Wie verlaufen technische Entwicklungen?

Als kurzweilige Unterhaltung ein kleiner Einschub, nämlich wie meiner Ansicht nach Technikentwicklungen verlaufen. Es gibt vier Phasen die Nacheinander folgen

  • Erfindungsphase
  • Innovationsphase
  • Inkrementelle Verbesserung
  • Modephase

Als Beispiel, weil er den meisten geläufig ist, nehme ich mal den PC.

In der ersten Phase wird etwas erfunden, das neue Produkt ist aber meist noch zu neu, zu teuer zu störanfällig und unausgereift. In dieser Phase ist es ein Nischenprodukt, vielleicht gekauft von Technikaffinen oder den typischen „Early Adaptors“. Typisch in dieser Phase ist auch das es Entwicklungen gibt, die sich nicht durchsetzen und nach kurzer Zeit vom Markt wieder verschwinden.

Die erste Phase des PC begann mit dessen Erfindung. Der Altair 8800 hatte keinerlei Ähnlichkeit mit einem heutigen PC. Angeschlossen wurden zuerst Fernschreiber und Papierstreifenleser. Monitor und Disklaufwerke kamen erst später. Verkauft wurde nur die CPU mit Speicher als Kit. Innerhalb weniger Jahre gab es mit dem Sol das erste Gerät mit eingebauter Videoansteuerung und Keyboard (allerdings immer noch ohne Speicher).

In den nächsten Jahren entwickelte sich das Gerät rapide weiter. Mit dem Apple II gab es das erste Gerät mit Speicher und Keyboard in der Konsole sowie Standardanschlüssen. Vorher musste man das über Steckkarten erweitern. Beim IBM PC waren auch die Diskettenlaufwerke Bestandteil der Zentraleinheit und die Tastatur separat und damit ergonomischer.

Entwicklungen die sich nicht durchsetzten sind die so beliebten Rechner mit BASIC Interpreter. Sie ermöglichten zwar ein startbereites Gerät mit wenig Aufwand zu produzieren, aber sprachen nur einen Teil der Bevölkerung an, nämlich die die programmieren wollten. Wäre es nicht möglich gewesen sie als Spielkonsole zweckentfremden, so wären sie sicherlich nicht so populär geworden. Langfristig setzte sich das Laden des Betriebssystem von einer Disk/Festplatte durch. Das gleiche gilt für den Kassettenrecorder als Speichermedium.

Die zweite Phase ist geprägt von innovativen Entwicklungen mit denen das Gerät zum Massenprodukt wird. Phase 1 und 2 überlappen sich oft. Beim PC ist diese Phase schwerer zu definieren, weil vieles nicht neu erfunden wurde, sondern nur Dinge Einzug hielten, die es schon bei größeren Computern gab. Man kann es aber an der Usability festmachen. Zum Ende von Phase 1 begann der Computer zum Massenprodukt zu werden. Festmachen kann man es an dem Nutzen. Mit dem Einzug von Anwendungsprogrammen wie Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Datenbanken, aber auch Spielen begann der Computer nützlich zu werden und alle anzusprechen die nicht programmieren wollten, was nur eine kleine Minderheit war. am Ende der Phase 2 steht beim Computer die Einführung der grafischen Benutzeroberfläche.

In Phase 3 wird das Gerät nur noch inkrementell verbessert. Es gibt noch Innovationen, doch selten verändern sie etwas fundamental. Das gerät erreicht in dieser Phase nahezu Marktsättigung, das bedeutet zum Ende der Phase hat fast jeder potenzielle Käufer das Produkt. Es verändert sich aber kaum noch. Vergleicht man einen heutigen PC mit dem Urmac der gerade Dreißig wurde, so ist er schneller, das Design schicker, aber es gibt keine fundamentalen Unterscheide mehr. Man kann sowohl das gleiche machen wie auch die Zubehörgeräte haben sich nicht verändert. Nur die Oberfläche ist schicker geworden.

Die letzte Phase scheint der PC nun zu erreichen, das ist die Modephase. Innovationen gibt es nun nur noch selten. Stattdessen wechselt das Design, die Oberfläche, während die Funktionalität gleich bleibt. Ich habe das bewusst Modephase genannt, weil die Bekleidungsindustrie diese Phase schon vor Jahrhunderten erreicht hat. Die wesentlichen Kleidungsstücke wie Hemd, Hose, Rock wurden schon vor Jahrhunderten bis Jahrtausenden erfunden. Das gilt auch für Stoffarten und Verschlussarten (Knöpfe, Schnüre). Seitdem wechseln nur noch Schnitte, Farben eben Moden. Es kann durchaus noch Neuerungen geben (bei der Mode z.B. den Reisverschluss oder die Kunstfasern) doch sie verändern nichts mehr groß. So gibt es für den PC seit einigen Jahren Solid State Disks, doch sie machen in der Usability keinen Unterschied. Die Moden im Design von Windows 8 aber auch modernen Linux Desktops zeigen, dass der PC gerade in diese Phase übergeht, wenn er nicht schon da angekommen ist.

Ein zweites Beispiel: Das Fahrrad.

Das Fahrrad wurde als Draisine 1817 erfunden. Mit dem heutigen Fahrrad hat es noch wenig Ähnlichkeit. Der Lenker ist noch kurz und schmal, man hat sich mit den Füßen von dem Boden abgestoßen und es war ein Laufrad.

In der ersten Phase kamen daher die wichtigen Erfindungen die ein heutiges Fahrrad ausmachen wie zuerst der Pedalantrieb und dann der Kettenantrieb. Als Nebenentwicklungen, die sich nicht durchsetzen können seien die Hochräder genannt, da man ohne Kettenantrieb schneller vorwärts kam wenn das vom Pedal angetriebene groß war, wurden Fahrräder mit enorm großen Vorderrädern gebaut. Der Kettenantrieb machte diese sturzgefährlichen Räder überflüssig,

In der innovativen Phase ab 1900 wurde das Fahrrad zum Alltagsverkehrsmittel. Es wurden Schaltung, Rücktritt und Felgenbremsen erfunden.

Die inkrementelle Verbesserung führt zu mehr Gängen, Gelsätteln, Halogen und LCD Beleuchtung, Aluminiumrahmen anstatt Stahl.

Beim Fahrrad kann man diskutieren ob es auch schon in der Modephase angekommen ist. Auf der einen Seite verändert sich die Zahl der Gänge kaum noch und wer schon ein 5-Gang Fahrrad hat wird nicht viel Unterschied bei einem 8-Gang Fahrrad feststellen. Andrerseits gibt es Carbonfaserrahmen die dann doch das Rad leichter machen oder das Elektrofahrad, nur könnte man das schon als eine neue Erfindung ansehen.

7 thoughts on “Wie verlaufen technische Entwicklungen?

  1. Interessanter Beitrag.
    Ich würde sagen, auch das Fahrrad ist schon in der Modephase angekommen. Es gibt zwar hin und wieder auch noch die eine oder andere technische Innovation, wie Federgabeln für spezielle Verwendungen, aber im wesentlichen ändern sich nur noch Rahmenkonstruktionen und daraus folgende Zubehörteile. Z.B. Bonanzaräder, eine interessante Rahmenkonstruktion mit einer passenden Sattelkonstruktion. Aber kriegen tut man die heute fast nirgendwo mehr. Anderes Beispiel: BMX-Räder. In den 80ern ein Hit bei (meist männlichen) Jugendlichen. Heute sind sie durch Mountain- oder Trekkingbikes weitestgehend ersetzt. Es gibt wohl noch ähnliche Konstruktionen für akkrobatische Fahrübungen, die meisst eine Art Achsverlängerung an den Rädern haben, auf denen man stehen kann und ein um 360° drehbaren Lenker. Ob bei diesen Rädern auch der Freilauf fehlt, weis ich nicht, ist aber wahrscheinlich. – Also eigentlich sind es Spezialräder für’s „Kunstturnen auf dem Fahrrad“.

  2. Hallo Bernd,

    Du schriebst: „Entwicklungen die sich nicht durchsetzten sind die so beliebten Rechner mit BASIC Interpreter.“

    Ich finde eine solche Differenzierung sehr fraglich, denn auch schon der erste originale IBM-PC hatte ein BASIC im ROM und unterschied sich insofern kaum von anderen Rechnern mit „eingebautem“ BASIC, die ihrerseits oft genug ebenfalls in der Lage waren, „richtige Betriebssysteme“ verschiedener Provenienz von Diskette oder einem anderen Medium nachzuladen. Die Liste solcher Maschinen ist beliebig lang, tatsächlich war es bei Weitem die Mehrheit.

    Aus Lizenzgründen hatten PC-Clones (also Geräte, die nicht von IBM stammten) kein ROM-basiertes BASIC, aber dafür kam dann mit MS-DOS (nicht jedoch mit IBM-DOS, das brauchte es aus offensichtlichen Gründen ja nicht) GW-BASIC als zum IBM-ROM-BASIC abwärtskompatibler Ersatz daher.

    Mit freundlichen Grüßen, Tom

  3. Okay, wenn Du meinst die Entwicklung hat sich durchgesetzt – wie viele der neuen Rechner haben einen BASIC Interpreter im ROM?

    Auch die Hochfahrräder waren mal die dominierende Gattung der Fahrräder, aber es gibt sie heute nicht mehr. Nur weil etwas sehr verbreitet und breit unterstützt wird, muess es nicht auf Dauer Bestand haben.

  4. Warum hatten denn die Heimcomputer überhaupt ein Basic im ROM? Weil die Computer ohne externe Speichermöglichkeiten waren. Die mußte man extra kaufen, und ein Diskettenlaufwerk war teurer als der ganze Computer. Ohne ROM-Basic wären diese Geräte praktisch nutzlos gewesen. Und mit Diskettenlaufwerk wäre die Einstiegsschwelle zu hoch gewesen, man hätte deutlich weniger Geräte verkauft.

    Anders sah es beim ersten IBM-PC aus. Der hatte bereits Diskettenlaufwerke eingebaut, und mit GW-Basic war auf Diskette ein leistungsfähigeres Basic verfügbar. Ein ROM-Basic war da völlig überflüssig. Logischerweise wurde es deshalb bei späteren Geräten weggelassen.

  5. Äh nicht ganz. Du konntest den IBM ohne Disklaufwerke kaufen und er hatte auch einen Kasettenrekorderanschluss. Das BASIC konnte folgerichtig auch nur auf Casette speichern. Wer ein Discbasic haben wollte musste separat bezahlen. Der IBM PC kam auch ohne standardmäßige Grafikkarte (zwei zur Auswahl) ohne Druckeranschluss und auch die Tastatur musste extra bezahlt werden.

  6. Hallo Bernd, hallo Elendsoft,

    jeder originale IBM PC, XT, AT und AT 02 (bei den danach folgenden PS/2-Modellen bin ich mir nicht sicher) hatte ein eingebautes ROM-BASIC, welches völlig standalone funktionsfähig war. IBM lieferte dazu im IBM PC-DOS einen Stub namens BASICA.COM mit, der im Wesentlichen die Routinen ROM-BASIC auch unter DOS aufrufen bzw zur Verfügung stellen konnte und diese noch um weitere erweiterte, daher der Name „BASICA“, wobei das letzte „A“ für „Advanced“ stand. BASICA konnte folglich nur auf Maschinen mit original IBM-ROM genutzt werden, also nicht auf Clones.

    Anders beim Microsoft MS-DOS, dort wurde ein vollständiger BASIC-Interpreter namens GW-BASIC.EXE mitgeliefert, der auch ohne das original IBM ROM-BASIC auf beliebigen Clones lauffähig war – und nebenbei natürlich ebenfalls auf originalen IBM-Rechnern, aber eben auch dort ohne ein ROM-BASIC zu benötigen und mit entsprechendem Overhead (man vergleiche mal die Größen von BASICA.COM und GW-BASIC.EXE).

    Die Aussage von „Elendsoft“, dass mit GW-BASIC ein leistungsfähiges BASIC für IBM-PCs zur Verfügung stand, stimmt zwar, ist aber reichlich müßig, da es dort ja BASICA gab, welches von GW-BASIC ja „nur“ unter Umgehung des bei Clones aus Lizenzgründen fehlenden ROM-BASICs emuliert wurde, und zwar 100% kompatibel zu BASICA, und nicht umgekehrt.

    Mit freundlichen Grüßen, Tom

  7. Ich habe in alten ct’s nach dem Testbericht des IBM AT gesucht aber nichts zu dem BASIC gefunden, dafür ein Schmankerl, das ich euch nicht vorenthalten will. Aus einem Test über turbo Pascal 2.0:

    „Eine weitere Beschränkung von TURBO liegt darin, daß nur Dateien bearbeitet werden können, die in den Hauptspeicher passen, also maximal 22513 Bytes, wenn die Fehlermeldungen geladen sind. Diese Beschränkung ist allerdings mehr theoretischer Natur, wer schreibt schon Module solchen Umfangs? „

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