Heldenverehrung

Vor zwei Wochen lief bei Quark & Co, die Sendung mit dem Titel „Welche Zukunft hat die bemannte Raumfahrt„. Nun ist mein Eindruck von Quarks & Co, das sie noch zu den eher besser recherchierten Sendungen gehört. Den hatte ich zumindest bei den Sendungen wo ich fachlich auch mitreden kann also aus dm Bereich Ernährung. Was würden sie wohl von dem Titel erwarten? Also ich würde annehmen, dass man anfängt die bemannte Raumfahrt seit den Anfängen kurz rekapituliert, was man erreicht hat, was es gekostet hat. Dann eine Gegenüberstellung was man mit der unbemannten Raumfahrt im gleichen Zeitraum erreicht hat bzw. erforscht hat. Dann würde ich meinen Blick auf die ISS richten, was sie kostet und was dafür an Ergebnissen produziert wird und wo die Forschung sinnvoll ist und wo nicht. Dann würde ich meinen Blick auf weitere Projekte wenden wie die Rückkehr zum Mond, Flug zum Mars oder Sonnensystem heraus. Wo gibt es Beschränkungen finanzieller und biologischer Art?

Alsso so würde ich wohl eine Sendung aufbauen. Doch um was ging es? Heldenverehrung. Studiogast war Alexander Gerst. Mit ihm wurde von Ranga Yogeshwar ein „Interview“ geführt, das den Titel wohl nicht so verdient. Da gab es Fragen wie „Ich habe gehört die besten Partys gibt es bei den Russen?“. Hmmm ja so was würde ich in der „Bunten“ erwarten, aber in Quarks und Co?

Es gab zwar einige Einspieler in denen es auch um die Gefahren bei einem Flug zum Mars ging, aber wirklich kritisch war es nicht. Kein Kommentar zu einem Film in dem man durch das Sonnensystem reist bis der Saturn auftaucht – jeder der nur Grundlagen der Raumfahrt kennt, weiß, das dies in für Menschen vertretbarer Zeit heute und wahrscheinlich auch in den nächsten Jahrzehnten nicht möglich sein wird. Auch keine kritische Nachfrage als Alexander Gerst die gerade laufende Rosetta-Mission als „Percursormission“ bezeichnet, also der Robotik die Rolle der Vorerkundung einräumt (was sollen Menschen auf einem Himmelskörper dessen Gravitation so gering ist, dass man mit einem schritt sich auf Fluchtgeschwindigkeit beschleunigt und der Gase abgibt?).

Selbst das Scheitern wird vermarktet. So scheitert der Einbau eines Experiments. Eine Schraube bricht ab, der Bolzen muss herausbekommen werden ohne das es Späne gibt und man findet die Lösung in Rasierschaum mit dem der Bereich eingesprüht wird und der Späne bindet. De Beitrag ist professionell gemacht mit Einbeziehung der Experimentatoren. Die Aussage „Ohne bemannte Raumfahrt wäre das Experiment gescheitert“. Was der Zuschauer nicht erfährt: Wie sinnvoll ist das Experiment, ist es wahnsinnig wichtig oder ein „Machen wir wenn wir noch Plätze frei haben“-Experiment. Und was das kostet. Der einzige Punkt bei dem der Zuschauer einhaken kann ist der letzte Satz: Der Einbau sollte 10 Stunden dauern, dauerte nun 24 Stunden. Danach braucht das Experiment keine Betreuung weder bei Inbetriebnahme, noch beim Ablauf.

Ich hakte mal da rein, Alexander Gerst war in seinem Blog stolz, dass man in einer Woche 82 Arbeitsstunden für Wissenschaft schaffte (er kann deswegen stolz drauf sein, weil der Durchschnitt der letzten Jahre bei etwas über 40 Stunden liegt). Er war 163 Tagen an Bord der Station, in drei Jahren wird die ESA drei dieser 163 Tage Aufenthalt haben, zusammen also 489 Tage oder 70 Wochen. Bei Vier Personen (Gerst bezieht sich nur auf das US-Segment) sind das pro Astronaut 20,5 Stunden oder 1435 Stunden für die Wissenschaft. Allerdings ist das ein Spitzenwert für eine Woche. Bei der Expedition 37/38 betrug der Durchschnitt 12,2 Stunden pro Astronaut/Woche. Nehmen wir mal 15 an als Durchschnitt. Nun gibt die ESA in diesen drei Jahren 1200 Millionen Euro für die ISS-Operationen aus, das sind also 1,124 Millionen Euro/Stunde. Bei 10 Stunden kostet so der Einbau des Experiments schon 11,4 Millionen Euro, mit Verzögerung 27,4 Millionen Euro. Das Experiment selbst kostet nur 42 Millionen Euro mit Transport zur ISS.

Der Beitrag zeigt aber auch wie aufwendig alles ist: als die Schraube abbricht, kann man sie nicht sofort mit einer Zange herausdrehen, das ist im Zeitplan nicht vorgesehen. 4 Tage dauert es bis man das Herausdrehen genehmigt und auf den Arbeitsplan gesetzt bekommen hat. Es Scheitert. Für das Herausdrehen mit einem Schleifpapier und dem Rasierschaum und dem Genehmigen braucht man weitere 3 Wochen! Dasselbe zeigt sich als man am 19.1.2015 einen merkwürdigen Geruch aus dem ATV wahrnimmt. Dort wird Müll gelagert. Was würden sie tun? den riechenden Müllsack sucehn und aussortieren. Bei der ISS schließt man die Luke, verständigt die Bodenkontrolle, die dann drei Tage später die Erlaubnis für dass Öffnen der Luken und das Suchen nach dem Müllsack erteilt!

Kein Wunder dass das ATV Kontrollzentrum Sonderschichten einlegen musste, weil diesmal der Transporter flacher in die Atmosphäre eintritt (er soll den Wiedereintritt der ISS simulieren), alles muss enorm durchgeplant werden, es ist unglaublich bürokratisch geworden und unterscheidet sich damit gravierend von den ersten zwei Jahrzehnten der Raumfahrt als man noch viel mehr Freiheiten hatte und improvisierte. Ich befürchte beim heutigen Burokratieoverhead wäre sowohl Skylab als Raumstation wie auch die Besatzung von Apollo 13 verloren gewesen, bevor an eine Lösung erarbeitet hat. Nebenbei entkräftet man damit auch ein Hauptargument für die bemannte Raumfahrt, nämlich das man so was mal schnell reparieren kann. Das Experiment brauchte so 3 Monate bis zur Inbetriebnahme und 3 Jahre vom Antrag bis zum Flug zur ISS. Was der Beitrag auch unterschlägt ist das es kein unabhängiges Experiment von einer Uni ist, sondern von dem Institut für Materialphysik im Weltraum stammt, also speziell dafür konstruiert wurde. Dagegen suggeriert der Beitrag es wäre ein Experiment das es auf der erde schon gäbe und das um bessere Bedingungen zu bekommen an Bord der ISs durchgeführt werden soll.

Nun nimmt man von der ISs ja wenig wahr – zumindest was es an Ergebnissen gibt. Stattdessen gibt es Schlagzeilen durch Gimmicks. Da flog mit Alexander Gerst eine Biene zur ISS, die mal auf dem Dach der Bonner Kunstaustellung lebte und nach dem (antürlichen) Tod in Kunstharz eingegossen wurde. nun kam sie wieder zurück. Boah, dafür brauchen wir bemannte Raumfahrt, genauso wie für dss Befördern eines Meteoriten ins All mit einem ATV. Meine Meinung: So etwas macht die bemannte Raumfahrt nicht populärer, genauso wie das Mitführen anderer Gimmicks sondern löst nur Fragen aus wie „Muss man so was mit unseren Steuergeldern finanzieren?“.

One thought on “Heldenverehrung

  1. Also Gimmicks wurden schon bei den Sowjets „mitgeschleppt“, bei den Deutschen Missionen wurde ebenfalls jedesmal ein Gimmick mitgenommen: Mäuse usw.

    Gut, der Mensch macht sowas halt, strenggenommen sollten dann auch Musikinstrumente, Bilder, Briefe oder Sondernahrung (außer medizinisch indzierte) auch am Boden bleiben.

    Aber so läufts halt nicht, entweder wegen Publicity oder sonstwas, gut.

    Bemannte Raumfahrt ja oder nein, daß ist die Frage.

    Die Diskussion wurde eigentlich schon von Anfang an geführt, beides hat Vor- und Nachteile. Deshalb sollte man versuchen alles darauf auszurichten, daß Ergebnisse erzeugt werden, die die Menschheit vorwärts bringen.

    Man hört nichts von Dingen wie der Osteroporese (hoffentlich richtig geschrieben), die bei Langzeitaufenthalten ja „in Zeitraffer“ auftritt. Da gibts noch kein Mittelchen dagegen. Bei den Erkrankungen im Herz- und Kreislaufsystem ist mir auch noch nichts bekannt.

    Bei der „Roboter-Raumfahrt“ sind auf der Habenseite die altbekannten Dinge wie Kommunikation, Navigation, Landwirtschaft etc, etc zu nennen, die einen Effektiven
    Wert besitzen.

    Es bleibt also spannend…

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