Reggae und Reizwörter einer Generation

 232 total views,  7 views today

Kürzlich habe ich mir für die langen Winterabende zum Chillen eine Sammlung von Reggaeliedern heruntergeladen. Ich hatte schon vorher festgestellt, dass die Musk ziemlich beruhigend ist. So ziemlich die ideale Musik für lange, trübe Abende, in denen man einfach nur auf dem Sofa liegt, etwas Musik hört und vielleicht noch was nascht. Was mir dann auffiel war, dass die Musik doch ziemlich uniform ist. Klar, Musik wird wegen gemeinsamer Stilelemente in Stile unterteilt. Zu Rock gehört eben eine jaulende Gitarre, gerne auch mal als Solo mitten im Stück. Disco ist anhand der typischen Disco-E-Gitarre erkennbar. Aber sonst gibt es doch innerhalb des Stils eine enorme Anzahl an Variationen. Beim Reggae habe ich das Gefühl es sind nur wenige Grundrhythmen, vielleicht auch nur einer. Es ist eigentlich nur ein Riff. Der typische Riff der Gitarre, wo nach dem herunterstreifen noch eine Bewegung nach hoben kommt.. Ich vermute das kam wahrscheinlich daher, das man durch Marihuana Einfluss vergessen hat die Hand beim Hochziehen von den Saiten abzuheben. Ich glaube auch das die meisten Lieder unter Marihuanaeinfluss entstanden sind. Dazu passen die relativ langsame Melodie und der gedehnte Gesang. Die hat auch einen Vorteil: Wie ich feststellte, ist der Beat genau richtig für einen flotten Rhythmus beim Gehen. Bei schnellerem muss man schon laufen. Fürs Musik Hören aber fast zu langsam. So fand ich zu meinem Erstaunen nicht wenige Songs in der Collection, die ich von anderen Interpreten kannte, so. „Rivers of Babylon“, das im wesentlichen deutlich schneller von Boney M gespielt wird, aber auch „Pass the Kutchie“ als „Pass the Dutchie“, „Now That We Found Love“, „The Tide is High“ (Blondie). Allesamt als Cover erfolgreicher und schneller gespielt.

Reggae

Was mir noch auffiel ist, dass zumindest nach der Sammlung Reggae eine fast ausschließlich jamaikanische Musikrichtung ist. Gut, viele „Black Music“ wird vor allem auch von „Schwarzen“ gesungen, aber nicht nur, wie Janis Jouplin zu beweisen fähig war. Der einzige ausländische Künstler, der es auf die Sammlung geschafft hat, war UB40 mit ihrem größten Hit Red Red Wine, interessanterweise eine Coverversion eines langsamen Schlagers von Neil Diamond.

Da die meisten Songs doch von schlechter Audioqualität sind, wahrscheinlich von alten Schallplatten gesampelt habe ich noch nach anderen Kompilationen Ausschau gehalten. Leider ist Moderneres in meinen Augen „verhunzt“. Da wird Reggae mit Elektropop gemischt oder es wird drüber gerappt, was eigentlich ein Widerspruch ist, ist Rapp doch eher schnell und Reggae eher langsam. Aber es bestätigt sich mein Urteil über Rap: diese „Musikrichtung“ bekommt jeden Stil klein. Egal worüber man rappt, es klingt danach immer gleich scheiße. Bob Marley gilt ja als der erfolgreichste Reggaekünstler, obwohl er viel zu früh gestorben ist. Er ist auch deswegen erfolgreich, weil er, um in den USA erfolgreich zu sein, seine Songs später mit Popelementen mischte. Mein absoluter Reggae-Lieblingshit „Could you be loved“ ist so ein Beispiel. Das ist eine gute Synthese. Andere Beispiele wären z.B. „Reggae Night“ von Jim Cliff oder „Dreadlock Holiday“ von 10cc. Mit dabei war auch ein Lied das mich an meine Praktikumszeit in der Chemischen Landesuntersuchungsanstalt Stuttgart kurz „Die Anstalt“ erinnert. Das „Praktikum“, eigentlich der letzte Teil des Studiums war sehr anstrengend. Vor allem sich innerhalb eines Jahres das ganze Lebensmittelrecht anzueignen war ziemlich fordernd und die Prüfer – Chemiker, die seit Jahren dort arbeiteten und Spezialisten auf ihrem Gebiet waren, legten die Latten sehr hoch. Damals hörte ich ziemlich oft „You can get it if you really want“, mit Betonung auf „but you have to try, try and try …“. Immerhin, danach waren alle folgenden Ausbildungen Pipifax.

Mein zweitliebster Reggaesong ist „Vietnam“ von Jimmy Cliff, den ich erst durch die Sammlung schätzen lernte. Er hat alles, was einen guten Reggaesong ausmacht. Eine durchgängige, einfache Reggaemelodie, einen politischen, einfachen Text (auch gerne genommen: alttestamentarische Motive), langsam gesungen und den typischen Backgroundchor mit sehr hellen Stimmen. Bob Dylan bezeichnet ihn als den „besten Protestsong“, den er jemals gehört habe.

Reizwörter einer Generation

„Vietnam“ ist auch eine schöne Brücke zum zweiten Teil des Blogs: generationsspezifische Unwörter. Es gibt Wörter, die sind für eine Generation prägend, man kann sie nicht hören, ohne an ein bestimmtes Ereignis oder einen bestimmten Tatbestand zu denken. Vietnam wegen des Kriegs wahrscheinlich für die Generation vor mir. Bei mir sind es Wörter wie „Neutronenbombe“ und „Nachrüstung“. Obwohl ich in den frühen Achtziger Jahren durchaus kein Pazifist war, war ich gegen beides. Ich habe damals von Hoimar von Dithfurt „Nun last uns doch ein Apfelbäumchen pflanzen“. Das Buch beschäftigt sich mit den Menschheitsproblemen, darunter auch Rüstung und Militär und psychologischen Erkenntnissen, die erklären sollen, weshalb wir diese haben. Da erfuhr ich einiges über das Militär und das Rüsten. So, dass man Landminen so konstruiert, dass sie nicht tödlich sind. Begründung: ein verletzter Soldat bindet etliche andere Soldaten, die ihn abtransportieren und versorgen müssen, Zudem senkt ein vor Schmerzen Schreiender die Moral. Für die Nachrüstung spielt ein Wort eine Rolle, das schon Stanley Kubrik auf die Schippe nahm: „Die Lücke“. Wann immer eine der beiden Supermächte in einem Gebiet sich hinter dem Gegner sieht, wird von einer „Lücke“ gesprochen, die man durch „Nachrüstung“ schließen muss. Der Gegner sieht dann auch eine „Lücke“ und so schaukelnd sich das Rüsten hoch. So auch bei der Nachrüstung. Es gab damals so viele Atomsprengkopf, das als eine Forschergruppe welche die Folgen eines Atomkrieges berechnen wollte, feststellte, dass man nicht nur für jeden Militärstützpunkt einen Sprengkopf hatte, nicht nur für jede Stadt, selbst mittelgroße, sondern man so viele Atombomben hatte, dass man alle Städte weltweit mit mehr als 100.000 Einwohner bombardieren konnte. Da nun auf die Idee zu kommen, nur weil Russland einige neue Mittelstreckenraketen stationiert, gäbe es eine „Lücke“, kann in meinen Augen nur jemand mit einem sehr beschränkten Geist kommen. Viel gebessert hat sich nicht. Man hat zwar abgerüstet, aber immer noch die Hälfte der damaligen Sprengköpfe. Damals waren es 33.000 weltweit nun sind es „nur noch“ 15.400. Immer noch viel zu viele.

Die „Neutronenbombe“

Die Neutronenbombe ist anders als die Nachrüstung ja heute nicht mehr so oft zu hören. Das war eine Atomwaffe die Reagan in Europa stationieren wollte und die auch nur in Europa (genauer gesagt: Deutschland) eingesetzt werden sollte. Das Perverse an der Neutronenbombe ist die Konstruktion. Bei einer normalen Atombombe geht die meiste Energie in die Wärmestrahlung, die dann mit der Hitze und der Druckwelle durch die erhitzte Luft tötet. Bei der Neutronenbombe ist es gerade umgekehrt. Die meiste Energie wird als Neutronenstrahlung freigesetzt. Neutronen sind sehr durchdringend und daher wollte man sie wohl einsetzen, denn vor ihr schützen so keine gepanzerten Fahrzeuge, die relativ gut vor der Hitze und Druckwelle schützen. (Zumindest, wenn man nicht direkt im Zentrum ist). Die Folge: Die Personen sterben an Strahlenschäden, anders als bei einer konventionellen Exlosion dauert dies Tage bis Wochen, es versagen nach und nach alle Organe, weil die Zellen geschädigt sind. Dafür bleibt mehr von der Infrastruktur also Gebäuden, Brücken, Schienenwegen erhalten, je weiter man vom Explosionsort wegkommt. Kurz es ist eine Waffe, die ein Gebiet von Menschen „säubert“, aber alle technischen Geräte und Gebäude bleiben erhalten. Schließlich nützt einem ein erobertes Gebiet nichts, wenn dort alles verwüstet ist. Das war und ist in meinen Augen eine enorme Perversion.

Ich denke für die heutige Generation sind wahrscheinlich Wörter wie „911“ oder Afghanistan ähnliche Reizwörter. Ich glaube sie prägen sich besonders gut ein, wenn man jung ist, wie das ja auch bei vielen anderen Dingen ist. Gottseidank vergisst man auch wieder welche. Wie die leere Worthülse von Kohl über die „geistig-moralische Erneuerung“. Der gute Mensch war ja ein so schlechter Redner mit Schachtelsätzen ohne jegliche Aussage, dass es vielen nicht mal auffiel, als einmal die ARD aus Versehen die Neujahrsansprache des Vorjahres sendete. Andere werden wieder aus der Erinnerung geholt wie „Tschernobyl“ nach Fukoshima und der Fertigstellung des zweiten Sarkophages.

Was sind für euch solche „Reizwörter“?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.