Bernd Leitenbergers Blog

Die Deutsche Automobilindustrie.

Ich weiß, ich habe lange nichts von mir hören lassen. Ich lebe aber noch. Ich arbeite derzeit viel an dem neuen Buch über die Thor- und Delta-Trägerraketen. Leider stoße ich auf immer mehr Material und das nimmt sehr viel Arbeit in Anspruch, um mich einzuarbeiten und zu schreiben. Jetzt schon ist das Buch auf 400 Seiten Umfang angewachsen. Mein heutiges Thema ist die deutsche Automobilindustrie, ihr Einfluss auf die Politik und ihre Probleme. Inspiriert wurde ich durch die Meldungen, die wahrscheinlich heute bestätigt werden, dass das „Verbrenner-Aus“ gelockert wird von 100% Kohlendioxid neutral im Jahre 2035 auf 90% im selben Jahr. Dazu etwas später mehr. Ich eröffne damit mal eine neu Kategorie über Politik, wo es natürlich mehr über meine persönliche Meinung, als über Fakten geht.

Meiner Ansicht nach ist Deutschland im festen Griff der Lobby der Automobilindustrie. Das konnte man schon 2008, als wir die weltweite Wirtschaftskrise hatten, verursacht durch die Bankenkrise in den USA sehen. Die Automobilindustrie als einzige Branche bekam einen Extra-Bonus der Politik, damals in Form der Abwrackprämie, damit man einfach noch ein funktionierendes und gutes Auto verschrottet und sich ein neues kauft, um die Umsätze hochzutreiben. Das hat schon damals nicht viel geholfen, weil die Prämie ja nicht nur für deutsche Automobilhersteller war, sondern auch für ausländische Automobilhersteller und sehr viele dieser Autos, die verschrottet wurden, relativ preiswerte Autos waren und dann auch meist wieder von den preiswerteren ausländischen Herstellern nachgekauft wurde.

Wir haben seit 2011 einen grünen Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg, den ich zwar persönlich hoch schätze, aber dessen politische Position ich nur bedingt teile, so wurde insgesamt bei uns (in BW) nicht der Klimawandel richtig vorangetrieben. Nach wie vor sind wir bei den Windkraftwerken weit hinten. Man hat sich nicht gegen die teuren Stromtrassen von Norden nach Süden ausgesprochen und vor allem war schon im ersten Jahr sichtbar, dass er im Griff der deutschen Automobilindustrie ist. Sie wurde in den letzten Jahren regelrecht hofiert. Natürlich ist in Baden-Württemberg die Automobilindustrie ein großer Faktor. Wir haben mit Mercedes-Benz und Porsche zwei große Hersteller mit den Hauptwerken in Baden-Württemberg, aber auch andere Hersteller wie Audi produzieren hier. Aber, anstatt dass wenn man schon grüner Ministerpräsident ist, der Automobilindustrie, Auflagen macht, die sie dazu bringen, in die richtige Richtung, nämlich die einer Klimaneutralität zu gehen, das war ja nicht erst seit heute, sondern schon seit 1990 das Ziel Deutschlands und der Welt, hat man sie weiter hofiert, immer wieder eingewirkt auf internationaler Ebene, um irgendwelche Vorgaben abzuschwächen.

Bevor es das Verbrenner aus gab, war zum Beispiel die Flottenregelung für Kohlendioxid so, dass ein Automobilhersteller nur für die Gesamtflotte den Kohlendioxid-Ausstoß angeben musste. Dabei wurden Elektrofahrzeuge nicht nur nicht mitgezählt, sie zählten negativ. Das bedeutet, wenn ein Automobilhersteller ein Elektrofahrzeug zugelassen hat, konnte er dafür Kohlendioxid negativ in seine Bilanz einpreisen, was dazu führte, solange diese Wagen noch relativ teuer waren und die Zulassungen bei privaten und gewerblichen Kunden gering waren, dass die Automobilhersteller vorwiegend selbst diese Fahrzeuge auf sich zugelassen haben. Ob diese dann auch eingesetzt wurden oder nur auf dem Parkplatz herumstehen, weiß man bis heute nicht. In den letzten Jahren hat die deutsche Automobilindustrie massiv an Aufträgen verloren. Sie hat bisher vor allem in China gut verdient und viel exportiert und nun kaufen die Chinesen eben chinesische Elektroautos anstatt deutschen mit Verbrennermotoren. Das ist jetzt nicht so überraschend. Tesla als großer Automobilhersteller von Elektrofahrzeugen hat schon im Jahre 2008 damit begonnen, Fahrzeuge mit reinem Elektroantrieb zu produzieren. Also das ist jetzt fast 20 Jahre her und in der Zeit hat unsere Automobilindustrie geschlafen.

Nun geht es wieder weiter mit dem Lobbyismus, in dem das Verbrenner-Aus im Jahre 2035, also in 10 Jahren, abgeschwächt wird. Ich frage mich persönlich, was soll das? 2035 ist in 10 Jahren. Wenn man sich anguckt, wie die Zulassungszahlen für Elektrofahrzeuge in der Bundesrepublik in den letzten 10 Jahren sich entwickelt haben, dann kann man voraussehen, dass im Jahre 2035 kaum noch Verbrenner neu zugelassen werden. Daneben kann die Regierung auch durch Lenkung dies relativ einfach beeinflussen. Norwegen hat in diesem November eine Neuzulassungsquote von 96% Elektrofahrzeugen. Was macht Norwegen besser als wir? Nun, sie haben die Steuern für Benziner und Dieselfahrzeuge hochgesetzt und die Steuern für Elektrofahrzeuge heruntergesetzt. Daneben gab es wie bei uns zuerst Subventionen für Elektrofahrzeuge, die aber jetzt nach und nach zurückgefahren werden. Zudem hat man dort viel mehr in die Ladeinfrastruktur investiert als bei uns und gerade das dünne Netz der Ladesäulen schreckt ja immer noch viele potenzielle Käufer ab.

Ein weiterer Punkt, den bei uns auch kein Mensch angreifen möchte, ist es, dass wir, wenn wir Städte haben mit Feinstaubbelastung, mit hohem Stickoxidwerten, einfach einmal zu sagen, Verbrenner dürfen in diese Städte nicht reinfahren. Prompt hat man die Umweltbelastungen reduziert. In Paris oder in London geht dies und wird von der Bevölkerung akzeptiert. Aber bei uns ist ja das Auto ein heiligs Blechle. An dem darf man nichts rütteln. Da darf man auf keinen Fall ein Verbot aussprechen. Denn Verbote, das haben wir ja gelernt von der FDP, sind was ganz, ganz, ganz Schlimmes. Deswegen gibt es ja auch bei uns keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen wie in anderen Ländern, wo es dafür weniger Verkehrstote gibt.

Ich sehe für die Automobilindustrie, wenn sie weiter auf Verbrenner setzt, nur noch ein Abwärtstrend. Schon jetzt, da hat sie ja Beschäftigte verloren und das wird sich, wenn sie nicht schnell das Ruder umreißt, noch weiter fortsetzen. Besonders komisch finde ich, dass die Politik immer einen Extrawurst für die Automobilindustrie macht. Denn schaut man sich die Beschäftigten nach Branchen an, dann ist die Automobilindustrie ein ganz kleiner Fisch. Platz 6 auf der Liste mit weniger als einem Sechstel der Beschäftigten im Gesundheitssektor. Nur im Umsatz ist sie relativ stark, was natürlich nicht verwundert, wenn ein Automobil 20.000 bis 100.000 Euro kostet. Aber die Beschäftigten, die hier wegfallen, kämen problemlos in anderen Branchen unter, wenn man die Automobilindustrie nicht so hofieren würde und dafür mehr Geld in die anderen Branchen hineinsteckt.

Rang

Branche

Beschäftigte (ca., in Mio.)

1

Gesundheitswesen

6,0–6,1 destatis+1

2

Tourismus

2,9–4,1 zia-deutschland+1

3

Logistik

3,36 marcustransport

4

IKT

1,5 t-online

5

Maschinenbau

1,0 t-online

6

Automobilindustrie

0,77 vda+1

Rang

Branche

Umsatz (ca., in Mrd. €)

1

Automobilindustrie

506 ig

2

Chemisch-pharmazeutisch

261 ig

3

Maschinenbau

244–269 ig+1

4

Elektrotechnik

225 ig

5

Ernährungsindustrie

219 ig

Zuletzt noch eine Bemerkung. Natürlich können ab 2035 immer noch Verbrenner oder Fahrzeuge neu zugelassen werden. Nur müssen die eben kohlendioxidneutral sein. Was geht, wenn sie synthetisch erzeugte Kraftstoffe benutzen, die man aus Kohlendioxid und Wasser hergestellt hat, sogenannte E-Fuels. Davon redet die Automobilindustrie natürlich nicht so gerne, weil die Herstellung extrem energieaufwendig ist und diese Kraftstoffe daher um ein Vielfaches teurer sein, als die heutige Kraftstoffe.

Wie sollte es nun meiner Meinung nach mit den Klimazielen der Verkehrsbranche, also der Automobilindustrie, weitergehen? Nun, ich denke, man sollte einfach keine Extrawurst für die Automobilindustrie braten. Wir haben ein EU-Klimaziel bis 2040: die Reduktion der klimarelevanten Gase, also vor allem Kohlendioxid, gegenüber dem Ausgangswert von 1990 um 90%. Das kann man schlicht und einfach auf die Automobilindustrie übertragen. Sie hat dann sogar 5 Jahre mehr Zeit und sie muss nur 90% schaffen, wie das jetzt derzeit auch diskutiert wird. Der Knackpunkt ist aber, es sollten dann echte Reduktionen sein. Es ja so, dass der Ausstoß an relevanten Treibhausgasen sowohl in Deutschland wie in der EU gegenüber 1990 beim Verkehrssektor am geringsten gesunken ist, im Vergleich zu allen anderen Sektoren. Bisher glänzte nämlich die deutsche Automobilindustrie, aber auch die europäische Automobilindustrie, nicht dadurch die Treibhausgasemissionen zu senken. Nach den Angaben des Deutschen Bundesumweltamtes lag der Ausstoß von Treibhausgasen durch Automobile im Jahre 1990 bei 164 bis 165 Millionen Tonnen. 2025 lag er bei 143 Millionen Tonnen. Das heißt, er ist kaum gesunken gegenüber anderen Sektoren wie Energiewirtschaft, Häuserbau oder Chemie. Wie die Industrie dann von 143 Millionen Tonnen bis 2035 auf Null bekommen möchte, würde mich wirklich interessieren. Denn sie hinkt ja jetzt schon hinterher:

Sektor (KSG)

Reduktion 1990–2024 (ca.)

Anmerkung

Energiewirtschaft

−61 %

Größter absoluter Minderungsbeitrag.umweltbundesamt+1

Industrie

−50 %

Effizienz, Prozessumstellungen.umweltbundesamt+1

Gebäude

−48 %

Heiztechnik, Dämmung, Brennstoffmix.umweltbundesamt+1

Landwirtschaft

−27 %

Rückgang CH₄/N₂O, aber weiter schwierig.umweltbundesamt+1

Verkehr

−12 %

Nur geringe Senkung; mehr Verkehr.statista+2

Abfall & Sonstiges

−87 %

Deponiepolitik, Gasfassung.umweltbundesamt+1

Wahrscheinlich wird sie es auch nicht auf Null bekommen, sondern sie wird nach dem bisherigen Rechenmodell auf Null kommen. Nach diesem Modell könnte sie aber problemlos 50% der Flotte als Verbrenner produzieren, wenn sie noch 50% Elektroautos produziert, weil diese ja negativ angerechnet werden.

Meine Meinung: Anstatt einem Verbrenner-Aus sollte es ein Aus für Benzin und Diesel geben. Alle Autos mit Benzin- oder Dieselmotor müssten dann die E-Fuels tanken und die sind eben teuer. Aktuell kosten E-Fuels zwischen 1,59 und 2,29 €/l. Klingt zuerst mal nahe an den Preisen die wir vor einigen Jahren hatten. Aber das sind die reinen Herstellungkosten, ohne Steuern und Verkauf. Die reinen Herstellungkosten liegen bei Benzin und Diesel bei 0,50 bis 0,60 Euro pro Liter. Für E-Fuels müsste man noch die Mineralölsteuer aktuell ca. 65,45 ct/l für Benzin und 47,04 ct/l für Diesel addieren und die Mehrwertsteuer, die CO2-Abgabe von 10-14 ct/l würde dagegen wegfallen. Dann käme noch der Gewinn durch den Handel drauf. Realistisch kann man also noch 1 Euro/Liter zu den obigen Preisen addieren.

Ich denke in der Zukunft wird dies billiger werden, denn die E-Fuels sind deswegen so teuer weil man ein Vielfaches der chemischen Energie die im Treibstoff steckt für die Synthese aufwenden muss. Regenerative Energien werden aber immer billiger. So könnte der Verbrenner dann doch ein langes Leben haben. Das nützt allerdings nichts, wenn das Elektroauto im Betrieb günstiger wird, denn sinkende Energiepreise bedeuten auch sinkende Preise für den Ladestrom. Andere Kritikpunkte, wie die zu geringe Reichweite sind ja in den letzten Jahren auch beseitigt worden.

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