Wer einmal lügt, dem glaub ich nicht mehr

Nein, heute gibt es nichts zu Philae. Zum einen ist offen was mit dem Lander passiert ist, da die Harpunen die ihn verankern sollte automatisch nicht zündeten und man auch nicht weiß ob die Düse funktioniert die ihn gegen die Oberfläche drückt, zum zweiten sollte man für aktuelle Ereignisse die entsprechenden Webseiten von ESA, Skyweek und Spacenews besuchen.

Mein Thema ist huete „Mario Barth deckt auf“. Die Sendung hat angefangen Steuerverschwendung anzuprangern nimmt sich nun aber auch des Verbraucherschutzes oder Tests von Handwerkern an. Und da hat Ingo Appelt sich „völlig sinnlosen EU-Verordnungen“ angenommen. Nach dem Beitrag will die EU die Herstellung von Pizza Napoletana und Brezeln reglementieren. Ja die böse EU, dass kann man dem Otto Normalverbraucher auch weismachen, der kennt sich ja nicht aus.

Ich kenne mich aber aus und die Pizza war schon mal genauso falsch in „Hart aber Fair“ dargestellt – was noch mehr ein Armutszeugnis ist, denn diese Sendung hat ja (angeblich) einen höheren journalistischen Anspruch.

Und ja es gibt EU Verordnungen für Pizza Napoletana und Bayrische Brezeln, nämlich die

VERORDNUNG (EU) Nr. 97/2010 DER KOMMISSION vom 4. Februar 2010 zur Eintragung einer Bezeichnung in das Register der garantiert traditionellen Spezialitäten [Pizza Napoletana (g.t.S.)]  (link)

und

VERORDNUNG (EG) Nr. 510/2006 DES RATES zum Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen für Agrarerzeugnisse und Lebensmittel (2) „BAYERISCHE BREZE“/„BAYERISCHE BREZN“/„BAYERISCHE BREZ’N“/„BAYERISCHE BREZEL“ (Link)

Anders als bei Hart aber Fair und Mario Barth, muss man mir nicht glauben, man kann es nachlesen und es ist kein Juristendeutsch. Beide Verordnungen haben eine Gemeinsamkeit es sind Verordnungen, die einen Begriff schützen. Dazu muss man etwas weiter ausholen, was offensichtlich Journalisten in ihren geistigen Fähigkeiten überfordert. Die EU hat die unter andrem auch die Aufgabe Agrarproduzenten zu schützen und zu unterstützen. Eines was es schon seit Jahrzehnten gab und inzwischen mit Sigeln erweitert wurde ist der Schutz von Bezeichnungen. Der Sinn ist ganz einfach: Der Hersteller eines besonderen Produktes soll vor Nachahmern oder ähnlichen Produkten geschützt werden. Der Hersteller hat den Vorteil das durch die fehlende Konkurrenz die Preise höher sein können und der Verbraucher eine Sicherheit dass unter einem bestimmten Namen auch eine gleichbleibende hohe Qualität steckt. Das gab es schon seit langem, so ist Champagner so geschützt und man kann eben Sekt nicht als Champagner verkaufen. Der muss dann eben anders heißen. Meistens sind die Produkte teurer, so z.B. bei Parmaschinken, bei dem die gesamte Erzeugungskette vom Schwein bis zur Verpackung in einer Region rund um Parma erfolgen muss.

Damit man das Schützen kann muss man bei der EU einen Antrag stellen indem man genau begründet warum und was das besondere an dem Produkt ist. Das die Verordnung nicht die Herstellung reglementiert sieht man an den bayrischen Brezeln, denn von den drei Seiten befasst sich eine halbe mit der Herstellung.

Die Bayrische Bezel unterscheidet sich in einigen Punkten von der schwäbischen Brezel, also dem eigentlichen Original. Die sind übrigens nicht geschützt (dafür aber die Maultaschen). Bei den Brezeln handelt es sich um eine geographische Spezialität, das bedeutet wie bei Champagner oder Parmaschinken muss die gesamte Herstellung in der Region, die hier mit Bayern recht groß ausfiel erfolgen muss.

Pizza Napoletana ist dagegen zwei Schutzstufen tiefer, hier ist nur die Rezeptur geschützt, man kann sie aber überall herstellen. Wenn sich jemand nicht an das Rezept halten will, kann er seine Pizza eben Pizza nach Napoletaner Art“ nennen, so machen es viele die sich nicht dran halten können oder nicht wollen. Daneben gibt es auch einige Fälle wo ein Produkt so viele Varianten hat, dass man den Namen gar nicht mehr schützen konnte und man nur noch den Namen mit einem Vorsatz schützen kann. Paradebeispiel ist der Dresdner Christstollen, der auch in der VRD hergestellt wurde. Der Christstollen ist nun geschützt, aber unter „Original Dresdner Christsollen“.

Es gibt noch eine weitere Kategorie die zwischen diesen beiden liegt bei der nicht die ganze Herstellung in einem Gebiet erfolgen muss sondern nur einer oder mehrere Schritte. Schwarzwälder Schinken gehört dazu. Den erwähne ich nicht umsonst, denn es gibt auch die entgegengesetzte Position von Barth und Plasberg – Foodwatch e.V. will mehr dieser Schutzbezeichnungen, vor allem in der strengen Stufe. So kann man heute Schwarzwälder Schinken aus Schinken herstellen die von überall kommen und „nur“ im Schwarzwald geräuchert werden. Nur in Anführungszeichen, weil das der entscheidende Schritt für die Qualität ist und nicht wo das Schwein aufgewachsen ist,. Da es im Schwarzwald kaum Schweinezucht gibt würde die höhere Schutzstufe das Produkt verteuern, aber die Produzenten im Schwarzwald hätten mehr davon als von der bisherigen Schutzstufe. Dieses Beispiel bringt der Vorsitzende dieses Vereins in jeder Fernsehsendung in der er eingeladen ist.

Man kann zu den Verordnungen stehen wie man will – vielleicht sind sie unnötig, vielleicht garantieren sie eine gute, hohe Qualität unter einer bestimmten Bezeichnung. Sie wollen aber eines nicht was beide Fernsehsendungen unterstellen: Vorschreiben wie man ein Produkt herstellt. Vielmehr ist es das Gegenstück zu einem Warenzeichenschutz das man woanders auch kennt, nur eben nicht bezogen auf ein Gattung die viele Hersteller betrifft und Lebensmittel deren Bezeichnung so alt sind, dass man nicht das Warenzeichen schützen kann wie dies z.B. bei Raider, Kaba oder Nespresso erfolgt ist. Was passiert wenn eine Pizzeria das ignoriert? Wahrscheinlich nichts. Da nur die Rezeptur geschützt ist müsste jemand schon die ganze Produktion nachkontrollieren. Einfacher ist es bei Produkten mit regionalem Bezug. Doch selbst dann dürfte wohl niemand einer Backerei außerhalb des Freistaats Probleme machen. Das hängt wohl eher von der Kontrolle ab. Bei Parasachinken ist sie ziemlich rigoros, da gibt es eigens angestellte Kontrolleure, die alle Läden kontrollieren die Parmaschinken verkaufen ob es auch wirklich der echte Schinken ist und kein anderer (nach derselben Weise hergestellte). In jedem Falle ist es nicht das was uns die Sendungen suggerieren Eine Herstellungsvorschrift. Da es aber einer Verordnung ist kann man das den Leuten weismachen. Leider haben die kleinsten Regelungen der EU den Namen (die wesentlich bedeutenderen Vorschriften, die wenn unser Gesetzgeber sie nicht zeitnah umsetzt sogar im Wortlaut unser Gesetz werden heißen dagegen „Richtlinien“).

Warum regt mich das auf? Auch wenn ich als Journalist keine Ahnung von der Materie habe, bin ich der Überzeugung man kann in einer halben Stunde das obige herausfinden. Man kann zum einen mal den Text durchlesen. Wenn man das bei den Brezeln macht wird recht deutlich dass man das Produkt von anderen abgrenzen will und die Rationalität betont, es also nicht um die Herstellung geht. Wenn man fähig ist eine Internet Suchmaschine zu bedienen, dann kann man auch die sperrigen Begriffe „garantiert traditionellen Spezialitäten“ und „geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen“ eingeben und wird genügend Webseiten finden die erklären was das ist – von der Wikipedia über die EU, zahlreiche Organisationen und Ministerien bis hin zu Rechtsanwälten. Da ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass ein Journalist so dämlich ist, dass er dies übersehen kann, kommt bei mir als Erklärung nur gezielte Desinformation in Frage.

So war diese Sendung von Mario Barth die letzte die ich angeschaut habe, genauso wie dies bei Plasbergs „Hart aber Fair“ auch schon der Fall war.

2 thoughts on “Wer einmal lügt, dem glaub ich nicht mehr

  1. Hallo Herr Leitenberger,
    eigentlich bin ich „nur“ wegen etwas Grundlagenforschung zu den Raketenthemen hier auf diese Seite gelangt. Komme selber eher aus dem Lebensmittelbereich und muss sagen das mich solche Berichtserstattung auch immer sehr verärgert. Journalisten die sich einfach nicht richtig informieren oder die einem das Gefühl geben, das sie einfach nur Produkte und Zusatzstoffe in ihren Sendungen schlecht machen wollen gibt es aber leider nicht nur bei rtl. Auf Sat1 gibt es immoment eine Sendung in der ähnliches geschieht (wobei ich gestehen muss das ich beide Sendungen bis jetzt noch nie ganz geschaut habe, sondern immer nur „reingezappt“ oder einen Beitrag). Dort hat sich die Reporterin in einer Betriebsstätte eines Feinksotherstellers doch allen ernstes einen Löffel Guarkernmehl einfach so in den Mund gesteckt. Als ob das nicht schon dumm genug wäre, danach gings in irgendeiner Fußgängerzone weiter, dann aber mit unwissenden Passanten. Die Berichtserstattung ist übrigens auf den Sendern die wir mit unserem Geld durch den „Rundfunkbeitrag“ finanzieren, kein Stück besser. Für mich heißt es einfach nur noch Tv aus bei sowas. Ist jetzt nen bisschen viel Text geworden, wollte eigentlich nur schreiben das Sie mir mit diesem Blog eintrag quasi „aus der Seele sprechen“.

  2. Nur sollte man solche Dinge nicht einfach so stehen lassen. Auch wenn ich nicht die Reichweite des Fernsehens habe, denke ich muss man so was korrigieren und die Leute aufklären.

    Insgesamt bestätigen die bisherigen Erfahrungen mit solchen Sendungen meine Ablehnung gegen das Medium, obwohl ich alle par Wochen Interviewanfragen bekomme. Angenommen habe ich noch kein Angebot. Schlussendlich wiess man nie wie das dann zusammengeschnitten wird.

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