Neues von einem Verwurster

Die Firma Rügenwalder habe ich noch in guter Erinnerung: sie hat vor einigen Jahren mit Jörg Pilawa Werbung gemacht und im ersten Werbespot gleich gegen das gesetzliche Verbot der Werbung mit Selbstverständlichkeiten verstoßen. Daraufhin hat sie versucht mich mit einem Anwalt mundtot zu machen, musste letztendlich dann aber zuerst ihre Spots abändern und dann wurde das Bewerben von Selbstverständlichkeiten ganz eingestellt. Offensichtlich waren auch einige Staatsanwaltschaften der gleichen Meinung wie der Autor. Nun ja bei einem Rechtsanwalt, der meint, nur weil das Lebensmittelgesetz vor einigen Jahren mit dem Futtermittelgesetz zusammengelegt wurde und daher einen anderen Namen hat, würde es nicht mehr gelten würde als Berater ist das auch nicht verwunderlich.

Nun versucht die Firma mit Mitarbeitern die die Produkte bewerben. Das wohl authentischer sein, doch bei abhängig Beschäftigten wird man wohl kaum erwarten, dass sie in die Kamera sagen das ihnen die Produkte nicht schmecken. Am Anfing des Spots sieht man dann einige Mitarbeiter vor einer Mühle stehen. Das soll wohl suggerieren das es sich um ein Familienunternehmen handelt. Das ist bei einem Umsatz von 172 Millionen Euro aber vielleicht noch der Fall wenn man die Firmenleistung sieht, sicher aber nicht das was die Werbung suggeriert oder man allgemein unter einem Familienunternehmen versteht.

Die Werbung war ja schon früher nicht so besonders intelligent. Ich erinnere mich noch an den ersten Spot. Da kam ein Reiter in eine Metzgerei und kaufte dort die Teewurst leer. Das war schon unstimmig weil der Anzug des Reiters und seiner Kumpanen so war als hätten sie vor einigen Jahrhunderten gelebt, (dazu auch der Einkauf mit einem Reiter anstatt mit dem Auto) die Metzgerei war von heute und die Mühle ein rot angestrichenes Modell ohne historische Vorbilder. Mal davon abgesehen dass man die Produkte der Firma nicht in Metzgereien kaufen kann, die machen ihre Teewurst selber sondern nur in Supermärkten und der Reiter offensichtlich nicht sagen kann welche Wurst er will, sondern nur „Rügenwalder“. (Offensichtlich haben sie damals nur Teewurst produziert).

Die Fima hat enorm in Werbung investiert. Der Etat ist dafür ist auf 19 Millionen gewachsen, und man hat nachdem Pilawa noch vor einem Mühlenmodell posierte (das konnte man offensichtlich sehen) nun tatsächlich eine Mühle gebaut, denn die Mühle gab es weder im pommerschen Rügenwald (heute: Darlowo) wo die Firma gegründet wurde, noch im heutigen Firmenzentrum Bad Zwischenahn.

Nun macht die Firma Werbung für ihre Currywurst. Der Soit fiel mir gleich besonders nervig auf. Daran ist die Firma selbst schuld, denn es gibt ihn auch als Langfassung und die Kurzzusammenfassung ist so zusammengeschnitten, dass sie einen völlig anderen Tenor bekommt. Hier mal der Text den ein Produktionsleiter sagt, also jemand mit Verantwortung und man kann unterstellen, etwas Grips: „Currywurst muss mit Bratwurst. Ah das muss lecker sein. In diesem Moment hast Du Heißhunger drauf. Auch die Frikadellen sind wunderbar. Superlecker, hhhhhmmm.“

Okay, ich entnehme dem Spot dass mein Namensvetter geistig beschränkt ist. denn in der Art wie er das präsentiert mit Drei Wort Sätzen ohne tiefere Aussage oder mit Selbstverständlichkeiten z.B. das man Curryurst aus Bratwürsten macht. Woraus sonst? Aus aufgebrühten Würsten oder gar nicht erhitzt? kommt es extrem provinziell und plump daher. Eine Aussage über das Produkt fehlt völlig außer das es lecker oder wunderbar sei. Ich habe auch noch nie gehört das jemand sein Produkt als „kann man gerade noch essen“ anpreist, also eigentlich ist die Werbung überflüssig. Darüber hinaus scheint er der deutschen Sprache nicht mächtig zu sein, das fällt selbst mir auf, und da ich ja bekannterweise mit der Orthographie auf Kriegsfuß stehe ist das schon recht peinlich.

Natürlich hat die Szene nichts mit der Wirklichkeit zu tun, das ist eine fertig geschnittene Currywurst in Soße eingelegt und anders als die vom Imbiss ist sie da einige Tage drin gewesen und das verändert garantiert den Geschmack., Dort wird aber eine auf dem Grill im Freien frisch gemachte, frisch geschnittene und mit Soße übergossene Wurst gezeigt.

Nun ja man wird kaum von Lebensmitteln mehr erwarten als Aussagen zum Geschmack, oder doch? Was die Würste nach Greenpeace auch auszeichnet ist die Verwendung von Nitritpökelsalz (in manchen Würsten wegen der Farbe nötig, aber leider sehr oft in zu vielen Würsten und in zu hoher Konzentration eingesetzt um den Geschmack aufzupeppen), Fleisch aus Massentierhaltung, gemästet mit Gensoja und Zucker (klar dann braucht man keine Laktose und kann damit Werbung mit Selbstverständlichkeiten machen). Der Firma scheint die Zusammensetzung der Wurst und die Herkunft des Fleischs egal zu sein, Hauptsache man kann die Wurst verkaufen. Dabei könnte sie sich mit Bioqualität wirklich von den Konkurrenten abheben. Aber stattdessen baut man lieber eine Mühle auf dem Gelände, damit auch mit dem Firmenlogo stimmt ….

Nimmt man die ganze Werbung die seit den Neunzigern von Rügenwalder nach, so versucht sie vor allem ein Image zu pflegen: Das des Familienunternehmens und der leckeren Produkte, wohl zusammenhängend, weil die Wurst vom Metzer eben meistens besser als die von einem Großbetrieb ist. Das ging los mit dem Reiter, über Pilawa der vor nicht existierenden Mühlen posiert, von sich als Papa redet und dabei werden Kinder gezeigt die nicht seine eigenen sind und das ganze wurde noch in Südafrika gedreht hat also geographisch nichts mit dem Unternehmen zu tun. Nun sind es wieder die Mitarbeiter. Gab es mit dem Hervorheben der Kontrolle noch 2009 einen Akzent das man mehr auf Sachaussagen oder Qualität allgemein setzt so scheint nun wieder der Schwenk zurück zu erfolgen.

Die Firma ist aber kein Familienbetrieb. Das zeigt auch das Google Earth Foto des Firmengeländes. Bei 172 Millionen Euro Umsatz (2012) und 10 kg Verkaufspreis pro Kilo Wurst muss die Firma 17,2 Millionen Kilo Fleisch verarbeiten, dass sind bei 60 kg Fleisch pro Schwein und 240 Arbeitstagen im Jahr 1200 Schweine pro Tag! Es ist Massenware. Ich persönlich würde Produkte dieser Firma nie kaufen. Denn mir ist wie immer mehr Verbrauchern wichtig auch mit gutem Gewissen zu essen. dazu gehört dass ich Massentierhaltung ablehne und wenn es Wurst vom Supermarkt ist dann nur Bioware, ansonsten gehe ich lieber zu Metzgerei im Ort, wo ich weiß woher das Fleisch kommt. Aber da es genügend Leute gibt die beim Wurst vor allem auf den Preis achten wird es wohl auch in Zukunft genügend Kunden für Rügenwalder geben.

2 thoughts on “Neues von einem Verwurster

  1. Tach Bernd

    Eigentlich stimme ich dir ja zu, aber weil du dich doch sonst gerne über die Ignoranz des einfachen Verbrauchers aufregst:

    1. Currywurst ist nicht unbedingt gebraten. Im Ruhrgebiet ist die Version Heisswürstchen in viiiel Sosse weit verbreitet, die Berliner Currywurst ist auch eher fritiert als gebraten.

    2. Familienunternehmen wird wohl eher über Eigentums- und Führungsverhältniss definiert als über Grösse. Was du meinst ist wohl eher die Differenzierung handwerklich industriell.

    3. Glaubst du wirklich, daß die Bioprodukte bei Discountern handwerklich hergestellt werden? Ich denke, da ist die Grundlage EU-Verordnung 15 unter weitestgehender auslegung der Vorschriften. Mit klassischem Bio (und ich meine nicht die Mondphasenlandwirte) hat das nicht sooo viel zu tun.

    4. Werbeetat: Normal ist 5 – 10%. In so engen Märkten wie Lebensmittel wohl eher die obere Grenze. Klappern gehört zum Handwerk.

    5. Die sprachliche Intelligenz des Produktionsleiters: Durfte der seinen Text selber verfassen? Hier hatte der Regisseur wohl eher die Zielgruppe im Auge.

    Aber im grossen und ganzen stimme ich dir zu: Kann mir kaum vorstellen, daß die Currywurst wie eine vom Grill schmeckt. Oder nur mit viel „Holzminden“ (Holzminden = Zentrum der deutschen Geschmacksstoffe- und Aromaindustrie).

    Grüsse, der andere Bernd

  2. Ich definiere ein Familienunternehmen als ein Unternehmen in dem die Familie mitarbeitet und es sonst wenig Mitarbeiter gibt, aber du hast recht handwerklich vs Industrie trifft es besser.

    Ich kenne vom Imbiss her Currywurst nur gebraten. In die Leitsätze hat sie es noch nicht geschafft, ich denke aber vom Imbiss her wo die Currywurst herkommt wäre Erwartungshaltung dass sie gebraten ist.

    Eine EU Verordnung 15 kenne ich nicht nur die EG Nr.834/2007. Mir ist klar das dies nichts mit Demeter oder Landgut zu tun hat. Aber es ist das einzige Siegel das sich breit durchgesetzt hat wofür man nicht in einen Spezialladen gehen muss (es soll noch Leute geben die nicht in Großstädten leben und daher nicht den Bioladen vor der Ecke haben) und es ist ein Fortschritt gegenüber Nicht-Bio. Sonst gehe ich wie schon gesagt zum örtlichen Mezger.

    Zum Produktionsleiter, schau die mal den kompletten Clip an, Verlinkung ist ja im Blog. Da hat die Cutterin der Firma nichts gutes getan.

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