Thor Nomenklaturchaos

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Heute geht es wieder um einen Splitter meiner Recherche zu dem Buch und zwar um Bezeichnungen und Abkürzungen der Thor. Wer mit den Akronymen PGM-17, SM-75, WS-315A, DM-18, MB3, DSV-2L-1A, DSV3E, SLV-2G, Thorad, TAT, TAID, LTTAT, UBT ELT und XLT etwas anfangen kann, der braucht den Blog nicht zu lesen.

So, Alle sind noch da? Ich würde mich wundern, wenn nicht, denn selbst ich vergesse ziemlich viel von den Details, wenn ein Buch erst mal einige Jahre alt ist. Primär schreibe ich die Bücher ja für mich selbst, dann kann ich immer schnell nachschlagen.

Bei allen Abkürzungen und Akronymen handelt es sich um Bezeichnungen der Thor, einer Mittelstreckenrakete die von 1958 bis 2018 über 60 Jahre auch als Trägerrakete eingesetzt wurde. Ich arbeite mich mal nach dem zeitlichen Verlauf durch die Abkürzungen.

Die Thor wurde als Projekt am 27.12.1955 beschlossen. Nahezu zeitgleich mit der Jupiter IRBM. Das Projekt lief unter der Bezeichnung PGM-17 (Jupiter: PGM-19) wobei PGM für Precise Guided Missle stand. Der Begriff muss aus der damaligen Zeit betrachtet werden, denn präzise im heutigen Verständnis war die Thor nicht. Ihr CEP (auch eine Abkürzung für Circular Error Propability) betrug 3,2 km. Das bedeutet in 50 % aller Fälle geht der Sprengkopf in einem Radius von 3,2 km um den Zielpunkt nieder. Das ist nicht sehr genau, heute haben IRBM eine viel höhere Genauigkeit. Bei der RS-26, die auch im Ukrainekrieg eingesetzt wird, spricht man von 90 bis 250 m. Deswegen hatte die Thor auch eine Wasserstoffbombe mit 1,4 MT TNT-Äquivalent als Waffe. Der Radius in dem 90 Prozent der Menschen getötet werden liegt dann bei 8 km, also erheblich größer als der CEP-Radius.

„Precise Guided Missle“ meint vielmehr, dass die Thor aktiv gesteuert wurde, anstatt nach dem Start einfach gerade aus zu fliegen wie Artellerieraketen. In dem Sinne ist auch eine A-4 eine PGM.

Als die Thor dann stationiert wurde, änderte sich schon zum ersten Mal die Bezeichnung, denn nun hieß sie SM-75. SM stand für Surface Missle. Also eine Rakete, die vom Boden aus abgefeuert wurde. Zumindest bei sowjetischen Raketen deren genaue Bezeichnung man nicht kannte, nutzte man ein einfaches Schema wie SS-20 (Surface-Surface Missle 20), aber nicht bei den eigenen Raketen. Die Atlas hieß SM-65, das System wurde also damals durchgehalten.

Die SM-75 ist aber nur die Thor, immerhin komplett mit Atomsprengkopf. Anders als in schlechten James Bond-Filmen fängt man mit einer Rakete aber nicht viel an. Die Thor benötigte eine Menge Bodenausrüstung, von einem Schutzhangar bis zum Startturm und den Treibstofftanks. Diese Installationen bildeten zusammen dann das Waffensystem und hier hieß die Thor WS-315A. WS steht für Weapon System.

Damit haben wir Seite der USAF schon mal drei Bezeichnungen für die Thor, aber es geht noch weiter. Es wäre ja zu einfach, wenn der Hersteller sich auch daran halten würde. Die Thor zerfällt technisch in die Rakete, die Steuerung, die Kernwaffe und einen Hitzeschutzschild. Douglas war der Hersteller der Thor, kaufte die Triebwerke von Aerojet ein. Douglas benannte nun seinen Teil von SM-65, die Thor ohne Steuerung und „Nutzlast“ als DM-18. DM steht für „Douglas Missle“. Die DM18 machte einige Revolutionen durch:

  • DM-18 war die erste Version nur für Bodentests und die erste (von vier) Phasen der Erprobung, noch mit dem Triebwerksblock MB-1 (siehe unten).
  • DM-18A war die operative Version der Thor, die als Mittelstreckenrakete stationiert wurde. Sie hatte den Triebwerksblock MB3.
  • DM-18C waren drei Thor für Teststarts, die den Triebwerksblock MB3-1 qualifizierten, sie wurden 1960 gestartet.

Diese drei Versionen waren alle IRBM oder Testmuster für die IRBM. Dann begann aber schon während die Thor entwickelt wurde, der Einsatz als Weltraumrakete und es begann eine Explosion an Bezeichnungen:

  • DM1812 war die Thor die die Thor able. Deise wurde von 1958 bis 1960 für Wiedereintrittsversuche und für erste Satellitenstarts eingesetzt. Hier gab es schon drei Subversionen (DM-1812-2, -4 und -6). Der Schub war der gleiche wie bei DM-18A. Auch die ersten Thor Agenas setzten DM-1812 ein, allerdings als DM-1812-3.
  • DM-21 wurde zur Thor für die Thor Agena B ff und als DM-21A für die Thor Ablestar. Die Thor Ablestar setzte den MB3 ein, die Thor Agenas im Laufe der Zeit MB3, MB3-1, -2 und MB3-3. DM-21A nur MB3.
  • DM19 war wiederum der Antrieb für die Thor Delta der NASA, wie bei DM-21 wurde der Antriebsblock von MB3 bis MB3-2 gesteigert.

Verwirrt? Tja wie hieß es mal in einer Webung: „Douglas, come in and find out“ … Es geht noch weiter. Die schon erwähnte Bezeichnung MB steht für den Antrieb der Thor. Was MB bedeutet fand ich nicht raus, ich tippe auf „Motors block“ oder „Missle Block“. MB besteht aus dem Haupttriebwerk LR79 und zwei Verniertriebwerken des Typs LR101. Anders als bei der DM-Nomenklatur kann man hier bei den Bezeichnungen einen technischen Fortschritt festmachen, und zwar anhand des Startschubs:

  • MB1 – 600 kN, nur für Bodentests und erste Entwicklungsflüge (DM-18)
  • MB3 – Serienantrieb für die IRBM und ersten Einsätze bis etwa 1962: 667 kN Bodenschub
  • MB3-1: Schubgesteigerter Antrieb mit DM-18C erprobt und dann bei den Trägerraketen eingesetzt, 734 kN Startschub
  • MB3-2: Erneut leicht gesteigerte Version, mit 756 kN Bodenschub.
  • MB3-3: Die letzten Versionen der Thor setzten den MB3-3 ein, bis das Haupttriebwerk 1972 ersetzt wurde. Für ihn wird ein noch etwas höherer Schub (oft 765 kN) genannt.

Die Schubsteigerung machte die Beförderung von Oberstufen erst möglich. Die dann auch immer schwerer werden konnten.

Dann änderte Douglas etwa um das Jahr 1962 die Bezeichnung sprach nicht von der Douglas Missle (DM) sondern dem „Douglas Space Vehikle“ abekürzt DSV und nun explodieren die Bezeichnungen. Das ganze hat nichts mit der Technik zu tun, sondern war einfach eine Umbenennung. In einem offiziellen Buch von Douglas wird das deutlich: „The two-stage Thor-Ablestar (Thor-Epsilon) launch vehicle employed two Thor model booster configurations: the DM-21A, as shown in Figure 6-14 ; and the DSV-6, as depicted in Figure 6-15 . Both configurations were essentially DM-21’s with a new adapter section, forward of a transition section to accommodate the second stage.“. Also nur eine Modifikation des DM-21, aber dafür zwei neue Bezeichnungen!

Es gibt noch eine feste Nomenklatur: Alle militärischen Träger (Thor Agena) heißen „DSV-2“ mit einem angehängten Buchstaben und alle Thors für die Delta waren „DSV-3“. Dazu kommt eine DSV ohne Ziffer, deswegen hat man das V1 wohl weggelassen. Bei der Delta war der letzte Buchstaben der gleiche wie bei der Delta, also die DSV-3E war die Thor für eine Delta E, doch ansonsten gab es einen Wust an Bezeichnungen:

Douglas Nomenklatur

Antrieb

DM-Nomenklatur

Einsatz auf …

Starts

von — bis

DSV-2A mit Agena B/D Oberstufe

MB3-2

DM-21

Thor Agena B/D

42

1960-1965

DSV-2C mit Agena Oberstufe /
Castor Boostern

MB3-1 bis 3

DM-21

Thor Agena B/D,
TAT Agena D

63

1963-1968

DSV-2D (suborbital)

MB3-2

DM-21

Bigshot 1+2

2

1962

DSV-2E (suborbital)

MB3-1

DM-19

Operation Fishbowl

8

1962

DSV-2F (suborbital)

MB3-1

DM-19

Projekt ASSET

3

1963-1964

DSV-2G mit Delta Oberstufe (suborbital)

MB3-1

DM-19

Projekt ASSET

3

1964-1965

DSV-2J (suborbital)

MB3-1

DM-19

Programm 437

18

1964-1975

DSV 2L

MB3-3

DM-21

LTTAT Agena B/D

43

1966-1972

DSV-2S

MB3-1

DM-18A

Thor IRBM+MG 18/Altair

6

1965-1966

DSV-2U

MB3-1

DM-18A

Thor IRBM Burner II / IIA, Thor DSV-2U

25

1966-1980

DSV-6

MB3-3

DM-21A

Thor Ablestar

1

1962

DM-1812

MB3-1

DM-18A

Thor Able, Thor Agena A

31

1958-1959

Im Prinzip vergab Douglas bei jeder Änderung der Thor eine neue Bezeichnung. Diese Änderungen waren nötig, weil die Nutzlasten verscheiden waren: Die Thor hatte einen Abschlussdurchmesser von 161,16 cm. Die Oberstufen hatten einen Durchmesser von 80, 138,9 und 152,4 cm. Die Triebwerke der Oberstufen reichten unterschiedlich weit in den Stufenadapter hinein, bei suborbitalen Einsätzen wurde dagegen die Nutzlast direkt auf die Thor montiert und bei Programm 437 gab es auch Pods am Heck. So waren für jeden Einsatz Anpassungen nötig. Dazu kam, dass das Lenkungssystem meist auch ausgewechselt wurde. Mindestens zwei alternative Lenksysteme sind mir bekannt. Bei den ersten Thor Agenas wurden die Finnen am Heck weggelassen, dann später wieder hinzugenommen. So war praktisch jede Serie eine Anpassung und bekam eine neue Bezeichnung. Selbst IRBM, die abgezogen wurden und technisch alle DM-18A waren, bekamen durch die Umbaumaßnahmen neue Bezeichnungen: DSV-2F,G,J,S und U sind alles ausgemusterte IRBM die nachträglich für andere Zwecke eingesetzt wurden – eine Rakete, fünf Bezeichnungen!

Das endete mit dem DSV-2L / DSV-3L. Diese Abkürzung stand für die verlängerte Thor und man begann sie zu standardisieren damit man die Thor zwischen Thor Agena und Thor Delta austauschen konnten. Douglas vergab dann auch die Bezeichnung DSV-2L-1A für die Thor Agena und DSV-2-1B für die Delta Version. Das war die letzte Thor Agena Version, und auch die NASA stellte zeitgleich ihr Benennungssystem der Delta auf 4 Ziffern um. Die NASA verwendete die Douglas Bezeichnungen sowieso nur sehr ungern und selten. Sie bestand auch immer darauf das die Raketen die Delta Seriennummer aufgepinselt bekamen, während die militärischen genutzten Thor eine Seriennummer von Douglas bekamen (siehe letzter Blog).

Ab 1963 fing die USAF an zuerst bei der Thor Agena drei Castoir Booster hinzuzunehmen. Die Thor bekam nun einen neuen Namen, denn die Thor wurden nun angepasst und erhielten am Heck Befestigungspunkte für die Booster, Sprengsätze und eine elektrische Verkabelung. Die neue Thor hieß nun Thrust Augmated Thor, abgekürzt TAT. Nach einigen Jahren (ab 1966) kam man auf die Idee, das durch den hohen Schub man eigentlich den Treibstoff zusätzlich zuladen könnte, der während der Betriebszeit der Booster verbraucht wurde und aus der TAT wurde die Long Tank Thrust Augmated Thor, abgekürzt LTTAT. Beide Bezeichnungen findet man aber nicht in den Namen. Die Delta Bezeichnungen (Delta E-J: TAT, Delta L-N und 0xxx Serie: LTTAT) geben überhaupt keinen Hinweis auf die verwendete Thor und bei der Thor Agena wurde nun die SLV-2A draus (SLV: Standard Launch Vehicle 2). Damit sollte die bisherige Praxis von nachträglichen Änderungen an einer Rakete die Douglas auslieferte, beendet werden. Nun konnte man in den USAF-Bezeichnungen nicht mehr erkennen welche Thor verbaut wurde:

  • Thor SLV-2 Agena B/D : ursprüngliche Thor
  • Thor SLV-2A Agena D : TAT
  • Thor SLV-2G Agena D : LTTAT
  • Thor SLV-2H Agena D : LTTAT mit standardisierter LTTAT

Die standardisierte LTTAT bekam wegen ihres Hecks, das 3,6 oder 9 Castor II oder Alogol Booster aufnehmen konnte auch die Bezeichnung Univeral Boat Tail (UBT) Thor.

Der USAF war ihr eigenes System wohl zu kompliziert, denn es bürgerte sich für die letzten beiden Varianten die Bezeichnung „Thorad Agena D“ ein. Wofür „Thorad“ stand habe ich nicht rausgefunden. Ich selbst dachte, es wäre die Abkürzung für „Thor Agena D“. Aber die Agena D Oberstufe wurde ja noch extra genannt (völlig überflüssig, denn es war die einzige Oberstufe, die auf der Thorad flog und die NASA sprach meist von der „Delta“ und nicht „Thor Delta“, sodass es eigentlich keine Verwechslungsgefahr gab. Ich fand nur eine Erklärung in einem Forum, leider ohne Link zu einer Primärquelle. Danach soll die Bezeichnung die Abkürzung von Douglas sein, und steht für Thor Advanced. Douglas hatte schon Verbesserungsvorschläge für die Thor ausgearbeitet, die später größtenteils umgesetzt wurden.

Damit endet das Namenschaos, denn ab 1972 startete nur noch die Delta und die NASA hatte diese Bezeichnungen von Douglas und der Air Force nur anfangs verwendet. Sie nannte ihre Version der LTTAT z.B. TAID – Thrust Augmated Improved Delta – man beachte das „Thor“ ist aus der Bezeichnung komplett verschwunden! Die NASA legte Wert darauf, dass die Delta eine zivil eingesetzte Rakete war und wollte nicht daran erinnern, das die erste Stufe eine ehemalige IRBM war. Es gab noch zwei weitere Versionen der Thor. Die Extra Long Tank Thor (ELT) mit nochmals mehr Treibstoff und dem RS-27 Triebwerk, die von 1972 bis 1989 eingesetzt wurde und die Extended oder Extra Long Tank Thor XLT (1990-2018) mit nochmals mehr Treibstoff (LTTAT: 66 t, ELT: 80 t, XLT, 100 t) und dem RS-27A Triebwerk.

Raucht euch der Kopf? Das ist gar nichts im Vergleich zu dem was ich an Arbeit in die Recherche steckte ….

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