Nahrungsvorlieben

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Hallöchen. Ich bin zurück aus dem Allgäu. Meine Arbeiten konnte ich alle erledigen, aber die geplanten Ausflüge in die Umgebung fielen ins Wasser, weil es nur an vier von zehn Tagen warm und sonnig war und die brauchte ich für die Außenarbeiten. Zudem lag schon als ich ankam auf den Bergen noch Schnee, etwa bis zur Hälfte der Höhe. Mit dem Besteigen der Alpspitze, des Edelbergs und der Reuter Wanne wurde es also nichts. Die Extreme: am Dienstag gab es morgens Schneegestöber und am Samstag fast 30 Grad – und das innerhalb von vier Tagen….

So konnte ich zwangsweise etwas mehr Fernsehen schauen, weil sonst nichts zu tun war und da bin ich bei den Digitalen Kanälen von ARD und ZDF gelandet. Da gab es auch einen Bericht über die Zucht von Insekten in Thailand/Kambodscha. Dem wurde eine große Zukunft vorhergesagt, da es sehr ökonomisch ist: Insekten sind gute Futterverwerter und brauchen nur wenig Platz. In diesen Ländern ist es auch normal Insekten zu essen. Bei uns eher nicht. Ein Experte meinte zwar dass dies genauso „life-style“ werden würde wie Sushi, doch ich bin da skeptisch. Allerdings mag ich auch schon Sushi nicht ….

Dann lass ich noch auf der Zugfahrt einiges aus einem Lehrbuch für Ernährungslehre, schließlich will ich meine Kenntnisse für das Diätbuch auf den neusten Stand bringen. Da fand ich die Einleitung ganz gut die sich damit beschäftigt, warum wir auf verschiedenen Ländern unterschiedliche Nahrungspräferenzen haben. Zeit also das Thema aufzugreifen.

Bekanntlicherweise gibt es im Judentum und im Koran das Verbot von Schweinefleisch und im Hinduismus sind Kühe heilige Tiere. Zu diesen generellen Verboten gibt es dann noch zeitlich befristete wie z.B. die Fastenzeit im katholischen Glauben. Darüber hinaus gibt es Unterschiede, welche Tiere gegessen werden, natürlich auch bei Pflanzen, doch da sind diese viel einfacher klimatisch begründbar.

Fangen wir an mit den Schweinen: Sie sind in Deutschland die absolute Lieblingsfleischquelle, aber im Koran und alten Testament ist es verboten. Offiziell weil die Tiere „unrein“ sind und sich gerne im Schlamm wälzen. Man hat das auch versucht zu erklären, dass Krankheitserreger (bei Schweinen Trichinen) übertragen werden können. Nur: Auch Hühner kratzen im Dreck herum und haben Krankheitserreger (Salmonellen). Beide sind kein Problem, wenn man das Fleisch erhitzt.

Es ist aber relativ einfach ökonomisch zu erklären. Schweine sind wie der Mensch Allesfresser und sie haben Schweißdrüsen wie wir. Das bedeutet: Sie konkurrieren mit uns um die Nahrung und sie brauchen relativ viel Wasser in warmer Umgebung. Beides ist in warmen Gegenden von Nachteil. Im Orient, wo die Verbote entstanden gibt es wenig Wasser und Schweine kann man nicht auf einer Weide halten. Bei uns wurden Jahrhunderte lang die Schweine in den Wald getrieben, wo sie sich von Eicheln und Wurzeln ernährten. Wald gab es bei uns genug und so konnte man die Schweine halten ohne dass sie Nahrung beanspruchten, die der Mensch brauchte.

Im Orient war das nicht möglich und das Wasser auch noch knapp. Der Nutzen von Schweinen ist dagegen gering. Sie liefern nur Fleisch. Kühe liefern auch noch Milch und sind als Zugtiere nutzbar, Schafe liefern Wolle und Ziegen ebenfalls Milch. Hühner zusätzlich Eier.

Warum gibt es nun das Verbot Kühe zu schlachten im Hinduismus? Nun auch hier wirtschaftliche Gründe: Eine Kuh ist als Michquelle, Düngerlieferant und Zugtier viel wertvoller als wie als Fleischquelle. Es ist ja auch nicht das Rindvieh allgemein „heilig“, sondern nur die Kuh. Die Stiere die keine Milch liefern sind es nicht.

Wenn man dies überträgt auf andere Gebiete sieht man bald: Menschen orientieren sich an der Ökonomie. In keiner Gesellschaft kommt man auf die Idee Pferde als Fleischlieferant zu nutzen – sie sind relativ schlecht geeignet dafür. Sie sind keine Wiederkäuer, brauchen also relativ hochwertiges Futter das auch der Mensch essen könnte (anders als Schafe oder Kühe) und sie verwerten das Futter schlecht. Ihr Nutzen liegt in der Bedeutung als Zugtier und trotzdem sind sie sehr teuer (Im Mittelalter kostete ein Schlachtross soviel wie 10-20 Kühe oder Ochsen). In Asien kennt man viele unserer Nutztiere kaum, bzw. Sie spielen kaum eine Rolle. Auch hier wirtschaftliche Gründe: Reis wird im Naßanbau angebaut. Da gibt es keine Weiden. Enten die im Wasser leben oder Hühner die wenig Platz brauchen, sind aber haltbar.

Das trifft auch für andere Verbote zu. Ich halte es für keinen Zufall, dass unsere Fastenzeit vor Ostern auf das Winterende fällt. Das Christentum wurde ja sehr bald eine europäische Religion, während Judentum und Islam lange Zeit auf südlich gelegenere Gebiete beschränkt waren. Bei uns gibt es im Winter keine Ernten und man muss von den Vorräten leben, anders als im südlichen Mittelmeer, wo es auch zu dieser Zeit noch Ernten gab. Da streckte das Fasten die Vorräte und verhinderte Hungersnöte, wenn man diese zu schnell aufbrauchte.

Von den großen Nutztieren sind die optimalsten Nutztiere Rinder und Schafe. Beide sind Wiederkäuer. Sie kommen daher mit Grass als Futter aus, benötigen also kein Futter, das auch Menschen essen konsumiert. Darüber hinaus wächst Grass auch bei schlechtem Boden (im Allgäu wo ich gerade war wird man lange nach einem Acker suchen können – auf dem Lehmboden gibt es nur Weidewirtschaft) und beide haben Zusatznutzen: Sie liefern Milch, Schafe zusätzlich Wolle und Rinder sind als Arbeitstiere nutzbar.

Auch genetische Ursachen kann man anführen. So hat sich schon in vorchristlicher Zeit eine Population in Europa durchgesetzt die Laktose spalten konnte (innerhalb von nur 400 Generationen von 5% auf 90% der Bevölkerung) weshalb Milchgenuß bei uns kein Problem war. Dagegen wurden in anderen Kulturen eher fermentierte Milchprodukte konsumiert (in diesen wird die Laktose durch Gärung abgebaut). Auch gibt es bei uns viele trinkfeste Genossen – in Asien gibt es dagegen noch mehr Personen mit einem gentischen Defekt in der Aktivität der Alkoholdehydrogenase – kein Wunder dass Bier und Wein in Europa weit verbreitet sind, nicht dagegen in Asien.

Wir sehen das natürlich auch bei Pflanzen. Relativ deutlich wird das bei Getreide: Wo es viel Wasser gibt und warm ist, ist Reis die erste Wahl. Er liefert dann 2-3 Ernten pro Jahr mit hohem Ertrag. Wo es warm isst, aber das Wasser nicht so üppig ist es dann Weizen. Im Mittelmeerraum liefert er immer noch zwei Ernten pro Jahr. Roggen, der bei uns das Getreide der Wahl ist kommt dagegen auch mit kaltem Wetter zurecht. sonst gäbe es bei uns nur eine Getreideernte pro Jahr. Noch anspruchsvoller ist Hafer, der daher lange Zeit auch bei uns wichtig war (und in nördlicheren Gegenden immer noch ist). Analog haben Kartoffeln, die mit Kälte gut zurecht kommen ihren Siegeszug in Mittel- und Nordeuropa angetreten, während man in Südeuropa bei den Weizenprodukten blieb (Pasta, Pizza, Polenta etc…).

Wir mögen das was wir gewöhnt sind. Man muss nur mal in China sich umsehen was dort alles gegessen wird. Ungewohntes wird erst misstrauisch beäugt und wenn es stark von dem gewohnten abweicht (Insekten, „tausendjährige Eier“ etc.) stellt sich Ekel ein. Physiologisch können wir alles verdauen, das zeigen Extrembeispiele von Gesellschaften die sich fast nur tierisch ernähren (Eskimos, Massai) wie fast ausschließlich pflanzlicher Kost. So glaube ich nicht dass sich bei uns Insekten durchsetzen werden, vielleicht als hochgereinigtes Reinprotein, doch der Nutzen ist dann gering. Denn Insekten bauen dieses Protein aus Nahrungsprotein auf, und wenn man hoch reinigt, dann kann man gleich das Nahrungsprotein aufreinigen.

Auch andere Tiere können wichtig werden: In Ägypten verehrte man Katzen als Götter – ohne sie wären die Ernten wohl Opfer der Mäuse geworden.

Als kleine Gedankensportaufgabe: Was züchtete Walther Nernst nach seiner Emeritierung 1933? Hinweis, es hat etwas mit seiner Forschung zu tun …

2 thoughts on “Nahrungsvorlieben

  1. Moin Bernd,

    eine weiterführende Literatur, auf die sich dein Lehrbuch wohl bezieht ist:

    Kannibalen und Könige. Die Wachstumsgrenzen der Hochkulturen.
    Marvin Harris – DTV, Stuttgart 1990 – 3423305002

    ciao,Michael

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