Bigelow Aerospace ist pleite

…und das ist nicht gerade überraschend. Bigelow gehört zu den wenigen US-Unternehmen, denen ich auf der Website einen Artikel gewidmet habe. Inzwischen mache ich das nicht mehr, weil es von den Newcomern kaum fundierte Informationen gibt und die meisten von ihnen nicht überleben. So auch Bigelow, auch wenn es ziemlich lange gedauert hat.
Bigelow wollte eine eigene Raumstation für kommerzielle Zwecke starten. Recht schnell wurde auch ein Prototyp in den Orbit gebracht. Das war es dann aber auch. Dann geschah lange nichts. Bigelow schloss zuerst mit SpaceX einen Vorvertrag für den Start ab, dann wechselte man zu ULA, weil die Atlas V mehr Platz für die Raumstation bot. Nur gestartet wurde sie nie. Zwischendurch wurde in Zusammenarbeit mit der NASA auch ein kleines Modul (BEAM) ins All gebracht, das seit einigen Jahren als Stauraum auf der ISS genutzt wurde. Das es kriselt konnte man vor einigen Monaten erfahren, als Bigelow sich von einer NASA-Ausschreibung zurückzog. Diese bot 561 Millionen Dollar für ein Modul, das sowohl an der ISS angedockt werden konnte, wie auch eigenständig eingesetzt werden könnte. Das wäre „zuviel verlangt“ sagte Robert Bigelow in einem Interview, einen Tag nachdem die NASA stattdessen Axiom Space ausgewählt hatte.

Schon vorher hat Bigelow seine Belegschaft stark reduziert, nun alle entlassen.

Das wäre die Kurzzusammenfassung der Firmengeschichte und nimmt man Bigelows eigene Veröffentlichungen, so ist es auch nicht viel mehr. Von der experimentellen Prototyp Raumstation „Genesis 1“ gibt es z. B. nur einen kurzen Videoclip. Etwas wenig für eine Raumstation die ja einige Zeit betrieben werden soll.

Das die Firma scheiterte hängt nicht so sehr an der Technologie – die „aufblasbare“ Raumstation basiert auf NASA Technologie und Axiom Space nutzt die gleiche Technologie. Sie liegt vielmehr daran, das es meiner Ansicht nach keinen nachhaltigen kommerziellen Markt für Raumstationen gibt. Wie groß der Kundenkreis ist, werden wohl nur Firmen wissen, die Weltraumtourismus anbieten. Die Beurteilung ist schwer, weil die Flüge bisher limitiert waren. Bis zur Fertigstellung der ISS war die Regelbesatzung auf 2 Personen beschränkt. Da eine Sojus drei Sitze hat konnte so ein Tourist mitgenommen werden, der dann etwa eine Woche im All blieb und dann mit der letzten Besatzung wieder heimkehrte. Das war eine Beschränkung des Angebots. Mehr als einen Touristen pro Jahr konnte es nicht geben, denn der dritte Sitz wurde auch für kurze Aufenthalte anderer Astronauten genutzt. Ein zweiter Aspekt war, das Roskosmos darauf bestand das alle Weltraumtouristen auch das Kosmonautenbasistraining durchliefen. Das dauerte Monate und wer einen zweistelligen Millionenbetrag zahlt, hat vielleicht anderes zu in der Zeit vor.

Es war aber die einzige Möglichkeit und sie endete mit der Fertigstellung der ISS und Anheben der Regelbesatzung auf 6 Personen, also zweimal drei mit zwei Sojusflügen.

Mit den nun entwickelten neuen Vehikeln Starliner und Crewed Dragon gäbe es wieder mehr Startgelegenheiten. Zum einen, weil Russland nun nur noch seine Kosmonauten startet – das heißt von jährlich vier Starts mit je drei Sitzen belegt es gerade mal die Hälfte, hätte also 6 Sitze jährlich zu vergeben. Das Zweite ist, dass die beiden US-Vehikel genug Platz für sieben Astronauten bieten, aber nur mit vier Astronauten fliegen werden. Ich weiß nicht, inwieweit die NASA da mitmacht, aber man könnte ja hier zumindest theoretisch noch einen oder mehrere Touristen mitnehmen.

Auch die Forderung der NASA nach einem frei fliegenden Labor finde ich daher sehr vernünftig. Denn so könnte das zuerst an der ISS angedockt sein, dort ausführlich getestet werden, eventuell muss man nachbessern, die Inneneinrichtung wie bei der ISS erweitern oder Probleme lösen. Und ist es dann erprobt, kann abdocken und rein kommerziell genutzt werden, aber in der Nähe der ISS bleiben. So könnte ein US-Vehikel bei einem Flug zuerst die Touristen in der kommerziellen Station absetzen, dann an die ISS andocken. Nach einer Woche kehrt die letzte Besatzung zur Erde zurück und nimmt den oder die Touristen wieder mit, genauso wie das vorher mit den Sojus lief. Bei der gleichen oder ähnlichen Umlaufbahn benötigt das wenig Treibstoff und man kommt so auch auf die kurzen Aufenthaltszeiten die für Touristen attraktiver sind. Wenn der Aufenthalt zu lange dauert, dann müssen sie nämlich viel Sport treiben und zudem gewöhnt man sich wohl auch an die Erde als Ausblick recht rasch. Millionäre werden zudem wohl kaum an Bord der Station große Forschung betrieben.

Für kommerzielle Forschung denke ich wird es keinen Bedarf geben, denn die ist heute schon an Bord der ISS möglich und dort betreut von Astronauten, die trainiert und erfahren sind. Es ist viel billiger nur das Experiment zur ISS zu schicken und dort die Untersuchung durchführen zu lassen, als einen eigenen Astronauten dafür abzustellen. Daneben müsste man alle Experimente aufwendig zur kommerziellen Raumstation bringen, dort installieren und Materialproben etc. wieder zur Erde zurückführen, was einen eigenen Transporter mit zusätzlichen Kosten bedeutet.

Ich meine das dieses Konzept des „Mitnehmens“ der einzige einigermaßen bezahlbare Weg für Privatpersonen ins All ist. Ein Platz könnte „vergleichsweise“ preiswert sein, denn die Kapsel startet sowieso, ob er belegt ist oder nicht. Ebenso kann für den kurzen Aufenthalt von etwa einer Woche noch in der Kapsel Verbandsmaterialien (Nahrung, Wasser, Gase) mitgeführt werden. Eine eigenständige Raumstation würde einen eigenen Start erfordern – der kostet für die ersten beiden Crew Transporte zur ISS die NASA rund 300 Millionen Dollar pro Flug. (Boeing: 90 Millionen Dollar pro Sitz, SpaceX: 55 Millionen Dollar) Dazu müsste ein eigener Transporter kommen, der die Station mit Versorgungsgütern versorgt, auch das sind, wenn man die CRS-Preise nimmt rund 250 Millionen Dollar pro Start. Die ISS benötigt etwa sechs bis acht dieser Transporte pro Jahr. Während bei der Mitfluggelegenheit der Passagier reiner Tourist sein kann – es bietet sich der Vergleich zum Payload Specialist in der Shuttle Ära an, der auch keinerlei Astronautenausbildung durchlaufen musste – müsste eine eigene Raumstation einen, besser zwei professionelle Astronauten als Piloten und Stammbesatzung haben, die nicht nur in Notsituationen eingreifen können, sondern auch die Station am Laufen halten und sich mit dem Transporter auskennen. Sie verursachen weitere Kosten, vor allem reduzieren sie die Zahl der verfügbaren Sitzplätze und benötigen Ressourcen – bei der ISS rechnet man mit rund 20 bis 30 t Fracht für 6 Personen pro Jahr. Bei 70.000+ Dollar pro Kilogramm Fracht ist das nicht ganz billig.

Vor allem aber erlaubt diese Konstellation den Flug einzelner Personen. Schon wegen der Kosten wird ein Anbieter danach streben, mehrere Passagiere auf einmal zu befördern. Damit halst man sich aber neue Probleme auf. Wer sich das leisten kann, will sicher nicht warten, bis sich mehrere andere Milliardäre einen gemeinsamen Termin für einen Flug gefunden haben.

Unter dem Aspekt war der Hauptfehler von Robert Bigelow eine Raumstation zu planen, bevor es überhaupt die Möglichkeit der ISS-Kooperation gab, geschweige denn eine Startmöglichkeit. Bigelow hat aber genau das getan. Ich würde sogar noch weiter gehen: finanziell attraktiver wäre es sicherlich, wenn es gar keine eigene Station gibt, sondern die in die ISS integriert wäre. Das wäre weitaus einfacher und risikoärmer, man müsste diese Station nicht extra anfliegen. Die gesamte Lebenserhaltung würde von der ISS gestellt werden, ebenso die Kommunikation, Bahnaufrechterhaltung und Missionskontrolle. Anbieter müssten sich nur an den Kosten beteiligen. Bei den Versorgungsgütern wahrscheinlich proportional dem Verbrauch, bei Kommunikation, Missionskontrolle wird es deutlich preiswerter, weil die Systeme (Satelliten, Kontrollzentren) schon existieren und man nur einen Teil der Maximalkapazität nutzt oder eben einige Ingenieure mehr baucht. So ist für mich unverständlich, warum Bigelow die NASA-Ausschreibung nicht annahm, zahlt die NASA doch dafür ein vielfaches dessen, was sie für das kleine BEAM Modul ausgab.

Auch SpaceX beweist, dass es keinen Markt für Einzelflüge gibt:

  • Sie kündeten zuerst eine Mondumrundung einer Dragon „Gray Dragon“ an.
  • Dann erneut eine Mondumrundung mit einer Dragon, nun mit einem japanischen Milliardär als Passagier.
  • Das wurde dann auf das Starship umgebucht und dann ganz gestrichen
  • Mittlerweile sind Erdorbitflüge angekündigt, die weiter entfernt sein sollen als der höchste Geminiflug.

Ich vermute in einem Jahr wird auch das wieder beerdigt. Angeblich soll der Flug aber zu John Glenns 60-sten Jubiläums des ersten US-Orbitflugs, also am 20.2.2022 stattfinden. Also spätestens in zwei Jahren wissen wir mehr.

2 thoughts on “Bigelow Aerospace ist pleite

  1. Bedauerlich, aber es fügt sich in den Trend ein, dass „Newspace“ sich wahrscheinlich als weitere Blase entpuppen wird.

    (Zumindestens hatte ich kürzlich einige Diskussionen mit Leuten, die das denken.)

  2. Verfolgt eigentlich Dan noch irgendjemand das Konzept des aufblasbaren Raumstationsmodul noch weiter?
    Weil als reines Aufenthalts/Habitatsmodul an einer Raumstation fand ich die Idee immer ganz gut.
    So nach der Idee man dockt so ein Modul an die ISS an nutz es zum Wohnen und Startet jährlich 2 Sojus und 2 Amerikanische Raumschiffe und erweitert so die ISS Besatzung auf 10 Personen. Dan würde Forschungstechnisch vielleicht auch mehr gehen weil der Instandhaltungsaufwand ja praktisch gleich bleibt. Und bei der größeren Besatzung hätten Dan vielleicht auch die kleineren ISS Partner wie Japan und Europa ständig einen Astronauten auf der Station haben können.

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