr und Diäten zugrunde legt. Das die EU das in wissenschaftlichen Kreisen als absolute Minimum um Krankheiten zu meiden genommen hat, liegt daran, das EU Gesetze im wesentlichen für die Harmonisierung des Handels und die Wirtschaft gemacht sind und nicht für den Verbraucher. In der Praxis ist Vitamin B12 - das komplexeste Vitamin das man kennt - sehr empfindlich und wird durch Licht, Sauerstoff oder Erhitzen stark zerstört. Daher auch der hohe Wert der DGE, der diese Verluste abfangen soll.

Fazit

Eine Molkeschnitte mag als leichte Mahlzeit ja noch durchgehen, aber das kann auch ein Rippchen Schokolade. Das Produkt als ganzes ist relativ energiereich und entspricht in der Zusammensetzung nicht den Anforderungen einer vollwertigen Ernährung. Die Anspielungen darauf das die Molkeschnitte "vollwertig" oder besonders gesund sei ist daher nicht zutreffend.



Bücher vom Autor

Zum Thema Ernährung, Lebensmittel und Lebensmittelchemie/recht sind bisher vier Bücher von mir erschienen:

Das Buch „Was ist drin?“ wendet sich an diejenigen, die unabhängige Informationen über Zusatzstoffe und Lebensmittelkennzeichnung suchen. Das Buch zerfällt in vier Teilen. Es beginnt mit einer kompakten Einführung in die Grundlagen der Ernährung. Der zweite Teil hat zum Inhalt eine kurze Einführung in die Lebensmittelkennzeichnung - wie liest man ein Zutatenverzeichnis. Welche Informationen enthält es? Ergänzt wird dies durch einige weitere Regelungen für weitergehende Angaben (EU Auslobung von geografischen Angaben, Bio/Ökosiegel etc.).

Der größte der vier Teile entfällt auf eine Beschreibung der technologischen Wirkung, des Einsatzzweckes und der Vorteile - wie auch bekannter Risiken - von Zusatzstoffen. Der letzte Teil zeigt beispielhaft an 13 Lebensmitteln, wie man ein Zutatenverzeichnis sowie andere Angaben liest, was man schon vor dem Kauf für Informationen aus diesem ableiten kann, die einem helfen, Fehlkäufe zu vermeiden und welche Tricks Hersteller einsetzen, um Zusatzstoffe zu verschleiern oder ein Produkt besser aussehen zu lassen, als es ist. 2012 erschien eine Neuauflage, erweitert um 40 Seiten. Sie trägt zum einen den geänderten Gesetzen Rechnung (neue Zusatzstoffe wurden aufgenommen, Regelungen über Lightprodukte beschrieben) und zum anderen ein Stichwortregister enthält, das sich viele Leser zum schnelleren Nachschlagen gewünscht haben.

Wie sich zeigte, haben die meisten Leser das Buch wegen des zentralen Teils, der die Zusatzstoffe beinhaltet, gekauft. Ich bekam auch die Rückmeldung, dass hier eine Referenztabelle sehr nützlich wäre. Ich habe daher 2012 diesen Teil und den Bereich über Lebensmittelrecht nochmals durchgesehen, um die neu zugelassenen Zusatzstoffe ergänzt und auch um neue Regelungen, wie bei der Werbung mit nährwertbezogenen Angaben. Ergänzt um eine Referenztabelle gibt es nun die zwei mittleren Teile als eigenes Buch unter dem Titel "Zusatzstoffe und E-Nummern" zu kaufen.

Nachdem ich selbst über 30 kg abgenommen habe, aber auch feststellen musste wie wenig viele Leute von Ernährung oder der Nahrung wissen, habe ich mich daran gemacht einen Diätratgeber "der anderen Art" zu schreiben. Er enthält nicht ein Patentrezept (wenn auch viele nützliche Tipps), sondern verfolgt den Ansatz, dass jemand mit einer Diät erfolgreicher ist, der genauer über die Grundlagen der Ernährung, was beim Abnehmen passiert und wo Gefahren lauern, Bescheid weiß. Daher habe ich auch das Buch bewusst "Das ist kein Diätratgeber: ... aber eine Hilfe fürs Abnehmen" genannt. Es ist mehr ein Buch über die Grundlagen der Ernährung, wie eine gesunde Ernährung aussieht und wie man dieses Wissen konkret bei einer Diät umsetzt. Es ist daher auch Personen interessant die sich nur über gesunde Ernährung informieren wollen und nach Tipps suchen ihr Gewicht zu halten.

Das Buch "Was Sie schon immer über Lebensmittel und Ernährung wissen wollten" wendet sich an alle, die zum einen die eine oder andere Frage zu Lebensmitteln und Ernährung haben, wie auch die sich für die Thematik interessieren und auf der Suche nach weitergehenden Informationen sind. Während andere Autoren zwar auch populäre Fragen aufgreifen und diese oft in einigen Sätzen beantworten und zur nächsten Frage wechseln, habe ich mich auf 220 Fragen beschränkt, die ich mehr als Aufhänger für ein Thema sehe, so hat das Buch auch 392 Seiten Umfang. Jede Frage nimmt also 1-2 Seiten ein. Sie sind nach ähnlichen Fragestellungen/Lebensmitteln gruppiert und diese wieder in vier Sektionen: zwei Großen über Lebensmittel und Ernährung und zwei kleinen für Zusatzstoffe und Lebensmittelrecht/Werbung. Man kann das buch daher von vorne bis hinten durchlesen und so seinen Horizont erweitern, aber auch schnell mal nach einer Antwort suchen.

Sie erhalten alle meine Bücher über den Buchhandel (allerdings nur auf Bestellung), aber auch auf Buchshops wie Amazon, Libri, Buecher.de und ITunes. Sie können die Bücher aber auch direkt bei BOD bestellen.

Mehr über diese Bücher und weitere des Autors zum Themenkreis Raumfahrt, finden sie auf der Website Raumfahrtbucher.de.


© des Textes: Bernd Leitenberger. Jede Veröffentlichung dieses Textes im Ganzen oder in Auszügen darf nur mit Zustimmung des Urhebers erfolgen.
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