Programm 437

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Ich weiß, ich mache mich in den letzten Wochen etwas rar. Dafür gibt es zwei Gründe. Da ist zum einen die gesamte politische Lage. Primär natürlich in dem Land des unbegrenzten Irrsinns. Wenn der Machthaber von Venezuela entführt wird und unter falscher Begründung angeklagt wird – weil es ja in Wirklichkeit weder um Drogen, noch darum geht das Maduro nicht der rechtmäßige Sieger der letzten Wahl ist, sondern nur um die größten Erölvorkommen der Erde und Trump schon unter ebenso fadenscheinigen Begründungen auf Grönland schielt, dann vergeht mir die Lust auf Blogs und sie erscheinen auch so unwichtig zu sein.

Nebenbei ist es in Deutschland auch nicht besser. Milliardenpakete werden durch Schulden finanziert, die aber primär völlig überflüssige Wahlversprechen finanzieren, wie die Mütterrente. Die ging problemlos durch und wurde auch von den „Abweichlern“ der Jungen Union nicht angegriffen, die sich aber zu Recht gegen das Hochhalten des Rentenniveaus wehrten. Auch das ist nicht die Politik, die die Zukunft sichert, sondern eher Wählerstimmen für die Union.

Der zweite Grund ist das ich an meinem Buch über die Thor/Delta arbeite. Da habe ich das Faktensammeln für alle Thors und die Deltas der Buchstabennummerierung durch, es fehlen also noch die 4-Digit Serie und die Delta 3/4. Das ist zumindest mehr als die Hälfte des Buchs, das inzwischen auf 450 Seiten angewachsen ist, auch weil ich eine Sammlung von alten Startfotos und Diagrammen fand. Fotos mit hoher Auflösung aus analogen Zeiten sind sonst schwer zu finden und so gibt es in diesem Band mehr Abbildungen.
Als Nebeneffekt baue ich mein Programm Launchlog Converter massiv um, weil ich nun viele weitere Startlisten und Diagramme für suborbitale Starts brauche, die aber in meiner Quelle in einem anderen Format vorliegen. Auch das braucht viel Zeit.

Ehrlich gesagt: ich finde es gibt auch nicht viel zu schreiben, aber vielleicht schiebe ich noch einen Jahresrückblick/Ausblick nach. Als Füller veröffentliche ich heute ein Kapitel in der Rohform, also von den Fakten her komplett, aber muss noch korrekturgelesen werden. Diesmal über einen der suborbitalen Einsätze der Thor für ein Antisatellitenprogramm.


Der „Erfolg“ von Starfish Prime am 9.7.1962 führt zu Programm 437. Es war das zweite US-Programm, um feindliche Satelliten abzufangen. Das erste war Programm 505, dass 1962 operationell wurde. Es verwandte Nike-Zeuss Luftabwehrraketen, die maximal 280 km Höhe erreichten und einen kleinen Abfangradius hatten. Die Thors, die nach dem Abzug aus England in ausreichender Stückzahl zur Verfügung standen, waren viel leistungsfähiger. 22 IRBM wurden dem Programm zugeteilt. Sie erhielten die Bezeichnung DSV-2J.

Zwischen 1964 und 1975 fanden 18 suborbitale Thor-Starts erneut von Johnston Island aus statt, sowohl von der Startrampe 1, die „dekontaminiert” und wieder aufgebaut worden war, als auch von der zweiten Startrampe. 14 waren für Programms 437. Dazu kamen vier Starts eines Anschlussprogramms.

Das Programm 437 war einsatzfähiges Antisatellitenwaffensystem (ASAT), dessen Fähigkeiten nach der Einführung noch viele Monate lang streng geheim gehalten wurden. Das Programm nutzte modifizierte Thor-Raketen. Sie sollten Satelliten mit Kernwaffen abfangen. Sie waren mit den Standard-Wasserstoffbomben W49 und W50 bestückt, mit 400 bzw. 1.400 kT Sprengkraft. Der Vorteil der Kernwaffen war, dass man einen Satelliten nicht direkt treffen musste. Teststarts gab es keine, denn diese erfolgten ja schon in der Operation Fishbowl. Man könnte Programm 437 als operatives Nachfolgeprogramm von Fishbowl ansehen, nur eben auf das Abfangen von Satelliten und nicht Atomsprengköpfen ausgerichtet – ballistische Raketen aus der Sowjetunion nähern sich den USA über den Nordpol, Johnson Island ist zu weit von den Bahnen entfernt, um die Sprengköpfe abzufangen.

Die ASAT-Thor-Raketen wurden von 1964 bis 1970 auf den beiden Startrampen auf Johnston Island stationiert und einsatzbereit gehalten. Es gab von Anfang an Kritik an dem Programm: Starfish zeigte, dass eine Kernwaffenexplosion Satelliten beschädigen konnte, die 1.500 km entfernt waren. Selbst danach waren Satelliten nicht sicher, wenn sie die Zone durchflogen. Die Waffe war unspezifisch und würde auch eigene Satelliten schädigen. Zudem zeichnete sich schon damals ab, dass die Sowjetunion immer mehr kurzlebige Satelliten startete. Die meisten der „Kosmos“-Satelliten waren umgebaute Wostok-Raumschiffe, die als Fotoaufklärer genutzt wurden und nur wenige Tage lang arbeiteten. 1970 kam die Air Force zu dem Schluss das sich der Aufwand nicht lohnte und versetzte das Programm in einen „Stand-By“ Modus.

Von 1970 bis 1975 wurden die Thor von Johnston abgezogen und in der Vandenberg Air Force Base in einem stillgelegten Zustand gelagert. Sie wären für einen Abschuss mit C-124 Tansportflugzeugen nach Johnson Island gebracht worden, was 13 bis 30 Tage Vorbereitungszeit für einen Start ergab. Am 19. August 1972 beschädigte der Hurrikan Celeste die Anlagen in Johnston Island. Man reparierte die Systeme und Computer bis zum September 1972, doch am 8. Dezember fielen sie erneut aus, weil man Schäden übersehen hatte. Am 29. März 1973 waren die Anlagen wieder operationell und sie blieben es bis zum 10. August 1974. Danach stellte man den Betrieb ein und zog die meisten Bediensteten ab, heute leben nur noch 300 Personen auf Johnson Island. NORAD forderte die endgültige Einstellung von Programm 437 am 6. März 1975. Der kam das US-Verteidigungsministerium am 1. April 1975 nach.

Die ASAT-Thors hätten Atomsprengköpfe bis nahe an die Abfangpunkte von Satellitenzielen in niedrigen Erdumlaufbahnen gebracht. Die Raketen konnten mit einem Mk. 49-Atomsprengkopf mit einem Wirkungsradius von 8 km Satelliten in einer Höhe von bis zu 700 km treffen.

Die Teststarts im Rahmen des Programms 437 trugen keine scharfen Sprengköpfe, sondern wurden auf Ziele in der Umlaufbahn ausgerichtet. Zu den Zielen gehörten Agena-Stufen und „Weltraummüll”. Es wurde sorgfältig darauf geachtet, dass nicht einmal der Anschein entstand, man würde auf einen sowjetischen Satelliten zielen. 14 Starts gab es zwischen dem 14.2.1964 und dem 28.3.1970. Es begann mit vier Entwicklungsflügen durchgeführt zwischen dem 14.2 und 28.5.1964.

Beim ersten Test passierte die Sprengstoffattrappe die Ablestar Oberstufe die Transit 2A am 22.6.1960 gestartet hatte innerhalb des Explosionsradius von 8 km. Ebenso beim zweiten und dritten Test. Beim vierten Entwicklungsflug gab es einen Brand beim Kabelbaum des Verniertriebwerks, der einen Kurzschluss beim Bordcomputer verursachte. Trotzdem gab es genügend Daten, damit man in die nächste Phase mit zwei Missionen zum Training der Mannschaften (Crew Test Launches, CTL) übergehen konnte. Diese fanden am 16.11.1964 und 5.4.1965 statt.

Vier weitere Starts, die zwischen dem 7.12.1965 und 2.7.1966 durchgeführt wurden, waren Teil des Programms 437-AP (Advanced Payload), bei dem der Sprengkopf durch ein Kamera-/Filmrückführungssystem und eine Wiedereintrittskapsel ersetzt wurde. Bei drei Gelegenheiten fotografierten die Kameras Agena-Stufen. Bei einem der Flüge wurde versucht, den OAO-1-Satelliten der NASA zu fotografieren, der drei Monate zuvor kurz nach dem Start einen Stromausfall erlitten hatte. Der Versuch schlug jedoch fehl. Genauso wie die ersten beiden Versuche eine Agena zu fotografieren. Die letzten fünf Starts von Programm 437 waren dann Combat Evaluation Launches (CEL) die vom 31.3.1967 bis 28.3.1970 stattfanden.

Kurz nachdem das ASAT-Programm in Standby versetzt wurde, aber bevor die Startrampen auf Johnston Island stillgelegt wurden, versuchte man einen anderen Ansatz. Es folgte das Programm 922, besser bekannt als „Special Defense Program“ SDP. Nun wurde ein konventioneller Sprengkopf verwendet. Er wurde von Infrarotsensoren ins Ziel gesteuert. Bei dem einzigen Start am 25. April 1970 kollidierte die Thor aber mit der abgetrennten Nutzlast und setzte die IR-Sensoren außer Betrieb. 20 Millionen Dollar waren für dieses Programm eingeplant, doch die Mittel wurden schnell zusammengestrichen, sodass der Test nicht wiederholt wurde.

Ein zweiter Test erfolgte am 24.9.1970 im Rahmen des „High Attitude Programs“ HAP. Man hatte den Ansatz von Kernwaffenexplosionen nicht vollständig aufgegeben und testete bei diesem Start einen neuartigen Röntgenstrahlendetektor, der zusammen mit einem „Nuclear Test Simulator“ gestartet wurde. Da die Nutzlast über 7 Tonnen wog, passte sie nicht unter die Verkleidung der Thor IRBM. Eine Agena D Nutzlasthülle wurde daher auf die Thor gesetzt. Bei den Startvorbereitungen zündeten Retroraketen spontan. Sie wunden daraufhin ersetzt. Der Start selbst am 24. September 1970 war erfolgreich. In 200 km Höhe wurde die Nutzlast abgetrennt. In 500 km Höhe zündete der Simulator und aktivierte Lichter, die von Bodensensoren detektiert wurden. Auch der Röntgenstrahlendetektor registrierte ein Signal. Danach wurde die Kamera abgetrennt und später im Pazifik geborgen.

Die Startrampe 2 wurde 1975 für kurze Zeit wieder in Betrieb genommen, um zwei Teststarts zur Abwehr ballistischer Raketen durchzuführen. Diese Flüge im Rahmen des „Ballistic Missile Defense Test Target Program” (BMDTTP) dienten der Kalibration von Radaranlagen auf dem Kwajalein Atoll, die von U-Booten abgefangene Raketen erfassen sollten. Zwei Thor standen vom Programm 437 dafür zur Verfügung. Der letzte dieser Flüge wurde am 5. November 1975 mit Thor 274 durchgeführt. Dies war der letzte suborbitale Test einer Thor. 18 suborbitale Starts ausgemusterter IRBM erfolgten von Johnson Island aus von 1963 bis 1975. Fünf Thor IRBM waren nach Programmende noch übrig. Eine davon ist noch erhalten und ist ausgestellt im Space History Museum beim Launchpad 10 in der Vandenberg Air Force Base.


4 thoughts on “Programm 437

  1. Schön endlich wieder einen Blogbeitrag zu lesen, man ist ja schon fast auf Entzug 😉

    Zwei kleine Fehlerkorrekturen für das Buch. „Nike-Zeuss Luftabwehrraketen“ Bitte Flugabwehrrakete. Auch wenn im Zuge des Krieges in der Ukraine immer mehr auch Luftabwehrrakete gesagt wird ist Flugabwehrrakete der Begriff der von der Bundeswehr verwendet wird.

    „die von U-Booten abgefangene Raketen erfassen sollten“ vermutlich eher abgeschossene.

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