Vitasprint

Die Dauerwerbung für dieses rezeptfreie Medikament hat mich nach einigen Jahren Abstinenz von dieser Rubrik wieder auf einen neuen Artikel zum Thema „Werbung und Wirklichkeit“ gebracht. Die Werbung für Vitasprint wechselt, doch so viel ändert sich nicht. Mal wirbt Hannelore Elsner dafür, dass sie eine Kur braucht, die natürlich Vitasprint heißt. Mal sind es animierte Figuren die „Energie auf Knopfdruck“ versprechen.

Dazu heißt es auf der Website des Herstellers Pfizer:

Die sinnvolle Kombination der drei aufeinander abgestimmten Wirkstoffe in Vitasprint B12 kann den Gehirn- und Zellstoffwechsel im Körper anregen, die Zellregeneration fördern und dadurch Allgemeinbefinden, Konzentrationsvermögen, Antriebskraft und Leistungsfähigkeit verbessern.

  •  wirksam in der Rekonvaleszenz
  • bei aktiven Sportlern
  • bei Schülern
  • bei älteren Menschen
  • im Beruf
  • bei cerebralen Störungen

Also wirksam bei so ziemlich jedem.

Woraus besteht Vitasprint?

Es besteht aus 500 µg Vitamin B12 (Cobalamin), dem als Geschmacksverstärker so schlecht beleumundeten Glutamin und Phosphonoserin. Fangen wir mit den Aminosäuren an. Glutamin ist ein Amid der Aminosäure Glutamin und kann aus dieser vom Körper gebildet werden. Glutaminsäure ist reichlich in unserer Nahrung enthalten, natürlicherweise und weil es als Geschmacksverstärker Wurst, aber auch Knabbereien zugesetzt wird. Aber auch Glutamin kommt reichlich in Quark, Jogurt und Milch vor.

Phosponoserin ist ein Zwischenprodukt, wenn die Aminosäure Serin verestert wird. Dies passiert im Körper mit vielen Proteinen nach ihrer Bildung, katalysiert durch Kineasen. Da die Phosphatgruppe durch die Magensäure gespalten wird, wird die normale Aminosäure Serin aufgenommen. Verglichen mit den normalen Aufnahmemengen beider Aminosäuren (im Bereich von mehreren Gramm pro Tag) sind die 40 mg in einer Ampulle Vitasprint bedeutungslos. Sie haben auch keinen Bezug zum Vitamin B12, helfen also dieses aufzunehmen oder zu resorbieren.

Bleibt noch das Vitamin B12. Dieses Vitamin ist natürlich wie jedes wichtig. Vitamin B12 hat eine Sonderstellung inne. Damit es aufgenommen werden kann, schüttet die Magenwand ein Glykoprotein, der „intrinisc Factor“ (IF) aus 399 Aminosäuren aus, welches das Vitamin einschließt, vor Abbau schützt und dafür sorgt dass es im hinteren Teil des Dünndarms zusammen mit dem IF aufgenommen wird. Kein anderes Vitamin wird in dieser Form aufgenommen. Dabei benötigt der Mensch sehr wenig Vitamin B12. Es ist so wenig, dass der Bedarf von verschiedenen Gremien unterschiedlich hoch angesetzt wird. Bei uns gelten für die Nährwertkennzeichnung 2,5 µg/Tag (EU-Vorgabe) und die DGE empfiehlt 3,0 µg/Tag. Gesichert ist ein Minimalbedarf von 1-2 µg/Tag. Die Empfehlungen beinhalten (wie auch bei anderen Vitaminen) Sicherheitszuschläge, dadurch resultieren unterschiedliche Empfehlungen  je nach Höhe dieser Zuschläge. , So nimmt im Alter die Resorptionsrate auf 50% ab. Im Blut setzt sich die Sonderrolle des Vitamins B12 fort. Dort koppelt das Cobalamin an ein eigenes Transportprotein an, das Transcobalamin. Es wird von den Zellen aufgenommen. Ist zu viel Cobalamin vorhanden, so wird es in der Leber gespeichert, wo 60% des körpereigenen Speichers sitzen,

Im Körper hat das Cobalamin mehrere Funktionen. Die wichtigste ist die, Methylgruppen von einem Molekül auf andere zu übertragen. So bildet es aus der Tetramethylfolat Tetrahydrofolat, biildet also aus dieser Vitamin-Vorstufe das eigentliche Vitamin, modifiziert Aminosäuren und ist Bestandteil von Dehydrasen und Reduktasen, also Enzymen die den Oxidationszustand von Molekülen verändern. Es reduziert Vorstufen der Bausteine der DNA und RNA und ist so bei der Zellteilung wichtig, aber auch beim Abbau von verzweigten Fettsäuren oder der Bildung von funktionell veränderten Aminsoäuren.

Diese Auf- und Abbauvorgänge kommen in allen Zellen vor, am aktivsten sind aber kurzlebige Zellen, in diesem Falle vor allem die roten Blutkörperchen die nur rund 3 Monate lang leben. Fehlt Vitamin B12 so kann Folsäure nicht in die wirksame Form umgewandelt werden und diese wird benötigt für die DNA-Synthese in schnell teilendem Gewebe wie blutbildenden Zellen oder Knochenmark. Es kommt zu perniziöser Anämie, darüber hinaus zu neuronalen Störungen und Problemen bei Mund- und Rachenschleimhaut, ebenfalls wegen der hohen Neubildungsrate. Neuronale Störungen gibt es bei fast allen B-Vitaminen. Das liegt daran, dass es unser aktivstes Organ ist (25% des Grundumsatzes geht ans Gehirn) und alle B-Vitamine wichtig für elementare Stoffwechselkreisläufe sind. Zwar werden als erste Symptome einer perniziösen Anämie Müdigkeit und Herzklopfen beschrieben, doch sind diese Symptome sehr unspezifisch und kommen auch bei anderen Erkrankungen vor. Sie sind der einzige Bezug zu obiger Werbeaussage.

Was hat das mit Vitasprint zu tun?

Nun gar nichts. Vitamin B12 ist lebensnotwendig, aber wie bitte sollte nun eine plötzliche hohe Dosis nun Einflüsse auf Körper und Geist haben. Es wirkt allgemein im Körper, besonders eben bei den Blutzellen, die dann wahrscheinlich in ausreichender Menge gebildet werden, aber eine kurzfristige Wirkung kann man nicht erwarten und nicht ableiten, vor allem deswegen weil der Körper einen sehr großen Vorrat an Vitamin B12 hat, weil es so wichtig ist. Der Speicher beträgt 2 und 5 mg, 60% davon sind in der Leber. Dieser Speicher soll je nach Autor für 3 bis 5 Jahre ausreichen. Also wenn es einen erhöhten Bedarf gäbe, dann wäre es für den Körper ein leichtes diesen Speicher zu nutzen.

Vitasprint enthält viel Vitamin B12, rund 500 µg pro Dosis, also mehr als der hundertfache Tagesbedarf. Gibt es dafür eine Rechtfertigung? Bei der normalen gemischten Ernährung deckt diese den Bedarf. Vegetarier haben ein Problem, da Pflanzen kein Vitamin B12 enthalten Seine komplexe Molekülstruktur wird nur von Mikroorganismen gebildet. Tiere nehmen es durch die Darmbakterien auf und lagern es im Fleisch ein oder sie essen Tiere die es im Fleisch enthalten. Beim Menschen erfolgt im Dickdarm keine Resorption, weshalb das von unseren Darmbakterien gebildete Vitamin B12 und nichts nützt. Vegetarier leben lange von dem Körpervorrat und haben wenn er leer ist, einen sehr niedrigen Plasmaspiegel. Es kommt aber selten zu einer perniziösen Anämie, da sie viel mehr Folsäure aufnehmen und die Bildung dieser aus Vorläufermolekülen eine Hauptaufgabe des Vitamin B12 ist. Daher bildet sich selten eine Erkrankung aus, da durch den Überschuss an reduzierter Folsäure doch genügend zu den Blutbildenden Zellen gelangt. Selbst wenn, würde eine Hochdosis à la Vitasprint nichts nützen, den Versuche mit radioaktiv markiertem Cobalamin zeigen, dass die maximale Resorptionsrate bei einer einmaligen Dosis bei 10 µg liegt. Das bedeutet: 98% detr 500 µg (490 µg) werden gar nicht aufgenommen. Limitierend wirkt der vom Körper gebildete IF, ohne den praktisch nichts aufgenommen wird.

Es bleibt noch eine Gruppe von Personen die solche Megadosen benötigem: Wer den IF nicht bilden kann (9 von 100.000 Personen) oder den Magen, bzw. den Teil der den IF bildet, entfernt bekommen hat (dazu gehören auch bestimmte plastische Operationen zur Reduktion des Gewichts bei dem der Magen drastisch verkleinert wird) der muss erheblich mehr Vitamin B12 aufnehmen, weil ohne IF, die Resorptionsrate sehr klein wird. Dann benötigt man nicht mehr 2,5 bis 3 µg sondern 1000 µg/Tag. Nur bekommen solche Personen üblicherweise Vitamin B12 Vorratsspritzen die das Vitamin gleich direkt ins Gewebe abgeben, da sonst der größte Teil des Vitamin B12 ebenfalls nicht aufgenommen wird.  Und sie sind nicht auf frei verkäufliche Präparate angewiesen sondern bekommen diesen für sie lebensnotwendigen Stoff verschrieben.

Die Frage ist also: Warum sollte ich mir dieses Hochdosispräparat kaufen, wenn es mir keinen Vorteil gegenüber einer normalen Vitamintablette bringt? 98% werden ja nicht einmal aufgenommen. Schließlich ist das ganze sehr teuer (0,47 bis 1,64 Euro pro Dosis – 100 Vitamintabletten kosten im Discounter dagegen 3,49 Euro, also 3,49 ct pro Tabulette – nur mit 3 µg, aber das entspricht ja auch dem Tagesbedarf.

Besonders dreiste Aussagen

Beim Durchsuchen der FAQ des Herstellers fand ich folgende Aussagen, die sehr kritisch zu betrachten sind:

„Vitasprint B12 sollte täglich eingenommen werden, d.h. ein Fläschchen pro Tag bzw. dreimal täglich eine Kapsel. Jeweils am besten morgens nüchtern mit Wasser verdünnt oder unverdünnt einnehmen. Bitte beachten Sie, dass sich die Dosierung von Vitasprint B12 Trinkfläschchen von ehemals 1x wöchentlich auf aktuell 1x täglich geändert hat. Daher kann es vorkommen, dass sich in der Übergangszeit noch Packungen mit dem Beipackzettel der früheren Dosierung im Handel befinden.“

Auf gut Deutsch, ein Präparat, dass wenn es zu 100% aufgenommen würde, die Speicher für ein halbes Jahr füllen würde, sollte täglich genommen werden, nachdem die einmal wöchentliche Empfehlung wohl zu wenig Umsatz gebracht hat. Selbst wenn ich berücksichtige, dass 98% nicht aufgenommen werden, reichen die 10 µg die resorbiert werden für rund eine Woche. Das war wohl die ursprüngliche Empfehlung.

„Vitamin B12 gehört zu den wasserlöslichen Vitaminen, die normalerweise nicht im Körper gespeichert werden können. Allerdings ist Vitamin B12 hier eine Ausnahme und kann in der Leber und der Muskulatur gespeichert werden. Bei jüngeren Menschen reicht der Speicher an Vitamin B12 ca. 3-5 Jahre. Bei älteren Menschen ist das Vitamin B12 nur noch für 1 Jahr gespeichert. Durch eine Kur mit einem hochdosierten Vitamin B12 Präparat wie z.B. Vitasprint B12 können die Speicher wieder aufgefüllt werden. „

Das würde gelten, wenn es vollständig aufgenommen wird. In der Praxis werden aber nur ein Fünfzigstel dieser Hochdosierung resorbiert, sodass es keinen Nutzen bringt und man kein Hochdosispräparat benötigt.

„Vegetarier, die keine tierischen Produkte essen, die sog. Veganer, benötigen zusätzlich Vitamin B12, da sie sonst, wenn Ihre Körperspeicher an Vitamin B12 geleert sind, einen Vitamin B12 Mangel aufweisen. Personen, die regelmäßig Fleisch und andere tierische Produkte essen, könnten grundsätzlich gut mit Vitamin B12 versorgt sein. Allerdings kann z.B. durch Streß, Überlastung, Sport oder während der Genesung ein erhöhter Bedarf vorliegen. Zusätzlich können diverse Faktoren dazu führen, dass das Vitamin B12 vom Körper nicht aufgenommen werden kann. Hierzu zählen Magen- Darmerkrankungen wie z.B. eine Gastritis, ein Mangel an Intrinsic factor, Einnahme von Medikamenten die die Magensäure beeinflussen (z.B. Antacida, Protonenpumpenhemmer, H2-Blocker). In diesen Fällen ist eine zusätzliche hochdosierte Aufname von Vitamin B12 z.B. über Vitasprint B12 sinnvoll. „

Er erste Teil stimmt zwar bei den Vegetariern, beim Normalbürger nicht, denn der durchschnittliche Konsum liegt bei 5 µg/Tag bei Frauen und bei 6 µg/Tag bei Männern, also schon höher als der Bedarf. Selbst wenn es mal mit dem Magen Probleme gibt, so hat man einen Speicher der für Jahre ausreicht. Vegetarier brauchen keine hochdosierten Präparate sondern können schon mit einfach Vitamintabletten die es in jedem Discounter zu kaufen gibt ihren Bedarf decken können und die Personen die keinen IF bilden, die bekommen Präparate vom Arzt verschrieben. Nicht umsonst heißt die Kontaktadresse ja auch selbstmedikation@pfizer.com. Die Rechtschreibfehler (Streß anstatt Stress, Aufname anstatt Aufnahme, stammen übrigens vom Originalzitat.

Die Aussage Vitasprint würde nur „rein synthetisch hergestelltes Vitamin B12“ enthalten ist wahrscheinlich falsch. Die Synthese wurde zwar 1976 zum ersten Mal erfolgreich durchgeführt, doch das Molekül ist viel zum komplex um es wirtschaftlich mit einer chemischen Synthese herztustellen, als dass man dies durchführen würde. Stattdessen werden bestimmte Bakterienstämme eingesetzt die bis zu 20-50 mg Vitamin B12 pro Liter Nährlösung bilden und dieses auf gereinigt (in einem Isotopenkurs hat der Autor so selbst Vitamin B12 isoliert und so die Biosynthese mithilfe radioaktiv markiertem Kobalt nachvollzogen). Das ist sehr effektiv, denn ein Liter Fermentationsbrühe enthält so viel Vitamin B12 wie in 100 Vitasprintdosen stecken.

Fazit

Vitasprint ist ein Präparat, dass je nach Packungsgröße und Darreichungsform (Tabletten oder Fläschchen) zwanzig bis fünfzigmal teuer als eine Depotvitamintablette ist. Ein zusätzlicher Nutzen ist aufgrund der Limitation des gebildeten Intrinisc Faktors nicht gegeben, da diese Menge gar nicht vollständig aufgenommen werden kann. Benötigen könnten bei der normalen Überversorgung mit diesem Vitamin eigentlich nur Vegetarier eine Supplementation doch auch bei denen gilt dass sie teuer etwas bezahlen, von dem sie 98% gar nicht erst aufnehmen.

One thought on “Vitasprint

  1. Mal wieder ein Musterbeispiel dafür, was rauskommt wenn Medikamente von der Werbung statt vom Arzt verordnet werden. Wann kommt endlich das schon seit langem geforderte Werbeverbot für Medikamente?

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