Die Raketenpioniere der Sowjetunion

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Raketentechnik und Weltraumflug wurden in Russland erstmals von Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski beschrieben, einem gehörlosen Mathematiklehrer aus der russischen Kleinstadt Kaluga. Er befasste sich seit Ende 19, Jahrhunderts mit Gasdynamik, und im Mai 1903, also noch vor dem ersten Motorflug der Gebrüder Wright erschien sein einflussreiches Werk „Erforschung des Weltraums mit Reaktivgeräten“, in dem er eine mehrstufige Rakete mit Wasserstoff und Sauerstoff durchrechnete und zum Schluss kam, das so ein Gerät das Schwerefeld der Erde verlassen könne. Heute noch ist diese mathematische Grundlage der Raketentechnik als Ziolkowski-Gleichung bekannt.

Im Allgemeinen gilt, dass der Prophet in seinem eigenen Lande nicht gehört wird, aber nach der Oktoberrevolution 1917 war für die Bolschewiken alles, was revolutionär und neu war ein gutes Image. Ziolkowski war zwar keineswegs ein Sozialist oder Kommunist, und einige seiner Einstellungen, etwa zu Mystizismus und Eugenik waren eindeutig inkompatibel mit dem Marxismus, so dass sein Verhältnis mit der politischen Führung stets zwiespältig blieb. Im Jahr 1921 wurde er Mitglied der Sozialistischen Akademie Russlands, der späteren Akademie der UdSSR.

Nach sowjetischer Propaganda wurde Ziolkowskis Werk während der Zarenzeit verschmäht und erst nach der Oktoberrevolution richtig gewürdigt, was nicht stimmt, denn bereits seine frühen Schriften zur Gasdynamik hatten nachweislich Einfluss auf Nikolaj Jegorowitsch Schukowski, einem frühen Pionier der Aerodynamik, später Leiter des ZAGI, des Zentralen Institut für Aero- und Hydrodynamik, und Namensgeber des Testzentrums für Luftfahrzeuge in der Nähe von Moskau.

Nach anderer Überlieferung wurde er erst nach dem Erscheinen der Schriften Goddards und Oberths aus dem Hut gezaubert, um zu zeigen, dass in Wirklichkeit die Raketentechnik eine russische Erfindung war. Auch dies ist nicht richtig. Es gab zwar in der Sowjetunion die Tendenz, von jeder Erfindung, wie etwa der Glühbirne oder dem Radio zu behaupten, dass vor Edison oder Marconi dies bereits ein Russe erfunden hatte, mit  Ziolkowski hatten die Sowjets aber einen Punkt.

Er gilt zwar nicht als „Erfinder“ der Raumfahrt, da er die Sache rein theoretisch behandelte, und nicht damit rechnete, die praktische Umsetzung noch zu erleben, aber im Vergleich etwa zu Science Fiction Autoren wie Jules Verne mit seiner Mondkanone, oder H.G. Wells, der einen Flug zum Mond mittels Antigravitationsantrieb schilderte, war sein „Reaktivprinzip“ tatsächlich realisierbar.

Ein weiterer, im Westen kaum bekannter Pionier der Raumfahrt war Juri Wassiljewitsch Kondratjuk, der in den 20er Jahren zwei Bücher verfasste, in denen er mehrstufige Raketen und Transferbahnen minimaler Energie diskutierte. Allerdings war Kondratjuk sehr öffentlichkeitsscheu, und dies hatte seinen Grund: Geboren als 1897 Aleksandr Ignatjewitsch Schargej, diente er ab 1916 in der Zaristischen Armee, desertierte nach der Oktoberrevolution, wurde später von der Zarentreuen Weissen Armee zum Kampf gegen die bolschewistische Rote Armee rekrutiert, desertierte aber bald wieder, so dass nun sowohl die Rote als auch die Weisse Armee hinter ihm her waren und ihn erschossen sehen wollten. Er konnte entkommen, indem er sich die Identität eines an Tuberkulose verstorbenen Kondratjuk annahm. Sein wichtigster Beitrag war vielleicht sein Konzept, von einem Mutterschiff im Mondorbit aus einen Mondlander auszusenden, welches er als das Schema berechnet hatte, um mit minimalem Energieaufwand auf dem Mond zu landen. Später wurde dies „Lunar Orbit Rendez-Vous“, oder auch „Kondratjuk-Loop“ genannt Die Apollo-Mondlandemissionen sollten genau dieses Verfahren anwenden.

Weitere wichtige Pioniere waren Friedrich Arturowitsch Zander, Michail Klawdjewitsch Tichonravow, und natürlich Sergej Pawlowitsch Koroljow und Valentin Gluschko. Koroljow interessierte sich zwar ursprünglich für Flugzeuge, und wurde Mitglied des Kontruktionsbüros von Andrej Nikolajewisch Tupolew, wurde aber vom „Raumfahrtfieber“ gepackt und Mitglied der GIRD (Gruppe zur Erforschung Reaktiver Antriebe), dessen Leitung er ab 1933 von Zander übernahm. Ähnlich wie sein deutsches Gegenüber Wernher von Braun zeichnete sich Koroljow nicht nur durch technischen Sachverstand, sondern insbesondere auch durch Organisations- und Führungstalent, so dass aus dem Amateurverein GIRD eine professionelle Organisation wurde.

Valentin Petrowitsch Gluschko arbeitete damals für das „Gas-Dynamische Labor“ der Roten Armee (GDL) in Leningrad.

Michail Tuchatschewski, damals General und verantwortlich für die Bewaffnung der Roten Armee mit modernstem Material, sah das militärische Potential der Raketenentwicklung, und sorgte für Finanzierung aus dem Rüstungsetat.

Der erste erfolgreiche Start der GIRD-09, der ersten Sowjetischen Rakete mit Flüssigantrieb (eigentlich war es eher eine Hybridrakete, denn die verbrannte geliertes Petrol mit LOX) erfolgte am 17. August 1933. Die GIRD-10, mit LOX/Ethanol als Treibstoffkombination folgte am 25. November 1933.

Nach der Fusion von GIRD und GDL zum RNII verlegte man den Schwerpunkt von spektakulären Raketenstarts zu theoretischen Aufgaben. Alle möglichen Treibstoffkombinationen, Brennkammerkühlverfahren, Injektorendesigns wurden erprobt. Immerhin entstanden so auf den Prüfständen Raketenmotoren bis zu 600kgf Schubleistung und Prototypen für Flugzeuge mit Raketenantrieb.

Unmittelbarere Anwendungsgebiete waren Starthilferaketen für Flugzeuge und Feststoffraketen für die Artillerie, letztere wurden unter Georgij Erichowitsch Langemak entwickelt und unter der Bezeichnung „Katjuscha“ bekannt.

In der Sowjetunion wurde also erstmals der Raketenantrieb von einer professionellen Organisation systematisch erforscht. Trotzdem sollte die erste Grossrakete in Deutschland und nicht in der UdSSR gebaut werden.

Dazu müssen wir die Politischen Aspekte betrachten. Die Bolschwewiken waren nach der Oktoberrevolution alles andere als ein einziger Block: einerseits gabe es die Revolutionäre um Lenin und Trotzki, für welche die Oktoberrevolution lediglich der Startschuss zur Weltrevolution darstellte, und die Diktatur des Proletariats eine Übergangsphase zu einer klassenlosen Gesellschaft darstellte. Andererseits erschienen die ersten „Apparatschiks“, die an der Erhaltung des Status-quo interessiert waren und sich so ihre neu erworbenen Privilegien sichern wollten, und deren Prototyp Stalin war. Nach Ende des Bürgerkrieges traten diese Differenzen immer offener zutage. Nach Lenins Tod 1924 schlug das Pendel mehr und mehr zu Gunsten der Stalin-Fraktion aus, der seine Gegner – ob real oder nur Produkt seiner Paranoia – unerbittlich erfolgte.

1937 war der Höhepunkt des Stalinistischen Terrors erreicht. Niemand mehr konnte sicher vor den Schergen der Geheimpolizei NKWD sein, egal welch Rang und Position er innehatte: im Mai 1937 wurde der inzwischen zum Marschall ernannte Tuchatschewski verhaftet und nach einem kurzen Prozess als Trotzkistisch-antisowjetischer Agent“ verurteilt und hingerichtet. Dies verhiess nichts Gutes für die Sowjetischen Raketeningenieure: Kleimenow, Chef des RNII, und Langemak wurden hingerichtet, Koroljow und Gluschko unter fingierten Anschuldigungen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Koroljow beschuldigte Gluschko, ihn denunziert zu haben – offenbar fälschlicherweise, denn dieser sass ebenfalls in Haft. Die Beziehung der beiden zueinander blieb dadurch betrübt. Nachdem er einen Winter im berüchtigten Gulag von Kolyma verbracht hatte, wurde Koroljow einer „Scharaschka“ zugeteilt. So bezeichnete man unter Stalin die „besseren“ Gefängnisse für Intellektuelle, so dass deren Fähigkeiten genutzt werden konnten. In der Scharascka, in der Koroljow und Tupolew einsassen, wurde der Bomber Tu-2 (in Konfiguration und Einsatzspektrum ungefähr ein Gegenstück der deutschen Junkers Ju 88) entwickelt, eines von ganz wenigen Flugzeugen, deren Pläne in einem Gefängnis entstanden! Während der Arbeit an der Tu-2 erfuhr Koroljow, dass sein ehemaliger Assistent Gluschko selber eine Scharaschka für Raketenentwicklung leitete, und bat um Versetzung. Gluschkos Aufgabe während des Krieges war, Starthilferaketen für schwere Flugzeuge zu entwickeln.

Nach dem Krieg begann der erste Wettlauf zwischen den USA und der UdSSR um die Technologie der deutschen A-4. Die USA machten hier den besseren Schnitt, den Sowjets blieben sozusagen nur die Brosamen. Erst 1947 gelang es ihnen, die erste aus Einzelteilen zusammengebaute A-4 zu starten. Die Amerikaner hatten zu diesem Zeitpunkt schon dutzende von White Sands aus gestartet, und auch die Briten hatten einige fertige V-2 erbeutet, und starteten die erste von Cuxhaven aus in die Nordsee im Oktober 1945. Gluschko war offiziell zu dem Start eingeladen, Koroljow schaute von ausserhalb des abgesperrten Geländes zu.

Gluschko war damals Chef des NII Nr. 88 für Raketentriebwerke, Koroljow sollte wenig später zum Chef des OKB Nr.1 werden, dessen Aufgabe darin bestand, die A4 zu kopieren und später weiterzuentwickeln. Daraus entstanden die R-1, R-2, etc. bis zur R-7.

Hier ist es sinnvoll, einen Exkurs einzulegen, wie das System in der Sowjetunion eigentlich funktionierte:

Die „Konstruktions- und Experimentalbüros“ (OKB) hatten die Aufgabe, komplexe Systeme zu entwickeln, etwa ein Flugzeug, einen Panzer oder eine Rakete. Formell hatte jedes OKB eine Nummer, aber ab 1942 konnte es auch nach dem Namen des Chefkonstrukteurs benannt werden, was eine Auszeichnung darstellte. Insbesondere Flugzeuge sind oft unter dem Namen des jeweiligen OKB bekannt, respektive deren Kürzel, etwa An für Antonow (OKB Nr. 153), Il für Iljuschin (OKB Nr. 39), MiG für Mikojan und Gurewitsch (OKB Nr. 155) etc.

Die OKBs sind also nicht „Firmen“ im westlichen Sinn, die den Herren Koroliow, Antonow, Iljushin etc. gehörten, sondern eine Art Architekturbüros, wo Pläne nach Spezifikationen des Auftraggebers – meist das Ministerium für Verteidigung, bei Raketen oft auch für „Speziellen Maschinenbau“ (MON), bei Verkehrsflugzeugen auch für Luftfahrt erstellt werden.

Dabei konnten sie auf Ressourcen der wissenschaftlichen Institute zurückgreifen, etwa das bereits erwähnte ZAGI für Windkanaluntersuchungen, aber auch spezielle Konstruktionsbüros (KB) für diverse Subsysteme beauftragen.

Das Entwurfsprojekt wurde ähnlich wie eine Doktorarbeit vor einer Kommission „verteidigt“, und wenn es akzeptiert wurde, dann die Fertigung einem der staatseigenen Produktionswerke (GAZ) übertragen. Wenn dies nun unnötig kompliziert klingt, und einem bürokratischen Moloch sowie persönlichen Rivalitäten Vorschub leistet, genau das war es auch, und möglicherweise sogar von Stalins Bürokraten so beabsichtigt.

Die Errungenschaften der sowjetischen Luft- und Raumfahrt kann man nur gebührend würdigen, wenn man sich vor Augen hält, unter welch widrigen Umständen (zum einem grossen Teil von der eigenen politischen Führung verursacht) sie entstanden.

Und das ist nicht alles: Dazu kam noch die Besessenheit für Geheimhaltung und Desinformation. Jedes Projekt hatte einen Namen, damit die Verantwortlichen jeweils wussten, welches genau gemeint war. Dabei wurden die Namen vielfach recycelt: Vielfach handelte es sich um unverfängliche Namen aus Botanik, Zoologie, Mineralogie, oder sonstigem, so dass es für einen aussenstehenden schwierig ist, einen Namen wie „Berkut“ (Steinadler), „Berjoza“ (Birche), „Almaz“ (Diamant), oder „Igla“ (Nadel) etwas bestimmten zuzuordnen. Diese Namen waren streng geheim, und nur einigen wenigen bekannt.

Trotz aller Geheimhaltung musste man all das Zeug irgendwie in Inventarlisten aufführen, und in Budgets rechtfertigen müssen. Dazu diente der GRAU-Index, nach dem russischen Akronym für Hauptverwaltung für Raketen und Artillerie. Dies ist somit eine Art „öffentlicher Geheimcode“: Anders als ein paar Dutzend Geheimnisträgern war dieser Code Tausenden Beteiligten bekannt: Jedes mit Artillerie oder Raketen zusammenhängende Item hatte einen derartigen Index, Eingeweihte können aufgrund der Anfangskombination die Zugehörigkeit erkennen (z.B. 8K – ballistische Raketen der Strategischen Raketentruppen)

Der GRAU-Index wird oft als „Erzeugniscode“ übersetzt, aber dies ist nicht ganz richtig: der Erzeugniscode (Izdelje) ist wiederum erwas anderes und z.B. dafür gedacht, die Vorrichtungen und Schablonen für die Produktion zu identifizieren.

Oft ist der Erzeugniscode die Entwurfsnummer des OKB, oft mit einem Suffix für eine Unterversion, z.B. „Erzeugnis 88“ für die Tu-88. Militärflugzeuge enthalten zusätzlich eine Dienstbezeichnung der Luftwaffe, die nicht mit der internen Bezeichnung des OKB übereinstimmen muss – in diesem Beispiel Tu-16.

Da der Westen dieses System nie zu durchschauen hoffte, führte die Nato ein eigenes System von Codenamen für Sowjetisches Militärgerät ein. Der Anfangsbuchstabe steht dabei für den Verwendungszweck: A für Luft-Luft Raketen („Air-to-Air“), B für Bomber, C für „Cargo“, S für Boden-Boden Raketen („Surface-to-Surface), etc. Die US-Militärs haben zusätzlich noch ein eigenes System entwickelt, welches oft zusammen verwendet wird: Die R-7 Semjorka z.B. hat den GRAU-Index 8K72, die US-Kennzeichnung SS-6 (6. identifizierte Boden-Boden Rakete) und den Nato Codenamen „Sapwood“ – „Splintholz“.

 

Quellen, weiterführende Literatur:

Mark Wade:

http://www.astronautix.com

Anatoly Zak:

http://www.russianspaceweb.com

Liste von GRAU-Indizes:

http://de.wikipedia.org/wiki/GRAU-Index

 

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