Mit dem Ballon um die Welt, die vergessenen Versuche (Teil 2)

Bevor ich mit diesem zweiten Teil beginne, erst eine Korrektur zum ersten Teil: Der russische Teilnehmer heißt (in der deutschen Transkription) Wladimir Alexandrowitsch Dschanibekow und hat auf Saljut 6 und Saljut 7 insgesamt fünf Raumflüge unternommen, dabei auch Sojus T-13, bei der Saljut 7 repariert und wieder für den bemannten Betrieb wiederhergestellt wurde.

Nun geht es aber um das amerikanisch-australische Team RE/MAX, das seinen Namen von der gleichnamigen Immoblienfirma bekam, da der Gründer Dave Liniger der Kommandant der Mission war. Mit an Bord waren der australische Ballonfahrer John Wallington und der amerikanische „fliegende Reporter“ Bob Martin. Wallington hatte die Idee zu dieser Art von Ballon schon mit dem australischen Buchhändler Dymock’s finanziert, weshalb der Ballon bis 1996 noch Dymock’s Odyssey Flyer hieß. Als RE/MAX und Liniger mit einstiegen, wurde der Ballon einfach zu RE/MAX umbenannt.

Das Besondere an RE/MAX war, dass es der einzige Ballon war, der in die Stratosphäre, und zwar auf 40 Kilometer Höhe steigen sollte. Von Alice Springs, Australien, gestartet, sollte er dann in 18 Tagen nach Westen driften und dann wieder in Alice Springs ankommen. Die Hauptargumente für diese Art der Weltumrundung waren:

  • In der Stratosphäre gibt es kein Wetter, daher kann der Ballon nicht durch Gewitter o.ä. zur Landung gezwungen werden.
  • Auf der Südhalbkugel gibt es keine Staaten, bei denen die Beantragung einer Überquerungserlaubnis ein Problem gewesen wäre, auf der Nordhalbkugel hat man hingegen u.a. Russland, China, Irak, Kuwait.
  • Man könnte gleichzeitig einige wichtige Experimente mitnehmen, wenn man schon zum ersten Mal Menschen für drei Wochen in einem Ballon in die Stratosphäre schickt.
  • So eine Fahrt ist gut geeignet, ein Lehrbeispiel für Kinder aller Altersstufen zu sein, da man altersgerecht verschiedene Aspekte der Fahrt aufbereiten kann und daraus dann Aufgaben und Aktivitäten für Schüler machen kann.

Ein Nachteil der Südhalbkugel ist aber auch nicht zu übersehen, und dieser Nachteil sind die großen Wasserflächen. Die Fahrt sollte entlang des Wendekreises des Steinbocks gehen, den man hier sieht: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e6/World_map_with_tropic_of_capricorn.jpg . Die Fahrt hätte demnach so ausgesehen: Australien, Indischer Ozean, Madagaskar, Mosambik, Botsuana, Südafrika, Namibia, Atlantischer Ozean, Brasilien, Paraguay, Argentinien, Chile, Pazifischer Ozean, Tonga, Australien. Man sieht, dass der Großteil der Route über Wasser führt, die Teile der Route über Land sind klein, im Vergleich zur Nordhalbkugel. Daher wurde auch vorgesorgt, und die Kapsel wurde schwimmfähig gebaut. Bei Tests fand man dann heraus, dass der Ausstieg durch die Dachluke fast unmöglich sei, wenn die Kapsel von den Wellen herumgeworfen würde. Deshalb baute man auch eine seitliche Luke ein.

Der Ballon hatte dann auch einige Experimente an Bord, die während der 18 Tage dauernden Fahrt benutzt werden sollten. Dazu gehörten:

  • Ein Paket zur Erforschung von Blitzen, die aus Wolken aufsteigen anstatt zur Erde hinunterzusteigen. Man hatte diese Blitze auf Shuttle-Missionen beobachtet, und einige Spezialkameras und ein Gammastrahlensensor sollten diese Blitze auf der Fahrt beobachten (Der Gamma-Sensor war an Bord um zu klären, ob Blitze Gammastrahlen erzeugen).
  • Ein Gerät zur Messung der Ausbreitung von Schwerewellen in der Stratosphäre. Weil Schwerewellen sich wie Wasserwellen in der hohen Atmosphären „brechen“ und damit die Zirkulation der Luftmassen antreiben, war es besonders interessant genau zu messen, wie sich die Schwerewellen in 40 km Höhe verhalten.
  • Ein Experiment, bei dem die Meeresoberfläche mit Hilfe von GPS-Signalen gescannt werden sollte, um Parameter wie den Wellengang zu messen. Das hat es schon auf einigen Satelliten, wie z.B. auf Seasat 1 gegeben, der allerdings ein Radar an Bord hatte, das sehr viel Strom brauchte. Das gleiche Ziel sollte wie gesagt hier mit reflektierten GPS-Signalen erreicht werden.
  • Eine Spezialkamera sollte die Aurora australis im ultravioletten Bereich fotografieren.
  • Ein Sensorenpaket sollte den Ozon- und Chlorgehalt der Stratosphäre messen.
  • Ein Geigerzählerpaket sollte die eintreffende kosmische Strahlung messen.
  • Ein Experiment zur Feststellung ob Pflanzen ein genetisches „Gedächtnis“ haben: Dazu sollten Weizenkeimlinge, die schon auf der MIR waren zusammen mit normalen Keimlingen in der Kapsel mitgenommen und dem Sonnenspektrum in dieser Höhe ausgesetzt werden. Nach der Fahrt sollten sie dann mit weiteren terrestrischen und MIR-Keimlingen verglichen werden.
  • Ein Kasten auf der Außenseite der Kapsel wurde mit Substraten bestückt, die dann unter der Einwirkung der UV-Strahlung polymerisieren sollten. Solche Materialien hielt man besonders für den Einsatz im Weltraum wichtig.

Der Ballon war startklar, alle Systeme waren bereit, nur das Wetter spielte nicht mit. Am 27. Dezember 1998 sollte der Ballon abheben, aber der Wind in Alice Springs war zu stark um den Ballon sicher vorzubereiten. Ein paar Tage später entschied man, dass man nur mit zwei Männern fahren würde, um den Ballon zu entlasten. Bob Martin meldete sich freiwillig, um seinen Posten zu verlassen. Der 14. Januar 1999 war schließlich der letzte Tag des Startfensters. Liniger und Wallington saßen schon in der Kapsel, als der Start wieder abgesagt wurde. Liniger sagte 2005 in einem Interview, dass er deswegen fast in der Öffentlichkeit geweint hätte, da er an diesem Morgen sicher war, dass er den Ballon um die Welt steuern könnte. Als die beiden aber die Luke abnahmen, standen zu ihrer Überraschung draußen 20.000 Menschen mit US- und australischen Flaggen, die sie ob des abgesagten Starts aufmunterten.

Ein neuer Versuch wurde für den Winter 1999/2000 angesetzt, aber der Breitling Orbiter 3 kam dem Team zuvor. Dass der Ballon dennoch nie gefahren ist, ist mir ein Rätsel, denn Liniger sagte 1998:

„But even if someone else achieves this goal before we do, we want to prove the technology of stratospheric ballooning. We will set the world altitude record. We will be the first to circumnavigate the globe in the Southern Hemisphere. We will be conducting a civilian adventure into near space with several valuable scientific experiments. We will be delivering a live classroom activity to millions of kids from kindergarten through college. And we will cover the greatest distance, since our flight path is closer to the equator than flights in the northern hemisphere.

Zum Abschluss noch ein paar Links zur alten RE/MAX-Website, gerettet vom Internet Archive:

Hauptseite

Experimente

FAQ

Die Seite für Schulen

Das Spiel Race Around The World, welches sich sehr interessant anhört.

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