2019 oder 1932?

Zuerst etwas Persönliches. Den heutigen Blog wollte ich eigentlich schon früher publizieren. Doch dann erfuhr ich vorgestern Abend vom plötzlichen Tod von Thomas Schmidt. Thomas Schmidt war 35 Jahre Radiomoderator beim SDR / SWR. Das hat mich sehr getroffen. Ich habe mir überlegt ob ich einen Blog verfassen sollte, aber wegen des Ewigkeitscharakters und vor allem, weil soweit ich es mitbekommen keiner meiner Blogleser SWR1 hört, habe ich es gelassen. Trotzdem hat es mich tief getroffen. Thomas Schmidt hatte nicht nur eine sofort erkennbare Stimme, er hatte eine Art von Moderation die einen mitnahm. Eine Mischung aus Freundlichkeit und leichter Ironie. Mir hat er schon gefehlt, als er im letzten Herbst ziemlich lange Urlaub machte und es an seinem Stammsendeplatz eine Vertretung gab. Zuletzt hat er nicht nur moderiert, sondern hatte seine eigene Sendung mit Gästen und Rubriken die von überflüssigen Fakten aus der Welt des Sports bis hin zu Insektenkunde reichten. Zumindest von der letzten habe ich auch einiges in Erinnerung gehalten.

Obwohl ich schon damit rechnete, dass er bald nicht mehr im Radio zu hören sein würde – Schmidt starb mit 62, und andere Moderatoren, die ich von Jugend an kannte, wie Stiller und Schneidewind gingen in den letzten Jahren schon in Rente, traf mich das sehr. Ich habe mich gefragt, warum so viel mehr als der Tod etlicher Popgrößen die in den letzten Jahren starben wie David Bowie, Prince oder Whitney Houston. Schließlich höre ich deren Musik immer wieder und ein Radiomoderator moderiert sie eben nur an. Aber die Musik von Prince & Co bleibt und da keiner der Künstler etwas in den letzten Jahren produziert hat, das ich wahrgenommen habe, macht es eigentlich für mich keinen Unterschied. Aber Thomas Schmidt hat mich über mein Leben begleitet. Man lernt dann auch aus kurzen Moderationen doch jemanden kennen und lieben. Auch wenn man ihm niemals antworten kann gewöhnt man sich an ihn und dann fehlt er mir. Ich bin nicht so toll im Ausdrücken meiner Gefühle, aber ich kann vieles teilen was andere SWR1 Hörer geschrieben haben. Die Bestürzung war im Radio schon am Donnerstag bemerkbar, als nur Musik kam ohne Moderation dazwischen. Das hat sich auch am Freitag fortgesetzt, wobei man den ganzen Tag „Pop und Poesie“ gespielt hat – eine Rubrik wo vor einem Lied während das Intro im Loop läuft, der deutsch übersetzte Text vorgelesen wird. Hätte man auf die fröhlichen Eigenwerbungs-Jingles verzichtet, es wäre noch besser gewesen. Allerdings habe ich das nicht lange durchgehalten und nach spätestens einer Stunde wieder abgeschaltet. Thomas Schmidt fehlt mir.

So nun zum eigentlichen Blog.

Als ich in der Schule den Nationalsozialismus durchnahm (und das nicht einmal, sondern dreimal – je einmal in Hauptschule, Berufsfachschule und Gymnasium) fragte ich mich immer, wie damals so viele Leute Hitler wählen konnten. Liest man sich seine Texte aus mein Kampf durch, dann muss man schon viel Nachsicht haben für diesen Schreibstil und diese Hasstiraden. Nicht viel anders sind seine Reden, die mit ihrer übertriebenen Gestik heute unfreiwillig komisch wirken – er wird hier aber von Mussolini noch übertroffen.

Mit meinen Eltern konnte ich darüber nicht reden. Meine Mutter war 8 als Hitler gewählt wurde, mein Vater 11. Sie wuchsen schon in einem System auf das jeden in eine NS-Organisation integrierte, auch wenn das bei meiner Mutter nur bedingt klappte. Mein Großvater erlaubte das nicht, konnte später aber den Zwangsdienst in einem Frauenbund nicht verhindern.

In den letzten Monaten bin ich schlauer geworden. Wir haben ja europaweit einen Anstieg der Rechtspopulisten, auch wenn sie bei den letzten Wahlen in Italien und Österreich wieder etwas weniger Stimmen bekommen haben. Aber in Thüringen erzielte die AFD wieder Erfolge. Und man kann durchaus Parallelen sehen:

  • Ein „Ausländer“ ist Spitzenkandidat: Höcke kommt aus dem Westen, Hitler aus Österreich
  • Es wird wieder eine Minderheit am Unglück verantwortlich gemacht: damals die Juden, heute die Flüchtlinge
  • Die wahre Misere hat mit der Minderheit nichts zu tun: damals eine Wirtschaftskrise, ausgelöst durch den schwarzen Freitag in den USA, heute eine verfehlte Politik bei der die Unterschiede zwischen Arm und Reich immer größer werden
  • Argumente werden offensichtlich überzeugender, wenn man sie schreit
  • Klopft man die reden auf Fakten ab, so findet man vor allem falsche Behauptungen.
  • Intoleranz und Radikalität, sowohl bei Höcke wie Hitler.

Im Rückblick finde ich sogar, das die Deutschen 1932 eine bessere „Ausrede“ hatten Hitler zu wählen als die Wähler der AFD heute. Denn damals war die Medienlandschaft eine andere. Internet gab es nicht, Fernsehen auch nicht. Zeitungen waren oft nicht neutral oder wurden von den Parteien selbst herausgegeben. Menschen lebten auch mehr in abgeschotteten Gesellschaften. Wer Arbeiter war, kam kaum mit dem Bürgertum in Kontakt.

Heute haben wir eine solche Isolation wieder in Gruppen auf sozialen Medien die sich selbst bestätigen und „liken“. Suchmaschinenergebnisse, die beeinflusst werden von dem was ,an früher angesehen hat, womit man Vorurteile oder Falschinformationen bestätigen kann. Aber anders als früher kann man diese Abschottung durchbrechen. Unabhängige Information ist daher AFD , PEGIDA und Co ein Dorn im Auge und sie verunglimpfen es als „Lügenpresse“. Sie reden davon das man ihre Meinungsfreiheit beschneide, wobei dies so gemeint ist das man keine anderen Meinungen hören will und strafrechtlich relevante Inhalte wie Beleidigungen

Ein zweiter Grund ist die Ausgangssituation. 1932 gab es über 6 Millionen Arbeitslose, bei einer Arbeitslosenabsicherung die mit heute kaum vergleichbar war. Wer damals arbeitlos war, bekam kein Harz-IV, er bekam gar nichts. Damals bedeutete Armut, um Essen zu betteln, heute bedeutet Armut das Ausgeschlossensein vom gesellschaftlichen Leben. Das ist nicht vergleichbar. Ich vermute, dass wenn man in einer Zeitkapsel jemand von 1932 das Leben eines heutigen Harz-IV Empfängers zeigen würde, er ihn wohl für einen Reichen halten würde, der überhaupt nicht arbeiten muss. Damit will ich nicht die Problematik disqualifizieren, aber der Druck, der durch die Not entsteht und damit auch die Verzweiflung über die Regierung ist eben doch ein anderer.

Ein weiterer Zusammenhang. Die Flüchtlingsschwemme hatten wir 2015/16. Doch die guten Ergebnisse hat die AFD erst seit 2017, als eigentlich die Flüchtlingsproblematik vorüber ist. Auch als Hitler an die Macht kam, besserte sich die wirtschaftliche Situation schon und zahlreiche Maßnahmen, die er sich aufs Heft schrieb, hat schon die vorherige Regierung beschlossen wie den Arbeitsdienst oder Autobahnbau.

Noch in ein anderen Beziehung ist es heute „schlimmer“. Die Führungsriege der NSDAP bestand wenigstens bis auf Hitler aus Deutschen. Aber die Führungsriege der AFD, die ja im Osten so Erfolge feiert, kommt vollständig aus dem Westen: Höcke aus Lünen, Meuten aus Hessen, Gauland wurde zwar in Chemnitz geboren, lebt seit 1959 aber in Darmstadt, Waigel wurde in Gütersloh geboren und lebt in Konstanz, Storch aus Lübeck und Sayn Wittgenstein aus Bad Arolsen. Wie man jemanden wählen kann, der wie Höcke als 17-jähriger vor dem Fernseher die Wende im Westen miterlebte und dann heute von „Wende 2.0“ redet, ist mir ein Rätsel. Vor allem was wollen diese Leute tun, damit es im Osten besser wird? Ich habe von denen noch kein überzeugendes Wirtschaftspolitisches Konzept gehört. Bis kurz vor den Eurowahlen letztes Jahr waren sie ja für einen Austritt aus der EU, haben sich angesichts der Reaktionen hierzulande über den Brexit dann doch anders überlegt.

Noch eine Parallele: kennzeichnend für diese Zeit waren auch politisch motivierte Morde und Hetze. Beides nimmt deutlich zu.

Die wichtigste Parallele ist aber die Regierung. Damals wechselte diese dauernd, weil sie keine stabile Mehrheit hatte, es gab laufend neue Wahlen. Die Bevölkerung hatte nicht das Vertrauen, dass sie die Situation bessern konnte. Die Situation ist heute eine andere. Die wirtschaftliche Situation ist trotz Unkenrufen heute besser als vor einigen Jahren und sie ist auch im Osten besser geworden. Aber die Regierung scheint genauso wenig handlungsfähig zu sein. Es gabt natürlich noch genügend Probleme. Die Schere zwischen Arm und Reich wurde schon erwähnt. Der Rückstand in Sachen Bildung und Infrastruktur wäre noch zu nennen und dann noch die Probleme das wir in der Versorgung mit Internet weltweit nur auf Platz 31 sind – in Europa sogar hinter armen Ländern wie Rumänien. Die Klimaproblematik wäre zu erwähnen. Stattdessen sehe ich Aktionismus. Vorstoße für Siegel, ein Klimagesetz das nicht viel bewirkt, andauernd neue Gesetze gegen irgendwelche Sicherheitsmängel, wie vor wenigen Tagen gegen Hasspredigten. Das steht schon unter Strafe. Mann braucht keine neuen Gesetze, man braucht nur Personal die bisherigen Gesetze durchzusetzen und das sehen auch andere so. Stattdessen gibt es eine neue CDU-Vorsitzende, die nicht mal die Kritik eines Videoblogs toleriert und diese wie Printmedien behandeln will, dann entgegen ihrer Zusage doch ein Regierungsamt einnahm und nun ohne Koalitionsabsprache mit Syrienvorschlägen vorprescht. Merkel glänzt dagegen durch Nichtstun. Die SPD beschäftigt sich monatelang nur mit der Wahl eines neuen Parteivorsitzenden. Das ist ein nachvollziehbarer Verdruss. Nur stattdessen Höcke, Gauland und Co zu wählen ist für mich nicht nachvollziehbar. Die sind noch inkompetenter und sie bieten keine Antwort auf die Probleme, die wir haben. Stattdessen nur Stammtisch-Phrasdendrescherei und Hass predigen. Verbessern tun die AFD-Wähler so nichts. Mit der AFD will keiner koalieren, so verkompliziert sich nur die Suche nach einer Mehrheit. Wenn man allerdings wie die CDU dann kategorisch ablehnt, mit der Linken zu koalieren dann zeigt, man nur das man nichts kapiert hat. Die Linke ist bundespolitisch, wegen ihren Forderungen nach Umverteilung des Vermögens und der Nähe zu Russland nicht als Partner akzeptabel. Aber das tangiert die Landesregierungen, die ja an den Bundesgesetzen nur über den Bundesrat was ändern können, wenig. Und Ramelow hat zumindest – anders als Seehofer – niemals Putin besucht.

Ich habe nie das Konzept eines „Denkzettels“ verstanden. Ich wähle die Partei deren Konzept und Überzeugungen mir am nächsten sind. Ich würde niemals eine Partei wählen, die Positionen vertritt die mir so fern sind oder die keine Antworten auf echte Probleme hat, sondern nur Parolen zu einer Problematik die ich nicht als dringlich ansehe. Schlussendlich möchte ich ja das diese Partei an die Regierung kommt, und so eine Chance hat das umzusetzen was sie plant. Ich glaube nicht das die meisten AFD-Wähler deren Positionen und Wahlprogramm teilen. Sie bauen wohl darauf das sie sowieso nie an die Regierung kommt – alle anderen Parteien haben ja gesagt sie koalieren nicht mir ihr. Aber auch so haben sie doch nichts verbessert.

Was uns von 1932 aber unterscheidet, ist das wir eine Gesellschaft haben, die stabil ist. Gerichte die prominente AFDler verurteilt haben. Aber auch ein Bundesverfassungsgericht, dass der Regierung nicht alles durchgehen lassen. Wir haben eine Medienlandschaft, die man nicht einfach gleichschalten kann und der größte Teil der Bevölkerung lehnt rassistische Parolen ab. Vor allem aber scheint man nur als Dumpfbacke es in der AFD zu was bringen. Man kann von Hitler und Co ja sagen was man will, aber die waren zumindest schlauer als die AFD-ler. Sonst hätte es mit der Gleichschaltung auch nicht geklappt.

3 thoughts on “2019 oder 1932?

  1. “ Die Linke ist bundespolitisch, wegen ihren Forderungen nach Umverteilung des Vermögens und der Nähe zu Russland nicht als Partner akzeptabel.“

    Warum eigentlich nicht? Was ist falsch daran, wenn hart arbeitende Leute besser bezahlt werden? Was ist falsch daran, wenn auch reiche für die Mütter und Erwerbsunfähigen Beiträge leisten (Ausgleich versjcherungsfremder Leistungen aus Steuermitteln). Was wäre falsch daran, dass die Betriebe wieder paritätisch für 100% Rentenbeitrage aufkämen, statt wie heute nur für 96% (Riester).

    Was wäre falsch daran wieder mit Russland zu sprechen, und die Situation etwas unvoreingenommener zu betrachten.

    Eigentlich sollte damit eine Zusammenarbeit mit der Linken auf Bundesebene leicht möglich sein.

    1. Das bedingunglose Grundeinkommen habe ich und andere schon durchgerechnet. Es bekommt ja jeder, und das bedeutet bei 1000 Euro pro Monat Ausgaben von 984 Mrd Euro oder das dreifache was derzeit der Staat einnimmt. Dann bezahlen das auch nicht reiche, sondern jeder, denn die Steuer müsste dann auch um das dreifache erhöht werden. Ob dann noch jemand arbeitet wenn er das meiste was er bekommt an Steuern zahlen muss sei dahingestellt, was dann die Einnahmesituation noch weiter verschärft.

      Mit Russland hat man gesprochen. Die nehmen die Annektion nicht zurück. Das hat nichts mit unvoreingenommen zu tun. Und das die linke meint das wäre okay spricht eigentlich nur für eine ideologische Verblendung.

      1. Unter besserer Bezahlung von arbeitenden Mensch meine ich nicht ein BGE, sondern einen Mindestlohn von mindestens 12-13€. Damit wären auch bei einem ansehnlichen Abstand zum Lohn die Hartz4 Sätze zu erhöhen. Steuerzahler müssten nicht mehr die Extragewinne einiger unsozialen Unternehmen zahlen (Aufstocken). Mütterrente und Erwerbsunfähigkeitsrente aus dem Steueraufkommen zu zahlen finde ich auch gerechter, da auch Selbstständige, Beamte, …. Mütter hatten, und auch erwerbsunfähig werden können.

        Mit dem Sprechen mit Russland meinte ich nicht, wir kommandieren, und die haben zu gehorchen. Betrachten wir doch einmal, dass der Westen in der Ukraine eine Farbenrevolution durchgeführt hat, bei der nicht gewählte Kräfte an die Macht gekommen sind. Unter diesen Voraussetzungen haben sich die Krim und das Donbass von den Putschisten in Kiew distanziert. Die Krim, die vorher auch schon einen autonomen Status hatte hat sich Abgespalten und Russland angeschlossen. Was Verhandlungen mit den neuen Machthabern in Kiew bringen hat das Donbass erlebt, wo alle Zusagen in den Minsk-Verträgen nicht eingehalten wurden, und die dortige Bevölkerung angegriffen schikaniert und ausgegrenzt wird.

        Schön dass wir mal darüber gesprochen haben. Ich erwarte jetzt kein großes Nachdenken, genauso wenig wie man aufgrund der „Gespräche“ eine Ausgliederung der Krim aus der RU erwarten sollte.

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