Bernd Leitenbergers Blog

Stratolaunch

Nachdem schon die Frage kam, warum ich nicht auf Stratolaunch eingehe, sehe ich mich doch gedrängt, was dazu zu schreiben. Zum einen sehe ich nicht es als meine Aufgabe, jedes noch so halbgare Konzept, das noch nicht mal technisch ausgeführt ist und das noch Jahre von der Realisierung entfernt ist, zu kommentieren. Für einen fachlichen Kommentar braucht man Fakten und davon gibt es herzlich wenig. Aber bitte, wenn ihr unbedingt wollt…

Also was weiss man von Stratolaunch?

Das wars schon – recht wenig. Fangen wir an das Konzept zu hinterfragen. Fangen wir mit der Trägerrakete an. Am einfachsten ist anhand der Form auszugehen, dass es sich um eine gekürzte Falcon 9 ist, bei der man einfach vier Triebwerke in der ersten Stufe weggelassen hat. Es ist keine Falcon 5, zumindest nicht nach den letzten Plänen bevor diese eingestellt wurde. Diese war nämlich eine Falcon 9 mit weniger Triebwerken und weniger Treibstoff. Dann wäre sie aber viel länger als die abgebildete Rakete. Dabei galt dies gerade als Vorteil – identische Fertigung der Tanks. Diese Rakete ist gekürzt, was Synergien zunichte macht.

Das Flugzeug bedeutet einen riesigen Kostenfaktor. Es muss erst entwickelt werden. Auch wenn es sicher nicht mit den Entwicklungskosten eines A-380 vergleichbar ist, weil dies ein Passagierflugzeug ist und ein guter Teil auch auf den Aufbau der Produktion von Serienexemplaren entfällt. Trotzdem wird es nicht billig werden und diese Investition muss ja wieder reinkommen.

Das nächste ist, ob irgendjemand das Feature „Any Orbit, Any Place, Any Time“ benötigt. Jeden Orbit kann man auch von einer Insel aus erreichen, bei der ein 90 Grad Sektor mit freiem Flugkorridor vorliegt, oder eben von Kourou oder einer Ölplattform aus. Dax gibt es ja schon. Die Startvorbereitungszeiten werden identisch bei Flugzeug und Boden sein – Im Gegenteil. Bei beiden bisherigen Falcon 9 Starts fand diese erst im zweiten Anlauf statt. Das geht beim Boden, doch wenn die Rakete mal abgeworfen wurde oh-oh…

Möglichkeiten die Leistung zu steigern indem man die Rakete vergrößert scheiden auch aus, weil das Flugzeug ja eine vorgegebene Leistung hat.

Im Gegenteil: es gibt viele Fragen, die gegen das Konzept sprechen. Wie viele Flugplätze haben eine 3650 m lange Landebahn und erlauben den Start eines Flugzeugs mit einer Rakete unter dem Rumpf, gefüllt mit 200 t brennbarem Treibstoff?

Die Frage ist nun, was es bringt. Also SpaceX betreibt ja die Falcon 9. Nichts könnte die Firma hindern, ihren 211 t Booster von der gleichen Rampe wie die Falcon 9 aus zu starten. Das kostet vielleicht etwas Nutzlast, weil man nun eine etwas höhere Endgeschwindigkeit erreichen muss. Aber dem stehen enorme Einsparungen gegenüber, denn die kompletten Entwicklungskosten für das Flugzeug entfallen. Diese müssen ja über die Starts wieder reingeholt werden.

Noch seltsamer ist, dass SpaceX seit den frühen Planungen die Falcon 9 in der Nutzlast gesteigert hat von 6,8 t auf rund 10 t und nun 16 t in einer zukünftigen Version. Und nun ein Schritt zurück? Die derzeitige Falcon 9 mit den noch schubschwachen Merlin 1C liegt ja nicht weit weg von den 6,1 t (derzeit 6,8 t) entfernt. Also warum eine zweite Rakete bauen, wenn man eine schon existierende mit den geforderten Leistungen hat und warum entwickelt man diese auf Nutzlastmassen weiter, welche die Dragon nie befördern kann? Das sind bisher doch die einzigen fest gebuchten Aufträge.

Das nächste ist das Segment, das adressiert wird. Die Delta II liegt in diesem Segment. Nachdem das DoD kaum noch Nutzlasten in der Delta II Klasse hatte und die NASA dann nicht die Fixkosten alleine tragen wollte, wurde sie eingestellt. Es gibt einen kleinen Bedarf von vielleicht 3-5 Starts pro Jahr. Nur gibt es in diesem Bereich schon die Antares, die bis 2016 der Erstflug ansteht, eingeführt ist und SpaceX mit ihrer eigenen Rakete als Konkurrenz. Das bedeutet, wenn Stratolaunch vielleicht 1-2 Starts pro Jahr akquiriert, dann können sie froh sein. Das lohnt sich nicht. Starts aus dem Ausland wird es kaum geben, denn es gibt ja noch Russlands Sojus als Konkurrenz (sowohl in der ESA wie Roskosmos Version) und China hat auch Träger in diesem Segment, die angeboten werden. Die Nutzlast ist zu gering für GTO-Transporte und auch für bemannte Unternehmen.

Also viel Aufwand für einen kleinen Markt, denn man sicher auch mit der Falcon 9 bedienen kann. Selbst wenn es mal eine größere Version gibt, hindert doch SpaceX niemand daran einfach einige Triebwerke wegzulassen und die Tanks nicht so voll zu füllen und zur alten Konzeption der Falcon 5 zurückzukehren.

Zuletzt noch ein kleiner Kommentar zu einem anderen Kommentar:

„Nun stehen da aber diese vier Namen für das Projekt, die in der Luft- und Raumfahrtszene das spezifisches Gewicht eines Neutronensterns haben: Burt Rutan, der überragende Flugzeugkonstrukteur mit dutzenden von genialen Entwürfen, der auch die Idee für SpaceShipOne hatte und es in wenigen Jahren realisierte; Mike Griffin, der Ex-NASA Administrator, dessen analytische Verstandesschärfe ich schon persönlich erleben durfte; Elon Musk, mit Space X und Tesla der „Goldfinger“ des 21. Jahrhunderts und Paul Allen, der bedachtsam-überlegende Sponsor mit dem untrüglichen Gespür für den richtigen Weg.“

Das stammt von „Ad Astra“ aka Eugen Reichl, der mir schon in den SuW Beiträgen durch völlige Kritiklosigkeit gegenüber der von ihm so getauften „privaten Raumfahrt“ auffiel. Nun geht es weiter in der kritiklosen Heldenverehrung. Also:

Burt Rutan kenne ich nur vom SpaceShipOne. Das ist eine Leistung die X-15 Flüge aus den Sechzigern nachzuholen. Das ist unbenommen. Doch ist das Konzept das für suborbitale Starts sinnvoll ist (weil die Endgeschwindigkeit viel kleiner ist). Ich habe das schon erläutert. Aufgrund der Tatsache, dass man für einen Orbit etwa die sechsfache Geschwindigkeit erreichen muss, wirkt sich dieser Gewinn aber viel kleiner aus, denn der prozentuale Anteil schwindet. Dafür ist aber der Aufwand eine viel größere Rakete zu konstruieren erheblich größer. Kurzum: diese Kompetenz ist gegeben, aber sie ist hier nicht gefragt.

Mike Griffin steht für mich als den schlechtesten NASA-Administrator denn ich seit langem kenne. Er vertrat die Politik Constellation durch Einsparungen zu finanzieren, anstatt für ein adäquates Budget einzustehen. Das führte zu einem Kahlschlag im Budget für Science, beginnend ab 2007. Constellation kam nie in Gang und wurde nachdem er die NASA verließ schließlich eingestellt, weil sich in 5 Jahren Griffin kaum etwas bewegt hatte, nur die Kosten explodiert waren. Er beschloss die Einstellung des Betriebs der ISS bis 2016 und die der Shuttles um 2009/10 – nur um nachdem er aus dem Amt flog und die Shuttles tatsächlich nun ausgemustert wurden, das genaue Gegenteil, nämlich einen Weiterbetrieb zu fordern, obwohl er genau weis, dass alle Auflösungsverträge schon geschrieben und Produktionskapazitäten abgebaut wurden. Mike Griffin ist ein inkompetenter Manager der sein Fähnchen nach dem Wind hängt.

Elon Musk beweist bei jeder Pressekonferenz, dass er bar jeden Grundlagenwissens über Raumfahrt ist. Ob SpaceX profitabel ist, wird sich erst zeigen wenn das Unternehmen an die Börde geht. Tesla ist seit 2008 an der Börse und schreibt seitdem rote Zahlen. 2009 wäre die Firma ohne einen 465 Millionen Dollar Kredit des US-Steuerzahlers fast bankrott gegangen. 2010 betrug die Eigenkapitalquote von Tesla 207 Millionen Dollar, nur mal so zum Vergleich. Also Goldfinger sieht bei mir anders aus…

Paul Allen ist Multimilliardär der es sich leistet Geld auszugeben und zu investieren. Die 30 Millionen in SpaceShip One/Two werden ihn kaum jucken. Er hat schon in den Neunziger Jahren ein komplettes Basketballteam samt Stadium für 150 Millionen Dollar gekauft. Folgen wir nun daraus, dass er auch der Visionär bei Basketball ist? Er kann es sich einfach leisten Geld in die verschiedensten Dinge zu investieren, weil er 10,5 Milliarden auf der Kante hat und 12 Milliarden in verschiedenste Projekte investiert. Also selbst von den Investitionen sind die 30 Millionen nur ein kleiner Teil- Ich vermute seine 127 m Jacht war teurer.

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