Russland nennt es Sojus 5, ich nenne es Zenit-R

Vorgestern gab Russland bekannt, das die neue Trägerrakete „Sojus 5“ nicht vor Mitte des nächsten Jahrzehnts in Dienst gestellt hat. Sojus 5? Kannte ich vorher nicht und die nächste Frage die ich habe ist dann was ist mit der Sojus 3 und 4? Schon beim lesen des SpaceNews Artikels beschlich mich das Gefühl, das dies nur eine veränderte Zenit ist. Die Wikipedia bestätigt das.

Die Zenit als Rakete wird in der Ukraine gefertigt, die Triebwerke stammen aus Russland. Das war ein Problem, weshalb der Einsatz der Zenit seitens Russland nach Zerfall der GUS dauernd abnahm. Es gab dann eine Phase in der sich die Situation entspannte und Russland weitere Zenit kaufte. Mit ihnen wurden beispielsweise Phobos Grunt gestartet. Was aber dann durch die Ukrainekrise endgültig aufhörte.

Die erste Stufe der Sojus 5 hat fast die gleiche Masse wie die der Zenit, aber einen etwas größeren Durchmesser von 4,1 m um die Maschinen der Proton (mit ebenfalls 4,1 m Durchmesser nutzen zu können. Das Triebwerk RD-171M ist das gleiche wie in der Zenit. Die zweite Stufe ist kleiner. Das liegt daran, dass man ein RD-120 durch zwei RD-124B ersetzt hat, die selbst zusammen einen kleineren Schub haben. Die Stufe drei ist dann der Block DM, der auch schon auf der Zenit zum Einsatz kam, aber in der heutigen Proton Variante. Da die Zweitstufe der Zenit eine hohe Leermasse aufweist, ist die Nutzlast der Sojus 5 mit 17,3 t in denen LEO höher. In GTO-Bahnen ist sie mit 5 t kleiner, als die der Zenit SLB, da diese von einer geografisch günstigen Position aus startet.

Die Sojus 5 ist der letzte Punkt einer Chaospolitik in der Trägerentwicklung. Eigentlich könnte es ja gut laufen. Die Angara halte ich in der ursprünglichen Konzeption für eine gute Rakete:

  • 1 Booster: Nutzlast ~ 4 t = Ersatz für die Dnepr
  • 3 Booster: Nutzlast ~14 t = Ersatz für die Zenit
  • 5 Booster: Nutzlast ~ 24 t = Ersatz für die Proton
  • 7 Booster: Möglicher Schwerlastträger

Die Sojus kann so nicht ersetzt werden, doch da sie eng an die Sojus-Raumschiffe und Progress Transporter gekoppelt ist, stand das sowieso nie zu Debatte.

In der Auslegung sah ich schon Schwächen. Man hat nur die erste Stufe, das URM neu konstruiert. Die zweite Stufe URM-2 war nur ein vergrößerter Block I, der für die größeren Varianten zu klein war, da er aber sowieso nicht bei der kleinsten Version zum Einsatz kam, hätte man gleich die zweite Stufe der Sojus 5 mit 65 anstatt 40 t Masse einsetzen können. Anstatt der Breeze M und Fregat hätte man auch Block DM3 nehmen können, der etwas größer und schubkräftiger ist, er wäre dann die zweite Stufe bei der kleinsten Variante ohne Seitenbooster. Stattdessen setzt die Angara anstatt drei Stufentypen derzeit vier ein und vier weitere Versionen mit Wasserstoff als Verbrennungsträger sind geplant, wozu es meiner Ansicht nie kommen wird. Wenn Indiens ISRO Geld auf den Tisch legt, bekommt es von Russland eine funktionsfähige LOX/LH2 Stufe, aber fähig dieselbe Stufe auf der Angara einzusetzen, sind sie nicht.

Das Angara-Konzept ist schon etwas verwässert, aber es ist sinnvoll. Es könnte drei Träger ersetzen. Doch es tut sich nichts. Es gab bisher zwei Testflüge und der letzte liegt auch schon fünf Jahre zurück.

Stattdessen gibt es neue Varianten anderer Träger. Wie eben die obige Sojus 5. Warum sie neu entwickeln, wenn man die Angara 3 hat? Die Angara 3 wurde stattdessen gestrichen. Als Konkurrenz zur Angara 1 gibt es die Sojus 2.1v „Volga“, bei der man die vier Seitenbooster wegließ und das zentrale Triebwerk durch ein altes NK-33 aus den Siebziger Jahren ersetzt. Da es starr eingebaut ist und immer noch zu wenig Schub hat, übernimmt ein RD-0110 (aus der vierten Stufe der Molnija ergänzt. Auch eine Paralellentwicklung noch dazu ohne Zukunft, denn die NK-33 werden nicht mehr gebaut – nun erwägt man das RD-191 der Angara zu nutzen, womit man im Prinzip zwei Stufen um dasselbe Triebwerk herum baut.

Meine Alternative

Ich habe das zum Anlass genommen, mal meine Angara-Alternative zu konstruieren. Bei einer Rakete, die über viele Konfigurationen einsetzbar sein soll, muss man Kompromisse machen. So verändert sich je nach Anzahl der Booster das Stufenverhältnis: Eine Angara mit einem URM braucht eine kleinere Zweitstufe als eine mit sieben Boostern. Ich habe daher für 5 Boostern die Zweitstufe ausgelegt. Sie ist dann bei sieben Boostern etwas unterdimensioniert und für drei Booster etwas überdimensioniert, man kann dann aber noch Treibstoff weglassen,d as ist bei LOX/Kerosin relativ unkritisch, weil die Trockenmasse nicht zu hoch ist. Für einen Booster ist sie zu groß, dann würde man direkt die dritte Stufe als zweite Stufe nehmen. Die dritte Stufe benötigt man für GTO Missionen oder Fluchtbahnen.

Ausgehend von 5 x 135 t für ein URM und etwa 25 t Nutzlast würde man die zweite Stufe in der geometrischen Mitte platzieren. Das wären 112 t Masse. Mit zwei RD-0124, die auch ich als Triebwerke bevorzuge (das RD-120 der Zenit Zweitstufe war Ursache der meisten Fehlstarts und ist auch Basis der Kerosinbooster der Langer Marsch 5-7 und bei denen ist derzeit nach einem Fehlstart ein Neudesign der Turbopumpe anhängig). Reicht der Schub aber nicht aus für eine solche Stufe. Ich habe ihre Masse daher nur auf 80 t festgesetzt. Block DM würde ich neu konstruieren. Der originale Block DM wurde bewusst kompakt konstruiert um in die Nutzlastverkleidung der Proton wenig Platz wegzunehmen. Da inzwischen die Proton sowieso eine längere Nutzlastverkleidung einsetzt ist die Konstruktion mit ringförmigen Tanks um das Triebwerk herum nicht nötig. Ich habe trotzdem nur die Leermasse um 400 kg gesenkt. Auch würde ich die schubstärkere alte Version des RD-56 einsetzen, sonst wird es bei der dreistufigen Variante schwer einen stabilen Orbit zu erreichen und man könnte ihn nicht bei der einstufigen Variante einsetzen. Trotzdem muss man auch hier etwas Treibstoff ablassen und erreicht zwar eine Umlaufbahn, aber mit einem zu niedrigen Perigäum. Die Alternative wäre es wie bei der Angara dann Block I oder die Fregat als Zweitstufe zu nehmen, da die Sojus in Produktion bleibt, wären diese stufen ja verfügbar. Das heißt die Angara 1 wäre dann auch identisch zur heutigen Angara 1.1 / 1.2. Weitere Stufen wie im Angara-Programm sehe ich nicht vor. Trotzdem kommt man zu einer schönen Reihe:

Version Nutzlast Orbit
Angara 1 (Block DM nur 19 t Masse) 3,7 t 134 x 200 km x 42 Grad
Angara 3 (Stufe 2 nur 70 t Masse) 4,8 t 190 x 35.800 x 45,2 Grad GTO
Angara 5 10,5 t 251 x 35.800 x 37,5 GTO
Angara 7 12 t 320 x 35800 x 44,1 GTO

Zu den Inklinationen: Sie berücksichtigen die erlaubten Flugkorridore, und sind für einen Azimut von 80 Grad berechnet. Da ich nur direkte Einschüsse berechnet habe, steigt wegen der längeren Brennzeit der Angara 7 (das zentrale URM wird erst nach Brennschluss der sechs äußeren URM gezündet) die Bahnneigung wieder an, da man dann schon wieder den Äquator passiert hat. Realistisch würde man zuerst eine Parbahn (Bahnneigung 44 Grad) anstreben und dann Block DM zünden. Das alleine senkt die Bahnneigung auf 33,5 Grad ab. Das ist zwar immer noch schlechter als bei einem Start vom Cape aus (rund 28 Grad) aber viel besser als die Ausgangsbahn. Ein Ariane-5 kompatibler GTO kostet dann noch mehr Nutzlast. Ein Super-GTO mit einem Apogäum in 80.000 km Höhe ist nur um 100 m/s ungünstiger als ein Ariane 5 GTO. Die Nutzlast für diesen Orbit liegt bei 9 t bei der Angara 3 und 10 t bei der Angara A5

Das niedrige Perigäum bei der Angara 1 liegt an Block DM. Für russische Nutzlasten, die einen integrierten Antrieb haben und das Perigäum selbst anheben, ist das kein Problem. Ansonsten müsste man einfach zwei Brennperioden von Block DM vorhersehen, indem man die Bahn zirkularisiert.

Vergleichen mit der Angara A3 hat diese Version 1,1 t mehr GTO Nutzlast und vergleichen mit der Angara A5 (Breeze Oberstufe) sind es 2,5 t (für den gleichen GTO-Orbit).

Warum Russland nicht auf diese Variante kommt? Ich glaube jeder Hersteller postuliert eine Rakete, in der gerade die Teile verbaut sind, die er verwendet. Anders kann man nicht auf die Idee kommen wie bei der Sojus 5 die Zenit nachzubauen, aber mit dem Durchmesser der Proton anstatt (in der Masse fast gleich) drei URM zu verwenden. Ebenso werden uralte Stufen wie Block I oder Block DM weiter verwendet, auch wenn sie zu leicht sind, ober eine hohe Leermasse (wie Block DM) aufweisen. Keiner will wohl in neue Fertigungsanlagen investieren. Das Hauptproblem ist aber eine Verwaltung, die diese Projekte absegnet, anstatt sich auf eine Familie zu konzentrieren. Auch die kann man ja so auslegen, dass jeder Hersteller einen Teil davon fertigen kann. Schlussendlich hat man aber nicht die Finanzmittel für so viele neue Träger und so passiert eigentlich gar nichts.

Rakete: Angara 1 Neu

Startmasse
[kg]
Nutzlast
[kg]
Geschwindigkeit
[m/s]
Verluste
[m/s]
Nutzlastanteil
[Prozent]
Sattelpunkt
[km]
Perigäum
[km]
Apogäum
[km]
Inklination
[Grad]
162.000 3.700 7.847 1.931 2,28 140,00 200,00 200,00 80,00
Startschub
[kN]
Geographische Breite
[Grad]
Azimut
[Grad]
Verkleidung
[kg]
Abwurfzeitpunkt
[s]
Startwinkel
[Grad]
Konstant für
[s]
Starthöhe
[m]
Startgeschwindigkeit
[m/s]
1.922 46 80 1.500 250 90 10 90 0
Stufe Anzahl Vollmasse
[kg]
Leermasse
[kg]
Spez. Impuls (Vakuum)
[m/s]
Schub (Meereshöhe)
[kN]
Schub Vakuum
[kN]
Brenndauer
[s]
Zündung
[s]
1 1 137.800 9.000 3.310 1922,0 2085,0 204,47 0,00
2 1 19.000 2.500 3.492 86,3 86,3 667,65 205,00

 

Rakete: Angara 3 Neu

Startmasse
[kg]
Nutzlast
[kg]
Geschwindigkeit
[m/s]
Verluste
[m/s]
Nutzlastanteil
[Prozent]
Sattelpunkt
[km]
Perigäum
[km]
Apogäum
[km]
Inklination
[Grad]
510.700 4.800 10.295 2.499 0,94 160,00 200,00 35790,00 80,00
Startschub
[kN]
Geographische Breite
[Grad]
Azimut
[Grad]
Verkleidung
[kg]
Abwurfzeitpunkt
[s]
Startwinkel
[Grad]
Konstant für
[s]
Starthöhe
[m]
Startgeschwindigkeit
[m/s]
5.766 46 80 2.500 250 90 10 90 0
Stufe Anzahl Vollmasse
[kg]
Leermasse
[kg]
Spez. Impuls (Vakuum)
[m/s]
Schub (Meereshöhe)
[kN]
Schub Vakuum
[kN]
Brenndauer
[s]
Zündung
[s]
1 3 137.800 9.000 3.310 1922,0 2085,0 204,47 0,00
2 1 70.000 7.000 3.521 596,0 596,0 372,19 205,47
3 1 20.000 2.500 3.492 86,3 86,3 708,11 578,66

 

Rakete: Angara 5 Neu

Startmasse
[kg]
Nutzlast
[kg]
Geschwindigkeit
[m/s]
Verluste
[m/s]
Nutzlastanteil
[Prozent]
Sattelpunkt
[km]
Perigäum
[km]
Apogäum
[km]
Inklination
[Grad]
801.500 10.000 10.295 1.984 1,25 160,00 200,00 35790,00 80,00
Startschub
[kN]
Geographische Breite
[Grad]
Azimut
[Grad]
Verkleidung
[kg]
Abwurfzeitpunkt
[s]
Startwinkel
[Grad]
Konstant für
[s]
Starthöhe
[m]
Startgeschwindigkeit
[m/s]
9.610 46 80 2.500 250 90 10 90 0
Stufe Anzahl Vollmasse
[kg]
Leermasse
[kg]
Spez. Impuls (Vakuum)
[m/s]
Schub (Meereshöhe)
[kN]
Schub Vakuum
[kN]
Brenndauer
[s]
Zündung
[s]
1 5 137.800 9.000 3.310 1922,0 2085,0 204,47 0,00
2 1 80.000 7.000 3.521 596,0 596,0 431,26 205,47
3 1 20.000 2.500 3.492 86,3 86,3 708,10 637,73

 

Rakete: Angara 7 Neu

Startmasse
[kg]
Nutzlast
[kg]
Geschwindigkeit
[m/s]
Verluste
[m/s]
Nutzlastanteil
[Prozent]
Sattelpunkt
[km]
Perigäum
[km]
Apogäum
[km]
Inklination
[Grad]
1.079.100 12.000 10.295 2.717 1,11 160,00 200,00 35790,00 80,00
Startschub
[kN]
Geographische Breite
[Grad]
Azimut
[Grad]
Verkleidung
[kg]
Abwurfzeitpunkt
[s]
Startwinkel
[Grad]
Konstant für
[s]
Starthöhe
[m]
Startgeschwindigkeit
[m/s]
11.532 46 80 2.500 250 90 10 90 0
Stufe Anzahl Vollmasse
[kg]
Leermasse
[kg]
Spez. Impuls (Vakuum)
[m/s]
Schub (Meereshöhe)
[kN]
Schub Vakuum
[kN]
Brenndauer
[s]
Zündung
[s]
1 6 137.800 9.000 3.310 1922,0 2085,0 204,47 0,00
2 1 137.800 9.000 3.310 1922,0 2085,0 204,47 205,00
3 1 80.000 7.000 3.521 596,0 596,0 431,26 410,47
4 1 20.000 2.500 3.492 86,3 86,3 708,10 842,73

12 thoughts on “Russland nennt es Sojus 5, ich nenne es Zenit-R

  1. Die russische Raketenentwicklung ist wirklich ein Trauerspiel.

    Bei SpaceX hat man den Fall, dass am Anfang eine Revolution versprochen und am Ende gute Evolution geliefert wird.
    Die Russen kündigen schon zu Beginn nur Evolution an und am Ende kommt einfach gar nichts.

    Neben Angara/Sojus 5 gab es in den vergangen Jahren auchweitere Projekte, die es nicht in den regelmäßigen Einsatz geschafft haben. Norbert Brügge hat eine Menge davon aufgelistet. Allesamt Powerpointraketen: http://www.b14643.de/Spacerockets_1/East_Europe_2/East_Europe_2.htm

    Ich habe die Ideen mal mit Interesse verfolgt, aber auf Dauer wird es zu frustrierend, da kaum was umgesetzt wird. Die russische Raumfahrt ist in einem großen Staatskonzern zusammengefasst, und der Hauptauftraggeber für Starts ist ebenfalls der Staat. Also sollte es eigentlich möglich sein, eine nationale Trägerstrategie zu formulieren und umzusetzen. Wenn man die Mittel für die ganzen zweifelhaft sinnvollen, halb oder gar nicht vollendeten Projekte zusammennimmt, könnte Russland mit einer modularen Raketenfamilie zusammen mit einem Kleinträger seinen Eigenbedarf abdecken und dank Skaleneffekten auf dem freien Startmarktweiter eine Rolle spielen.  

    Vor Jahren hatte ich auch schon mal einen Artikel für eineverbesserte Angara:http://www.bernd-leitenberger.de/blog/2013/08/15/macht-noch-mehr-aus-der-angara/

    1. Wo bitte bietet PlatzX eine gute Evolution? Was macht dieses Startup Neues was andere nicht schon davor gemacht haben? Wo ist ein effektiver Nutzen für beispielsweise den Kunden zu sehen ?

      1. Von den erteilten Aufträgen her war SpaceX in den von ihnen abgedeckten Bereichen (Satellitenstarts, ISS-Versorgung, Personentransport zur ISS) über die letzten Jahre eine der erfolgreichsten und am schnellsten wachsenden Firmen. Ob sie diesen Trend fortsetzen können, wird sich zeigen. Skepsis ist angebracht (Auftragsflaute bei Satellitenstarts und die zwei Hochrisikoprojekte StarLink (wirtschaftlich) und Starship (wirtschaftlich und technisch, wobei das technische Riskio eher darin besteht, ob die Kostenziele eingehalten werden könne)). Ich würde Erfolg bei beiden Projekten begrüßen, aber nicht mein Geld darauf wetten, dass die Ankündigungen eingehalten werden-ordentliche Teilerfüllung halte ich aber für möglich.

        Falcon 9: Ich finde das Design gelungen: Es wird nur ein Triebwerkstyp verwendet, dadurch Einsparungen bei Entwicklung und Produktion. Gleiche Tankgeometrie und Treibstoffsorte vereinfacht Serienproduktion. Stufen haben sehr gutes Vollmasse/Leermasse-Verhältnis. Zentraler Schwachpunkt die zu kleine Fairing (aufgrund struktureller Probleme?).

        Wiederverwendung 1: Inwiefern Wiederverwendung Geld spart, hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Ich denke aber, bei den relativ hohen Startzahlen von SpaceX darf man von einer gewissen Kostenersparnis ausgehen in der Form, dass die Startkosten für eine komplette Rakete absolut (!) bei Wiederverwendung geringer sind. Dadurch ergibt sich eine erhöhte Flexibilität: Wenn die gesamte Nutzlastkapazität gebraucht wird, dann startet man die Rakete im Wegwerfmodus, wird nur ein Teil der Nutzlastkapazität gebraucht, dann verwendet man wieder. Was andere Raketenkonzepte durch modulare Bauweise regeln, läuft bei SpaceX halt über Wiederverwendbarkeit. Das ist für den Raketenmarkt eine neue Herangehensweise. Revolution fände ich hier übertrieben, davon würde ich sprechen, falls wirklich einmal innerhalb kurzer Zeit mit minimaler Wartung wieder gestartet werden kann.

        Wiederverwendung 2: Das Verfahren für die Wiederverwendung ist ebenfalls ordentliche Evolution, da es auf die Vorarbeit und die Prototypen anderer Organisationen erstmals die Anwendung bei einer richtigen Trägerrakete folgen lässt. Ich finde das Verfahren gut, denn es kommt größtenteils mit den Teilen aus, die ohnehin für die Rakete gebraucht werden. Andere Ideen, wie geflügelte Erststufen, greifen stärker in die Konstruktion der Raketenstufe ein und belasten die Rakete eventuell auf andere Weise als gewöhnlich, während sie beim von SpaceX angewendeten Verfahren weitestgehend so landet, wie auch gestartet ist.
        Produktion&Organisation: Großer Anteil an Eigenproduktion. Wirtschaftliche und technische Risikobereitschaft. Ob beides ein sinnvoll oder überhaupt ein Fortschritt ist, kann natürlich debattiert werden.

        Preise: Für bestimmte Marktsegmente hat SpaceX definitiv zu geringeren Preisen pro Kilogramm Nutzlast als bislang geführt bzw. zuletzt eine bessere Zuverlässigkeit als andere Billiganbieter (vor allem Russland) gezeigt. Als Beispiele für ihre Stärken kann man LEOs/SSOs anführen, beim GTO sind sie nach den offiziellen Zahlen etwa vergleichbar mit Arianespace (60 Mio für 5,5t in GTO-1800 vs 130 Mio für knapp unter 11t in besseren GTO-1500). Oft werden die SpaceX-Kosten auch mit Trägern verglichen, die mit der F9-Familie bislang nicht mögliche Missionen fliegen-das ist nur sehr begrenzt sinnvoll.

        Marketing: Beim Marketing kann man von Revolution sprechen, sie schaffen es immer wieder in die Schlagzeilen (mit positiver Berichterstattung) und haben unter Raumfahtinteressierten eine große Fanbase aufgebaut (die bei mir aber zum Teil einen sektenartigen Eindruck hinterlässt).

        Technische/genaue Information: Hier haben wir statt Evolution Regression, der Hang von SpaceX zu widersprüchlichen Informationen und Präsentation optimistischster Annahmen als bald eintreffende Realität ist ja bekannt.
        Wenn man vorsichtig formulieren will, ist das eine Mischung aus Nachlässigkeit, Geheimniskrämerei und Optimismus, wenn man mit schärferer Zunge reden will, kann man es oft auch Lüge nennen.

        (Okay, von der Länge her ist das jetzt versehentlich mehr ein Gastbeitrag als ein Kommentar geworden)

  2. Die Angara ist anscheinend viel zu teuer fur was sie schaffen kann. Die Soyuz 5 soll mehr flexible sein weil man einen Superschwaren Trager damit bauen will(bis 140t)>http://www.russianspaceweb.com/superheavy.html
    Die Soyuz hatte so auch Potenzial komerziell sich zu lohnen. Die Entwicklung und Produktion sollten relative einfacher sein, weil “nur“ die Zenit rekonstruiert wird. Mit den gleichen Fertigungsmöglichkeiten (Fix Kosten) ware es dann moglich Trager von 3t LEO bis 140t zu bauen>http://www.russianspaceweb.com/soyuz5.html

    1. Wenn Russland ernstzunehmende Pläne hätte, die superschwere Träger brauchen-dann wäre das sicher ein Argument für die Sojuz 5 und gegen die Angara. Aber da das Szenario komplett unwahrscheinlich ist, ist das komplett irrelevant.
      Dein Link zeigt auch gut das hin und her: Auf der Webseite ist noch von einer Methan-Sojuz 5 die Rede, Spacenews spricht aber von einer Kerosin-Sojuz 5.
      Es kommen nicht bloß dauernd Pläne für Raketenfamilien hinzu, sondern bestehende verändern auch dauernd ihre Form.

      1. Das erinnert mich an die Postings eines Russen, welcher sich vor ca. 10 Jahren bei Raumcon und später im Blog rumgetrieben hat.

        Hat viele hochtrabende Pläne von russischen Superträgern gepostet (aus denen nichts wurde) und wa rimmer schnell beleidigt, wenn man ihn nicht ernst nahm. (Bei Raumcon hat er sich mind. 2 mal gelöscht..)

        1. Jewgeni-7 hat auch an mich die Anfrage gestellt seine Blogs zu löschen. Das habe ich nicht gemacht, denn es gab ja jede Menge Antworten auf seine Posts die sonst verwaist wären.

          Das ist übrigens nur 3-4 Jahre her. Über die Suchfunktion müsstet ihr ihn heute noch finden können.

  3. Zeitverzögerungen sind in der Raumfahrt gang und gäbe.
    Bei Russland wird aber in den letzten Jahren die Diskrepanz zwischen Ankündigungen und dem was tatsächlich gemacht wird immer extremer.
    Schaut man sich mal die Aktivitäten bei der Rüstung an (gelenkte Atomsprengköpfe, neue riesige superteure Super U-boote etc.) dann ist es offensichtlich, dass das meiste Geld dort hinfließt. Bei Raumfahrt muss gespart werden. Da man die hochfliegenden Raumfahrt-Pläne ohnehin nicht realisieren kann, werden halt ständig neue Propagandaprojekte lanciert um Aktivität vorzutäuschen
    Dazu braucht´s dann auch kein Gesamtkonzept. (Ähnlichkeiten zu einer bekannten US-Firma sind rein zufällig….)

  4. Hier ist auch noch ein, wenngleich nicht ganz aktueller, Artikel zur Sojuz 5.
    http://spaceflight101.com/spacerockets/soyuz-5/

    Die Webseite ist allgemein hervorragend, eine der Besten zu Trägerraketen&Raumsonden, ich bin aber erst vor Kurzem auf sie gestoßen. Scheinbar nicht SEO-optimiert 🙂

    Irgendwie scheinen umfangreiche private Raketen- bzw. Raumfahrtwebseiten eine deutsche Spezialität zu sein:
    -Bernd Leitenberger
    -Norbert Bruegge (http://www.b14643.de/Spacerockets_1/index.htm),
    -Gunter Krebs (https://space.skyrocket.de/)
    -Patrick Blau (http://spaceflight101.com/)

    1. Das ist eine Kombination einer Eigenschaft die uns Deutschen nachgesagt wird („German Gruendlichkeit“) und der Tatsache das man im Deutschen mit Raumfahrtwissen wenig verdienen kann. Denn der Deutsche ist eben auch sparsam „Geiz ist Geil“ war ja auch lange ein Werbespruch vom Mediamarkt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.