Erste Regel für den Notfall am Computer: Null Emotionen

Derzeit lese ich von Eugen Reichl „Die N1 Moskaus Mondrakete“. Dazu gibt es wenn ich fertig bin, noch eine Buchkritik. Dabei bin ich auf folgendes gestoßen: (über das Steuersystem KOORD) „Trotzdem war es ein Mirakel der sechziger Jahre. Das Telemetriesystem war in der Lage auf 14 Frequenzen und 320.000 Kanälen eine Datenmenge von 9,6 Gigabytes pro Sekunde zu senden und zu empfangen“.(S.136 unten) Das fand ich erstaunlich und glaubte zuerst an einen Irrtum. Heute können wir über 10 Gigabit Ethernet gerade mal ein Zehntel der Datenmenge transferieren. 10 Gigabyte pro Sekunde das ist das doppelte das ein Core eines Haswells oder Skylake im Burst-Betrieb vom Hauptspeicher transferieren kann. WLAN kann mit einer Antenne auf 40 MHz breiten Kanälen maximal 150 MBit/s transferieren. Selbst mit 14 Kanälen käme es nicht auf 9,6 Gigabyte pro Sekunde.

Doch kann sich Eugen Reichl irren? Schließlich ist er ja ein „ausgewiesener Fachmann“ der an der „Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik“ sitzt und sich so in beiden Bereich bestens auskennt. Er macht jährlich hunderte von Vorträgen, schreibt Bücher und hat einen Blog. Ich habe ihn nach dem Material gefragt, es durchgelesen und weiter recherchiert und heraus kam unglaubliches.

Diese enorme Datenmenge wurde nicht nur übertragen. Sie musste auch verarbeitet werden. Nach dem ersten Fehlschlag der N1 konstruierte man ein Computersystem, das die Daten in Echtzeit auswerten konnte. Mit dem damaligen Stand der Technik war das nicht einfach. Die erste Version von 11K47 (einen offiziellen Namen bekam das Computersystem nie, in Russland gibt es nur „Erzeugniscodes“) belegte eine 60 x 20 m große Halle. Im 2400 Schränken waren jeweils 15 Verarbeitungseinheiten untergerbacht. Die 320.000 Verarbeitungseinheiten, man würde bei uns Computer sagen, verarbeiteten jeweils die Signale eines Kanals, sodass der Datendurchsatz auf 30.000 Werte pro Sekunde sank, eine auch damals handelbare Menge.

Mit 11K47 fing man an die N-1 neu zu konstruieren. Man teilte den Rechner auf um verschiedene Probleme anzugehen. Man berechnete die Parameter der NK-33 und 43 Triebwerke, die dann in Testläufen erstaunliche Zuverlässigkeit erreichten und bis heute Rekordwerte bei spezifischem Impuls, Lebensdauer, Schub/Gewicht und anderen Parametern halten. Doch die Mühe war umsonst. Das Politbüro hatte beschlossen das nach der erfolgreichen Mondlandung der Amis das Programm eingestellt würde und man die Existenz der N-1 verschweigen würde. Die N-1F die mit 11K47 konstruiert wurde wurde nie fertiggestellt, die verbliebenen Teile verschrottet oder umgewidmet zu Garagendächern oder Spielplätzen.

Die Spezialisten die 11K47 programmierten, beschlossen sich zu rächen. Denn  11K47 war einzigartig. Russland wollte die Mondrakete verschrotten, den Computer wollten sie aber behalten. Sie machten Modifikationen an den Programmen und sie berechneten zuerst neue Versionen der NK-33 und 43 für den Serienbau. Auch sie sollten nicht umsonst entwickelt werden. Sie waren für einen Ersatz der R-7 vorgesehen. Ein erstes Los von 72 Triebwerken wurde produziert und in einer Halle gelagert. Doch es fehlte das Geld für diese Rakete. So wurde auch die Produktion der NK-33 eingestellt. Diese Versionen des NK-33 enthielten kleine Fehler, die erst beim Flug auftreten würden. Die NK-33 wurden Ende der Neunziger an Aerojet verkauft und dann bei der Antares eingesetzt, versagten dreimal schon im Teststand und einmal im Flug.

Es gelang 11K47 der Regierung als Lösung anzupreisen viele Dinge zu berechnen. Vom militärischen Bereich bis zur Ökonomie. Und da die Programmierer beibehalten wurden, konnten sie ihr Zersetzungswerk fortsetzten. 11K47 berechnete ein Kampfflugzeug das Mach 3 erreichte – man pries es als allen westlichen Mustern überlegen an, doch die Mig 25 war so teuer und hatte eine so geringe Triebwerkslebensdauer dass sie sich als Milliardengrab entpuppte. Mit 11K47 wurde ein Raketenabwehrschild entworfen. Er hätte funktioniert, aber verschlang ebenfalls Milliarden und konnte nur Moskau schützen. Es gelang 11K47 durch Fortschritte in der Technik zu verkleinern und Anfang der Achtziger Jahre passte der Computer in ein Zimmer und wurde nun in Serie hergestellt. Es wurden Programme entwickelt, mit denen man die Produktion und Ökonomie steuern konnte. Doch noch immer waren die Spezialisten beseelt von der Rache an der N-1 Einstellung. Die Programme machten genau das Gegenteil des erwarteten. Die Programme waren korrekt, doch die Vernetzung zwischen den Produktionsstätten zur Abstimmung und damit den Computern wurde ausgenutzt um die Produktionszahlen zu manipulieren. So wurden einmal Kämme en Maß produziert, ein Kombinat. dass dagegen die Kunststoffe für Zahnräder in Konsumprodukten rbauchte bekam kaum Kunststoff und musste seine Produktion herunterfahren. Diese Kunststoffkleinteile benötigten aber Zig andere Fabriken die dadurch ihre Produkte ebenfalls nicht herstellen konnten und es eine Verknappung an Konsumgüter jeder Art gab. Damit dies nicht auffiel, wurden zwei Bereiche ausgespart: der militärische Bereich und die Schwerindustrie. Da diese nun Effizienzsteigerungen aufweisen konnte, suchten die politisch verantwortlichen die Ursache bei korrupten Managern oder dem Alkoholismus der Bevölkerung.

Die Folgen waren nun viel schwerwiegender. Es gelang innerhalb weniger Jahre die Wirtschaft zum Kollaps zu bringen. Selbst Gorbatschow konnte mit Perestroika und Glasnost das Ruder nicht mehr herumreißen. Russland brach zusammen. Das Team, das den 11K47 konstruiert und programmiert hatte, war nun arbeitslos. Doch sie hatten einen einmaligen Erfahrungsschatz, die meisten machten ihr Wissen zu Geld und wechselten in die USA. Dort übernahm sie zuerst DEC. Sie entwickelten dort den Alpha-Prozessor und eine neue Version des VMS Betriebssystems für diesen Prozessor. Als DEC von Compaq übernommen wurde gingen die Softwarespezialisten zu Microsoft und entwickelten dort das Betriebssystem NT4, das die Basis des heutigen Windows ist. Die Hardwarespezialisten gingen zu AMD und entwickelten dort den Athlon. Er war erheblich schneller als der damals ebenfalls neu erschienene Pentium 4 von Intel. Er erreichte es durch mehr parallel arbeitende Einheiten – mit der Synchronisation von vielen Einheiten hatte die Entwickler des 11K47 ja Erfahrung genug. Danach verliert sich ihre Spur. Fachleuten erscheint es aber unwahrscheinlich das man heute Supercomputer mit tausenden von CPU’s effizient synchronisieren könnte, ohne deren Wissen.

So zehren wir heute noch vom Wissen der Konstrukteure des 11K47.

3 thoughts on “Erste Regel für den Notfall am Computer: Null Emotionen

  1. Ja, es gibt noch viele Beispiele für den Einsatz von 11k47!

    Stuttgart 21, Ber, zweite Stammstrecke in München und A400M,
    Drohnen für die Bundeswehr etc, etc…

    So einen Quatsch können auch nur frustrierte Russen auf ihren Computern berechnen, und dann in der BRD die Abnehmer finden.

    (oder hatten die Russen eher dem Wodka zugesprochen?)

    Aber Winzigweich wird mit Fenster 11 schon alles richten…

    Verschörung aus 😉

  2. Also, ich weiß wie das Lied weitergeht:
    Die Gefühle müssen raus, schalt mich aus, schalt mich ein…
    träller….. War bei der NdW in den 80gern ein Hit, allerdings welche Gruppe/Interpret weiß ich nicht mehr.

    Kraftwerk hat ja auch Computerliebe als Titel verwendet, allerdings hat nicht Computer, sondern der User feuchte Träume…
    sogar noch über Btx!….
    Das waren noch Zeiten….

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