Die Cholesterinlüge

Derzeit beschäftige ich mich wegen des aktuellen Ernährungsbuches mit ernährungsbedingten Krankheiten und da gibt es ja eine die ist so umstritten wie keine: Arteriosklerose und Cholesterin. Als ich noch Ernährungslehre in der Schule hatte, so Anfang der achtziger Jahre war alles klar: Cholesterin ist ursächlich für Arteriosklerose und dieses wiederum für den Herzinfarkt. Einige Krankheiten zeichnen sich durch einen erhöhten Cholesterinanteil im Blut aus und man sollte daher generell Cholesterin in der Nahrung reduzieren, auch wenn man diese Krankheit nicht hat. Dreißig Jahre später ist das immer noch die offizielle Empfehlung der DGE. So sollte man, weil Eier viel Cholesterin enthalten, diese nur 1-2 mal pro Woche essen.

Nun habe ich schon im Studium erfahren, das vom Cholesterin, das in den Adern kursiert, das meiste vom Körper selbst produziert wird. 80-90% stammen aus dieser Quelle, 10-20% aus der Nahrung. Unter diesem Gesichtspunkt ist es relativ unsinnig das Nahrungscholesterin stark zu reduzieren. Ich bin heute wieder drauf gekommen, weil in einem aktuellen Lehrbuch, dass ich lese, ich erstmals den Passus fand „das 70-75% aller Hyperlipidämiker nur unbefriedigend auf diätetische Maßnahmen reagieren“. Allerdings wird eine Seite später dann doch eine cholesterinarme Diät empfohlen.

Nun ehrlicherweise muss man sagen, geht dieses Buch nur auf die Erkrankten ein. Andere wie die DGE, oder auch Mediziner die Grenzwerte für den Cholesteringehalt festlegen, machen dagegen ganze Bevölkerungsgruppen zu Patienten. In der Apothekenrundschau fand ich mal eine Anzeige mit einer Deutschlandkarte, wo nach Bundesland der Anteil der Bevölkerung mit zu hohem Cholesteringehalt eingetragen war: der niedrigste Wert betrug 55%, der höchste 70%.

Also selbst wenn man keine Ahnung von Ernährung hat, sollte man doch bei solchen Zahlen mal den Verstand einschalten. Es kann doch nicht sein, das über die Hälfte, je nach Studie sogar bis zu 80% der Bevölkerung therapiebedürftige Cholesterinwerte haben. Dann sind diese Werte meiner Ansicht nach falsch festgelegt und nicht die Bevölkerung krank.

Ein paar Fakten die relativ unstrittig sind:

Erstens: Es gibt Hyperlipoproteinämien bei denen der Cholesteringehalt im Blut erhöht ist. (Es gibt verschiedene Formen, bei denen auch andere Lipidfraktionen verändert sind). Sie können primär sein, also z.B. vererbt. Sie können auch sekundär als Folge anderer Krankheiten entstehen. (vor allem als Folge anderer ernährungsbedingter Krankheiten wie Diabetes oder Übergewicht).

Zweitens: An der Arteriosklerose ist ein erhöhter LDL Gehalt beteiligt. LDL ist das primäre Transportvehikel für Cholesterin. Aber es ist nicht der einzige Faktor für Arteriosklerose. Andere Faktoren haben sich als ebenso oder bedeutender erwiesen wie Übergewicht, Rauchen, Stress, mangelnde Bewegung

Drittens: Cholesterin durchläuft im Verdauungssystem einen Kreislauf: Es wird mit der Gallenflüsigkeit ausgeschüttet und im Dickdarm wieder resorbiert. Vom resorbierten Cholesterin macht das Nahrungscholesterin nur einen kleinen Teil aus. Sinkt die Menge des aufgenommenen Cholesterins, so produziert die Leber neues und erhöht die Resorptionsrate.

Aus diesen Tatsachen wird für mich folgendes deutlich:

Erstens: Die Veränderung der Nahrung kann den Blutcholesteringehalt nur wenig ändern. Zum einen weil es den kleineren Teil des aufgenommenen Cholesterins ausmacht und zum zweiten weil der Körper selbst welches produziert wenn er zu wenig aus dem Darm aufnimmt.

Zweitens: Viel mehr scheint nach Studien die Reduktion von Übergewicht und mehr Bewegung zu bringen. Beide Faktoren können den Blutcholesterinwert um bis ein Drittel senken. Daher ist dies als erstes bei einem Erkrankung zu raten. Das betrifft vor allem beim Vorliegen einer sekundären Hyperlipoproteinämie, also einer Erkrankung bedingt durch andere ernährungsbedingte Krankheiten, an deren Spitze Übergewicht steht.

Drittens: Die Festlegung von Grenzwerten für das Cholesterin, die einen Großteil der Bevölkerung nicht erreicht, nützt man nur einem: der Pharmaindustrie, denn wie bekannt ist und oben erläutert kann man ja nur mit der Ernährung die niedrigen Werte nicht erreichen. Und bei 55-70% potentieller Patienten, je nach Bundesland kann die Ursache auch nicht an Übergewicht und mangelnder Bewegung liegen. So viele übergewichtige und Faule gibt es nicht, zumal auch schlanke und sportliche zu hohe Cholesterinwerte aufweisen können.

Viertens: Es fehlt meiner Ansicht nach der Beweis, das es einen Zusammenhang nur zwischen Cholesteringehalt im Blut und dem Auftreten von Arteriosklerose bei Gesunden gibt (also nicht an einer Lipoproteinämie erkrankten oder ohne weitere Risikofaktoren wie Übergewicht oder Stress). Die Einschränkung der Cholesterinaufnahme für die allgemeine Bevölkerung ist daher nicht wissenschaftlich zu vertreten.

3 thoughts on “Die Cholesterinlüge

  1. Vielen Dank, Bernd, für die wahren Worte!

    Über den BMI könnte man übrigens in etwa dieselbe Geschichte schreiben. Auch dieser „Grenzwert“ ist viel zu niedrig festgelegt, insbesondere für die ältere Bevölkerung.

    Zum Glück steigt die Lebenserwartung der Bevölkerung auch so, allem Cholesterin, BMI und etlichen anderen angblich „pathogenen“ Werten zum Trotz.

    Kai

  2. Äh nein, die Tabellen die ich habe geben immer einen altersabhäbgigen BMI an, zumindest die von den offiziellen Gremien, nur in den Medien wird es auf eine Angabe reduziert. Das ist z.B. die Empfehlung der US Academy of Science für den Normalbereich:

    Alter

    BMI (Normalbereich)

    19 – 24

    19 – 24

    25 – 34

    20 – 24

    34 – 44

    21 – 26

    45 – 54

    22 – 27

    55 – 64

    23 – 28

    > 65

    24 – 29

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