Operation Fishbowl
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Hallo, ich schreibe weiter an meinem Buch, die Auskopplung der Thor und Delta aus dem Buch über die US-Trägerraketen. Und wie immer nutze ich die Zeit noch was zu ergänzen. Seitens des Einsatzes der Thor bzw. Delta als Satellitenträger gibt es wenig Neues zu schreiben da habe ich schon beim letzten Mal viel Arbeit in die Recherche gesteckt, aber ich fand noch einiges zur Agena Oberstufe und vor allem will ich die suborbitalen Einsätze der Thor sowohl militärisch wie zivil ergänzen, auf die auch rund 100 Starts entfallen, Heute als Auskopplung für den Blog ein besonders interessantes und in der Retrospektive fast unglaubliches Unternehmen: die Operation Fishbowl.
Operation Fishbowl
Im Rahmen der Operation Fishbowl wurden 1962 acht Thor-Raketen von Johnston Island im Pazifik aus gestartet. Die Operation Fishbowl, die in aller Eile während der Verhandlungen über Rüstungskontrollverträge zwischen den USA und der Sowjetunion durchgeführt wurde, ist in der Retroperspektive fast unglaublich.
Die Operation Fishbowl hatte zum Ziel, Wasserstoffbomben im Weltraum zu zünden. Das Programm sollte die Wirkung von Kernwaffen in großer Höhe auf Wiedereintrittskörper (RVs, Reentry-Vehicles) ballistischer Raketen testen. Die Thors trugen instrumentierte RVs und „Pods”, die an der Seite ihrer Antriebssektionen angebracht waren. Die RVs und Pods wurden vor der Detonation der Sprengköpfe abgeworfen. Sie filmten die Explosion und machten Messungen. Nach dem Wiedereintritt wurden Fallschirme ausgelöst und die Behälter im Pazifik geborgen.
Die Thor-Raketen starteten von zwei taktischen Abschussrampen (Launch Emplacements 1 und 2), die in der Nähe einer Ecke der winzigen Insel aufgestellt waren. Das Johnson-Atoll besteht aus zwei Inseln mit einigen Atollen und einer Gesamtfläche von 2,67 km² es liegt 1.150 km südwestlich von Hawaii. Seine abgelegene Lage führte dazu das die USA von hier aus Atomwaffentests in großer Höhe durchführten. Schon vor den Versuchen mit der Thor wurden Tests mit anderen Trägern durchgeführt. Es begann am 1.8.1958, als eine Redstone gestartet wurde deren Atomsprengkopf in 43 km Höhe detonierte. Die Redstone erreichte aber nicht die Ionosphäre, daher wurden die Tests 1962 mit der Thor weitergeführt.
Während der Starts musste der Großteil des Personals von Johnston Island auf vor der Küste liegende Schiffe evakuiert werden. Die Tests lieferten den USA Erkenntnisse über die Auswirkungen von nuklearen Explosionen außerhalb der Atmosphäre, sowohl auf Satelliten in der Umlaufbahn als auch auf bodengestützte Kommunikations- und Stromversorgungssysteme. Das Projekt erzielte beeindruckende nukleare Effekte, aber es gab auch eine Reihe katastrophaler Fehlschläge, die zu einer radioaktiven Verseuchung auf und um Johnston Island führten.
Der erste Start der Fishbowl „Bluegrill“ am 2.5.1962 war ein erfolgreicher Forschungs- und Entwicklungsflug ohne Sprengkopf. Der zweite Start am 2.6.1962 mit einem aktiven Sprengkopf ging aufgrund eines defekten Sicherheitsradars verloren und musste 10 Minuten nach dem Start zerstört werden, obwohl die Thor wahrscheinlich nicht vom Kurs abwich. Der 400-Kilotonnen-W50-Thermonuklearsprengkopf der Rakete, der nie geborgen wurde, befindet sich möglicherweise immer noch irgendwo im Pazifik vor den Inseln.
Drei weitere Thor-Raketen, alle mit Atomsprengköpfen bestückt, erlitten Ausfälle des Antriebssystems und mussten aus Sicherheitsgründen gesprengt werden. Zwei dieser Zerstörungen ereigneten sich so spät, eine Minute oder noch später nach dem Start, dass die radioaktive Kontamination in der Nähe von Johnston Island niederging aber nicht auf der Insel. Der dritte Ausfall am 25. Juli 1962 war eine echte Katastrophe des Kalten Krieges. Die Thor für diesen „Bluegill Prime”-Schussversuch, war mit einem thermonuklearen Sprengkopf vom Typ W50 mit einer Sprengkraft von 400 kt ausgestattet. Bei der Zündung klemmte das Treibstoffventil der Thor, wodurch ein Leck entstand, das zu einem sich schnell ausbreitenden Feuer führte, während die Rakete auf ihrer Startrampe stand. Der Sicherheitsbeauftragte für den Testbereich zündete das Zerstörungssystem und zerstörte die Thor, den Sprengkopf und die Abschussrampe, die noch einige Zeit brannten. Bei der Selbstzweistörung wird keine Atomexplosion ausgelöst, aber der Sprengkopf und das radioaktive Material das er enthält zerstört.
Die Abschussrampe und Teile der Insel wurden durch das Feuer und den vom Wind verwehten Rauch mit hochradioaktivem Plutonium kontaminiert. Trotz mehrerer nachfolgender Reinigungsmaßnahmen ist das Johnston-Atoll, das seit 2000 vom U.S. Fish and Wildlife Service verwaltet wird, immer noch von der Kontamination durch die Fehlstarts der Operation Fishbowl betroffen.
Letztendlich führte die Operation Fishbowl nur zu drei erfolgreichen Explosionen in großer Höhe. Eine davon, Starfish Prime am 9. Juli 1962, war eine 1,4-Megatonnen-Explosion, die durch einen W49-Sprengkopf in einer Höhe von 400 Kilometern verursacht wurde. Sie erzeugte einen Feuerball und eine künstliche Aurora, die in Hawaii zu sehen waren, sowie einen elektromagnetischen Impuls, der die Stromversorgung und Kommunikation bis nach Hawaii störte. Außerdem wurde so viel Strahlung in die Van-Allen-Gürtel gepumpt, dass sieben Satelliten in der Umlaufbahn zerstört oder schwer beschädigt wurden. Das war ein Drittel aller damals aktiven Satelliten. Die freigesetzte Röntgenstrahlung führte zu einer starken Ionisation der obersten Atmosphäre, die noch mehrere Jahre lang den Betrieb von Satelliten behinderte. Bis heute hat die Konzentration von radioaktivem C14 in der oberen Atmosphäre nicht nicht die Levels vor 1962 erreicht, wie die folgende Grafik zeigt.
Der elektromagnetische Impuls, der selbst noch auf Hawaii, in bis zu 1.445 km Distanz zu Ausfällen vom Kommunikationsverbindungen und Straßenlampen führte, war in der Form nicht erwartet worden und führte dazu, dass man über Waffen nachdachte, die einen möglichst starken EMP erzeugen sollten, da diese über eine große Distanz Elektronik schädigen kann. Die Schäden kommen durch ein Spannungsgefälle von bis zu 13.000 Volt/Meter zustande. Damals war vor allem analoge Elektrik betroffen, bei moderner Elektronik erwartet man viel gravierende Auswirkungen.
Bei Satelliten wirkt die Explosion noch über längere Zeit da durch sie viel mehr Ionen in der Atmosphäre erzeugt werden, die Monate bis jahrelang im Orbit verbleiben und die Satelliten über ihre Oberfläche aufsammeln. Man schätzt das Sardisch 1029 Elektronen zusätzlich erzeugt hat – die maximale Dichte der Ionosphäre liegt normalerweise bei 106 Elektronen/cm³
Die Schäden und die Beeinträchtigung des Militärs durch einen EMP sind damit erheblich größer als bei einer Zündung am Boden oder in geringer Höhe. Daher ging man daran, Ausrüstung zu schützen, indem man mehr Metall in Hangars und Silos verbaute. Bis heute sind die US-Dokumente über die Wirkungen des EMP als geheim eingestuft. Angesichts der enormen Zahl von Satelliten, die heute im niedrigen Orbit für Kommunikation und Aufklärung (zivil und militärisch) genutzt werden, ist ein EMP viel wirksamer diese zu stören oder schädigen als der Abschuss eines Satelliten.
Eine der Folgen des starken EMP war, dass die folgenden Tests in geringerer Höhe und mit geringerer Sprengkraft durchgeführt wurden, wozu nun auch kleinere Höhenforschungsraketen eingesetzt wurden.
Der letzte Start im Rahmen der Operation Fishbowl beförderte am 9. Juli 1960 den 400-Kilotonnen-Sprengkopf „Kingfish” auf eine Detonationshöhe von 98 km. Kingfish war einer der letzten oberirdischen Atomtests der USA, da die USA und die Sowjetunion am 9. August 1963 einen Vertrag über das Verbot von Atomtests in der Atmosphäre unterzeichneten. Auch die UdSSR testete vor Vertragsunterzeichnung am 22. Oktober 1962 eine Wasserstoffbombe mit 300 kt Sprengkraft in 290 km Höhe. Ihr waren die Zeitungsberichte aus Hawaii nicht entgangen und unter der sieben ausgefallenen Satelliten war auch der Aufklärungssatellit Kosmos-5.
Hier eine Liste aller Starts von Kingfish. Von den zehn Starts, acht mit der Thor mit dem Modell DSV-2E, gelangen nur vier der Thor, aber beide mit den Höhenforschungsraketen. Die DSV-2E war eine Thor mit dem leicht verbesserten Motorblock MB-3-1. Die technischen Daten entsprechen der Thor-IRBM, das Modell DSV-2E wurde unter der NASA-Bezeichnung DM-19 von der NASA für die erste Thor-Delta verwendet.
|
Bezeichnung |
Datum |
Höhe |
Sprengkraft |
Ergebnis |
|
|---|---|---|---|---|---|
|
Tigerfish |
2.5.1962 |
Thor 177 |
Ohne Sprengkopf |
Erfolgreicher Entwicklungsflug |
|
|
Bluegrill |
2.6.1962 |
Thor 199 |
unbekannt |
W50, 400 kT |
Rakete nach Radarausfall gesprengt |
|
Starfish |
20. 6 1962 |
Thor 193 |
9,1 bis 10,7 km |
W50, 400 kT |
Rakete nach Triebwerksausfall gesprengt |
|
Starfish Prime |
9. 7 1962 |
Thor 195 |
400 km |
W49, 1.450 kT |
„Erfolgreiche“ Detonation |
|
Bluegill Prime |
25. 7 1962 |
Thor 180 |
Am Boden explodiert |
W50, 400 kT |
Radioaktive Verseuchung von Johnson Island |
|
Bluegill Double Prime |
15.10.1962 |
Thor 156 |
W50, 400 kT |
Rakete nach Taumeln 95 s nach dem Start zerstört |
|
|
Checkmate |
20.10.1962 |
Strypy |
147 km |
10-20 kT |
„Erfolgreiche“ Detonation |
|
Bluegill Triple Prime |
26.10.1962 |
Thor 141 |
48,2 km |
W50, 400 kT |
„Erfolgreiche“ Detonation |
|
Kingfish |
1.11.1962 |
Thor 226 |
96,3 km |
XW50, 200 kT |
„Erfolgreiche“ Detonation |
|
Tightrope |
4.11.1962 |
Nike-Hercules |
21 km |
W31, 12 kT |
„Erfolgreiche“ Detonation |
So, das war der Text aus dem Manuskript, noch nicht in der Endfassung. Mich würde nicht wundern, wenn die Atommächte spezielle Sprengköpfe haben, die einen besonders starken EMP erzeugen. Es reicht, um die Ionosphäre zu erreichen, eine Mittelstreckenrakete. Die Ergebnisse von Starfish zeigen, dass der EMP Effekte über einen Radius von mehreren Tausend Kilometern erzeugen kann. Dabei ist heute die Welt viel anfälliger gegenüber einem EMP als damals. Damit ist diese Waffe viel effektiver als eine Wasserstoffbombe die am Boden oder in der unteren Atmosphäre detoniert. Frankreich und China sind dem Vertrag über das Verbot von Kernwaffentests im Weltraum nicht beigetreten und könnten theoretisch also Tests durchführen.
Als die USA in den Siebziger Jahren erstmals durch den Überläufer in den Besitz einer Mig-25 kamen, einem Mach 3 schnellen „Super“-Jagdflugzeug, wunderten sie sich, dass dort keine Transistoren verbaut waren, sondern die elektronik- auf Röhren basierte. Experten meinten, dass wäre Absicht, da diese unempfindlicher gegenüber einem EMP sind. In Wahrheit hinkte die Sowjetunion technisch hinterher und verbaute deswegen die Radioröhren.
Ich bin mir auch sicher das die Atommächte EMP Waffen hatten und vermutlich auch noch haben werden. Allerdings sehe ich die Relevanz schwindend. Durch einen Einsatz würde man ja die eigenen Navigations und Kommunikationsatelliten auch lahm legen. Die braucht man aber für die nächste Angriffswelle.