Bernd Leitenbergers Blog

„Bitte benutzen sie die Handschuhe“

So eine Verkäuferin bei ALDI zu mir, als ich gestern mir aus dem Fach zwei Brezeln nahm. Unsere Filiale hat von den sonst bei ALDI bisher üblichen Aufbackautomaten auf echte Backöfen umgestellt. An und für sich eine Verbesserung, denn auch wenn die Firma bisher mit „Backöfen“ warb, war es so, dass diese Automaten fertig gebackene und dann tiefgekühlte Waren nur nochmals aufwärmten, wobei sie im Ofen im Kreis zirkulierte, bis jemand auf den Knopf drückte und die Ware anforderte. Das ging ganz gut bei Brötchen, die man bald isst. Brot kam meiner Erfahrung nach aber immer mit einer enorm dicken und harten Kruste heraus.

Nun hat ALDI, wie andere Discounter Backöfen, die von einer Angestellten regelmäßig geleert und in die Auslagen umgefüllt werden. Dort muss man sich nun selbst bedienen. Jeder Discounter hat dazu ein System eingeführt, damit der Kunde die Backwaren möglichst nicht anfasst. Bei LIDL sind es große Schaufeln, mit denen man vom vorne abgeschlossenen Auslagenkorb das Ganze in eine Rutsche umbugsiert. Das ist meiner Erfahrung nach das einzige System das wirklich funktioniert. Bei Real ist es ein überdimensionaler Doppellöffel, der deutlich umständlicher ist (mir ist schon mehrmals ein Brötchen auf den Boden gefallen, was nicht im Sinne des Erfinders ist), vor allem aber an einer viel zu kurzen Leine hängt, sodass das ganze im besten Fall umständlich ist. Bei ALDI sind es nun überdimensionale Folienhandschuhe, mit denen man die Dinge anfassen soll.

Nun sind Backwaren, wenn sie aus dem Backofen kommen, keimfrei. Sie sind wegen der harten und wasserfreien Kruste auch kein guter Nährboden für Keime. Das bedeutet: Selbst wenn man sie mit den Händen anfasst, resultiert daraus keine gesundheitliche Gefahr. Sicherlich will der Discounter, dass die Kunden keine Angst haben, dass sie schon angefasste Ware kaufen. Das ist verständlich, aber realistischerweise ist es ja nicht so, dass Hunderte von Kunden die Einlagen durchwühlen. Die meisten nehmen ein Gebäckstück und berühren kein anderes oder nur eines, um es zur Seite zu schieben. Dann wird ein Stück maximal einmal angefasst, das ist weniger, als wenn man es beim Bäcker kauft, da fasst es die Verkäuferin in jedem Falle an.

Ich habe dann mal geschaut, ob sich seit meinem Studium, was geändert hat und es eine neue Vorschrift gibt, wonach man alle unverpackten Lebensmittel nicht mehr mit Händen anfassen darf. Aber die inzwischen dafür geltende Verordnung EU 852/2004 gibt da nichts her. Es gibt nur allgemeine Vorschriften, aber kein Gebot für Handschuhe, sondern nur die Forderung nach ausreichender Hygiene. In der Bäckerei, in der ich sonst einkaufe, werden die Brötchen auch von Hand eingetütet. Die einzige Ausnahme liegt bei leicht verderblichen Lebensmitteln vor. Beim Verkauf von Fleisch und Wurst, mit Abstrichen auch bei Käse (zumindest Weichkäse), wo schon Handkeime nicht auf die Lebensmittel gelangen sollten, können kann man dagegen als Standardhygiene den Einsatz von Handschuhen erwarten. Daher haben die Angestellten bei entsprechenden Theken oder Fleischer die Bedienungen Handschuhe an. Mit Handschuhen ist es aber auch nicht immer besser. Dazu müssten diese nämlich öfters gewechselt werden, zudem haften an den Handschuhen auch Lebensmittel und werden so übertragen. Also ich möchte eigentlich nicht dass mit den Handschuhen, mit denen gerade Hackfleisch für die letzte Kundin angefasst wurde, nun Streichwurst für mich verpackt wird. Hände wird man wohl eher kurz waschen, als dass man Handschuhe wechselt. Man spürt ja nicht, ob was an den Handschuhen haftet. In jedem Falle gibt es keine Vorschrift, die mich als Kunden verpflichten kann, diese Einweghandschuhe zu benutzen, die übrigens von der Lebensmittelkontrolle wegen ihrer geringen Foliendicke als weitgehend unwirksam angesehen werden.

Vor allem ist ein Kurieren an einer Front, wo es weitestgehend unsinnig ist. Will man die Keimübertragung stoppen dann ist das an anderen Stellen sinnvoll. Brötchen und Brot, zumindest solange es nicht geschnitten ist, ist kein guter Nährboden für Bakterien. Dagegen ist Obst und Gemüse ein sehr guter Nährboden. Davon ist zwar das meiste inzwischen auch verpackt (allerdings nicht aus hygienischen Gründen, sondern wegen des Transports oder Warenauszeichnung) doch es gibt genügend, das noch nicht verpackt ist Blumenkohl, Kraut, Fenchel fallen mir spontan ein. Inzwischen wird es sogar wieder mehr: Lidl bietet immer öfters Obst unverpackt zum Selbstabwiegen an, weil das den Umsatz erhöht. Hier dürfte die Gefahr, das etwas angefasst wurde höher sein, wenn Kunden sich etwas herauslesen wollen. Wenn Kohlrabi nach Stück verkauft werden, kann man drauf wetten, dass die kleinen oben liegenden mehrmals angefasst wurden, weil jeder sie zur Seite räumt, um unten nach größeren zu suchen. Noch größer ist die Gefahr, wenn Lebensmittel zerkleinert und verarbeitet werden. Hier sind sie anfälliger, weil Zellstrukturen zerstört werden, die Oberfläche wird größer, und selbst wenn man das mit Handschuhen macht, kann es leicht zur Kreuzkontamination kommen so z. B. von Geflügelfleisch auf Zutaten des Salats, wenn man ein Gericht zubereitet: Das Hühnerfleisch wird durcherhitzt. Die Erreger, die meist auf Geflügel vorkommen (fast alle Hühner und alle Enten haben Salmonellen im Darm, die gehen bei der Schlachtung auf das Fleisch über), werden abgetötet, aber der Salat wird nicht erhitzt. Zudem kann man in auch in Großküchen nicht davon ausgehen, dass bei jedem Schritt Handschuhe getragen werden. Zerkleinern und Schälen ist mit Handschuhen sehr schwer, man kann z.B. das Messer so nicht mit den Fingerkuppen führen, wenn man fein schneiden will. Auch hier weis man nicht, ob nach jedem Arbeitsschritt die Handschuhe gewechselt werden, um eine Kreuzkontamination zu vermeiden.

Wenn es den Discountern so wichtig mit der Hygiene bei Backwaren ist, dann sollten sie weiter denken: Was ist mit den Auslagenboxen, den Blechen etc.? Wie oft werden wie gereinigt und wie gründlich? Auf Krümeln, abgegangenen Samen können sich viel eher Bakterien ansiedeln als auf den Backwaren selbst. Dazu gibt es Backwaren mit zuckerhaltigen oder fetthaltigen Oberflächen, entweder glasiert oder durch den Eigenfettanteil (wie bei Croissants). Die ziehen einen schönen Film auf die Auslage, den man nur als Bakterienrasen bezeichnen kann. Eine gründliche Reinigung dieser wäre viel wirksamer, als umständlich jeden Kunden zu zwingen, Handschuhe zu tragen.

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