Die tollen achtziger

Ich habe am Samstag die „Swinging Sixties“ gesehen und war doch erstaunt: Alle Gäste waren sich einig: Die sechziger Jahre waren viel besser – freie Liebe, Rebellentum, tolle Musik. Heute ist es nur langweilig. Nun dem letzten will ich nicht wiedersprechen. Aber die echt tollen Jahre waren doch die achtziger: Was haben wir nicht da demonstriert – gegen die Nachrüstung, gegen die Atomkraftwerke, gegen das Waldstreben. Damals konnte die Grünen den Bundestag noch schockieren indem sie mit Pullover und Turnschuhen zu den Sitzungen erschienen!

Computer waren klein und verständlich und man konnte selbst noch verstehen was geschieht und selbst die Firmware erweitern – was nicht besonders schwierig waren. Und die heutigen Mausklick-Warmduscher haben um einen Computer einen Riesen Bogen gemacht. Wir waren sportlich (Aerobic) haben noch die Leute sauber in Kategorien aufgeteilt (Punks und Popper) und immer gut gekleidet. Es gab noch echte Feindbilder (Kohls Vergleich von Gorbatschow mit Göbbels) und US Präsidenten planten nicht die atomwaffenfreie Welt sondern rüsteten auf, bis die UdSSR durch ihre Nachrüstung pleite war. Und während man heute sich so schwer mit der Bundeswehr in Afghanistan tut sandte England 1982 wegen der Besatzung ein paar kleiner Inseln nahe des Südpols mal die Royal Navy zu den Falkland Inseln.

Und meine Bücher würden sich auch viel besser verkaufen, denn das Internet gab’s damals auch noch nicht. Man hatte noch Zeit sich persönlich zu unterhalten anstatt zu chatten oder zu twittern oder eines dieser unsäglichen Handys zu benutzen. Kurzum: Die achtziger Jahre waren toll. Mal abgesehen dass es damals so tolle Musik gab: Modern Talking, Neue Deutsche Welle, Stock-Aitken. Waterman….

So genug lustig gemacht über Nostalgiewellen. Ich weiß nicht ob es das Alter ist dass man die Zeit seiner Jugend so toll findet oder ob das ein allgemeines Phänomen ist alles was früher war in rosigen Farben zu sehen. Ich freue mich heute über „Information on my Fingertips“, also mich in Realzeit über Raumfahrt zu informieren und auf Quellen zurückgreifen zu können die vor 30 Jahren unmöglich schienen. Was gab es da an Informationen über Raumfahrt: Pressemitteilungen in Zeitungen und einige wenige Bücher. Das war es aber auch.

Es gibt ja immer die Frage ob man in einer anderen Zeit leben möchte. Aufgrund dessen, dass durch technischen Fortschritt das Leben in den letzten Jahrhunderten deutlich lebenswerter geworden ist – nicht zu vergessen die medizinische Versorgung. Also wenn ich die Wahl hätte irgendwann mal nochmal zu leben, dann würde ich mein Geburtsdatum um 10, maximal 20 Jahre nach hinten schieben um die ersten Jahre der Raumfahrt oder zumindest die Mondlandung bewusst mitzuerleben (das erste Großereignis im Fernsehen an das ich mich noch schattenhaft erinnere ist die Eröffnung der olympischen Spiele in München 1972). Umgekehrt würde es mir erlauben auch noch mitzuerleben wie der letzte Planet (oder erste Zwergplanet) Pluto noch besucht wird.

Ich würde aber nicht annehmen, dass die sechziger so viel freier und toller gewesen wären und das ein Grund wäre sich in diese Zeit zurückzusehnen. Vor allem klingt dieses Gerede mit der Freien Liebe ja immer so als hätten die es damals getrieben wie die Karnickel – was vielleicht ein paar Tausend getan haben, aber für Millionen andere setzen die Maßstäbe nicht die Pille oder die Verfügbarkeit von weichen Drogen, sondern übernommene oder damals übliche Moralvorstellungen. So gesehen sind heute Leute sicher viel freier als in den Sechziger.

One thought on “Die tollen achtziger

  1. Moin,

    im Vergleich sollte nicht vergessen werden, dass die 80er das Ende des bilateralen kalten 3ten Weltkrieges darstellen. Ein Stellvertreterkrieg in dem unsere Aufgabe als Westdeutsche war, denen da drueben die Freiheit und den Wohlstand des Kapitalismus zeigen: Dicke Baeuche, grosse Autos, Reise, Meinungs und Demonstrationsfreiheit.

    Der unilaterale 4te Weltkrieg hingegen ist ein Krieg des Staates und des Kapitalismus gegen seine eigenen Buerger.

    ciao,Michael

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