Auf meinen heutigen Blog kam ich durch ein Special der Heute Show. Jeweils in den viel zu langen Sommer- und Winterpausen gibt es Specials in denen Lutz Van der Horst und Fabian Köster einem Thema nachgehen und dabei auch prominente Politiker fragen. Diesmal ging es um Zucker, seine gesundheitlichen Auswirkungen und das Werbeverbot für zuckerhaltige Lebensmittel für Kinder und eine Zuckersteuer, die es in England auf Getränke gibt. Zeit das mal aufzudröseln.
Nach einer Studie die Minister Karl Lauterbach als fundiert bezeichnet, entstehen durch Adipositas wirtschaftliche Schäden von 63 Milliarden Euro pro Jahr. Nun ist Adipositas, also krankhafte Fettsucht, eine Krankheit mit vielen Ursachen. Ebenso ist unbestritten, dass der Anteil von Adipösen sowohl bei den Kindern wie auch bei den Erwachsenen ansteigt. Was der Beitrag nun aber total unterschlägt ist, das es dafür einige Ursachen gibt. Dazu komme ich später noch. Aber zuerst gehe ich mal aufs Kernthema ein: den Zucker.
Also Zucker ist ein Kohlenhydrat wie andere auch, wie z.B. die Stärke. Zucker ist im allgemeinen Sprachgebrauch und definiert als Saccharose, also Rohr- und Rübenzucker, das ist der Zucker den man im Laden kaufen kann. Etwas diffiziler ist die Bezeichnung “Zucker“ in den Nährwertangaben, dort ist Zucker die Summe aller Mono- und Disaccharide. Das sind – wenn man exotische Moleküle mal außen vor lässt, die es in kleinen Mengen auch gibt:
- Lactose (Milchzucker) – ein Disaccharid mit geringer Süßkraft
- Saccharose („normaler Zucker“) – der meist eingesetzte Zucker, kommt natürlich aber auch in Bananen in größerer Menge vor
- Glucose (Traubenzucker) – ein Zucker der oft in Früchten vorkommt
- Fructose (Fruchtzucker) – der zweite wichtige Zucker in Früchten
Die meisten Früchte, die ja neben Honig die einzige „natürliche“ Zuckerquelle sind, enthalten Glucose und Fructose. Honig enthält aufgespaltene Saccharose also ein 50:50 Gemisch aus Glucose und Fructose. Technisch hergestellt heißt dieses Gemisch Invertzuckersirup.
Sehr oft setzt man aber durch Säure oder enzymatisch aufgespaltene Stärke als Zucker ein. Je nach Methode entsteht eine reine Glucoselösung, eine Glucoselösung mit etwas Fructose oder eine Glucoselösung mit größerem Fructoseanteil, die dann im Zutatenverzeichnis als Glucosesirup, Glucose-Fructosesirup oder Fructosesirup auftaucht. Auch das sind nach gesetzlicher Definition Zucker. Was aus dieser Definition rausfällt sind noch süße Oligosaccharide wie Maltotriose, ein Bestandteil von Malz. Das ist aber ein kleiner Anteil am Gesamtzucker.
Zucker an und für sich ist nicht energiereicher als Stärke. Also ein Kilogramm Reis oder Stärke haben genau denselben Energiegehalt wie Zucker. Anders als Stärke muss der Zucker aber nicht aufgespalten werden und gelangt so schneller ins Blut, lässt den Blutzuckerspiegel also schneller ansteigen was zur Ausschüttung von Insulin führt. Für gesunde Menschen ist das kein Problem. Natürlich macht Zucker so nicht so satt wie Stärke, aber es gibt anders als dies Medien behaupten, keinen Heißhunger wenn der Blutglucosewert nachdem der Zucker in die Zellen gelangt, wieder absinkt.
Weshalb nun gerade Zucker so unter Beschuss ist, ist weil die Vorliebe für bestimmtes Essen schon in der Kindheit geprägt wird. Man sieht das bei so nationalen Eigenheiten. Also das englische Essen – im Extrembeispiel zum Frühstück Spiegeleier, Speck, Bratwüste und Bohnen in Tomatensoße mögen wohl nur die Engländer. Von der Wissenschaft her ist es egal ob man deftig morgens oder mittags isst. Der springende Punkt ist, dass wenn man das schon als Kind vorgesetzt bekommt, mag man es, während man bei einem Erstkontakt als Erwachsener eine solche Kombination gewöhnungsbedürftig findet. So kann man leicht viele nationale oder nur regionale Eigenheiten (Saumagen) erklären. Wenn nun Kinder relativ süße Speisen und Getränke konsumieren, dann so, der derzeitige Stand der Erkenntnis prägt dies ihre Vorlieben und sie essen auch als Erwachsener eher Lebensmittel mit mehr Süßkraft.
Die Zuckersteuer in England greift deswegen genau da an. Limonaden werden zwar auch von Erwachsenen getrunken, aber in großer Menge auch von Kindern. Da gibt es nun eine Steuer von 18 Pence/l ab 50 g Zucker pro Liter und 24 Pence/l ab 80 g Zucker pro Liter. Nur zur Einordnung: Coca Cola classic hat 106 g Zucker/l, Fanta Orange 76 l Zucker pro Liter. Sie ist aber auf Getränke begrenzt, also Zucker in Frühstückscerealien, auch etwas was kritisiert wird, ist zum Beispiel nicht betroffen.
Das Werbeverbot für zuckerreiche Lebensmittel für Kinder geht davon aus, das Kinder durch comicartige Spots oder ähnliches verleitet werden Süßigkeiten zu kaufen. Gerade bei Kindern ist der Anteil der fettleibigen Kinder ja beträchtlich angestiegen.
Meine Meinung
Bisher mal eine Wiedergabe dessen was der Beitrag und Verbraucherschützer fordern. Ich habe eine naturwissenschaftliche akademische Ausbildung und als Chemiker gehe ich von den Gesetzen der Chemie und Physik aus, nach denen gibt es einen Ursache – Wirkungsmechanismus. Damit stößt man bei vielen Ernährungsrichtlinien aber schnell an Grenzen. In der Medizin werden Erkenntnisse durch Studien gewonnen. Man versucht vereinfacht gesagt eine Erkenntnis durch Versuche bei Menschengruppen zu gewinnen. Also z.B. nimmt man besser ab wenn man kohlen-hydrat oder fettreduziert sich ernährt? Das Problem ist das der Mensch ein komplexes System ist, bei dem es nicht nur einen Faktor gibt der den Stoffwechsel beeinflusst und noch schlimmer die Stoffwechselvorgänge verzahnt sind. So beeinflusst Alkohol den Kohlenhydratabbau und Kohlenhydrate den Fettabbau. Für mich als Chemiker ist dass, wie wenn ich 10 Substanzen zusammenschütte und erhitze und dann versuche eine dieser Substanzen für das Haupteinprodukt verantwortlich zu machen. Das wird nur selten gehen.
Fakt ist, und ich zitiere hier den wissenschaftlichen Dienst für den Bundestag, der die offiziellen Zahlen hat, das der Zuckerkonsum in den letzten Jahren schwankte, aber nicht angestiegen ist:
Jahr | Zucker in kg/Person/Jahr |
---|---|
1950/1951 |
28,1 |
1980/1981 |
35,6 |
2000/2001 |
35,3 |
2013/2014 |
31,6 |
2021/2022 |
34,8 |
Das heißt seit 1980 schwankt der Zuckerkonsum zwischen 31,6 und 35,3 kg pro Person und Jahr, er ist heute immer noch geringer als 1980, kann also alleine nicht den Anstieg von Fettleibigkeit in der Bevölkerung erklären. Zur Einordnung: Die DGE empfiehlt 10 Prozent der Nahrungsenergie in Form von freiem Zucker aufzunehmen, das wären bei der Normfrau (60 kg, leichte Tätigkeit) die die Referenz in den Nährwertangaben ist, 49 g Zucker pro Tag, der Durchschnitt liegt heute bei 95 g und die DGE Empfehlung schließt natürlichen Zucker, wie er in Früchten vorkommt, mit ein.
Schaut man beim Fettkonsum nach, so findet man ein ähnliches Bild, allerdings mit leicht steigender Tendenz, also würde man wenn man dem Ursache -> Wirkungsprinzip geht eher das Fett als problematisch ansehen.
Zuckervermeidung
Warum Zucker so im Fokus geraten ist, ist das man hier viel einfacher als bei Fett die Menge reduzieren kann. Oft wird Zucker nur zugesetzt, damit es süß schmeckt, selbst in Produkten wo traditionell kein Zucker verwendet wird. Im Beitrag wurde als Vergleich mal eine Pizza mit und ohne Zucker gemacht und wen wundert es – die mit Zucker schmeckt besser. In dieser Funktion ist Zucker relativ einfach durch Süßstoff zu ersetzen. Das taten denn auch die Getränkehersteller in England. Im Allgemeinen kann Zucker in Flüssigkeiten (Getränken, Dressings aber auch Wasser bei Gemüsekonserven wie roter Beete oder Krautsalat) praktisch problemlos durch Süßstoff ersetzt werden und es gibt ja auch bei Limonaden schon lange „Zero“ Getränke, man muss sie nur kaufen und das Problem ist gelöst. Wenn ich mal rote Beete im Glas kaufe weiche ich die erst einige Zeit in Wasser ein, damit der Zucker raus geht und setze dann dem Dressing Süßstoff zu. Fruchtsäfte sind übrigens keine Lösung, denn sie enthalten viel natürlichen Zucker.
Bedingt ersetzen kann man Zucker in pastösen Lebensmitteln wo man auch seine wasserbindende Wirkung nutzt, das sind Desserts wie Pudding, Eiscreme, Fruchtjogurt etc. Hier kann man Süßstoff einsetzen, benötigt aber noch ein Dickungsmittel. Und die haben als Zusatzstoff eben einen schlechten Ruf einfach, weil sie Zusatzstoffe sind und Namen keiner kennt, dabei handelt es sich meist um Pflanzeninhaltsstoffe aus dem Bereich der Ballaststoffe, sie sind also natürlich und gesund. Daher findet man solche Lebensmittel eher selten im Regal.
Schwer zu ersetzen ist Süßstoff wo er Masse bildet. Also in Gebäck oder in Schokoriegeln. Nuss-Nougat-Creme. Hier muss man die Rezeptur verändern und das geht nicht ohne Geschmacksveränderungen. Dass ist meist das aus für die Industrie weil der Verbraucher auf einen bestimmten Geschmack geprägt ist und das neue Produkt so wie Blei im Regal liegen bleibt. Trotzdem hat die Industrie in den letzten Jahren die Zuckermenge ihrer Produkte gesenkt. Zufrieden sind Verbraucherschützer aber trotzdem nicht: anstatt die Produkte teurer zu machen wurden die Portionen verkleinert. Schauen sie mal auf ihre Schokoladentafel. In vielen Sorten ist inzwischen anstatt 100 nur noch 85 g drin. Aber so nimmt man auch weniger Zucker auf, könnte man natürlich auch durch Selbstdisziplin selbst steuern.
Die wahre Ursache von mehr Fettleibigkeit
Schaut man sich Statistiken für Nahrungsmittelgruppen an, so wird man nirgends einen drastischen Anstieg am Verbrauch feststellen, es gibt Veränderungen so sank der Fleischkonsum ständig. Warum gibt es dann einen Anstieg an Fettleibigkeit? Tja auch hier helfen die Naturgesetze weiter. Der Mensch lagert Energie in Form von Fett ein wenn er mehr Energie in Form von Nahrung aufnimmt, als er an Energie für Bewegung und Aufrechterhaltung der Körpertemperatur benötigt. Und hier hat sich eben viel geändert. Die Zahl der Personen, die schwer arbeiten, hat drastisch abgenommen, aber auch bei den anderen Tätigkeiten gibt es Verschiebungen. Es gibt immer mehr Maschinen und Werkzeuge die Arbeit abnehmen. Die Zahl der Personen, die aktiv arbeiten hat abgenommen, die der die nur im Büro sitzen zugenommen und selbst beim Weg zum Arbeit benutzen immer mehr das Auto anstatt mit öffentlichen Verkehrsmittel zu fahren bei denen es zumindest den Fußweg bis zur Haltestelle gibt. Bei Kindern ist es noch extremer. Als ich jung war haben wir auf der Straße oder im Garten gespielt. Fernsehen gab es erst ab 17:00. Heute sitzen die Kinder vor der Spielkonsole oder chatten mit Videoübertagung. Sie bewegen sich viel weniger und so muss es nicht wundern wenn dann die Fettleibigkeit ansteigt. Daneben hat der Konsum von Fertiggerichten zugenommen. Das diese zucker- und fettreich sind ist kein Wunder. Die Zutaten sind billig und bringen Geschmack, mageres Fleisch oder Gemüse ist dagegen teuer und so wenig enthalten. Man kann die Politik aber nicht für die Folgen der eigenen Verzehrgewohnheiten und das man bei der Kindererziehung den einfachen konfliktarmen Weg geht verantwortlich machen oder wie die Eagles sagen: „Get over it!“
Meine Meinung
Ich halte eine Zuckersteuer, weil sie sich in England bewährt hat für durchaus sinnvoll. Aber man sollte weite gehen und Zucker allgemein besteuern. 100 Prozent auf den Preis drauf geschlagen und die Einnahmen sollten genutzt werden um die Krankenkassen zu entlasten und nicht im allgemeinen Haushalt landen. Heute kostete 1 kg Zucker im Laden 1,49 Euro, bei 34,8 kg/Person und 83 Millionen Einwohner wären das 4,3 Mrd. Euro reinkommen, bei 63 Mrd. Euro volkswirtschaftlichen Schäden durch Fettleibigkeit nur eine kleine Minderung der Kosten. Ich denke aber die Verteuerung bewirkt das Ersetzen von Zucker durch Süßstoff und das senkt dann den Zuckerkonsum insgesamt.
Von dem Werbeverbot halte ich nichts. Kinder werden wohl nicht in den Laden stürmen und etwas kaufen weil sie eine Werbung sehen. Problematischer ist die Aufmachung der Verpackungen mit Comicfiguren oder ähnlichem die Kinder beim Einkauf sehen. Der Beitrag zeigte das ja auch auf. Ein Junge sagte, er nehme viermal pro Einkauf was aus dem Regal und seine Mutter legt es immer wieder zurück. Das macht sie vielleicht viermal und beim fünften Mal nicht mehr. Mein Tipp an ALDI, Lidl & Co: Ihr wollte doch das vor allem Erwachsene bei euch einkaufen denn die machen viel mehr Umsatz als Kinder. Wo meint ihr kaufen die lieber ein – in einem Laden wo Süßigkeiten und Frühstückzerealien in Kinderhöhe in den Regalen eingeräumt sind und die Kindern dauernd was rausnehmen sodass die Eltern genervt es zurücklegen müssen, oder in einem Laden in dem das nur in den oberen Regalen ist und in der unteren Ebene nur gesundes Zeugs? Klar man muss dann die Sortierung aufbrechen also in einem Regel gibt es eben oben und unten verschiedene Warengruppen, aber daran kann man sich gewöhnen. Ich wage zu prognostizieren: ihr habt dann mehr Kundschaft wenn die entspannender einkaufen kann.
Steuern auf echte Drogen
Wo man aber eine die volkswirtschaftlichen Kosten deckende Steuer einführen könnte, wären Alkohol und Tabak. Das sind ja Drogen und man findet sie eben nicht wie Zucker als natürlicher Bestandteil der Nahrung und es gibt bei beiden Drogen keine Dosis die unschädlich ist. Tabak verursacht wirtschaftliche Schäden in Höhe von 26,7 Milliarden Euro pro Jahr, bei Tabak sind es 25,4 Milliarden Euro. In der letzten Zahl sind die Schäden durch Arbeitsausfall etc. nicht mal berücksichtigt sondern nur die zusätzlichen Kosten für das Gesundheitssystem.
Jeder Deutsche trinkt im Schnitt 9,6 l reinen Alkohol pro Tag, und raucht 791 Zigaretten, also eben die Gesamtmenge des Verbrauchs in der BRD durch 83 Millionen Einwohner getrennt. Legt man die 26,7 Milliarden Euro Schäden durch Alkohol auf alle Einwohner um so müsste man jeden Liter reinen Alkohol um 33,5 Euro verteuern. Bei den Kosten die Tabak für das Gesundheitssystem verursachen wären es 38,7 ct pro Zigarette. Das ist erst mal abstrakt, ich habe das auf einige Konsumeinheiten umgerechnet:
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Bier, 0,5 l Flache, 5 Prozent Alkohol: 84 ct pro Flasche
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Wein, 0,75 l Flasche, 11 Prozent Alkohol: 2,77 Euro pro Flasche
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Schnaps: 0,7 l Flasche, 45 Prozent Alkohol: 10,55 Euro pro Flasche
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Zigarettenpackung, 18 Stück: 6,97 Euro
Bei Alkoholika würde sich der Preis bei einfachen Qualitäten also verdoppeln, während der Aufpreis für einen Qualitätswein oder einen lange gelagerten Whisky überschaubar bleibt weil diese schon per se teurer sind. Zigaretten würden deutlich teurer als heute – heute entfallen auf eine Zigarette nur 17,8 ct Tabaksteuern. Diese Tabaksteuer, wie auch Steuern auf Alkohol (Wein- und Brandweinsteuer etc.) würden natürlich entfallen was den Aufpreis etwas mindert.
Diese Steuereinnahmen würden dann natürlich ins Gesundheitssystem fließen um die Kosten durch die entstandenen Schäden zu kompensieren. Als Folge würde der Beitrag für alle sinken. Bei den gesetzlichen Krankenkassen gab es Einnahmen 2022 in Höhe von 265 Millairden Euro, da sind diese rund 55 Milliarden Euro schon ein guter Teil davon, auch wenn das nur eine Säule ist, es gibt ja noch die privaten Krankenkassen. Also ich finde das ist ein guter Vorschlag: so zahlen die die das Gesundheitssystem belasten über Steuern das was sie an Kosten verursachen. Was meint ihr?