Bernd Leitenbergers Blog

Naivlinge und die Ampel

Am Dienstag habe ich Maischberger angeschaut und es gab eine illustre Runde. Es ging um Ernährung, Kennzeichnung und Recht. Besonders fiel natürlich wieder Thilo Bode auf. Die Forderungen von ihm, bzw. dem von ihm vertretenen Vereins Foodwatch sind ziemlich naiv und die Unterstellungen sind schon ziemlich grenzgängig. Ich hatte ja mal einen von dem Verein an der Strippe. Wenn das umgesetzt wird, was die wollen, dann gibt es nur noch Premium-Lebensmittel für gutbetuchte und nur gesundes. Denn alles andere soll der Gesetzgeber verbieten.

Dann kam natürlich auch die Diskussion über die Ampel. Also die „Ampel“, die ja auch von Foodwatch propagiert wird, vergibt Farben für den Gehalt an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz. Also dem was so gemeinhin schuld an so vielen Krankheiten sein soll. (Auch so ein Effekt: nicht nur die Kennzeichnung wird vereinfacht, auch die Sichtweise: Zucker ist böse, Ballaststoffe sind gut….). Nun was halte ich davon? Nichts. Denn der Wertmaßstab der Ampel ist absolut. Es gibt eben „grün“ für bestimmte Mengen und „rot“ für andere. Das ist deswegen weitgehend sinnfrei, weil es nicht das „Lebensmittel“ an und für sich gibt. Also tierische Lebensmittel sind tendenziell fettreicher, in jedem Falle reich an gesättigten Fettsäuren und sie enthalten auch Salz, selbst wenn keines zugesetzt wurden. Dafür wird selbst die Butter eine grüne Zuckerplakete bekommen, denn Zucker findet man nicht in tierischen Lebensmitteln, dafür in Obst. Nach der Ampelkennzeichnung erhalten dann praktisch alle Obstsorten eine gelbe Plakette und viele auch eine rote. Sind sie deswegen ungesund?

Sinnvoll ist in meinen Augen nur ein Vergleich innerhalb von Warengruppen. Also ist ein Käse besser als andere Käsesorten. Nach dem Ampelsystem würden z.b. fast alle Käsesorten dreimal rot bekommen – für Salz, Fett und gesättigte Fettsäuren und das Käse nicht gerade ungesund ist, sollte doch bekannt sein.

Vor allem kann man es leicht umgehen. Wenn, wie ich vermute, man den Zuckerbegriff so eng wie bei bei der derzeitigen Lebensmittelkennzeichnung auslegt, dann kann man leicht Lebensmittel ohne Zucker, dafür mit Glucosesirup, Glucose-Fructosesirup und Fructosesirup und Zuckeralkoholen herstellen. Da ist wegen der geringeren Süßkraft dann sogar noch mehr Zucker drin … Der Gesetzgeber orientiert sich nicht nach der Chemie oder der Ernährungsphysiologie, er legt eben einfach fest: Zucker ist Saccharose. Basta. Genauso legt er fest: gesättigte Fettsäuren sind Fettsäuren ohne eine Doppelbindung. Chemisch korrekt, nur sind eben die in Milch vorkommenden kurz- und mittelkettigen Fettsäuren auch gesättigt, haben aber nicht die schlechte Wirkung der langkettigen Fettsäuren, sondern positive Wirkung.

Gesättigte Fettsäuren kann man senken indem man pflanzliche Öle zusetzt. Die sind dann vielleicht gehärtet und enthalten anders als das natürliche Fett trans-Fettsäuren, die das Risiko an koronalen Herzkrankheiten und Fettstoffwechselstörungen steigern. Das ist dann ja auch ein guter Fortschritt.

Was wäre wirklich notwendig? Pollmer, der auch an der Runde beteiligt war, hatte einen Vorschlag der auch mir gefällt. Auf dem Lebensmittel selbst nur eine minimale Kennzeichnung der Nährwerte und allergenen Substanzen, auf einer Behörden-Webseite dann die konkrete ausführliche Rezeptur für die, die es interessiert. Die Sache ist ja die: die heutige Kennzeichnung wird von den wenigsten verstanden und noch von wenigen gelesen. Das liegt auch daran, dass die Produktion immer komplexer wird. Anstatt Bestandteilen, die man noch als Verbraucher kennt, findet man aufbereitete Produkte wie obige Zuckersirupe. Es werden tendenziell mehr Zusatzstoffe zugesetzt und dann gibt es noch die freiwilligen Angaben, wie die GDA Kennzeichnung, die mehr verwirren als aufklären. (Das ist auch deren Hauptfunktion. Schauen sie nur mal den GDA-Angaben auf die Portionsgrößen. Vor allem bei Gerichten die man als ganzes isst …)

Sinnvoller wäre es eher Schlupflöcher zu beseitigen, wie obiges indem andere Monosaccharide nicht als Zucker angesehen werden, obwohl sie es chemisch sind. Oder das Dauerärgernis „Rezeptvorschlag“ neben der Abbildung, was heißt. Die Abbildung gibt nicht das Produkt wieder sondern wenn man noch 30 Euro für andere Lebensmittel ausgibt, könnte es so aussehen.

Also mir würde genügen eine Nährwertkennzeichnung, dafür brauche ich keine Zutatenliste mit Ausnahme des prozentualen Anteils der wertgebenden  Bestandteilen. Das erlaubt es mir leicht zu vergleichen. Und warum nicht, wenn man es genauer wissen will auf einer Seite nachschauen. Im Supermarkt betrachte ich mir die Zusammensetzung selten, obwohl ich vom Fach bin. Ich fange damit her an wenn mir langweilig ist oder mir beim Geschmack was auffiel. Dann kann ich aber auch im Internet nachschauen.

Was mir besonders auffiel war das weltfremde Argumentieren von Thilo Bohde. Ich würde ihn, nachdem ich ihn schon mehrmals sah und dazwischen einige Jahre liegen, als lernresistent bezeichnen. Nach drei von ihm geschriebenen Büchern und einer Beschäftigung mit der Problematik seit 2002 sollte man Kompetenz vermuten können. in 10 Jahren kann man immerhin sowohl ein Studium der Lebensmittelchemie wie auch der Lebensmitteltechnologie erfolgreich abschließen. Doch es gibt immer dasselbe Zeug, immer dieselben Vorwürfe, die mangelnde Fachkenntnis zeigen. (So bei seinem Paradebeispiel, dem „Schwarzwälder Schinken“: er glaubt offensichtlich daran, dass es eine Irreführung ist wenn dieser nur im Schwarzwald hergestellt wird, die Schweine aber nicht von dort stammen. Das die Herkunft des Schweines überhaupt nichts mit der Qualität des Produktes zu tun hat, sondern vielmehr mit dem speziellen Herstellungsverfahren, das war selbst meiner über achtzigjährigen Mutter klar, aber ist es bis heute nicht Herrn Bohde. Genauso gut könnte man dann erwarten, dass das Mehl für die Sachertorte in Wien hergestellt wird….

Thilo Bohde bestätigt meine Hypothese, dass man nur begrenzt aus seiner Denke rauskommt. Also er hat ja Soziologie und Volkswirtschaft studiert. Mir fällt da auch Reichl ein, der Betriebswirt ist. Wenn man so was studiert weil es den Interessen entspricht, dann scheint es nahezu unmöglich zu sein. sich in die Denkweise in einem anderen Gebiet einzuarbeiten, wie eben den Naturwissenschaften. Bohde vertrat z.B. die Meinung man müsste Dioxine aus der Nahrungsmittelkette heraushalten. Das ist unmöglich, denn diese Substanzen sind ja nicht nur vom Menschen erzeugt, sondern sie entstehen auch natürlich bei Verbrennungen. Paradoxerweise steigt der Gehalt wieder an, weil wir mehr biologisches Material verbrennen wie Holzpellets. Selbst auf der Website von Footdwatch steht das. Wenn er weltfremd behauptet, dass man das verhindern müsste, dann weis er nicht wovon er redet. Ich denke übrigens auch dass es in der Gegenrichtung schwer ist. Wer mal eine Naturwissenschaft oder Technische Fächer studiert hat, hat mit Fächern wie Wirtschaft oder Juristik seine Probleme, wo es keine echten Gesetze gibt, sondern nur Regeln und Auslegungen. Ich weiß noch wie schwer mir und meinen Kollegen das Lebensmittelrecht fiel. Es reichte ja nicht die Gesetze zu kennen, sondern vielmehr musste man zig verschiedene Kommentare und Gerichtsurteile dazu kennen. Chemie war da so einfach. Da hing nicht ab ob eine Reaktion stattfand, nur weil ein Landgericht das verfügt hat. Da konnte auch nicht jemand fordern, dass kein Acrylamid mehr gebildet wird, nur weil das eine neue Gesetzesvorlage so will. Den Kartoffeln sind leider die Gesetze völlig egal.

Nur kommen eben Naturwissenschaftler nicht auf die Idee sich in solchen Fächern herumzutreiben. Warum auch. Weshalb es aber die ganzen Politologen, Philosophen, Sozialwissenschaftler oder Wirtschaftsexperten dazu drängt, sich zu naturwissenschaftlichen Fragen zu äußern? Weil man damit Geld verdienen kann Bohde macht es ja vor. Und sie können eines: reden und schrebgen. Denn Naturwissenschaftler tun sich schwer einfach zu sagen, „Zucker macht dick“. Sie wissen, dass das Entstehen von Übergewicht viele Ursachen hat, dass es nach verschiedenen Untersuchungen keine Beziehung findet die man zwischen Zuckeraufnahme und Übergewicht postulieren könnte. Die Natur ist nicht einfach, sie ist nicht schwarz-weiss, es gibt nur wenige absolute Wahrheiten. Für Bohde ist dies kein Problem. Er hat ja auch keine Ahnung und wenn, dann wird es wohl so sein „Was geht mich mein dummes Geschwätz von gestern an“.

 

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