Nachdem kurz nach dem Überfall auf die Ukraine Russland bzw. die ESA schon die meisten Projekte, die gemeinsam angegangen wurden aufgekündigt haben, ging es bei der ISS trotz Drohungen Rogodzin weiter. Der polternde Roskosmos-Chef wurde nun am 15. Juli 2022 abgelöst. Ich dachte zuerst, das ist ein gutes Zeichen und selbst in Putins Augen hat er es übertrieben, zumal am selben Tag noch ein Abkommen über den Sitzplatztausch unterzeichnet wurde. Die NASA kauft nun keine Sitzplätze mehr, sondern man tauscht aus – es fliegt ein US-Astronaut mit der Sojus und ein Kosmonaut mit SpaceX oder Boeing. So soll im Falle eines Startverbots für ein Vehikel wenigstens ein Astronaut/Kosmonaut die jeweils eigenen Module versorgen können. Als nächstes wäre Anna Kikina dran, die lange auf ihren Einsatz warten musste – Kosmonautin seit 2012, war sie schon mal für Missionen im Gespräch, nun darf sie nach zehn Jahren im September mit der Crew-5 zur ISS. Hinsichtlich Frauenanteil bei den Komonaut/innen liegt Russland ja auf dem vorletzten Platz. Den letzten Platz belegt übrigens ein Land, in dem man sich wahnsinnig viel Gedanken um das Gendern und Aussprache macht, aber in 30 Jahren es noch zu keiner Astronautin gebracht hat. Ihr wisst schon welches Land ich meine …
Rogodzin ist im Gespräch für die „Präsidentschaft“ über zwei von Russland annektierten Gebieten in der Ukraine. Ob das eine Beförderung oder ein Rauswurf auf Raten ist (ob die Gebiete dauerhaft besetzt bleiben, ist ja nicht so sicher) überlasse ich euch.
Trotz Drohungen Rogodzin lief es in der ISS bisher immer gut. So dachte ich, wenn das Gepolter nun aufgehört hat, normalisiert sich das Verhältnis in dem Bereich etwas.
Dann kam die Ankündigung das Russland „nach 2024“ aus der ISS aussteigen will, obwohl sie mit den USA eine Absichtserklärung unterzeichnet haben, die Raumstation bis 2030 zu betrieben. Weiter denkt auch die NASA nicht. Dann sollen private Raumstationen übernehmen, das ist aber nach Untersuchungen ds eigenen Sicherheitsrates eher unwahrscheinlich. Denn wie üblich benötigen diese „privaten“, oder im deutschen „kommerziellen“ Raumstationen, eine staatliche Finanzierung, denn Kunden außer dem Staat wird es erst geben, wenn die Station im Orbit ist. Bis dahin braucht man aber Geld und das ist nicht in Sicht. Die NASA hat ja die laufende ISS zu finanzieren und das Mondprogramm Artemis. Von sich aus, werden die Raumstationen aber nicht entwickelt. Die einzige Firma die da aktiv war, Bigelow Aerospace ,ist inzwischen pleite und hat sich an einer Ausschreibung der NASA nicht beteiligt, weil ihr das zu unprofitabel erschien.
Ich sehe in dem Statement eine weitere Drohung Russlands, mit der man wie mit anderen Maßnahmen Druck ausüben will oder nur verwirren. Das reiht sich in sinkende Erdgasmengen, weil eine angeblich eine Turbine fehlt – die aber geliefert werden könnte, wenn Russland die nötigen Papiere vorlegen würde, es also an Russland selbst liegt. Oder Abkommen über Getreideausfuhren und am Tag darauf Beschießung von Odessas Hafen, dem Hauptumschlagplatz.
Daher habe auch das „nach 2024“ so übernommen. Denn nach 2024 kann 2025 sein, kann aber auch 2030 sein … Wie bei anderen Drohungen fehlt dann aber die offizielle Umsetzung. Roskosmos muss dann ja offiziell die Zusammenarbeit beenden und da fehlt jede Aktion Russlands. So langsam denke ich, ist die Kacke bei Putin am dampfen. Zum einen weil seine Drohungen bisher noch nie gewirkt haben – er hat auch Finnland und Schweden gedroht nicht in die NATO zu gehen, was nur dazu führte das die diesen schritt beschleunigt haben. Auch die weitere Senkung der Erdgaslieferungen von 20 auf 40 Prozent geht meiner Meinung nach in diese Richtung. Das Erdgas ist ein Druckmittel vor allem bei Deutschland das vor dem Krieg 55 % des Erdgases von Russland bezogen hat (danke Merkel! Noch etwas was Du in den 16 Jahren Regierung versaut hast). Das Druckmittel wirkt am besten, wenn das Erdgas benötigt wird also in der kalten Jahreszeit. Denn dann gibt es unmittelbare Folgen, anders als jetzt wo die Speicher noch zum Teil gefüllt sind und die Firmen aber auch Verbraucher Zeit haben, sich umzustellen. Vor allem hat er nun nicht mehr so viele Möglichkeiten Druck auszuüben. Jetzt sind es noch 20 Prozent der ursprünglichen Menge. Der Anteil russischen Gases ist damit klein geworden, die zusätzlichen Auswirkungen, wenn Putin den Gashahn vollständig zudreht, auch klein, und dann ist auch das letzte Druckmittel weg. Es fehlen natürlich auch die Deviseneinnahmen, die ja durch die Verknappung sogar noch angestiegen sind, zumindest pro Megawattstunde. Deren Preis erreichte kurzzeitig 195 Euro. Nur zur Einordnung: Das entspricht einem Heizölpreis (ohne Steuern) von 1,95 €/l. Solarstrom der von neuen Klein-Anlagen (< 10 kwp) eingespeist wird, wird mit 65,4 €/MWh bezahlt. Vielleicht gibt es auch eine Verbindung dazu, dass nun die Ukraine zum Teil in die Offensive gegangen ist. Die ausländischen Waffenlieferungen scheinen nun ja zu wirken. Das ist ja ein trauriges Kapitel. Wenn es eine Meldung ist, das einige Panzerhaubitzen oder Gepards angekommen ist, ich höre, das Polen 200 Panzer geliefert hat, dann schäme ich mich für diese Bundesregierung und besonders Scholz und Lambrecht. Nicht das es nicht möglich wäre schnell zu liefern. Es lagern bei den Rüstungsfirmen ja Leopard 1 und Marder, die schnell geliefert werden könnten, anstatt Bundeswehrgerät. Aber wie es heißt, scheint ausgerechnet die SPD, nicht die Grünen dagegen zu sein. Beim Leopard 1 greifen auch die Bedenken nicht, die ich annehme, die zu der Doktrin führten, keine westlichen Kampfpanzer zu liefern. Ich vermute man, will nicht das Russland die in die Finger bekommt und und untersucht oder im Kampf ihre Stärken und Schwächen herausfindet. Der Leo 1 ist ja nicht das neueste Modell und nicht im Einsatz bei der Bundeswehr. Ich weiß nun kommen die Kommentare er und der Marder seien veraltet. Aber Russland hat genauso alte Panzer, die haben zwar jede Menge davon. Aber die stammen alle noch vom kalten Krieg und gegenüber modernen Panzern sahen sie schon im ersten Golfkrieg 1990, schlecht aus, weshalb Russland ihr Exportmodell sogar von T-72 auf T-92 umbenannte.
Ich glaube inzwischen auch das die Ukraine die Misere teilweise mit verschuldet hat. Es gab vor einigen Wochen die Meldung, das Biden Selenskyj vor dem Einmarsch gewarnt hat und der davon nichts hören wollte. Das erste was bei einer Invasion erfolgt, ist die Zerstörung von so viel gegnerischen Material wie möglich. Solange es in bekannten festen Stützpunkten befindet ist das leicht möglich. Statista hat bei den Landstreitkräften vor dem Krieg folgendes Verhältnis angegeben:
| Landstreitkräfte | Russland | Ukraine |
| Kampfpanzer | 12.420 | 2.596 |
| gepanzerte Fahrzeuge | 30.122 | 12.303 |
| selbstfahrende Artillerie | 6.574 | 1.067 |
| geschleppte Artillerie | 7.571 | 2.040 |
| selbstfahrende Raketenwerfer | 3.391 | 490 |
Also wenn ich höre, das es nun ein Artilleriekrieg ist, und das Verhältnis jetzt 10 bis 15:1 ist, dann muss man einen Großteil der ukrainischen Artillerie ausgeschaltet werden. Anders würde bei 3000 Geschützen (vor Kriegsbeginn) die Lieferung von 10 Panzerhaubitzen auch nicht viel ausmachen. Genauso bei über 2500 Kampfpanzern (achtmal so viel wie die Bundeswehr hat) die Lieferung von einigen Leopard. Von der Luftwaffe scheint ja gar nichts mehr übrig geblieben zu sein. Also die Situation ist auch selbst verschuldet.
Aber zurück zur ISS. Ich sehe es primär als neue Drohung. Wenn sie umgesetzt wird – durchaus möglich, da wie beim Gas zu sehen so langsam Putin die Optionen mit Drohungen ausgehen und er sie umsetzt, was kann man dann machen? Kleine Manöver wie das Ausweichen vor Weltraumschrott – denn Russland durch einen ASAT-Test sogar vergrößert hat, kann eine Cygnus durchführen. Das hat man schon probiert. Jenseits der Schwerpunktachse muss aber das interne Stabilisationssystem der ISS gegenhalten damit diese nicht eine Drehung gerät. Für kurze Änderungen geht das, bei längeren Manövern sollte der Schub durch die Schwerpunktachse führen und diese Achse liegt eben in der Verlängerung russische Module – Unity – Destiny – Harmony. Offen ist auch wie der Ausstieg erfolgen soll. Bleiben die russischen Module an der ISS oder nicht? (da man für das Abkoppeln und Entsorgen weitere Flüge = Kosten braucht, denke ich bleiben sie dran) Wenn nicht, dann können die USA einen Adapter zu Unity bauen, das ist das Verbindungsmodul zwischen US- und russischem Teil, Unity stammt ja schon den USA. Eine Orion kann an Unity andocken und die Station einmal richtig anheben, so wie die ATV (vor allem Johannes Kepler) das in den frühen 2010er gemacht haben. Von der Anhebung um 70 km profitiert die ISS bis heute, denn damit wurde der Treibstoffverbrauch gesenkt. Wahrscheinlich würde man die Station einige Jahre sinken lassen und dann anheben. Ein zweiter Orion Start könnte sie dann (nach erneutem Absinken) deorbitieren. Das wäre die einfachste Lösung, wenngleich alleine wegen des Startpreises der SLS, nicht eine billige. Eine andere Möglichkeit wären unbemannte Transporter. Das ATV wurde ja schon erwähnt. Es wurde ja nicht eingestellt, weil es schlecht war. Sondern weil die ESA lieber was neues entwickeln will, anstatt einfach die Transporter weiter zu fertigen. Man wird sie sowieso neu designen müssen, da viele Teile von der Entwicklung nicht mehr produziert werden. Dann kännte man sie auf reine Tanker reduzieren, die dann erheblich mehr Treibstoff transportieren könnten. Dann würde man wahrscheinlich mit zwei ATV für die restlichen Jahre auskommen. Selbst wenn die russischen Module dran bleiben ist das meiner Ansicht nach kein Problem. Die ESA hat nun ja schon fünf Koppeladapter für die ATV bekommen und damit sicher auch Unterlagen über deren Aufbau, wenn nicht, so hat man sie sich sicher genau angeschaut und kann sie nachbauen. Wir reden ja nicht von Hitech – die Dinger wurden 1978 eingeführt. Also die ISS würde es überstehen. Was es nicht überstehen würde, sind die Beziehungen zwischen Russland und den Partnern. Selbst im kalkten Krieg hat man im Weltraum zusammenarbeitet, ich erinnere an Experimente an Bord von Vega und Phobos 1+2 und die gemeinsame Halley Watch und natürlich Apollo-Sojus.
Was auch ein Grund für einen echten Ausstieg sein dürfte ist die finanzielle Situation. Seit langem ist Russland in der Weltraumfahrt keine Großmacht mehr. Es gibt wie zu Sowjetzeiten genügend Geld für militärische Satelliten, aber Forschungsmissionen und Planetensonden, keine mehr. Was lief war die ISS Beteiligung, auch weil die Hälfte der Sitzplätze von Partnern finanziert wurden und die wurden immer teurer. Das fällt nun weg und damit auch die Einnahmen. Touristen werden wohl lieber mit SpaceX reisen. Das ist ein US-Unternehmen und ein Kosmonauten-Basistraining müssen sie nicht absolvieren. Jetzt kostet Russland die ISS nur. Pro Jahr vier Sojusraumschiffe, vier Progress und acht Sojusraketen – nicht wenig bei Russlands Etat. So gesehen ist der Ausstieg eher eine Schwäche als eine Stärke. Eine Schwäche, die ich auch beim russischen Militär sehe, so gut sieht es ja im Ukrainekrieg nicht aus. Ich dachte vor dem Krieg, dass ein Großteil der Deviseneinnahmen, die ja alleine durch Erdgas in den letzten Jahren bei 1 Milliarde Euro pro Tag liegen sollen, wären ins Militär geflossen, wohl kaum in die Zivilgesellschaft. Aber das Geld scheint wohl nur bei Putin und Oligarchen angekommen zu sein.
Wer weiß, vielleicht endet 2025 die bemannte russische Raumfahrt, die damit vor den USA begannen, seit 1977 fast dauernd eine Besatzung im All hatten, einen Rekord den sonst keiner hat. Sei rutschen dann hinter China zurück die gerade ihr erstes Erweiterungsmodul gestartet haben (wie beim Kernmodul verblieb die über 20 t schwere Oberstute natürlich im Erdorbit) und auch Indien plant bemannte Missionen.