Bernd Leitenbergers Blog

Eine der besten Computer – einer der schlechtesten Computer

Ein Grund warum es in letzter Zeit so wenig neues gibt ist auch das bei mir gerade renoviert wird. Das heißt viel umräumen, damit man die leeren Möbel verschieben kann. Ich nutze das auch um auszumisten und mehr System reinzubringen.

Da kam mir vor zwei Tagen in Packen Hefte genauer gesagt das „P.M-Computerheft“ in die Hände. Ich habe ja schon bereut, als ich die „Computergeschichte(n) “ schrieb, das ich die alten Hefte meist wegschmieß. Damals änderte sich so viel in so kurzer Zeit, das der Inhalt für aktuelle Kaufentscheidungen bald veraltet war. Heute wären sie wertvoll wegen der Testberichte, aber auch den Anzeigen die damals irgendwie phantasievoller waren. Jedenfalls habe ich angefangen ein Heft zu lesen. Es enthält schon 1989 gültige Weisheiten („Wie schnell ein Computer ist hängt von der Meßmethode ab“) und ich bin über einen Vorabtest des NeXT Computers gestolpert. Der liest sich wie eine Prophezeiung: „den schönsten Computer den ich je gesehen habe“ (Bill Gates) „NeXT wird den Erwartungshorizont für Computer neu definieren“ (Mitch Kapor) und auch der Redakteur kommt zum selben Schluss „neben Jobs durchgestylter schneller Maschine sehen MS-DOS Systeme wie Geräte aus der Steinzeit aus – sowohl ästhetisch gesehen wie auch technologisch“. Also der Computer der Zukunft?

Nun 26 Jahre später (eigentlich hätten zwei oder drei Jahre auch genügt) ist man schlauer. Nun ja. Der Artikel hat recht. Der Computer war eine Revolution – nicht nur vom optischen Aussehen sondern auch von den technischen Daten. Mit dem Motorola MC 68030/68882 Gespann und 8 MB RAM war er eine Workstation, eine Liga oberhalb der PCs. Dazu ein hochauflösender Monitor, ein grafisches Betriebssystem, dessen Screenshot Elemente zeigt die es auf dem PC erst später gab wie Grafiken in Menüs oder abtrennbare Menüs. Es gab Spezialchips für den I/O-Verkehr und die Digital-Analog Umwandlung. Primäres Medium war eine magnetooptische Wechselplatte mit 256 MB Größe.

Der Computer wäre eine Revolution gewesen – wäre, wenn es nicht einige kleine Probleme gab. Der angekündigte Preis im Test 6.000 Dollar war für Universitäten, aber ich glaube auch die bekamen den Rechner nicht so billig. Erst ein Jahr später gab es ihn auch für die Allgemeinheit zu kaufen und dann 9.999 Dollar teuer. Das zweite war das magnetooptische Laufwerk. Es war das einzige Laufwerk im Rechner. Das war ein Fehler: es war langsamer als eine Festplatte und teurer. Angegebene Zugriffszeiten von 60 ms und Kosten (50 Dollar pro Scheibe) waren nicht zu halten (96 ms/150 Dollar). Vor allem war, da das Betriebssystem auf de Platte war, es nicht möglich eine Platte zu kopieren (was schon nötig war, um sie zu wechseln, da jede Platte das Betriebssystem brauchte) ohne einen zweiten NeXT Rechner im Netzwerk zu haben. Ein einzelner NeXT war nutzlos.

Die Spezialchips machten Dinge möglich, die man vorher nicht konnte und entlasteten den Hauptprozessor, mussten aber mitbezahlt werden wenn man sie nicht brauchte. Der 17 Zoll Monitor bot hochauflösende Grafik, aber nicht Farbe.

Kurzum: Der Rechner konnte vieles, hatte aber zwei Schwächen und das er vieles konnte, bedeutete auch das jemand der nur eine UNIX-Workstation suchte vieles mitbezahlte, das er nicht brauchte und wer eine Grafikworkstation suchte vermisste die Farbe. Die Idee die Oberfläche mit Postscript zu zeichnen war – nun ja auch nicht gerade die beste. Kurz gesagt: der Rechner konnte vieles, aber nichts richtig. Vor allem aber waren die optischen Laufwerke eine Sackgasse. Sie waren langsamer als Festplatten, was das System ausbremste und der Preisvorteil der für sie versprochen wurde, war auch nicht gegeben.

NeXT hat das ganze dann nochmals verbessert und etwas konventioneller rausgebracht, aber die Wende kam auch damit nicht. NeXT wurde zur reiner softwareschmiede. Anfangs gab es Interese bei vielen Firmen, doch letztendlich gelang auch das nicht. Apple kaufte NexT auf um auf Basis des Betriebssystems ihr veraltetes Mac-OS zu modernisieren. Vielleicht auch nur um Steve Jobs miteinzukaufen. Das hat sich ja gelohnt. Allerdings war das sicher nicht abzusehen. Denn auch nachdem Jobs übernommen hatte ging es mit Apple zuwerst weiter bergab. der Erfolg kam nicht mit den Macs sondern den Lifestyle Produkten wie iPod, iphone, IPad.

NeXT war übrigens Jobs dritter Flop in Reihe. Er gilt ja heute als Computerguru. In Wirklichkeit floppten alle früheren Projekte, bei denen er direkt Einfluss nahm (ich vermute mal er hat draus gelernt uns sich später weitgehend rausgehalten – das führte auch bei Pixar zum Erfolg). Der Apple III war in sich geschlossen, nicht 100% kompatibel zum Apple II und Jobs Forderung nach einem kompakten Rechner führte zu Bestückungsproblemen in der Fertigung die die Firma viel Renommee kostete.

Der Apple Macintosh sollte schnucklig sein und ebenfalls geschlossen. Auch das war ein Fehler. Die Monitorgröße war fix und während das Konzept sicher aufgegangen wäre, hätte man den Rechner für die geplanten 1500 Dollar verkaufen können, kosteten sie als sie rauskamen 2500 Dollar und damit waren sie in einem anderen Marktsegment angesiedelt. So viel gaben nicht Privatkäufer für einen Mac aus.

Und dann eben der Next, als technisch überzeugender Computer, nur eben keiner der richtig zu jeder existierenden Zielgruppe passte.

Immerhin eines ist mir aufgefallen, was ich vorher nicht wusste: der NeXT wurde mit einem ziemlichen Softwarepaket ausgeliefert wurde. Allerdings wenig Anwendungssoftware sondern mehr Programme zur Entwicklung und dem akademischen Umfeld wie Lexika, Thesaurus etc. Das war damals noch ungewöhnlich. Software kostete in den späten Achtzigern meist einige Hundert bis über 1000 DM pro Programm. ESCOM (kennt noch jemand die deutsche Computerkette?) machte lasnge Zeit Werbung damit, dass ihre Computer mit Software ausgeliefert wurden die 3500 Mark wert sei – das überstieg bei den billigeren Rechnern den Wert des Computers.

Noch etwas ist historisch wichtig: Auch das CERN kaufte einige NEXT-Computer. Tim Barners-Lee sollte herausfinden was man damit anfangen kann und entwickelte HTML, die Beschreibungsspache des Internets. Damit begann erst der Internetboom, weil es nun erstmals für Endnutzer nützlich war.

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