Warum ich gegen die bemannte Raumfahrt bin

Es gibt ja Raumfahrtfans die sind nur für etwas. Und viele interessieren sich auch nur für bestimmte Teilbereiche. Also bei mir sind es, wie jeder beim Blick auf meine Website feststellen kann, Trägerraketen und Raumsonden, bedingt auch noch wissenschaftliche Satelliten, vor allem astronomische Satelliten. Kann man die anderen Dinge nicht einfach ignorieren oder warum bin ich gegen bemannte Raumfahrt (zumindest wie sie heute läuft)? Nun die aktuelle Diskussion um das NASA-Budget bestätigt zum wiederholten Male, warum ich gegen die bemannte Raumfahrt bin.

Nun ich glaube gerne, das jeder der für bemannte Raumfahrt ist, nichts gegen unbemannte Raumfahrt hat. Das hat zwei Gründe:

  • Unbemannte Raumfahrt ist oft nötig bevor man überhaupt irgendwo bemannt hinfliegen kann. Vor den ersten Raumfahrzeugen flogen Satelliten ins All, vor Apollo untersuchten drei verschiedene US-Programme (Ranger, Lunar Orbiter, Surveyor) den Mond.
  • Noch niemals ist es vorgekommen, das ein bemanntes Programm leiden musste, weil es unbemannte Raumfahrt gab.

Das ist leider nicht im Umkehrschluss so. Mercury und Gemini aber auch Apollo sind positive Beispiel das bemannte Raumfahrt und unbemannte koexistieren können. Obwohl Apollo bis über 60% des NASA Programms ausmachte. Der Grund war, das wenn Apollo mehr Geld brauchte, dann bekam es mehr Geld, aber andere Programme wurden nicht gekürzt. 1966 wurde der Peak erreicht (Link) mit 66% am Gesamtbudget. Beeindruckend, aber rechnet man das in Dollars von 2012 um (nach Wolfram) so entsprechen die verbliebenen 34% 11,18 Milliarden Dollar heute. Demgegenüber beträgt das Budget nach Abzug des bemannten Teils heute 9,765 Milliarden Dollar.

Danach lief es anders. Immer wenn ein bemanntes Großprojekt finanziell aus dem Ruder lief wurde am unbemannten Programm gespart. Beim Space Shuttle machten zuerst Entwicklungsprobleme in den Siebzigern zusätzliche Finanzmittel nötig, die das Projekt bekam, weil es für den Transport von Spionagesatelliten wichtig war, die für die Verifikation von Carters Abrüstungen notwendig waren (Quelle: T.A. Heppenheimer: countdown S.309/310), unter dem nächsten Präsidenten Reagan wurde es noch schlimmer. Während es immer mehr Shuttlestarts, trotz ausufernder Kosten gab, wurde vor allem das planetare Forschungsprogramm zusammengestrichen, sogar die zu 90% fertige Galileomission sollte den Einsparungen zum Opfer fallen, was nur aufgrund einer Protestwelle und der internationalen Zusammenarbeit nicht erfolgte. (Quelle: Daniel Fischer: Mission Jupiter, Matthias Gründer: SOS im Weltall). Doch alle anderen Projekte erwischte es. Die Folge: Über 10 Jahre von 1979 bis 1989 starteten die USA keine Planetensonden mehr. Auch die beiden Katastrophen mit dem Verlust der Columbia und Challenger verursachten Folgekosten, die nur zum Teil durch zusätzliche Mittel finanziert wurden. Der Rest wurde woanders eingespart.

Die jüngsten Beispiele sind das Constellation Programm und die dadurch verursachten Streichungen für das Budget 2007 (danach natürlich nicht mehr, ein Projekt das erst mal weg ist kann man ja nicht zweimal streichen). TPF und Sofia waren die prominentesten Opfer, dank der DLR Beteiligung kam Sofia nochmal (wie Galileo) davon. Aber das Wissenschaftsbudget erwischte es schwer. Sechs Jahre später wurde das Programm eingestellt. Es hatte einen zweistelligen Milliardenbetrag gekostet, aber Hardware wurde keine produziert. (Link)

Nun, scheint sich das zu wiederholen. Die NASA muss sparen, nach US-Gesetz. So wird das Budget kleiner sein als 2013. gekürzt wird wie gehabt bei der unbemannten Raumfahrt. „Planetary Science“, 300 Millionen weniger, das ist ein Fünftel der Mittel. Das einzige was in im Science-Bereich zulegt ist das JWST – dabei könnten die meisten auf dieses Multimilliardenprojekt wohl noch am ehesten Verzichten. Die beiden bemanntem Ressorts Exploration und Space Operations legen dafür netto zu. Exploration um 200 Millionen und Space Operations um 300 Millionen (netto sinkt das letzte, vergleichen zum Budget von 2012, das noch als Vergleich angeführt ist, doch das liegt daran dass dort noch 500 Millionen für das Shuttle ausgewiesen sind). Link

Dabei gibt es in dem bemannten Budget durchaus Widersprüche. Es wird die SLS finanziert, für die es keine Nutzlasten und auch kein bemanntes Programm gibt und man leistet sich den Luxus beim CCDev mehrere Firmen parallel zu fördern. Die Starts mit diesem Programm zur ISS verschieben sich dadurch immer weiter, weil keines der Projekte schnell voranschreitet und die NASA musste erst vor kurzem weitere 424 Millionen für sechs weitere „Sitze auf Sojus ausgeben, weil man sonst die US-Astronauten für zwei Jahre nicht zur Station schicken könnte.  (Link)

Wir müssen aber nicht mal in die USA schauen. Deutschland startete in den achtziger und frühen Neunzigern (mit einer Ausnahme) keine größeren Satelliten. Warum? Weil die DLR lieber die Shuttle Missionen D1 und D2 finanzierte, die zusammen 1,2 Milliarden Mark kosteten. Bei einem nationalen Budget von (2011) von 240 Millionen Euro (davon 55% Drittmittel, die es sicher bei den D-1/2 Missionen kaum welche gab) bedeutet das, dass größere Projekte für Jahre hinweg nicht mehr möglich sind. (link)

Auch Russland ist ein schönes Beispiel. Als es den wirtschaftlichen Kollaps Anfang der neunziger gab wurde in der Raumfahrt alles zuammengestrichen, nur nicht die bemannte Raumfahrt mit Mir Missionen und der ISS Beteiligung und auch heute hat sich die Forschung noch nicht den ursprünglichen Stand vor 1990 erreicht, aber Starts zur ISS gibt es mehr denn je.(Quelle: Brian Harvey: The rebirth of the russian Space Program S.7-17, 315-335, Startübersicht bei Jonathan McDowell)

Es gibt kein einziges Beispiel, wo das Gegenteil vorliegt: das bemannte Programme gekürzt wurden, weil ein unbemanntes Programm aus dem Ruder lief. Da wurden eher diese Programme eingestellt oder gestreckt. Während also die Verlierer von vorneherein feststehen, stellt sich die Frage: was hat man von der bemannten Raumfahrt? Nun dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben, das primär nicht Wissenschaft betrieben wird. Die meisten Forscher ziehen es vor, ihre Experimente auf unbemannten Missionen zu fliegen. Bei Skylab waren die beiden wichtigsten Gebiete Erdbeobachtung und Sonnenbeobachtung. Diese Forschung findet heute nur noch mit Satelliten statt. Sie sind länger in Betrieb und dauerhaft verfügbar im Gegensatz zur Besatzung. Natürlich gibt es auch heute noch Experimente an Bord der ISS. Die meisten könnten auch unbemannt erfolgen, da sie hochgradig automatisiert sind (teilweise erfolgt dies auch bei russischen Foton-Flügen), da man heute praktisch keine Alternative zur bemannten Forschung bei Werkstoffforschung und biologischen Forschung hat, wo Proben ausgewechselt werden müssen, wird diese an Bord der ISS erforscht. Hauptforschungsgebiet ist aber der Mensch und was sich bei der Schwerelosigkeit verändert. Das soll noch längere Missionen möglich machen, die natürlich ohne bemannte Raumfahrt nicht nötig wären.

Der „Hauptnutzen“ ist wohl das Prestige. Bei erdnahen Stationen wie der ISS ist Prestige in der Tat in Anführungszeichen zu setzen. Die ISS ist zwar ein Mammutprojekt mit großem finanziellem Engagement und über 10 Jahre Aufbauzeit, doch beeindrucken kann man niemanden mehr. Wie China beweist, kann man bemannte Raumfahrt auch mit kleinem Finanzaufwand betrieben. Man braucht nur eine Kopie des Sojusraumschiffs und ein kleines Wohnmodul. Das ist nicht viel mehr als ein druckdichter Zylinder. Für die Kurzzeitmissionen, die China damit durchführt, reichen die Lebensmittel, Gas und Wasservorräte des Shenzhou aus. In aufstrebenden Nationen mag das Prestige ein Grund sein, für Russland das es sich bemannte Raumfahrt noch leisten kann und sogar die Amis ins All transportiert. Aber in den USA und der EU denke ich wird der Prestigefaktor nicht sehr groß sein.

Das sieht anders aus wenn man wirklich etwas unternimmt, das herausfordernd ist. eine Mondmission oder gar ein Aufbruch zum Mars. Das haben bisher nur die Amis hinbekommen, und ich denke sie können auch auf das Apolloprogramm stolz sein. Daher wäre ich auch für ein europäisches bemanntes Programm, wenn es finanzierbar ist und es zusätzlich angegangen wird. Prestige kann einem was wert sein. Der Staat gibt ja auch sonst für Dinge viel Geld aus die man nicht wirklich braucht, wie eine Elbphilharmonie oder die Wahl von Berlin als Bundeshauptstadt, anstatt dem provinziellen Bonn (mit den Folgen, dass man alles was es schon gibt dort nochmal baut und über Jahre hinweg Beamten die Reisen und Umzugskosten erstattet).

Leider ist so was nicht in Sicht und das was derzeit läuft ist bemannte Raumfahrt im Erdorbit, die weitgehend von der Öffentlichkeit ignoriert wird und Projekte für die Zukunft ohne jede Langzeitplanung was man eigentlich will. Solange sich daran nichts ändert, bin ich gegen bemannte Raumfahrt (zumindest die nach Post-Apollo). Das leitet mich dazu über warum ich gegen Elon Musk bin. Neben anderen Punkten wie das Verbreiten von Desinformation oder Spinnereien, anstatt solider Information ist es dieses Statement über Neil Armstrong: Er wäre ja nur „Pilot und wäre nicht fähig eine technische Beurteilung zu machen – im Gegensatz zu Buzz Aldrin der einen Doktor hätte“ (Neil Armstrong war gegen die Streichung von Constellation zugunsten des CCDev Programms und Buzz Aldrin dafür). Quelle: Video mit Originalaussage und Transcript für die Leute die Stotterer nicht gut verstehen.

Mit dieser Aussage hat er sich für mich ins Aus geschossen.

2 thoughts on “Warum ich gegen die bemannte Raumfahrt bin

  1. Moin,

    > Der “Hauptnutzen” ist wohl das Prestige.

    Und dies ist mit dem heute hü, morgen hott, des US Politik ein Problem. Ein bemanntes Raumfahrprogramm stellt kein Hindernis für die unbemannte Raumfahrt dar, wenn es nicht alle 4 Jahre über den Haufen geworfen würde, nur damit ein neuer US President sein Prestige aufbessern will. Siehe Russland, die seit Jahrzehnten die gleiche R7 starten, und dennoch viel alternative Raumfahrt betrieben haben.

    Europäische Raumfahrt funkioniert ja auch gut, so lange nicht die Deutschen ihrer Besatzungsmacht folge leisten müssen. Ariane ist ein gutes Beispiel, die Deutsche Beteiligung an US Projekten wie der ISS ein schlechtes.

    ciao,Michael

  2. Ich glaube, solange hier in Europa, aber auch anderswo fast ausschliesslich Juristen und BWLer (hiervon insbesondere Bankster) über Budgets und Fortschritt (bzw. was jene Leute dafür halten) entscheiden, wird sich daran auch nichts ändern. Und wenn nebenbei noch grosse Teile der Bevölkerung hauptsächlich damit beschäftigt sind, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, dann kann man die nur schlecht für derlei Dinge begeistern. Denn in der Regel haben die keine Zeit oder keine Kraft mehr, sich intensiver damit zu befassen.
    D.h. man sollte endlich hingehen, und in der Gesellschaft das Geld für solche Sachen locker machen, und dafür sorgen, dass all die Bankster, die die Staaten über den Tisch ziehen oder gezogen haben für den Rest ihren Lebens entweder gesiebte Luft atmen oder aber mit ihrem Privatvermögen für die Summen haften, um die sie die Staaten betrogen haben.
    Dazu gehört dann u.a. auch, das man endlich aufhört, Märchen zu erzählen, wie z.B. jenes dass wir in Europa über unsere Verhältnisse gelebt hätten und noch immer leben würden. Das Gegenteil war und ist der Fall. Es ist schliesslich bzw. zuallererst dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung satt ist, und sich um ihre Versorgung keine Sorgen zu machen braucht.
    Wenn also die wirtschaftlichen Rahmenbedingeungen wieder hergestellt werden, die es ermöglichen, auch solche langfristieen Projekte sicher zu planen und umzusetzen, dann wird auch das Interesse wieder steigen, weil die Menschen wieder Zeit haben, sich mit mehr als ihrer blossen Existens zu beschäftigen.

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