Wer heute in ein Entwicklungsland oder Schwellenland reist, der bemerkt vielleicht eines (oder nicht): technologisch scheint es keinen Unterschied zu geben. Zumindest in den Ballungszentren gibt es Wlan und Mobilfunk. Viele der Elektronikkonzerne stammen aus Schwellenländen. Man denke nur an Samsung, die alles von Unterhaltungselektronik über Halbleiter bis zu Festplatten und Fernseher produzieren. Schon seit Jahrzehnten kommen die wichtigsten Motherboardhersteller aus dem asiatischen Raum. Apple lässt in China fertigen und viele andere Hersteller auch. Wenn wir die Mikroelektronik als Spitze der Technologie betrachten, so scheint es keinen Unterschied mehr zwischen erster und dritter Welt zu geben.
Ein Beitrag den ich kürzlich sah über Abdul Kadir Khan bestärkte mich in meiner Vermutung, dass dem aber nicht so ist. Abdul Kadir Khan gilt als „Vater der pakistanischen Atombombe“. Wie der Beitrag zeigte, stammte nichts von dieser aus Pakistan. Es gibt zwei prinzipielle Möglichkeiten eine Atombombe zu bauen. Das eine ist es Plutonium aus Kernbrennstäben zu isolieren. Dazu braucht man einen Atomreaktor an dem man sehr einfach an die Brennstäbe kommt ohne ihn komplett herunterzufahren. Graphitkernreaktoren vom Tschernobyltyp sind z.B. dazu geeignet. Das waffentaugliche Plutonium entsteht zu einem kleinen Teil während des Betriebs, wird aber später wieder abgebaut und selbst als Fusionsmaterial genutzt wenn der Anteil an U235 abnimmt. Dieser Weg wird von den USA und Russland beschritten. Entwicklungsländer bekommen, wenn sie einen Reaktor von den Industrieländern gebaut bekommen aber meistens keinen dafür geeigneten Typ.
Der zweite Weg ist die Anreichung von U235 über physikalische Verfahren. Das ist ziemlich aufwendig, weil sich beide Isotope nur in der Masse unterscheiden. Das am häufigsten eingesetzte Verfahren ist die Zentrifugation von Uranhexafluorid. Uranhexafluorid ist bei 57 Grad gasförmig und kann mit einer sehr schnell rotierenden Gaszentrifuge in einen schweren und leichten Teil aufgeteilt werden. der schwere Teil enthält das Isotop 238, der leichte das Isotop 235. Da Der Gewichtsunterschied weniger als 1% beträgt und Gase sind wegen ihrer höheren Mobilität schwerer als Flüssigkeiten zu trennen.
Khan war in den siebziger Jahren in Holland in einer Firma angestellt, die solche Gaszentrifugen herstellte. Er hat dort die Pläne kopiert und später für Pakistan in Europa die benötigten Zentrifugen und andere Geräte bestellt. Den Bauplan der Atombombe hatte er von den Chinesen. Von der nach eigenen Aussage „selbst entwickelten“ Atombombe Pakistans bleibt nicht viel übrig. Später hat er die Technologie dann exportiert. UNO Waffeninspektoren und die CIA waren informiert, nachdem erstere nach dem ersten Golfkrieg Unterlagen beschlagnahmten, inklusive der Atombombenskizzen mit chinesischer Beschriftung und letztere weil Libyen nach einem Deal alle Unterlagen an die USA übergab.
Was das ganze beleuchtet, ist dass die Herstellung einer Atombombe weitaus schwieriger ist als die eines Mikroprozessors, obwohl dieser jünger und auch die Technologie anspruchsvoller ist. Der wesentliche Unterschied: wer eine Atombombe baut, der muss sich die Teile dafür auf Umwegen beschaffen, wenn er sie nicht selbst entwickelt – und das hat Pakistan und Khan eben nicht getan. Die Frage ist ob sie es nicht konnten oder es billiger war. Der Unterschied bei der Herstellung eines Chips ist, das alles was man dafür braucht auf dem freien Markt erhältlich ist – von dem Reinstsilizium bis zu den Fotobelichteranlagen. Die Fähigkeit einer Nation ist es aber nicht aus den Einzelteilen etwas zusammenzubauen oder sie zu benutzen, sondern diese Technologie selbst zu entwickeln.
Was der Atombombenbau mit der Raketentechnik gemeinsam hat, ist auch dass man die Teile dafür nicht so einfach kaufen kann. Wer außer Raketenbauer brauchen Turbinen höchster Zuverlässigkeit im Miniformat, verbunden mit Turbopumpen die hohen Durchsatz auf kleinstem raum bieten. Von nur bei Raketen eingesetzten Teilen wie Brennkammer, Injektoren und Düsen ganz zu schweigen. Wenn man die Teile hat muss dann auch noch eine funktionierende Rakete rauskommen, was bei UdSSR und USA Jahre dauerte, bis sie die Technologie soweit entwickelt hatten, dass sie zuverlässig genug war. Auch hier gibt es ein Beispiel: Südkorea hat einige der größten und weltweit bedeutendsten Konzerne im Bereich Elektronik im Land, an der spitze sicher Samsung. Für ihre eigene Trägerrakete Naro 1 stellt aber Russland die erste Stufe und nur eine kleine Feststoffoberstufe stammt von ihnen selbst.
Indien setzt bei PSLV und GSLV auf in Lizenz gefertigten Viking Triebwerke und eine russische Oberstufe. Die größte selbst entwickelte Oberstufe mit flüssigen Treibstoffen wiegt nicht mal 10 t. Die GSLV hat bei fast gleicher Startmasse wie eine Ariane 44L nicht mal die halbe Nutzlast. Das zeigt recht deutlich das technologische Gefälle, das es noch gibt, wenn man die Technologie nicht einfach so kaufen kann.