Bernd Leitenbergers Blog

Nachlese IFT-9

IFT-9 hob um 0:36 UTC, sechs Minuten später als geplant um 18:36 lokaler Zeit ab. Der Start verzögerte sich in den letzten Sekunden des Countdowns aufgrund eines Problems mit einer Schnellkupplung in der Bodenausrüstung. Zur Behebung dieses Problems musste der Countdown mehrere Minuten lang auf die T-40-Sekundenmarke zurückgesetzt werden.

Waren die beiden letzten Starts mit einem Starship V2 (wenn auch der Booster noch V1 ist) teilweise Fehlschläge und es klappte wenigstens die Landung des Booster, so war IFT-9 ein kompletter Fehlschlag: Starship verloren, Booster verloren. Eine dauerhafte Übersicht dieses und des letzten Blogs findet ihr auf der Website.

Da ich wohl nicht der einzige war, der bisher Rückschlüsse über die Treibstoffzuladung und die mögliche Nutzlast anhand der Balken in den Videos zog und so zu dem Schluss kam, das die Nutzlast des Starships weit unter den 100 t liegt, die reklamiert wird, hat SpaceX diesmal die Anzeige geändert in ein Kreissegment, das naturgemäß viel schwerer auswertbar ist. Ebenso entfällt so die Unterteilung in LOX und LNG, anhand der man Treibstofflecks ausmachen konnte. So viel zur Offenheit von SpaceX. (richtig offen wäre es ja die wesentlichen Daten der Rakete vor dem Start zu veröffentlichen).

Der Flug war der erste, bei dem ein bereits eingesetzter Booster zum Einsatz kam, in diesem Fall Booster 14, der bei Flug 5 gestartet wurde. SpaceX erklärte schon vor dem Start, dass es keinen Versuch unternehmen werde, den Booster zum Startplatz zurückzubringen, sondern Tests durchführen werde, um das Flugprofil der Superheavy zu verfeinern und Treibstoff zu sparen. Das klappte auch bis zur Landung. Als diese anstand, zündeten nur 12 der 13 Triebwerke und man sah dann eine Flamme. Zu dem Zeitpunkt befand sich der Booster in den Wolken, sodass dies nicht genau erkennbar war. Danach fing die Kamera, die ihn verfolgte an zu rollen, die Triebwerksanzeige verlosch und SpaceX schaltete schnell auf das Video des Starships um. Der Booster scheint dabei explodiert zu sein. (soviel zur Offenheit).

Das Starship erreichte einen Orbit, doch man sah austretenden Treibstoff im Video. Das Starship fing als Folge des Impulses langsam an zu rotieren. SpaceX schaltete dann den Livestream für 10 Minuten ab. Als er wieder aufgenommen wurde, war das ganze Vehikel in eine rote Wolke gehüllt. Beim Wiedereintritt ging es verloren, die letzte Telemetrie wurde kurz vor der 46 Minutenmarke erhalten. Kurz vorher konnte man Beschädigungen einer der Flügel im Video sehen.

Die vorgesehenen Tests während der Freiflugphase scheiterten denn auch. Acht Starlink-Simulatoren sollten ausgesetzt werden. Die Nutzlasttür öffnete sich nicht vollständig, und die Freisetzung der simulierten Satelliten wurde abgebrochen. Es war nach den Kommentatoren des Webcasts nicht klar, ob das Versagen der Tür mit dem Treibstoffleck und dem Verlust der Lageregelung zusammenhing. SpaceX gab es auch auf ein Raptor-Triebwerk im Weltraum wieder zu zünden. Der unkontrollierte Wiedereintritt bedeutet zudem, dass SpaceX nicht wie geplant alternative Hitzeschildkacheln testen oder gefährdete Bereiche des Fahrzeugs einem weiteren Belastungstest unterziehen konnte.

Einige Daten

Ich schenke mir eine genaue Aufschlüsselung, wie bei den ersten Starts, ich vergleiche nur mal die Brennzeiten nach Video, beim Booster auch mit IFT-5. Die Nutzlastabschätzung aufgrund des Resttreibstoffs hat SpaceX ja diesmal stark erschwert, aber alleine das es acht Starlink Simulatoren waren (Nennnutzlast von 100 Tonnen wären je nach Gewicht 50-67!) zeigt, dass es weit von der Zielvorgabe entfernt ist.

Ereignis IFT-9 real IFT-9Vorgabe
Brenndauer SuperHeavy 2:34 2:35
SuperHeavy Boostback 0:33 0:40
SuperHeavy Landung 0:21
Brenndauer Starship Orbit 6:15 6:19
Brenndauer Starship Landung 0:22

Auch wenn die Ablesegenauigkeit nur auf 1 Sekunde genau ist, so dauerte der Boostback diesmal deutlich kürzer als nach der veröffentlichten Timeline, vielleicht hängt dies mit dem Verlust zusammen.

Es gingen die drei Raptor Vakuum nach 8:41 aus, die restlichen drei erst nach 8:58, die 17 Sekunden sind deutlich kürzer als das bei IFT-6 noch war einem Starship V1 mit 33 Sekunden Brennzeit der inneren (steuerbaren) Triebwerke war. Rechnet man dies um in Brennsekunden eines Raptors so sind dies 2199 zu 2037 Sekunden, also rund 8 Prozent mehr, das Starship V2 soll vollgetankt aber 1500 anstatt 1200 t Treibstoff fassen, also rund 25 Prozent mehr. Das zeigt das SpaceX von einem Starship V2 noch weit entfernt ist und schon diese kleine Mehrzuladung hat ja bei Flug 8 nach dem eigenen Untersuchungsbericht zu einem „strukturellen versagen“ geführt. Rechnet man die Brennsekunden von Flug IFT-6 übrigens in Treibstoffzuladung um (spezifischer Impuls, Schub und Treibstoffverbrauch hängen über die Gleichung Schub = spez. Impuls x Treibstoffverbrauch zusammen) so kommt man nach den offiziellen Angaben von SpaceX über Schub (230 / 258 t) und spezifischem Impuls (350 / 380 s) zu einer Trebstoffzuladung die um 162 t über der angegebenen Menge von 1200 t liegt. Dabei war da noch Resttreibstoff in den Tanks. Ich vermute man hat auch nach zwei Jahren weder den Nennschub noch den reklamierten spezifischen Impuls erreicht. Kein gutes Omen für ein Raptor 3 das ja noch besser sein soll, wenn man schon jetzt an den Sollvorgaben scheitert.

Was passierte?

Einige Erklärungen seitens SpaceX und elon Musk gibt es: Der Kommentator Dan Hon sagte zum Kontrollverlust:

“We are in a little bit of a spin. We did spring a leak in some of the fuel tank systems inside of Starship. At this point, we’ve essentially lost our attitude control with Starship.”.

Danach hat man den verbleibenden Treibstoff abgelassen. Das hat auch den Wiedereintrittszeitpunkt vorverschoben auf 40 Minuten. Elon Musk meinte:

“Leaks caused loss of main tank pressure during the coast and re-entry phase. Lot of good data to review. Launch cadence for next 3 flights will be faster, at approximately 1 every 3 to 4 weeks.”

Es ist mir ein Rätsel wie man nach drei Flügen mit zuletzt zweieinhalb Monaten Pause, um Fehler zu finden, nun in einem kürzeren Rhythmus starten will, wo man sicher sein kann nicht alle Fehler behoben zu haben. Offensichtlich setzt man bei SpaceX auf das „Prinzip Hoffnung“: wenn ich nur oft genug starte werden irgendwann alle Fehler auftreten und so nach 100 oder 200 Flügen sind vielleicht auch alle gefunden.

Die rote Farbe auf den Kameraaufnahmen führe ich auf die Bildung von polymeren Kohlenwasserstoffverbindungen zurück. Solche entstehen auch aus Methan beim Saturnmond Titan und führen zur rötlichen Smogschicht des Mondes. Sie bilden sich aus Methan das durch die solare UV-Strahlung Wasserstoffatome verliert und dann mit anderen Methan-Atomen polymerisiert, die Verbindungen sind anders als Methan nicht gasförmig und dürften sich als dünner Film auf der Oberfläche und so auch die Kameralinse ablegen. Selbst mit pessimistischen Treibstoffabschätzungen dürfte das Starship noch etwa 6 t Methan in den Tanks gehabt haben, genug Gas für solche Reaktionen.

Ich denke die nächsten Flüge werden auch nur suborbital sein, da schon die bisherigen Flüge zeigen, welchen Vorteil das hat: 5-mal erreichte ein Starship einen Suborbit, 2-mal davon war es nicht mehr kontrollierbar. In einem Orbit hätte es so nicht gezielt deorbitiert werden können und wäre irgendwo auf der Welt niedergegangen. Bedenkt man wie der Wiedereintritt einer Falcon 9 Oberstufe oder einer CZ-5B Oberstufe Thema in den Nachrichten ist, dann kann man sich denken was passiert, wenn ein um eine Größenordnung schwereres Starship wieder eintritt.

Kommentare und Kommentare zu den Kommentaren

Es gab nach dem Start auch Posts von Elon Musk und Jaed Isaacman, Privatastronaut und derzeit als NASA-Administrator nominiert. Wie unabhängig Isaacman von SpaceX ist zeigen seine Posts:

“Appreciate the transparency–and bringing us space enthusiasts along through the highs and lows of a test program,” … “Some may focus on the lows,” aber Starshgip und andere Teäger werden “massive space economy” erschaffen“… “When these capabilities arrive, they will spearhead a new era of exploration and discovery–and the lows will become a chapter in a much longer story.”

Also in einer fernen Zukunft wird alles wunderschön. Und da können wir die Reihe von neun Fehlschlägen in zwei Jahren komplett ignorieren. Komisch, ich dachte, als NASA-Administrator ist vorwiegend seine Aufgabe sich um die nähere Zukunft von NASA-Projekten zu kümmern und wie angesichts der bisherigen Flüge denn nun Artemis 3 stattfinden soll, das mindestens 10 erfolgreiche Flüge in Folge benötigt, um nur den Treibstoff in den Orbit zu transportieren würde ich mir als NASA-Administrator doch Sorgen machen. Davon ob das Starship auf dem Mond landen und wieder zurückkommen kann mal ganz zu schweigen.

Auch Elon Musk verweist nur auf die Zukunft. Er meinte vor dem Start das es nur eine “80 percent chance of having solved those issues” bezogen auf die Probleme des Starships gäbe. “To really have a 100 percent chance, it requires the design iteration on the engine. And part of it was that we had to discover that we needed to tighten the bolts that attached the thrust chamber to the injector head after firing,” sagte Musk zu Ars Technica’s Eric Berger. Komisch, ich habe noch nie von Triebwerken gehört, deren Schrauben man im Flug nachdrehen muss. Man hat bei SpaceX wohl wie an vielen anderen Stellen die bei den bisherigen Flügen offensichtlich zutage traten schon am Design geschlampt. Aber wie bei Isaacman wird natürlich in Zukunft alles besser. „Version 3 of the Ship and Booster has quite a radical redesign.”. Habe ich so schon mehrmals von ihm bei anderen Themen gehört und es hat selten gestimmt. Wie heißt es doch in einem englischen Sprichwort: „Fool me once, shame on you; fool me twice, shame on me“. Musk hält wohl alle für blöd.

Er scheint auch wie Trump eine ganz eigene Sicht auf die Dinge zu haben, in der er den offensichtlichen Fehlschlag nicht anerkennt, denn er schreibt auch: “Starship made it to the scheduled ship engine cutoff, so big improvement over last flight! Also, no significant loss of heat shield tiles during ascent,”.

Also eine Verbesserung gegenüber dem letzten Flug, aber eine Verschlechterung gegenüber den Flügen 4-6, wo es das Starship wenigstens bis zur Wasseroberfläche schaffte. Sollte nicht jeder Flug besser ausgehen als der vorhergehende? Wie soll das Starship denn sonst jemals einsatzbereit sein. Noch lustiger die Bemerkung das keine Hitzeschutzkacheln während des Aufstiegs verloren gingen. Also deren Bewährungsprobe schlägt ja erst noch beim Wiedereintritt. Wenn man schon zufrieden ist, das sie nicht vorher abfallen, ist die Erwartungshaltung des CEO von SpacEX wirklich sehr, sehr niedrig.

Aber das der Flug nun vielleicht doch nicht so toll war, scheint er schon erkannt zu haben: Vor der Mission kündigte Musk an, einen Unternehmensvortrag mit dem Titel „The Road to Making Life Multplanetary,“ zu veranstalten, der live gestreamt werden sollte. Ursprünglich war dieser Vortrag vor dem Start geplant, wurde dann aber auf danach verschoben und scheint nun vorerst vom Tisch zu sein. Komisch, hat doch der Vortrag gar nichts mit dem Flug zu tun, handelt doch von einer fernen Zukunft, also einer wirklich sehr fernen Zukunft, für Elon Musk seit über 20 Jahren wirbt, und er ist ihrer Umsetzung seitdem keinen Schritt näher gekommen.

Aber es wird ja alles besser, weiter Elon Musk: Version 3 of the Ship and Booster has quite a radical redesign.”. Schön. Aber das nützt nichts wenn das Design fehlerhaft ist und wie man sieht schon nur die Veränderungen bei den Tanks und Triebwerksstruktur (die Triebwerke sind ja noch die gleichen wie bei den ersten Starships) zu einem völligen Versagen führen, nachdem die letzten drei Flüge von Starship V1 ja einen Trend zur Verbesserung zeigten. Wenn man da neu designt, dann baut man, da die Leute die es designen ja immer noch die gleichen sind, haufenweise neue Fehler ein.

Fazit

Schon das Austauschen von vier Triebwerken bei dem „Flight proven“ Booster Nummer 14 von Flug IFT-5 zeigte, dass SpaceX weit weg ist von der 1000-maligen Wiederverwendung seiner Raptoren. Ja selbst das Designziel der Merlins, von zehnmaliger Wiederverwendung (Rekord eines Merlins: bis jetzt sogar 28 Einsätze) scheint noch lange nicht erreicht. Diesmal ging die SuperHeavy beim Landungsburn verloren. Da sich das ganze Konzept des Starships nur lohnt, wenn beide Vehikel wiederverwendet werden können, ist der Verlust des Boosters für SpaceX ein enormer Rückschlag, nachdem die letzten Landungen alle klappten.

Das Starship teilt diese Einstufung. Es erreichte zwar einen Orbit, aber hätte es eine Nutzlast gehabt, so hätte das Taumeln, der Verlust der Lageregelung wurde ja eingeräumt, bedeutet, dass auch seine Mission verloren ist. Denn so kann man keine Nutzlast aussetzen, selbst wenn diese nicht nach dem Absetzen mit dem Starship kollidiert, kann sie so ohne stabile Ausrichtung mit Solarzellen zur Sonne ausgerichtet, nicht in Betrieb genommen werden. Der Flug ist daher noch weniger erfolgreich als die letzten Flüge die allesamt eine stabile Lage im Orbit erreichten.

Es mag Zufall sein, aber SpaceX ist nun gerade da wo sie beim dritten Testflug waren. Auch da ging, die erste Stufe bei der Landung verloren und das Starship durch unkontrollierte Bewegung im Orbit beim Wiedereintritt. Dazu passt die Ankündigung von Elon Musk das die nächsten drei Flüge im Intervall von wenigen Wochen abgewickelt werden. Ebenso, wie das man bei den beiden Totalverlusten von Flug 7+8 nur Schadensbegrenzung beim nächsten Start getrieben hat. Es scheint so als würde SpaceX das Starship in Kleinserien von sechs Stück bauen und innerhalb jeder Serie können sie dann nur Anpassungen vornehmen. Demnach müsste nach weitere drei Starships die nächste Iteration anstehen, in der man dann die Fehler schon bei der Produktion vermeidet, dann wahrscheinlich mit Raptor 3 im Starship. Die nächste Serie würde dann auch Raptor 3 in der SuperHeavy einsetzen, sodass das 19.te Starship ein vollständiges V2 wäre. Bei der Methode brauchen sie wirklich viele Starts bis sie dann bei einem vollständigen V3 Starship angekommen sind, das nochmals in beiden Stufen vergrößerte Tanks hat und beim Starship auch drei weitere Triebwerke und zudem Raptor 3 (oder 4) mit noch höherem Schub.

PfuschX und Murksship?

Ich habe ja lange Zeit aufgrund der völlig überzogenen Erwartungen die Elon Musk schürt, SpaceX als „SpassX“ tituliert. Ich habe mich dann überzeugen lassen, dass dies meiner eigenen Reputation schadet, auch wenn aus meiner Sicht bei meinen Blogs man sehr gut eine technische Beurteilung von einer ironischen Bemerkung trennen kann. Aber das können wohl nicht alle und manche stürzen sich auch auf diese Bemerkung.

Inzwischen ist aber das Neubezeichnen von Dingen gang und gäbe. Donald Trump hat schon in der ersten Amtszeit von „alternativen Fakten“ gesprochen und Medien, die die Wahrheit publizierten, als „Fake News“ beschimpft. Nun müssen alle Kabinettsmitglieder Mützen mit der Aufschrift „Gulf of America“ tragen und auch im Pressestatement vor dem Start von SpaceX ist von „Gulf of America“ die Rede. Sollte man da nicht auch mal anfangen wieder das Starship und SpaceX umzubenennen? Also angesichts dessen das bisher neun Starts in irgendeiner Form scheiterten (am ehesten gelang wohl Start 6 wo das Starship weich auf dem Ozean aufsetzte, aber dafür verlor man den Booster) und es für das Versagen haarsträubende Erklärungen gibt – bei den Triebwerksausfällen der ersten Flüge war die Ursache, dass man Gas aus dem Vorbrenner zurück in die Tanks leitete, wo es zu Eis ausgefror, nun lockern sich offensichtlich die Schrauben mit denen der Einspritzkopf befestigt ist im Flug) wäre das doch angebracht.

Kleine Frage: Wärt ihr für eine Umbenennung und wenn ja wie soll SpaceX / Starship denn nun heißen? Mein Vorschlag wäre „PfuschX“ und „Murksschiff“. Ich meine, das trifft es relativ genau.

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