Der Niedergang des Verbraucherschutzes

Seit dem 11.4.2009 sind die Standardgrößen bei Bier, Limonaden, Zucker, Milch, Schokolade, Fruchtsäfte und Mineralwasser verschwunden. Die von der EU als "Entbürokratisierung" gefeierte Abschaffung der Standardgrößen wird das Einkaufen erneut erschweren. Das ist nicht das erste Mal dass Standardgrößen fielen. Bei anderen Produkten geschah dies schon vor Jahren. Was ist damit gemeint?

Wenn Sie Milch kaufen – Welche Menge kaufen Sie? Wahrscheinlich sind es 1 l. Möglich sind auch andere Größen wie 0.5 l oder 1.5 l. Aber es sind eben nur bestimmte Größen zulässig. Sie können nicht 966 ml Milch anbieten. Das führt dazu, dass Schokolade in der Regel in einer 100 g Tafel angeboten wird oder Mehl in einem 1 kg Pack. Das ist nun keine Verpflichtung mehr. Was bedeutet das? Seit vor ein paar Jahren die Standardverpackungen bei anderen Produkten schon fielen, wissen wir es: Die Mengen werden kleiner. Da wurde aus der 1000 ml Dose Eis bei Langnese schnell mal eine 900 ml Packung – bei gleicher Verpackung versteht sich! Besonders perfide wurde es bei Pringlses, die bei gleichem Preis die Verpackungsmenge von 200 g auf 170 g erniedrigten und dann in zwei Sonderaktionen "kostenlos" 10 g und 25 g mehr rein packten – immer noch weniger als die ursprünglichen 200 g. Auch hier: Die gleiche Verpackung, nur die Chips durch etwas andere Form etwas voluminöser, damit die fehlenden 30 g niemanden auffallen – So verdient man gleich 17 % mehr….

Es wird in Zukunft notwendig sein, bei den Verpackungen den Grundpreis, der nun angegeben werden muss (pro Kilogramm) zu vergleichen, weil der Warenpreis wegen unterschiedlicher Füllmengen keine Aussage mehr zulässt.  Das ist nur ein Beispiel, wie sich die Deklaration in den letzten Jahren zuungunsten des Verbrauchers verschoben hat. Die Hersteller haben sehr genau erkannt, dass man einen Verbraucher auch täuschen kann, wenn man ihn mit Angaben versorgt – schließlich hat nicht Jeder Zeit, alle Produkte eines Regals auf die Füllmenge zu kontrollieren, oder alle Grundpreise durchzulesen (die natürlich sehr klein geschrieben sind).

Das zeigt auch die GDA Kennzeichnung. Die GDA Kennzeichnung ist eine seit 2008 erfolgte freiwillige Kennzeichnung von Lebensmitteln, in ihrem Gehalt an Energie und einigen Stoffen, wobei es drei mögliche Grade der Ausführlichkeit gibt. Alles bezogen ist auf eine Energiemenge von 2000 kcal und eine vom Hersteller festgelegte Portionsgröße.

Nun ist ja die Nährwertkennzeichnung nichts neues und für bestimmte Lebensmittel schon seit Jahrzehnten vorschrieben. Dann nämlich, wenn irgendwo auf der Verpackung auf den Nährwert bezug genommen wird, wie "reich an ungesättigten Fettsäuren" oder "energiereduziert". Diese Deklaration ist nicht fehlerfrei, weil sie sehr formal ist und bestimmte Angeben verfolgen müssen, selbst wenn der Stoff im Nahrungsmittel kaum vorhanden ist, weil ein anderer Stoff aus der Gruppe beworben wurde. Aber sie hat einen Vorteil: Alle Angaben sind pro 100 g und damit kann man vergleichen.

Die GDA angaben sind pro Portion und die legt der Hersteller fest. Bei allen bisher getesteten Produkten sind diese unrealistisch klein. Da soll ein 150 g Laib Blauschimmelkäse für mehr als 7 Portionen gut sein (Größe 20 g pro Portion!) oder bei Süßwaren ist eine Portion genau ein Keks. o werden dann Dickmacher "niedrig gerechnet". Ohne Kopfrechnen ist es so praktisch unmöglich, den Energiegehalt pro Hundert Gramm zu erfahren. Mehr noch – Die Hersteller nutzen die Angaben auch, um die Verpackungen voll zu plastern und damit mehr zu verwirren als aufzuklären. Wie erläutert sind drei Formen möglich: Einmal nur Energie, einmal Hauptnährstoffe und zusätzlich zu den Hauptnährstoffen noch , Zucker, gesättigte Fettsäuren und Natrium. Manche Hersteller machen genau dies: Vorne auf die Verpackung die Energieangabe, auf die Rückseite die Hauptnährstoffe und an die Seite die vollen Angaben – das sieht dann so aus, als wäre der Hersteller besonders ehrlich und gründlich. In Wirklichkeit baut er darauf, dass der Verbraucher nicht alle Kästen ansieht und je mehr Angaben erfolgen, desto schwerer der Zugang. In diesem Falle (einer Tütensuppe) erfuhr man erst auf der Seite bei den vollen Angaben, dass ein Teller schon 23 % des Salzbedarfs deckt und fast nur gesättigte Fettsäuren enthält.

Es kommt heute niemand mehr darum, Verpackungen aufmerksam zu studieren, um zu wissen was er vor sich hat. Auch Kopfrechnen ist nun eine Disziplin, die wieder gefordert wird. Dafür haben die meisten Leute aber keine Zeit und darauf bauen die Hersteller. Mal sehen, ob wir bald keine Verpackungen mehr mit geraden oder zumindest einheitlichen Größen mehr haben. 0.85 l Milch sind nun möglich. Bei Fertigverpackungen gibt es dass ja schon seit langem. Beim gestrigen Check bei Lidl fand ich z.B. Farfalle mit Käse-Kräuter-Sauce in einer 265,5 g Packung und Curry-Nudeln in einer 123 g Tüte. Na denn Mahlzeit!

Ach ja noch was: Inzwischen ist mein Buch über Lebensmittelkennzeichnung und die Tricks der Industrie verlegt. Ich hoffe in ein paar Tagen ist es auch bei Amazon & Co erhältlich und ich werde dann hier mal einen Link zur Verfügung stellen. Bei ihm bin ich besonders gespannt wie es sich verkauft, weil es ein komplett anderes Thema ist als bei den ersten beiden. Das Buch über die Trägerraketen ist einmal durchgelesen. Die beiden Korrekturleser haben sich bereit erklärt auch jeweils den anderen Teil durchzulesen, so dass ich hoffe, es sind noch weniger Fehler drin. Da ist nach wie vor aber die Versorgung mit hochwertigen Grafiken ein Problem. Michel Van, vielen bekannt hier als fleißiger und kritischer Blogleser, wird Grafiken für das Buch beisteuern, aber vor allem von den älteren Raketen habe ich kaum Print fähige Fotos oder gar Schnittbilder von Stufen. Aber vielleicht ist auch weniger dann mehr und es werden weniger Seiten und bezahlbarer. Das Video heute natürlich passend zum Thema:

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