Bequemlichkeitsessen

Es ist Zeit mich mal an meine frühere Profession als Lebensmittelchemiker zu erinnern. Ursache sind einige Werbespots, die ich in der letzten Zeit gesehen habe und die mich ärgern. Es sind Spots für sogenannte "Fruchtdrinks" entweder als "Frühstücksdrink" oder so zwischendurch. Die Werbung springt auf einen Zug auf, genauer gesagt, die Empfehlung der DGE jeden Tag mindestens ein Pfund Gemüse oder Obst zu essen.

Offensichtlich ist das vielen zu aufwendig und da kommt nun die Ernährungsindustrie zu Hilfe und offeriert Obst als Getränk, also im wesentlichen nichts anderes als püriertes Obst, verdünnt mit etwas Wasser, das man es trinken kann. So einfach löst der Bequemlichkeitsesser von Heute das also.

Nur so läuft es nicht. Warum gibt es denn diese Empfehlung? Obst und Gemüse ist nicht gesund, weil es viele Vitamine und Mineralstoffe enthält. Entgegen landläufiger Meinung, ist der Vitamingehalt nicht sehr hoch. Von den Vitaminen findet man Vitamin C in vielen Früchten, Provitamin A in manchen Gemüsesorten und Kalium in Obst und Gemüse, sowie Magnesium in grünem Gemüse. Es gibt dann noch Abweichungen bei einigen Arten, die besondere Inhaltsstoffe haben, doch die Allgemeinheit ist nicht so Vitamin- und Mineralstoffreich. Wahrscheinlich ist das mehr eine der modernen Ernährungsmären, die von Eltern an Kindern weiter gegeben werden, damit diese Dinge essen die sie nicht so arg mögen, aber die ofensichtlich sehr gesund sind.

Natürlich ist Obst und Gemüse gesund, nicht jedoch wegen des Nährstoffgehalts. Im Gegenteil: Das wichtigste ist das Fehlen von Nährstoffen. Dadurch füllt Obst und Gemüse den Magen und man kann nicht so viel essen. Dier wichtigsten Inhaltsstoffe sind in beiden Gattungen sind die unverdaulichen: Zellulose, Hemizellulosen und Pektine, also die Gerüststoffe der Zellen. Daher muss man viel kauen um die Nahrung zu zerkleinern, die Verdauung und Resorption ist auch verlangsamt und der Brei aus unverdauten Zellbestandteilen quillt im Dünndarm auf, muss aktiv transportiert werden und stärkt so die Darmpersistaltik (Darmbewegung), Von letzterem weiß man, dass sie vorbeugend gegen die Entstehung von Dickdarmkrebs wirkt. Ob die in Obst und Gemüse enthaltenen sekundären Pflanzeninhaltsstoffe gesund sind, und welche es sind, ist dagegen noch offen. Wenn dann scheint es nicht ein Stoff sein, sondern eher die Summe.

Das wesentliche dabei ist: Man braucht Zeit um die Nahrung zu zerkleinern und selbst dann wird niemals ein ganz feiner Brei entstehen. Das ganze fällt komplett weg, wenn man einen Brei trinkt, der feiner zerkleinert ist, als man es jemals selbst hinbekommen würde. Ich will das mal an einem Gedankenexperiment verdeutlichen:

  • 1 Pfund Äpfel auf einmal zu essen, dürfte jeden erst mal satt machen. Dabei enthalten diese kaum Energie, aber sie füllen den Magen.
  • 500 g Apfelmuss sind dagegen schnell verdrückt und sättigen weit weniger. Hier ist der Zerkleinerungsgrad schon erheblich größer und zahlreiche Bestandteile des Apfels (Schale, inneres) fallen weg.
  • 500 ml Apfelsaft sind schnell getrunken und machen sogar noch Hunger, denn dann geht der Insulinspiegel schnell in die Höhe, und sackt nach verbrauch des Zuckers wieder ab.

Dabei hat Apfelsaft, weil die unverdaulichen Bestandteile wegfallen sogar noch einen höheren Energiegehalt. Das ist nur ein Beispiel wie heute Erkenntnisse der Ernährungsforschung pervertiert werden. In einer Zeitschrift fand ich einen Artikel über die Nährstoffdichte. Dieser Fachbegriff aus der Ernährungslehre ist ganz einfach als Menge eines Nährstoffs, geteilt durch das Gewicht definiert. Im Normallfall benutzt man die Energie als Basis. Nur wenn man ähnliche Produkte vergleicht, kann man einen anderen Nährstoff vergleichen. So kann man Pellkartoffeln, Pommes Frittes und Chips in Bezug auf die Nährstoffdichte von Fett vergleichen, weil es sich um Kartoffelprodukte mit unterschiedlichem Fettgehalt handelt.

Diese Zeitschrift verglich aber den Fettgehalt von Donuts mit weißen Brötchen und suggerierte, das ein Donut äquivalent zu 10 Brötchen ist. Je nach Größe und Glasur des Donuts haben aber schon 2-3 Brötchen den gleichen Energiegehalt, nur eben in Form von Kohlehydraten und nicht als Fett. Mit der Nährstoffdichte werfen inzwischen sogar die Fernsehköche um sich. Nur meist genauso ohne Verstand. Richtig angewandt ist es ein wichtige Kenngröße: Man sollte mehr Nahrungsmittel essen, die eine niedrige Nährstoffdichte haben.

Doch dazu braucht man eigentlich keinen Fachbegriff, dazu reicht auch der gesunde Menschenverstand. Im wesentlichen ist es so: Je leichter verdaulich etwas ist, desto lieber mögen wir es. Aber auch  Daran kann auch die Industrie nichts ändern. Wenn sie uns bequemes Essen offeriert, dann geschieht dies auf Kosten der Nährstoffdichte oder es fallen unverdauliche Bestandteile weg. So ist eine Gemüsepfanne mit Tiefkühlgemüse mit ordentlich viel Fett zubereitet. Der Gehalt an unverdaulichen Bestandteilen ist zwar genauso groß, aber die Nährstoffdichte durch den Fettgehalt viel höher.

Es ist so wie im richtigen Leben – es gibt keinen einfachen Weg. Und billiger ist es noch dazu. Also lieber mal einen Abstecher in die Obstabteilung als einen Griff in das Kühllregal.

One thought on “Bequemlichkeitsessen

  1. Dass der Nährstoffgehalt heutzutage eine wichtige Kenngröße ist kann ich verstehen.
    Aber auch in der Vergangenheit (alles vor 500a) war diese Größe wichtig. Nur dass der einfache Mann damals eher Nahrungsmittel mit mit möglichst viel Nährstoffen benötigte. Heutzutage gibt es in unserer westlichen Gesellschaft quasi kein Nahrungsmangel mehr. Daher spielt der Nährstoffgehalt zum überleben nicht mehr so die Rolle. Bzw. wie sie festellten eher das Gegenteil:
    Man sollte mehr Nahrungsmittel essen, die eine niedrige Nährstoffdichte haben.
    Allerdings sollte man erwähnen, dass das genauso sinvoll ist wie „weniger Nahrungsmittel essen, die eine hohe Nährstoffdichte haben“.

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