Ich bin Spender

Irgendwie zeitgleich kamen am Wochenende zwei Dinge zusammen. Zum einen die Zusendung eines Briefs der DKMS, mit dem man sich als Knochenmarkspender registrieren kann und dann der Vorstoß von Spahn die Spenderregelung für Organe zu regeln.

Ein Thema, zwei Aspekte. Fangen wir mal mit dem Ersten an. Ich wollte schon mal Knochenmarkspender werden. Als ich mich da vor einigen Jahren erkundigte, war das nur mit Blutprobe, die beim Arzt abgenommen werden sollte, das Set bekäme ich aber zugesandt. Da ich selten beim Arzt bin – alle zwei Jahre zur Vorsorgeuntersuchung, sonst nur, wenn mir was fehlt, was Gottseidank nur alle paar Jahre vorkommt – kam das für mich nicht infrage und verstand auch nicht das System erst mir was zu schicken und dann den Arzt die Probe entnehmen zu lassen – Blutproben nimmt der Arzt doch routinemäßig. Röhrchen und alles, was man sonst braucht, hat er also sowieso.

Inzwischen geht das mit Wagenschleimhautabstrichen. Als ich dazu ein Plakat der DKMS sah, habe ich die Wattestäbchen angefordert und inzwischen wieder zurückgeschickt.

Ich würde mich freuen, wenn ich jemanden Knochenmark spenden kann, weil das anders als bei Organen ja ohne eigenes Risiko geht. Die Chance ist allerdings gering – registriert sind 7 Millionen Spender und bisher waren 61.000 Spenden nötig, also etwa 1:120. Da man nur bis zum 55-sten Geburtstag sich neu registrieren kann und beim 61-sten aus dem Register gelöscht wird und ich jetzt schon 53,5 Jahre alt bin ist die Chance dann noch geringer (die 61.000 Fälle beziehen sich auf einen Zeitraum von 20 Jahren).

Das Zweite ist der Vorschlag von Spahn die Regelung von Organspenden zu invertieren – also anstatt das man explizit sagen muss, man will Organe spenden, muss man explizit sagen, dass man nicht spenden will. Was mir gefiel, ist das er kein fertiges Gesetz einbringen will, sondern im Bundestag eine Regelung durch Diskussion finden will. Könnte man öfters machen, nur mal so als Vorschlag. Es gibt ja viele gesellschaftsübergreifende Themen, bei denen es auch innerhalb der Parteien unterschiedliche Standpunkte gibt.

Das Thema ist hoch emotionsgeladen und die Standpunkte sind extrem weit auseinander. Schon in den Tagesthemen kam als eine Reaktion vom Vorsitzenden des Ethikrats, das man so den Charakter der Spende verändert. Es wäre nun ja keine Spende mehr, sondern Pflicht. Ich halte das für Wortglauberei. Es heißt zwar Organspende, aber wer tot ist, kann nichts mehr spenden. Zumindest in meiner Vorstellung ist das Spenden ein aktiver Vorgang. Es heißt eben „Spende“ weil das toll klingt. Genauso, wie der Solidaritätszuschlag nicht Solidaritätssteuer heißt, weil das Erste besser klingt. Nach dem Tod hat man keine Verfügungsgewalt mehr auch das Vermögen geht ja an die Erben über die ohne Spenderausweis heute entscheiden müssen, ob eine Organspende möglich ist. Also eine Spende ist das nicht.

Ich weiß aber auch, dass Leute sich viel Gedanken über die Art ihrer Beerdigung und ihres Grabes machen. Meiner Mutter war wichtig das Sie beerdigt und nicht verbrannt wird. Das war religiös begründet. Andere wollen „unversehrt“ begraben werden, also ohne aufgeschnittenen Körper. Wobei ich hier denke das in der Frage eher die Angehörigen das Problem sind und selbst wenn man das will, man ja nicht weiß, wie man stirbt – die meisten Organspender dürften von Verkehrsunfällen stammen. Das passiert in der Öffentlichkeit, sodass rechtzeitig ein Notarztwagen vor Ort ist, denn wenn jemand erst mal tot ist, kann man keine Organe mehr entnehmen. Dann kann der Körper aber auch durch den Unfall verunstaltet sein.

Ich denke relativ pragmatisch. Wenn ich sterbe, wird schlussendlich der Körper abgebaut. So geschieht zumindest etwas Nützliches mit ihm. Mich definiere ich über meinen Verstand und das was man so gemeinhin als Seele definiert, aber nicht über Körperteile. Ich fände es eher befremdlich, wenn man nach dem Tod „erhalten“ bleibt. Ich finde so Knochensammlungen in manchen Kirchen sehr gruselig. Damals wollten die Leute möglichst nahe am Altar begraben sein, und da der Platz endlich ist, hat man nach einigen Jahren die Knochen ausgegraben in die Wand eingebracht und neue Leute beerdigt.

Ehrlich gesagt finde ich den Gedanken das ich so jemanden das Leben retten kann sehr schön, was mich auch zur Registrierung als Knochenmarkspender bewogen hat, denn da kann man das zu Lebzeiten und ohne eigenes Risiko.

Eine Diskussion über das Thema täte gut. Das Modell, das man explizit widersprechen muss, gibt es ja schon, z. B. In Spanien. Es ist ja auch bei dem Modell nicht so, das man nicht festlegen kann, was man will. Man muss es nur selbst tun. Ich halte das für eine gute Idee, denn ich denke die wenigsten beschäftigen sich mit der Frage der Organspende und wahrscheinlich haben auch die wenigsten etwas gegen sie. Die die dagegen sind können sich dann immer noch dagegen entscheiden und das kann ja genauso informell wie bei einem Organspenderausweis geschehen – den bekommt man in jeder Apotheke oder bei jedem Arzt und hat ihn in 5 Minuten ausgefüllt. Das Gegenstück an Bürokratie ist die Patientenverfügung, bei der geraten wird, sie anwaltlich aufsetzen zu lassen, damit auch jeder Fall berücksichtigt wird.

Das Problem liegt aber nicht nur an der Anzahl der Menschen mit Organspenderausweisen. Andere Nachrichten berichten, das auch die Krankenhäuser nur ungern die Operationen durchführen, weil sie finanziell unattraktiv sind. Doch das ist ein anderes Thema.

Wie schon geschrieben. Ich denke sehr pragmatisch und bei zu wenigen Organspendern kommt mir auch ein Gedanke, von dem ich weiß, das ihn wahrscheinlich 99 % der Leser ablehnen. 2014 starben in Deutschland 10.209 Menschen durch Selbstmord. Sicher gibt es viele aus Kurzschlusshandlungen – Liebeskummer, Schicksalsschlag. Andere sind Folgen von Erkrankungen wie schwerer Depression. Aber ich denke Menschen bringen sich auch um, weil für sie subjektiv das Leben nicht mehr lebenswert ist und damit meine ich nicht seelisch, sondern physisch. Mein Vater starb an Dickdarmkrebs. Die letzten vier Wochen war er nur noch ans Bett gefesselt, konnte fast nichts mehr essen und verfiel zusehends. So was möchte ich nicht durchleben. Da würde ich vorher meinem Leben ein Ende setzen und auf die letzten vier Wochen verzichten. Ein anderer Grund könnte Demenz oder Alzheimer sein. Gut, dies ist geprägt von dem Eindruck denn man von außen von den Menschen hat, wie es in ihnen aussieht, weiß man nicht eben, weil sie sich kaum noch mitteilen können. Aber es wäre ein Zustand, den ich nicht miterleben möchte. Zuletzt gibt es dann noch schwere Querschnittslähmungen in der Art, das auch die Arme nicht mehr kontrolliert werden können. Dann ist man vollständig auf andere angewiesen und kann trotzdem nur wenig tun.

Ich finde es befremdlich, das ich in Deutschland meine Katze schmerzlos einschläfern lassen kann, aber die Medizin einem keine Hilfe ist, wenn man selbst sein Leben beenden will. Im Gegenteil sie will einen so lange wie möglich am Leben halten, selbst wenn man jahrelang im Koma liegt, bevor man stirbt. Damit dies nicht passiert, muss man sogar eine Patientenverfügung aufstellen.

Mein Vorschlag: es sollte so etwas wie die Schwangerschaftsberatung für (potenzielle) Selbstmörder geben. Mit zwei Zielen: Personen, die psychische Probleme haben oder in Ausnahmesituationen sind zu helfen, und so einen Selbstmord zu verhindern (z. B. Über Therapie). Wer einen wirklich überzeugenden Grund hat – obige drei würde ich als überzeugend ansehen – der sollte dann auch medizinisch betreut aus dem Leben scheiden können. Natürlich auch hier nicht ohne Alternativen anzubieten – vielleicht überlegt sich z.B. jemand mit Krebs im Endstadium es sich bei einer geeigneten Schmerztherapie noch anders.

Ich weis, das ist provokant und es widerspricht dem hippokratischen Eid. Aber den halte ich für sowieso grundgesetzwidrig. Im Grundgesetz steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Trotzdem entscheiden Ärzte darüber, ob Menschen die im Koma liegen, dauerhaft künstlich am Leben erhalten werden oder nicht und noch häufiger ob Menschen in eine geschlossene Anstalt eingeliefert werden.

Was hat das mit den Organspenden zu tun? Nun, wenn man so aus dem Leben scheidet, dann hat man die besten Bedingungen für eine Organspende. Die Leute sind ja vorher meistens gesund. Sicher schneiden viele aus. Krebspatienten, sehr alte Personen. Aber wenn ich gerade mal die Fälle von völliger Querschnittslähmung nehme – da funktionieren alle Organe einwandfrei, man hat „nur“ keine Kontrolle über den Körper mehr. Es gäbe genügend Zeit alle biochemischen Parameter zu bestimmen und die Organspende vorzubereiten, die dann beim Ableben erfolgt. Verhindern müsste man nur, dass es einen Missbrauch gibt. Dass man also jemanden dazu drängt, der z.B. nur schwere Depressionen hat. Das könnte geschehen, indem die Ärzte, welche die Beratung durchführen, völlig unabhängig von denen sind die Organspenden durchführen und indem man die Untersuchungen, welchen Gewebetyp man hat, erst nach der Entscheidung durchführt.

Ich weiß der Gedanke ist provokant, aber ich meine überlegenswert. In Deutschland hat der Schutz des Lebens einen hohen Stellenwert. Inzwischen, wie ich meine, sogar einen höheren als die Selbstbestimmung. Einer der Einwände die gegen die heutige Form des Betäubungsmittekgesetzes ist die, das es schon den Konsum von bestimmten Mitteln unter Strafe stellt, was gegen die im Grundgesetz verankerte Selbstbestimmung über den Körper verstößt. Doch das wird ja auch nicht reformiert.

One thought on “Ich bin Spender

  1. Ein schwieriges Thema:

    Es ist sehr mit persönlichen, ethischen, geschichtlichen und religiösen Bedingungen durchsetzt.
    Die persönlichen können nicht weiter diskutiert werden, denn sie sind ja persönlich.
    Die ethischen sind abhängig von der Kultur des betreffenden Landes, der der Person und auch von der Meinung von Philosophen.
    Die geschichtlichen gelten nur für das betreffende Land. In unserem wurde im Namen der Genetik, Eugenik und „Rassenreinhaltung“ Dinge getan die gegen alles verstießen was das Zusammenleben von Menschen ausmacht.
    Natürlich kann man sagen, das ist Vergangenheit in diesem Land, aber es gibt viele, die das als geschichtliche Bedingung in die Diskussion einbringen.
    Die religiöse ist genauso verschieden, wie die Religionen selbst da kenn ich nur eine Religion, und die sagt wohl eher nein….

    Meine persönliche Meinung dazu:
    Ich persönlich bin gegen eine Organtransplantation meiner Organe, und ich werde auch keine Transplantation von Organen in meinen Körper zulassen.
    Warum?
    1. Das derzeitige System kann meiner Meinung einen Mißbrauch nicht verhindern, es ist zuviel Geld im Spiel und die Menschen sind zu verführbar.
    2. Das medizinische Risiko für den Empfänger ist nicht beherrschbar, die Abstoßungsreaktionen bzw. die Medikamente dagegen sind noch viel zu „primitiv“ und bringen dem Empfänger meiner Meinung nach nicht eine besonders gute Lebensqualität. (da kann ich mich irren)
    3. Man sollte endlich anfangen und Transplantion von genetisch geänderten Tieren entwickeln.
    Die Vorteile: Der (tote) Mensch wird nicht mehr als „Ersatzteillager“ benutzt. Die Abwehrreaktionen können bis nahezu Null heruntergefahren werden. Es kommen als Empfänger auch Menschen in Frage, die sonst nicht dafür in Frage kommen. (z.B. mein Kumpel, dessen Krebsbehandlung auch die Nieren so angriff, das er jetzt an der Dialyse hängt, aber kein Transplantationspatient ist). Und zuletzt die Kosten, so könnte das ganze Industrieller gemacht werden.
    Die Nachteile: Grob gesagt: die Gewinne mancher werden schrumpfen. Gentechnik ist besonders in Deutschland umstritten. Tiere werden noch mehr als jetzt schon zur reinen Ware.

    Fazit: Egal ob man dafür oder dagegen ist, ob man spendet oder nicht es bleibt schwierig.

    Meint Ralf mit Z

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