Bernd Leitenbergers Blog

Buchkritik: J. Kelly: Moon Lander

Während meines Nesselwang Aufenthaltes habe ich mir erneut das Buch von Kelly über die Entwicklung des Mondlanders durchgelesen. Nun habe ich festgestellt, dass ich keine Kritik über das Buch verfasst habe. Zeit das mal nachzuholen.

J. Kelly ist wohl, wenn man dem Buch selbst glaubt, der Vater der Mondfähre. Letzten Titel bekam er nach Wikipedia von der NASA, sodass diese Werbung auf dem Buchcover wohl wahr, ist. Im Laufe der Entwicklung rückt er vom Projektingenieur, der ein kleines Team leitet das auf die Ausschreibung der NASA für den Mondlander antwortet zum Programmmanager auf. Dabei rückt er auch in dem Entwicklungsprozess weiter vom Design über Entwicklung zur Fertigung und Qualitätskontrolle zur Überwachung des Betriebs in den hinteren Räumen der Missionskontrolle. So wäre er der beste Mann gewesen (Kelly starb 2002 im Alter von 72) um die Entwicklung des Mondlanders umfassend zu beschrieben.

Die Kritiken auf der US-Seite von Amazon sind überwiegend positiv, die wenigen Kritiken auf der deutschen Seite eher im Mittelmaß. Ich glaube das liegt aber nun weniger am Inhalt des Buches oder das es schwer zu lesen wäre, sondern an dem Anspruch des Publikums. Im Allgemeinen sind Amerikaner unkritischer und das Anspruchsniveau ist kleiner. So habe ich auch ein Buch über die Technik des Space Shuttles, das die Technik nur mit allgemein verständlicher Sprache beschreibt, ohne ins Detail zu gehen mit nur wenigen Daten und das wurde in einem Review von Space Review als „zu technisch für viele Interessierte“ charakterisiert. In Deutschland dürfte jemand, der ein Buch in Englisch kauft, ein tieferes Interesse am Mondlander haben, schließlich gibt es die Sprachbarriere als zusätzliches Kaufhindernis. Der erwartet dann mehr Fakten und Daten, als er in dem Buch findet.

Das Buch ist NICHT eine Beschreibung der Technik des LM, noch seiner Entwicklungsgeschichte im technischen Sinn (warum hat man dieses oder jenes geändert, wie hat man welche Probleme gelöst). Es werden zwar Dinge angesprochen wie problematisch waren, aber dies geht nur in einem kleinen Detailgrad, so die Entscheidung die Ausstiegluke quadratisch zu machen und eine Plattform vor ihr anzubringen. Sie fiel, nachdem Astronauten bei Versuchen über die bisherige runde Luke mit dem Anzug und Lebenserhaltungssystem hineinzuklettern große Probleme hatten.

Das Buch ist ehrlich: Grumman hatte bei der NASA keinen guten Ruf. Während der ersten Jahre war das Hauptproblem der „schedule slip“. Grumman hatte einen Faktor von 0,8. Sprich alle fünf Wochen verschob sich der Auslieferungstermin eines LM oder ein anderer Meilenstein um vier Wochen. Erst relativ spät hat Grumman darauf reagiert, indem man mehr Personal an das Projekt setzte und schließlich im Dreischichtbetrieb, 24 Stunden am Tag an den LM arbeiteten.

Später sorgte Grumann für einen schlechten Ruf, indem man Versäumnisse bei der Entwicklung und Fertigung machte. So gab es keinerlei Tests der Verbrennungsinstabilitäten des Aufstiegstriebwerks. Es stammte von dem Agena-Triebwerk ab und das hatte, als Grumman den Kontrakt bekam, schon Dutzende Male im All reibungslos gearbeitet. So sparte sich Grumman die Untersuchung ganz. Das erste an die NASA übergebene LM-1 „leckt wie ein Sieb, ist Müll“ so nach Rocco Petrone KSC Manager – beim Test ob Leitungen dicht waren schlugen die Alarmsirenen von Helium-“Schnüffelgeräten“ so laut an, dass man den Test abbrechen musste. Helium setzte man Druckluft zu, um die Dichtheit von Leitungen und Verbindungen zu testen. Bei der späteren Kontrolle mit Tensidlösungen zeigte sich dann auch Schaum, das war also nicht nur ein kosmetisches Problem.

Erst im letzten Viertel des Buchs kann Kelly so richtig stolz auf das LM sein. Die Flugobjekte funktionierten tadellos. Allerdings „profitierte“ Grumman vom Apollo 1 Unglück. Die Behebung der Mängel dauerten 18 Monate bei North American welche das CSM herstellten, die Änderungen beim LM waren deutlich kleiner und in 4 Monaten abgeschlossen, sodass Grumman 14 Monate des verzögerten Zeitplans aufholen konnte. Trotzdem schafften sie es nicht, das erste LM für bemannte Tests rechtzeitig fertigzustellen, sodass die NASA Apollo 8 einschob, um das CSM auf einer Mondmission zu testen. Normalerweise wäre der Test des LM in der Erdumlaufbahn mit Apollo 9 der Apollo 7 Mission gefolgt.

Kelly muss eigentlich viel von Technik verstehen. Er war die ganze Zeit für die technische Seite verantwortlich, und zumindest am Anfang, als er noch nicht weit oben in der Hierarchie war, hat er auch das Design mit ausgearbeitet. Davon merkt man im Buch nichts. Wenn es um Technik geht, so wird ein Problem allgemein beschrieben und auch die Lösung allgemein beschrieben. Beim Lecken z.B. indem man Verbindungen, die vorher durch O-Ringe abgedichtet wurde, verlötet hat. Von der Technik des LM erfährt man nur wenig, eigentlich nur dass, was man wissen muss um die Probleme und deren Behebung zu verstehen. Es gibt keine Beschreibung der Funktionsweise des LM, seinen Aufbau oder auch eine Beschreibung der Subsysteme. Systeme die keine Probleme machten (z.B. der Bordcomputer) werden gar nicht erst angesprochen. Wie bekommt man dann 266 Seiten (ohne Anhang, davon ¾ bis zum ersten Einsatz, bei Apollo 5) voll? Kelly beschreibt Sitzungen, Personen, die involviert sind und Entscheidungen und Managementtechniken wie die Einführung von PERT. Doch auch das nicht im Detail. Jemand der das Buch kauft, um das Projektmanagement zu verstehen oder daraus zu lernen, wird auch nicht viel daraus ziehen können. Es ist vielmehr eine Zusammenfassung von rund 10 Jahren Entwicklung und der Probleme, und dann ist klar, dass es nicht in die Tiefe gehen kann, da bleiben pro Jahr gerade mal 25 Seiten.

Was euch fehlt sind Abbildungen. Die wenigen Abbildungen zeigen vorwiegend nicht den Mondlander und seiner Technik, sondern Projektverantwortliche.

Fazit

Für wen ist nun das Buch geeignet und für wenn ist es nicht geeignet. Das Buch ist geeignet für alle, die vor allem an Geschichte interessiert sind und die einen Einblick in die Entwicklung des LM und den dabei auftretenden Problemen gewinnen wollen. Es ist völlig ungeeignet für alle, die sich über die Technik des LM informieren wollen. Je nach Erwartungshaltung kann man so drei oder vier bis fünf Sterne vergeben. Wer die Beschreibung zum Buch liest, der muss mehr Sterne vergeben, denn aus dieser wird klar, dass es sich nicht um ein Technikbuch handelt, sondern eines über Projektgeschichte und Entwicklungsgeschichte. Wer ein Buch über die Technik des LM haben will, der muss sich woanders umsehen.

Selbst diesen Anspruch löst das Buch aber nicht ein. Es fehlt zum Beispiel eine tabellarische Zusammenfassung. Sowohl von den Ereignissen aus Projektsicht (Meilensteine, Übergabe von LM, Missionen) wie auch des LM (Masse, Abmessungen, andere technische Daten) oder der Finanzen (der erste Kontrakt hatte einen Umfang von 389 Millionen Dollar, am Ende kostete das LM aber 2214 Millionen). Fünf Sterne würde ich nicht geben, selbst wenn man das Werk nur als Buch über die (Projekt)geschichte nimmt.

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